Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Die Herrschaft Christi und Israels Wiederherstellung – gelehrt im Neuen Testament.

Es stellt sich automatisch die Frage, ob das Neue Testament die alttestamentlichen Prophezeiungen bezüglich der Segnungen Israels und des Messianischen Königreiches bestätigt oder ob die Segnungen auf die Kirche übertragen werden und das Reich zu einer geistlichen Herrschaft gemacht wird?

Die Geburt Jesu wurde folgendermaßen angekündigt: „Und siehe, du wirst im Leib empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben“ (Lk 1,31–33). Maria prophezeit ähnlich: „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, um seiner Barmherzigkeit zu gedenken (wie er zu unseren Vätern geredet hat) gegenüber Abraham und seiner Nachkommenschaft in Ewigkeit“ (V. 54–55). Wenig später sagt Zacharias: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, dass er sein Volk besucht und ihm Erlösung bereitet hat und uns ein Horn des Heils aufgerichtet hat in dem Haus Davids, seines Knechtes (wie er durch den Mund seiner heiligen Propheten von alters her geredet hat), Rettung von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen; um Barmherzigkeit an unseren Vätern zu erweisen und seines heiligen Bundes zu gedenken, des Eides, den er Abraham, unserem Vater, geschworen hat, um uns zu geben, dass wir, gerettet aus der Hand [unserer] Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Frömmigkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage“ (V. 68–75). Die Engel sagen zu den Hirten: „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die für das ganze Volk sein wird; denn euch ist heute in der Stadt Davids ein Erretter geboren, welcher ist Christus, der Herr“ (Lk 2,10–11). Hier haben wir Israel als ein irdisches Volk, der Thron Davids, ein irdischer Thron, beständige Herrschaft, die Verheißung für die Nachkommen Davids; tatsächlich haben die Titel, die Ämter und die Verheißungen, die wir in all diesen Prophezeiungen finden, immer einen nationalen Charakter. Nur durch die Missachtung von Fakten oder durch ein verzerrtes und zutiefst unnatürliches Auslegungssystem können diese Worte auf das erste Kommen des Herrn oder auf die Kirche bezogen werden.

Vor der Geburt Jesu spricht der Engel Joseph als „Sohn Davids“ an und sagt von Maria: „Sie wird aber einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden“ (Mt 1,21). Hier wird Joseph zur Linie Davids gezählt und der Name, den das Kind erhalten sollte, Jehoschua oder der Herr ist Rettung, ist wieder ein besonderer Name mit dem Gott sich mit Israel verbindet (2 Mo 6,2–4). In diesem Licht betrachtet konnten die Worte „sein Volk“ für Joseph nur eine Bedeutung haben. Der Engel übermittelt ihm die Botschaft von einem nationalen Retter, dem verheißenen Samen Davids, dem Sohn und Gesalbten Gottes, der zur Errettung seines auserwählten Volkes kommen wird. In Vers 22 heißt es: „‘Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen‘, was übersetzt ist: Gott mit uns“. In dem hier zitierten Vers (Jes 7,14), wird die Geburt von Immanuel dem König von Juda als Zeichen für eine nationale Erlösung und die Vernichtung der Feinde des Volkes gegeben. Im nächsten Kapitel erhebt sich der Feind gegen Juda: „Und er wird in Juda eindringen, überschwemmen und überfluten; bis an den Hals wird er reichen. Und die Ausdehnung seiner Flügel wird die Breite deines Landes füllen, Immanuel! Tobt, ihr Völker, und werdet zerschmettert! Und nehmt es zu Ohren, alle ihr Fernen der Erde! Gürtet euch und werdet zerschmettert, gürtet euch und werdet zerschmettert!“ (Jes 8,8–9). Auch an dieser Stelle, der einzigen weiteren Stelle, in der dieser Name erwähnt wird, deutet er königliche Herrschaft, die Erlösung Israels und das Gericht über die Nationen an. Die Namen Christi in der Schrift sind immer von Bedeutung und der Name, der gewissermaßen als Titel des Matthäusevangeliums angeführt wird, lässt jeden Juden nicht an das Lamm zur Schlachtung denken, sondern an den Sieger, der inmitten seiner Feinde regiert.

Die gleiche jüdische Gedankenlinie unterscheidet die Sprache des alten und gottesfürchtigen Simeon. Er wartete nicht auf den Erretter für Sünder, sondern auf den „Trost Israels“. Was er vor seinem Tod sehen durfte, war nicht der Verachtete und Verworfene, sondern der Gesalbte des Herrn. Als er das Kind Jesus sieht, erkennt er in Ihm diese Wesenszüge und lobt Gott: „Denn meine Augen haben dein Heil gesehen.“ Diese Errettung bezog sich jedoch auf das Volk, sie sollte allen Menschen gezeigt werden, sie war „ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel“ (Lk 2,25–35). Und obwohl der Geist ihn leitete, die Verwerfung Jesu vorauszusagen, betrachtet er Ihn selbst an dieser Stelle im Hinblick darauf, dass Er „gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel“ (Lk 2,25–35) war. Simeon ist ganz erfüllt von den Verheißungen des Segens für Gottes irdisches Volk und die nationale Errettung, die ihnen durch den Messias zuteilwird.

So gilt auch die Mission der Weisen aus dem Morgenland nicht dem Sanftmütigen und Demütigen, sondern, Ihm dem „König der Juden, der geboren worden ist“ (Mt 2,2) – ein Vorgeschmack auf die Huldigung der Nationen, wenn „die Könige von Tarsis und von den Inseln ... Geschenke entrichten, die Könige von Scheba und Seba ... Abgaben darbringen“ werden (Ps 72,10). In ähnlicher Weise antworten die Hohenpriester und Schriftgelehrten als sie nach seinem Geburtsort gefragt werden, mit einem Zitat Michas, wenn von Ihm als „Fürst“ und Führer für „mein Volk Israel“ gesprochen wird (Mt 2,1–6). Die königliche Abstammung und Würde nehmen eine bedeutende Rolle in den Berichten seiner Geburt und Kindheit ein.

Es deutet also alles, die Namen, die Geburt, die erste Ankündigung und die ersten Prophezeiungen Jesu darauf hin, dass Er der ist, der die im Alten Testament enthüllten Absichten Gottes bezüglich Israels und der Erde ausführen sollte. Beschäftigen wir uns nun mit dem Zeugnis Johannes‘ des Täufers. Als er noch ein Kind war, hatte sein Vater prophezeit: „Und du aber, Kind, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Herrn hergehen, um seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“ (Lk 76–79). Dies ist ein Teil eines Loblieds an den „Herrn Gott Israels“, der „sein Volk besucht und ihm Erlösung bereitet hat und uns ein Horn des Heils aufgerichtet hat in dem Haus Davids, seines Knechtes“. Wenn Zacharias daher von „uns“ oder „Gottes Volk“ spricht, meint er damit Israel. Das Heil, die Errettung durch Vergebung von Sünden, die Johannes verkünden sollte und der „Aufgang aus der Höhe“, der die Menschen besucht hat – all das hat nationalen Charakter. Gott hat zwar die Reichweite dieser Prophezeiung erweitert, die Worte Zacharias' und ihre Bedeutung gelten jedoch den Juden.

Hat Johannes selbst einen anderen Charakter angenommen? Er kam und sagte: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Mt 3,2). War das das Reich in seinem gegenwärtigen Charakter der Gnade und Barmherzigkeit oder in der prophetischen Form von Gerechtigkeit und Gericht? Zwei bemerkenswerte Passagen aus dem Alten Testament werden hier in Bezug auf Johannes zitiert: „Denn dieser ist der, von dem durch Jesaja, den Propheten, geredet ist, der spricht: „Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade“ (V. 3). Der hier zitierte Abschnitt war zum Trost für Jerusalem ausgesprochen worden, dem gesagt wird, dass „ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“. Die Erfüllung dessen wird dann sein: „Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen“ (Jes 40,1–5). Die andere Prophezeiung wird von dem Engel zitiert als er zu Zacharias spricht: „Und er wird vor ihm hergehen in dem Geist und der Kraft Elias, um die Herzen der Väter zu den Kindern zu bekehren und Ungehorsame zur Einsicht von Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten“ (Lk 1,17). Diese Vorhersage ist von Maleachi und verbindet Johannes' Mission mit dem „Tag des HERRN, „der große und furchtbare“, mit der Zeit, wenn „die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen [wird] mit Heilung in ihren Flügeln. Und ihr werdet ausziehen und hüpfen wie Mastkälber; und ihr werdet die Gottlosen zertreten, denn sie werden Asche sein unter euren Fußsohlen an dem Tag, den ich machen werde“ (Mal 3,20–23). Gemäß diesen prophetischen Aussagen sollte Johannes das Reich in sichtbarer Macht und Gericht verkünden.

Können wir das den Worten Johannes' entnehmen? Der Errichtung dieses Reiches sollte nach alttestamentlichen Vorhersagen die Buße eines Überrests des Volkes vorangehen. Johannes ruft zwar zur Buße auf: „Bringt nun der Buße würdige Frucht, und denkt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater; denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag. Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße; der nach mir Kommende aber ist stärker als ich, dem die Sandalen zu tragen ich nicht wert bin; er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen; dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer“ (Mt 3,8–12). Wie genau stimmt das mit dem überein, was die Propheten über das Reich offensichtlicher Macht und Herrlichkeit berichten! Die Botschaft richtet sich an Israel und ermahnt es, Buße zu tun, denn das muss der Errichtung des Reiches vorausgehen. Nachdem das Reich eingeführt wurde, wird die schreckliche Taufe mit Feuer die Bösen verzehren, während der treue und bußfertige Überrest gemäß der Verheißung mit Heiligem Geist getauft werden wird. Es ist wahr, dass Israel den Ruf abgelehnt hat und daher die Gründung dieses Reiches verzögert wurde, aber sollten wir auf Grund dieser Tatsache annehmen, dass die Worte etwas anderes bedeuten als sie aussagen? Dass diese Prophezeiung, die, wörtlich ausgelegt, ein Reich sichtbarer Gerechtigkeit vorhersagt, in Wirklichkeit etwas voraussagt, das nicht nur davon abweicht, sondern sogar im Gegensatz dazu steht? Wir zeigen mehr Weisheit und Ehrfurcht, wenn wir uns unter das Wort Gottes beugen und glauben: Es gibt zwar einen Aufschub – nicht Verzug, „wie es einige für einen Verzug achten“ (2. Pet 3,9) –, aber der Vorsatz Gottes ist sicher.

Wir werden nun betrachten, wie und warum es zu diesem Aufschub kam. Dabei ist zu beachten, dass das Zeugnis Johannes' des Täufers die Aussprüche der alttestamentlichen Propheten nicht abschwächt, um sie mit dem derzeitigen Handeln Gottes in Gnade gegenüber der Welt in Einklang zu bringen, sondern völlig mit ihnen übereinstimmt, wenn er das Reich als einen Schauplatz bezeichnet, auf dem die Gerichte und Gerechtigkeit Gottes vollkommen offenbar werden und Jesus als der Messias vorgestellt wird, der diese Gerichte ausführen und die Gerechtigkeit einführen wird.

Die erste Erscheinung Jesu in der Synagoge von Nazareth zeigt den großen Unterschied zwischen seiner Gnade und der Gerechtigkeit, in der Er Gericht üben wird, wenn Er sein sichtbares Reich aufrichten wird. „Und es wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht; und als er das Buch aufgerollt hatte, fand er die Stelle, wo geschrieben war: ‚Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen gute Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, Gefangenen Befreiung auszurufen und Blinden das Augenlicht, Zerschlagene in Freiheit hinzusenden, auszurufen das angenehme Jahr des Herrn.‘ Und als er das Buch zugerollt hatte, gab er es dem Diener zurück ... Er fing aber an, zu ihnen zu sagen: Heute ist diese Schrift vor euren Ohren erfüllt. Und alle gaben ihm Zeugnis und verwunderten sich über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen.“ (Lk 4,17–22). Warum hat der Herr Jesus das Buch an dieser Stelle zugerollt? Er endet mitten im Satz der vorgelesenen Prophezeiung. Jesaja sagt: „auszurufen das Jahr des Wohlgefallens des HERRN und den Tag der Rache unseres Gottes und zu trösten alle Trauernden; um den Trauernden Zions aufzusetzen und ihnen zu geben Kopfschmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes“ (Jes 61,2–3). Aus welchem Grund hat der Herr das Buch so abrupt zugerollt? Wenn, wie allgemein angenommen wird, sich die ganze Vorhersage innerhalb des Christentums erfüllt, wenn die Segnungen und Gerichte durch die Verkündigung des Evangeliums gebracht werden, warum wird dann das Zitat hier unterbrochen? Mit dieser Theorie ist das vollkommen unverständlich. Für die, die der Schrift folgen und nicht die Schrift verbiegen, damit diese ihren Theorien folgen kann, ist es ganz einfach zu begreifen. Der erste Teil wird angeführt, da er seine Erfüllung, oder zumindest eine (teilweise) Erfüllung, in Gottes derzeitigem Handeln findet. Der zweite Teil wird ausgelassen, da die Zeit für das äußerlich sichtbare Reich, die Rache Gottes und die Segnungen der „Trauernden Zions“ noch nicht gekommen ist. Das Schließen der Buchrolle zeigt, dass der Rest der Prophezeiung nicht beim ersten Kommen Christi erfüllt werden würde. Sie wird bei seinem zweiten Kommen in Macht und Herrlichkeit erfüllt werden.

Das Matthäusevangelium beschreibt die göttlichen Haushaltungen und zeigt uns, wie die große nationale Sünde der Verwerfung Christi zu einem Aufschub der jüdischen Hoffnungen führte und zur Folge hatte, dass das Reich vorübergehend eine andere Form einnehmen musste. Kapitel 12 beschreibt die nationale Verschwörung gegen Jesus, der ihr schreckliches Schicksal verkündet, indem Er sagt, dass der letzte Zustand des bösen Geschlechts schlimmer ist als der erste. Im nächsten Kapitel redet Er ausschließlich in Gleichnissen zu der Volksmenge und zitiert eine Vorhersage Jesajas, in der es heißt, dass sie ihre Augen verschließen und ihre Herzen dick werden. Diese Prophezeiung ist so weit von der Vorhersage einer bleibenden Blindheit und Verstockung entfernt, dass die Form ihrer Strafe und die Wiederherstellung eines Überrests ausdrücklich beschrieben wird. Nachdem Er sich von der Menge abgewandt und ihre vorübergehende Ablehnung vorhergesagt hatte, erklärt Er seinen Jüngern, wem es gegeben ist „die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen“, die neue und unbekannte Form, in der dieses Reich errichtet werden würde. Wird dieses Geheimnis, wie das prophetische Reich, bis zum Ende der Welt dauern? Wird es, wie dieses Reich, auch durch gerechtes Gericht und strahlende Herrlichkeit gekennzeichnet sein? Im Gegenteil: seine Dauer beschränkt sich bis zur „Vollendung des Zeitalters“ – dem Moment, in dem das prophetische Reich seinen Anfang nimmt. Die Einführung des Reiches der Himmel erfolgt nicht durch Gericht, sondern durch das Säen von Samen, es wird nicht in Gerechtigkeit regiert, sondern in Langmut und Ausharren, das Unkraut wächst zusammen mit dem Weizen und anstatt, dass Gottes Herrlichkeit auf der Erde sichtbar ist, wird die ganze Masse von Verfall durchsäuert. Das Reich der Himmel unterscheidet sich auch in seiner Form von dem verheißenen Reich und endet, wenn dieses eingeführt wird. Statt das prophetische Reich zu überdauern, ist es bloß der Lückenfüller bis der Moment gekommen ist, wo die Juden bereit sind, das prophetische Reich zu empfangen.

In Matthäus 16 verlässt der Herr Jesus in seinem öffentlichen Zeugnis den jüdischen Charakter des Messias, indem Er den Jüngern gebietet „niemand zu sagen, dass er der Christus sei“ (V. 20). Er bringt stattdessen den neuen Titel „Sohn des lebendigen Gottes“ (V. 16) ein und sagt, dass Er auf Ihn seine Versammlung bauen wird. Er kündigt das Reich der Himmel in einer neuen Form an. Seine Kennzeichen sind Niedrigkeit statt Herrlichkeit und es trägt nicht die Krone irdischer Macht, sondern das Kreuz, das Zeichen irdischer Verwerfung. Aber ist das äußere Reich deshalb aufgehoben? Am Ende seiner Unterredung fügt Jesus hinzu: „Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich“ (V. 28). Andere Evangelisten schreiben: „bis sie das Reich Gottes, in Macht gekommen, gesehen haben“ (Mk 9,1), „bis sie das Reich Gottes gesehen haben“ (Lk 9,27). Nach diesen Worten folgt in allen Evangelien unmittelbar der Bericht über die Verwandlung. Das legt sicher nahe, dass die Verwandlung eine prophetische Darstellung des Reiches der Macht gegenüber einem auserwählten Personenkreis ist. Und zwar in dem Moment als es für eine Zeit durch die unbekannte Form, in der das Reich jetzt erscheint, beiseite gesetzt worden ist. Was die Evangelien andeuten, wird von Petrus ausdrücklich bestätigt: „Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus nicht kundgetan, indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern als solche, die Augenzeugen seiner herrlichen Größe geworden sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der prachtvollen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: ‚Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.‘ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren“ (2 Pet 1,16–18). Die Verwandlung war daher das Zeugnis Gottes der „Macht und Ankunft“ Christi. Es war der Beweis, dass, trotz der Verzögerung der jüdischen Hoffnungen, das prophetische Reich nach wie vor in seinen Absichten einen festen Platz hatte und dass der Herr Jesus, jetzt in seiner Gnade verworfen, in Macht und Herrlichkeit wiederkommen würde, um das Reich öffentlich zu manifestieren und zu erneuern.

Etwas später sagt der Herr den Jüngern: „Auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten“ (Mt 19,28). Der Sohn des Menschen sitzend auf dem Thron der Herrlichkeit – das ist es, was Daniel gezeigt wird, was nach der Zerschlagung der heidnischen Mächte geschehen wird (Dan 7,14). Wie wir gesehen haben, ist es auch das, was die Jünger nach all den Verheißungen und Prophezeiungen, den offenbarten Ratschlüssen Gottes in Bezug auf die irdische Regierung und irdischen Segen erwarteten. Gabriel erwähnte das gegenüber Maria und auch Zacharias' Prophezeiung sprach davon. Das würde bei der „Erneuerung“, den „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Apg 3,21) stattfinden. Das musste mit Israel, dem unverrückbaren Zentrum der Pläne Gottes, in Verbindung gebracht werden, wenn Er seine Regierungsautorität auf der Erde errichtet. Könnte man die Errichtung eines Messianischen Reiches sichtbarer Macht und Herrlichkeit deutlicher ankündigen? Sogar der Name „Sohn des Menschen“ steht, wenn er im Alten Testament für Christus verwendet wird, immer mit Herrschaft und Würde in Verbindung. Es ist der Sohn des Menschen, dem alles unter seine Füße gestellt wird (Ps 8,6), der als der Mensch zur Rechten Gottes das niedergedrückte Volk Israel erretten wird (Ps 80,18), und der das Reich von dem Alten an Tagen empfangen wird (Dan 7,13.14). Im Neuen Testament wird dieser Name, bis auf eine Ausnahme, nur von dem Herrn benutzt, indem Er von sich selbst spricht. In Verbindung mit den erwähnten Schriftstellen wurde seinen Zuhörern nur ein Gedanke vermittelt: Er war von Gott auserwählt, Autorität auf der Erde auszuüben und obwohl Er keinen Platz hatte, wo Er sein Haupt hinlegen konnte, obwohl Er verworfen, verraten und gekreuzigt wurde, wurde Ihm Macht gegeben, Sünden zu vergeben; Er war der Herr des Sabbaths; Er würde mit großer Herrlichkeit in den Wolken erscheinen, um seine Feinde zu vernichten und sein Volk zu erlösen. Mit anderen Worten: es war ein Titel, der an die jüdischen Hoffnungen anknüpfte. Das Kommen des Sohnes des Menschen wird immer in Verbindung mit seinem Erscheinen zur Errichtung des Messianischen Reiches erwähnt.

In Matthäus 21,1–16 zieht Jesus in Jerusalem ein, sanftmütig und demütig, auf einem Esel reitend. Ein Teil des Volkes huldigt Ihm als König, dem Sohn Davids mit den Worten aus Psalm 118: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN“. Das sind, wie der Psalm zeigt, die Worte, mit denen die Juden ihren gekreuzigten Messias anerkennen werden, wenn der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden ist (Ps 118, 22–26). Zu dieser Zeit jedoch werden Ihm solche Worte nur von Unmündigen und Säuglingen, den Schwachen dieser Welt, entgegengebracht, während die Nation als ganze Ihn einmal mehr ablehnt. Diese Ablehnung ist allerdings nicht endgültig, wie uns die Worte unseres Herrn deutlich machen. Denn während Er ihnen erklärt, dass als Folge ihrer Schuld ihr Haus öde gelassen wird, fügt Er hinzu: „Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen“. Für wie lange? Bis das Ende der Welt gekommen ist? Nein, sondern „bis ihr sprecht: ‚Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn‘“ (Mt 23,38–39). Sie hatten sich geweigert, diese Worte zu sagen als sie von Unmündigen und Säuglingen sprachen. Aber wenn sie diese Worte anerkennen und aussprechen, werden sie den Herrn wieder sehen und ihr Haus wird nicht länger öde gelassen werden.

Im gleichen Kapitel fragt der Herr die Juden: „Habt ihr nie in den Schriften gelesen: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen.‘? Deswegen sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, die dessen Früchte bringen wird. Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen irgend er aber fällt, den wird er zermalmen“ (Mt 21,42–44). Es gibt drei Prophezeiungen bezüglich des Steins, die, die auf ihn fallen, und die, auf die er fällt:

  1. In Psalm 118,22–23, sagt uns die erste, dass der Stein, obwohl er zunächst von Israel verworfen wurde, später zum Eckstein wird.
  2. Jesaja 8,14, die die zweite erklärt, zeigt, dass er „zum Stein des Anstoßes und zum Fels des Strauchelns den beiden Häusern Israels“ sein wird. Es ist bemerkenswert, was dann folgt. Das Zeugnis wird zugebunden, das Gesetz unter seinen Jüngern versiegelt und der Prophet wartet auf den Herrn, der sein Angesicht vor Israel verbirgt. Dann kommen Drangsal und Finsternis, aus denen das Volk heraustreten wird und vor dem Herrn jubelt: „Sie freuen sich vor dir ... wie man frohlockt beim Verteilen der Beute“; „denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter“ (Jes 9,2.5). Die Worte Jesajas stimmen also mit den Worten unseres Herrn überein – das Volk, das über den Stein stolpert ist gebrochen, aber nicht vernichtet.
  3. Die dritte Prophezeiung stammt von Daniel, Kap. 2, und schildert ein ganz anderes Schicksal für die, auf die der Stein fallen wird. Während Israel über den Stein gestolpert und zerbrochen ist, danach aber geheilt wird, werden die weltlichen Mächte, die eine Zeit lang Israel das Zepter der Herrschaft entrissen hatten, von dem Stein zertrümmert: „Da wurden zugleich das Eisen, der Ton, das Kupfer, das Silber und das Gold zermalmt, sie wurden wie Spreu der Sommertennen“ (Dan 2,35).

In Matthäus 23 sagt der Herr Jesus, dass die Juden Ihn nicht sehen werden, bis sie sagen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“, d. h. dass sie Ihn erst wieder sehen werden, wenn die vorhergesagte Buße eintreten wird. Die Jünger fragen Ihn dann: „Was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ Das kann sich nur auf das kurz zuvor erwähnte Kommen beziehen, wenn die Juden vorbereitet sind, Ihn zu empfangen. Von dem Kommen für die Seinen wissen sie noch nichts. Ihre Frage meint nicht das Ende der Welt, sondern die „Vollendung des Zeitalters“, das Ende der jüdischen Verwerfung und den Beginn des Reiches des Messias.

Auch die Antwort des Herrn bezieht sich nicht auf das Ende der Welt. Er sagt schlimme Zeiten voraus, die sich zwar teilweise in der Eroberung Jerusalems durch Titus erfüllten, die aber noch auf viel schrecklichere Weise in Erfüllung gehen werden: „Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort“ (Mt 24,15), „denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). In der dunkelsten Stunde jedoch „wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ (Mt 24,30). Dass das nicht das Kommen am Ende der Welt ist, geht klar aus den zwei zitierten alttestamentlichen Prophezeiungen hervor. Die große Drangsal, von der Daniel spricht, geht der Errettung Israels voraus. „Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“ (Dan 12,1). Die Zeit der nationalen Trauer um Ihn, den sie durchstochen hatten und wovon Sacharja schreibt, ist ebenfalls nicht am Ende der Welt, sondern wenn der Herr „die Bewohner von Jerusalem beschirmen“ und „alle Nationen ... vertilgen“ wird, „die gegen Jerusalem herankommen“ (Sach 12,8–12). Die Prophezeiung unseres Herrn beschreibt also nicht das Ende der Welt, sondern die Errettung Israels bzw. das Ende der Zeitalter. Die folgenden Gleichnisse – der Verwalter, die Jungfrauen, die Talente und das Gericht über die Nationen – betreffen das christliche Bekenntnis bis zum Kommen des Herrn. Das letzte Gleichnis stellt den Charakter seines Reiches besonders heraus. Es malt ein Bild der Zeit „wenn ... der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden“. Mit den vor Ihm versammelten Nationen handelt Er mit Autorität eines Königs (Mt 25,31–34). Wir haben zuvor bereits an anderer Stelle gesehen, dass das nicht der Tag des Gerichts vor dem großen weißen Thron ist und dass die versammelten Nationen aus den Lebenden und nicht aus den Toten sind. Christus kommt in seiner Herrlichkeit, Er richtet und regiert als König vor dem Ende der Welt. Neben den zuvor angeführten Beweisen, wird in der Zeit, „wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird“ von einer „Wiedergeburt“ gesprochen (Mt 19,28). Man wird kaum annehmen, dass es sich bei der Wiedergeburt um den Gerichtstag vor dem großen weißen Thron handelt! Damit kann auch nicht der neue Himmel und die neue Erde gemeint sein, denn dort wird Christus nicht König sein, da Er „das Reich dem Gott und Vater übergibt“ (1 Kor 15,24). Außerdem wird es in dem neuen Himmel und der neuen Erde weder Tod noch Sünde geben, während beides in der vor uns stehenden ernsten Szene noch vorhanden ist. Die hier erwähnte Herrschaft und Herrlichkeit kann weder am noch nach dem Ende der Welt gefunden werden, sie ist aber in völliger Übereinstimmung mit den Schilderungen des Alten Testaments in Bezug auf die Einführung des sichtbaren Reiches Christi, wenn „er kommt, die Erde zu richten: Er wird den Erdkreis richten in Gerechtigkeit und die Völker in seiner Treue“ (Ps 96,13).

In keinem anderen Evangelium werden die Haushaltungen so deutlich herausgestellt wie bei Matthäus. Im Lukasevangelium gibt es jedoch zwei bemerkenswerte Ausdrücke, die das etwas beleuchten. Dort wird der Herr Jesus gefragt, wann die vorhergesagte Zerstörung Jerusalems und des Tempels stattfinden wird. In seiner Antwort führt Er Ereignisse an, die im Allgemeinen zu denen gezählt werden, die der Eroberung Jerusalems durch die römische Armee unter Titus vorausgehen bzw. damit einhergehen. Die Folgen sind: „Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen; und Jerusalem wird von den Nationen zertreten werden, bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“ (Lk 21,24). Dann spricht Er von den Zeichen des Himmels, der Bedrängnis auf der Erde und dem Erscheinen des Sohnes des Menschen „mit Macht und großer Herrlichkeit“ und fügt hinzu: „Wenn aber diese Dinge anfangen zu geschehen, so blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht“ (V. 25–28). Während der gesamten Unterredung, die, zwar mit sehr bedeutenden Unterschieden, in allen drei synoptischen Evangelien berichtet wird, werden die Jünger so behandelt, als seien sie Juden, die Ihn in eigenem Interesse über die Zukunft ihres Volkes befragten. Vor diesem Hintergrund wollen wir einmal die Bedeutung der zitierten Passagen untersuchen. Es heißt, dass Jerusalem unter der Herrschaft der Nationen ist „bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“, es danach schreckliche Bedrängnis auf der Erde geben wird, dass Christus „mit Macht und großer Herrlichkeit“ kommen wird und „eure Erlösung“, d. h. die jüdische Errettung, stattfinden wird. Vergleichen wir das einmal mit den beiden Prophezeiungen aus Daniel. In beiden werden die „Zeiten der Nationen“ erwähnt, in beiden beschreibt Er das Kommen Christi in Macht und Herrlichkeit, in beiden wird durch sein Erscheinen die Herrschaft der Nationen zerstört und das Reich des Messias errichtet, wobei in einer der beiden Visionen die verfolgten Heiligen mitherrschen werden. Mit anderen Worten: die Errettung des treuen Überrests Israels wird zur gleichen Zeit stattfinden wie der Beginn der Messianischen Herrschaft. Kann es da noch einen Zweifel geben, dass der Herr in dieser Unterhaltung die gleiche Zeit und das gleiche Ereignis meint, wie es der israelitische Prophet bereits vorhergesagt hatte?

Auch in Lukas wird zwischen dem Reich in seiner geheimnisvollen und in seiner offensichtlichen Form, wie wir es zuvor in Matthäus gesehen haben, unterschieden. In der zuerst genannten Form war es bereits gekommen, die zuletzt genannte Art des Reiches war für eine unbekannte Zeit verschoben. Jesus „als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte; noch wird man sagen: Sieh hier!, oder: Dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,20–21). Er fährt fort mit der Unterscheidung zwischen diesem Reich und der dann sichtbaren Herrlichkeit und dem Gericht, das „an dem Tag ..., da der Sohn des Menschen offenbart wird“ ausgeübt werden wird (V. 24–30). Wenig später „fügte er noch ein Gleichnis hinzu, weil er nahe bei Jerusalem war und sie meinten, dass das Reich Gottes sogleich erscheinen sollte“. Das Reich war also bereits gekommen, aber seine Erscheinung oder Offenbarung, lag noch in der Zukunft. Mit diesem Gleichnis wollte Er ihrer Falschauffassung begegnen, indem Er den Verlauf der Ereignisse von seiner Verwerfung bis zu seiner Rückkehr in Macht und Herrlichkeit, d. h. durch die Zeit, wo das Reich zwar vorhanden ist, jedoch nur in einem Geheimnis bzw. in einer nicht-offensichtlichen Form besteht. „Ein gewisser hochgeborener Mann zog in ein fernes Land, um ein Reich für sich zu empfangen und wiederzukommen. Er rief aber seine zehn Knechte und gab ihnen zehn Pfunde und sprach zu ihnen: Handelt, bis ich komme. Seine Bürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. Und es geschah, als er zurückkam, nachdem er das Reich empfangen hatte, dass er diese Knechte, denen er das Geld gegeben hatte, zu sich rufen ließ, um zu erfahren, was jeder erhandelt hätte“ (Lk 19,12–15). Danach rechnet Er mit den Knechten ab: der böse Knecht wird abgewiesen, die treuen Knechte erhalten entsprechend ihrer Treue ein Teil in seinem Reich. Danach spricht Er die ernste Aufforderung: „Diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringt her und erschlagt sie vor mir“ (Lk 19,27). In diesem Gleichnis haben wir eine genaue Darstellung der Wege Gottes. Der Herr Jesus verlässt diese Welt – verfolgt von dem Hass ihrer Bewohner, die seine Herrschaft ablehnen – um das Reich aus der Hand des Vaters zu nehmen und, nachdem Er es empfangen hat, wiederzukommen. Während dieser Zeit sollen die, die seine Herrschaft anerkennen, die Christenheit, seine Interessen auf der Erde vertreten. Sobald Er das Reich empfängt, wird Er zurückkommen und die untreuen Knechte abweisen, den treuen aber gibt Er Autorität und vollzieht das Gericht über alle seine Feinde. Damit ist sowohl das Lukas- als auch das Matthäusevangelium in vollkommener Übereinstimmung mit den alttestamentlichen Lehren.

Das ist das Zeugnis aus den Evangelien. Anstatt die Prophezeiungen des Alten Testaments auf die Kirche anzuwenden, werden diese ausdrücklich für Israel reserviert. Somit wird die Einheit der Absichten Gottes demonstriert, die Wahrheit seiner Verheißungen bestätigt und das falsche Auslegungssystem, durch das diese Verheißungen verdeckt oder aufgehoben wurden, zu Fall gebracht.

In der Apostelgeschichte lesen wir, dass die Jünger vor der Himmelfahrt unseres Herrn eine Frage stellen: „Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“ Hätten sich die Jünger immer noch einer falschen Hoffnung hingegeben, wenn das Reich gar nicht für Israel wiederherstellt würde, sondern Israels Teil in geistlichen Segen umgewandelt worden und in dem Teil der Kirche enthalten wäre, hätte der Herr ihnen zumindest keine Antwort gegeben, die diese trügerische Hoffnung genährt hätte. Statt anzudeuten, dass diese Hoffnung unbegründet sei, bestätigt Er diese in seiner Antwort: „Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat“ (Apg 1,6–7). Sowohl das Alte als auch das Neue Testament deuten an, dass den Juden für eine unbestimmte Zeit ihr nationaler Segen entzogen wird, und diese Stelle zeigt uns, dass es immer noch nicht Gottes Absicht ist, den Zeitpunkt ihrer Wiederherstellung zu offenbaren. Dass diese Wiederherstellung stattfinden wird, geht jedoch eindeutig aus diesen Worten hervor.

Die Wiederherstellung und Errettung Israels sind, wie wir gesehen haben, mit dem Wiederkommen des Messias verknüpft und das Kapitel, was wir nun betrachten, bezeugt diesen Punkt ebenfalls ganz deutlich. Unmittelbar nach der Entrückung des Herrn Jesus, stehen bei den Jüngern „zwei Männer in weißen Kleidern ..., die auch sprachen: Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel“ (Apg 1,10–11). Und während es im nächsten Kapitel heißt, dass Gott den Herrn erhöht hat, damit Er zu seiner Rechten sitze „bis ich deine Feinde hinlege als Schemel deiner Füße“ wird ebenfalls ganz klar gesagt, dass Er den irdischen Thron Davids einnehmen soll. Denn David, so heißt es, „da er nun ein Prophet war“, wusste, „dass Gott ihm mit einem Eid geschworen hatte, von der Frucht seiner Lenden auf seinen Thron zu setzen“ (Apg 2,30). Diese Worte wurden vor jüdischen Zuhörern geäußert und es gab keinerlei Hinweise darauf, dass sie etwas anderes meinten als das, was jeder Jude automatisch verstanden hätte.

Die persönliche Wiederkehr Jesu zur Wiederherstellung der jüdischen Privilegien und die Zeit der nationalen Buße werden uns etwas später in der Apostelgeschichte noch eindrücklicher gezeigt. Dort finden wir Petrus, der durch den Heiligen Geist geleitet das Volk mit folgender Verheißung zur Buße aufruft: „So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch zuvor bestimmten Christus Jesus sende, den freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“ (Apg 3,19–21). Was sind denn die „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“? Sie können nicht das Ende der Welt sein, denn das ist die Zeit der Vernichtung aller Dinge. Übrigens, welcher Prophet hat von diesem Ereignis berichtet? Die Propheten sind voll von den „Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach“. Als Petrus zu den Juden sprach, waren die Leiden bereits vorbei, die Herrlichkeit stand aber noch bevor. Diese Herrlichkeit, die von allen Propheten erwähnt wird, ist die „Wiederherstellung aller Dinge“, die Petrus erwähnt – des Tempels, des Reiches, des Thrones Davids. Alles, worauf die Juden hofften, all das wird sich für sie zur Zeit ihrer Buße erfüllen. Und zu dieser Zeit wird Gott Jesus Christus ein weiteres Mal vom Himmel senden. Er ist bis zum Ende der Welt nicht dorthin gegangen, sondern bis diese Zeiten kommen, und wenn sie gekommen sind, wird Er zur Erde zurückkehren, von seinem Volk gesehen werden und das Reich für Israel wiederherstellen.

In den Briefen wird verhältnismäßig wenig über dieses Thema gesagt. Wir finden jedoch, dass „die Verheißungen“ auch das Teil von Paulus' „Verwandten nach dem Fleisch“ genannt werden und zwar genau in den Kapiteln, in denen Gottes Gründe für ihre vorübergehende Beiseitesetzung erklärt werden. Diese Worte wurden verfasst, nachdem Israel ausgeschnitten wurde und können nur diese eine Bedeutung haben: die Hoffnung auf eine zukünftige nationale Wiederherstellung. Man kann die Auslegung nicht dadurch präzisieren, dass man sagt, die Israeliten hier seien die Kirche, denn die Kirche bestand zu diesem Zeitpunkt schon und von den Israeliten, Paulus' Verwandten nach dem Fleisch, wird hier als Gegensatz zur Kirche gesprochen. Trotzdem er so von ihnen redet und über ihren Unglauben betrübt ist, sagt er ihnen, dass „die Verheißungen“ weiterhin für sie gültig sind.

In einem der folgenden Kapitel geht er dann etwas weiter. Er erklärt, dass der Reichtum der Welt, der zum Teil durch den Verlust Israels entstanden ist, vollständig durch ihre Fülle erreicht werden wird (Röm 11,12) und „so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: ‚Aus Zion wird der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden‘“ (V. 26) und dass sie „hinsichtlich des Evangeliums ... zwar Feinde“ sind, „hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen. Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar“ (V. 28–29). Es wurde schon gezeigt, dass sich diese Stellen nicht auf eine Konvertierung der Juden zum Christentum beziehen können. Ich möchte betonen, dass die erwähnte Wiederherstellung national und lokal ist, sie ist die Erfüllung der Gabe Gottes an die Väter und mit nationaler Buße verbunden, sie geht mit der Rückkehr des Messias einher und bringt allen Nationen der Erde Segen. Kurz gesagt: sie stimmt mit allem überein, was die Propheten vorhersagten und wird in den Evangelien und der Apostelgeschichte bestätigt.

Der Brief an die Hebräer sagt: „Denn nicht Engeln hat er den zukünftigen Erdkreis unterworfen, von dem wir reden; es hat aber irgendwo jemand bezeugt und gesagt: ‚Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du auf ihn siehst? Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt [und ihn gesetzt über die Werke deiner Hände]; du hast alles seinen Füßen unterworfen.‘“ (Heb 2,5–8). In dem zitierten Psalm heißt es außerdem: „Schafe und Rinder allesamt“ und „was die Pfade der Meere durchzieht“ (Ps 8,8.9), was bedeutet, dass mit dem zukünftigen Erdkreis nicht der Himmel und auch nicht die „neue Erde“ gemeint ist, wo es das Meer nicht mehr gibt (Off 21,1). Das Wort für „Erdkreis“ bedeutet außerdem den bewohnten Teil der Erde. Dieser Erdkreis wird also vollständig und uneingeschränkt Christus unterworfen „denn indem er ihm alles unterworfen hat, hat er nichts gelassen, was ihm nicht unterworfen wäre“ (Röm 2,8).

Kann dies nicht durch eine Umkehr der Welt stattfinden? Nein, denn wo steht in der Schrift, dass die Kirche Ihm unterworfen werden wird? Das hier bedeutet eine Vorherrschaft aus Macht, nicht durch Liebe – die Feinde wurden besiegt, nicht versöhnt. Nebenbei bemerkt: was würde eine solche Auslegung bedeuten in Bezug auf eine Herrschaft, die übergeben wurde an „Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes“? Der Charakter der Herrschaft wird uns auch an anderen Stellen gezeigt. So fragt der Apostel: „Zu welchem der Engel aber hat er je gesagt: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel deiner Füße?“ (Heb 1,13). Und: „Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße“ (Heb 10,12–13). Das sind Zitate aus Psalm 110. Insgesamt findet man in diesen Schriftstellen den Herrn, der in den Tod geht, zur Rechten Gottes gesetzt wird und auf die Zeit wartet, wenn alle Dinge Ihm unterworfen werden sollen und seine Feinde als Schemel seiner Füße gemacht werden. Selbst wenn der erste Teil eine schrittweise Versöhnung bedeuten könnte, ist es doch unmöglich, den zweiten Teil so zu verstehen. Es gibt keinen stärkeren Ausdruck für eine gewaltsame Unterwerfung. Der ganze Psalm, der davon spricht Könige zu zerschmettern, alles mit Leichen zu füllen und das Haupt über ein großes Land zu zertrümmern, zeigt, dass das die richtige Auslegung ist. Was in Hebräer beschrieben wird, ist daher reale irdische Herrschaft, die mit Macht und Gericht Einzug hält und das ist genau das, was die alttestamentlichen Propheten durchgängig vorhergesagt haben.

Es gibt zahlreiche weitere Passagen im Neuen Testament über das Kommen der Herrn um sein Reich einzurichten, sie ergänzen jedoch zwei Merkmale, über die die alttestamentlichen Propheten schweigen. Diese bereits zitierten Schriftstellen erklären, dass „wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4), das ist die „Offenbarung der Söhne Gottes“ – Christus und seine Miterben, auf die „das sehnliche Harren der Schöpfung wartet“ und wodurch sie „freigemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbens“ (Röm 8,19–22). Bei der „Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her, mit den Engeln seiner Macht, in flammendem Feuer, wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen“ (2 Thess 1,7–8), wird Er von den himmlischen Heerscharen begleitet, das sind Gläubige, die zuvor zu Ihm entrückt wurden, und mit diesen wird Er Gericht über das Tier und den falschen Propheten ausüben. Danach wird Satan gebunden und die 1000-jährige Herrschaft Christi und der Seinen beginnt (Off 19,20). Dass dieses Reich ein irdisches sein wird, obwohl es sich auch bis zum Himmel ausdehnt, ist Teil von „seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst für die Verwaltung der Fülle der Zeiten: alles unter ein Haupt zusammenzubringen in dem Christus, das, was in den Himmeln, und das, was auf der Erde ist, in ihm, in dem wir auch ein Erbteil erlangt haben“ (Eph 1,9–11). Dass diese Herrschaft durch Macht errichtet wird ist auch ganz klar „denn er muss herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Als letzter Feind wird der Tod weggetan“ (1 Kor 15,25–26). Die Heiligen, die seine Miterben sind, werden mit Ihm regieren und so heißt es „dass die Heiligen die Welt richten werden“, ja sogar „Engel richten werden“ (1 Kor 6,2–3). All diese Stellen und auch die zuvor betrachteten Passagen zeigen, dass Christus wiederkommt, um die Schöpfung aus ihrer Knechtschaft zu befreien, Israel von ihrem Untergang zu erretten und die Erde in Gerechtigkeit zu regieren. Den alttestamentlichen Lehren werden dabei zwei wichtige Dinge hinzugefügt: dass die himmlischen Heiligen als seine Miterben mitregieren werden und dass am Anfang die früheste Verheißung zumindest teilweise erfüllt wird, dadurch dass Satan gebunden wird.

An dieser Stelle möchte ich einen Ausdruck bemerken, der häufig im Alten und gelegentlich auch im Neuen Testament vorkommt: „Der Tag des Herrn“. Im Alten Testament beschreibt der Tag des Herrn, mit ein oder zwei Ausnahmen, wo er sich auf ein besonderes, nationales Gericht bezieht, generell die schreckliche Zeit, wenn „der Hochmut des Menschen ... gebeugt“ wird (Jes 2,12–22), „die Sonne ... sich in Finsternis verwandeln (wird) und der Mond in Blut“ (Joel 3,4), wenn der Herr „alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg versammeln“ wird und „gegen jene Nationen kämpfen“ wird (Sach 14,1–3). Diese und andere Stellen im Alten Testament sind Beweis genug, dass das Kommen des Tages des Herrn mit der Zeit übereinstimmt, die im Lukasevangelium so beschrieben wird: „Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Rat-losigkeit“ wenn sie „den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit Macht und großer Herrlichkeit“ und wenn Israel gesagt wird: „So blickt auf und hebt eure Häupter empor, weil eure Erlösung naht“ (Lk 21,25–28).

Das Kommen des Tages des Herrn ist daher zeitlich identisch mit dem Kommen des Sohnes des Menschen. Letzteres wird beschrieben als ein für die Welt unvorhergesehenes Ereignis: „Denn wie sie in jenen Tagen vor der Flut waren: Sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten – bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging und sie es nicht erkannten –, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein“ (Mat 24,38–39). Paulus und Petrus schreiben ähnliches, dass der Tag des Herrn kommt „wie ein Dieb in der Nacht“ (1 Thess. 5,2; 2 Pet 3,10). Das Kommen des Tages des Herrn bringt schreckliche Gerichte und die nationale Errettung durch Christus, wenn Er in Macht und großer Herrlichkeit wiederkommt, um auf der Erde zu herrschen.

Es gibt noch eine andere Verbindung zwischen dem Kommen des Tages des Herrn und dem Kommen des Sohnes des Menschen. Wir haben gesehen, dass zwei Apostel von dem Tag des Herrn sagen, dass er komme wie ein Dieb in der Nacht. Bemerkenswerterweise verwenden beide den gleichen Ausdruck, was vermuten lässt, dass sie etwas wiedergeben, das ihren Lesern bereits bekannt ist. Und so schreibt Paulus: „Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht“, bei Petrus heißt es: „Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb“ – diese Worte betonen eher eine bekannte Wahrheit anstatt etwas völlig Neues zu offenbaren. Aber auf welche Aussage beziehen sich die Schreiber hier? Unser Herr hatte den Jüngern gesagt: „Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde“ und Er fügt hinzu: „Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (Mt 24,43–44). Es ist offensichtlich, dass sich die Apostel auf diese denkwürdigen Worte beziehen. Wie ließe es sich erklären, dass sie das gleiche Bild verwenden sollten wie unser Herr in diesem Abschnitt, wenn sie nicht von der gleichen Sache sprächen wie Er? Das Kommen „des Tages des Herrn“ ist deshalb das gleiche Ereignis wie das Kommen des Sohnes des Menschen. Das ist jedoch nicht alles. Der Ausdruck taucht noch einmal auf. Nachdem beschrieben wird, wie die Mächte der Welt ihre Kräfte bündeln, wie es im zweiten Psalm vorhergesagt wird, um Krieg gegen Christus zu führen, spricht Er selbst die ernsten Worte: „Siehe, ich komme wie ein Dieb. Glückselig, der wacht“ (Off 16,15). Das sagt Er in unmittelbarem Ausblick auf sein Kommen mit Gericht, um seine Feinde zu vernichten und sein Reich aufzurichten. Der gleiche bemerkenswerte Ausdruck wird daher für folgende Ereignisse verwendet:

  1. die Wiederkunft Christi in Macht, um über die Erde zu herrschen
  2. das Kommen des Tages des Herrn und
  3. das Kommen des Sohnes des Menschen.

Wir haben zuvor gesehen, dass die hier erwähnten drei Ereignisse in Bezug auf ihren Charakter und den Zeitpunkt, an dem sie stattfinden, genau miteinander übereinstimmen. Welcher andere Rückschluss ließe sich daraus ziehen, als der, dass es sich nur um andere Bezeichnungen oder vielmehr unterschiedliche Aspekte des gleichen gewaltigen Ereignisses handelt?

Jetzt haben wir gesehen, welchen Charakter das Kommen des Tages des Herrn trägt. Dieser Tag geht aber noch weit darüber hinaus. In Jesaja 2 sehen wir die schrecklichen Gerichte, mit denen dieser Tag beginnt, wir lesen jedoch auch, dass „der HERR wird hoch erhaben sein, er allein, an jenem Tag“ (Jes 2,11). Der unbestimmte Ausdruck „an jenem Tag“ meint offensichtlich den Tag des Herrn und taucht in den prophetischen Schriften immer wieder auf, ohne dass er durch den Textzusammenhang erklärt wird. „An jenem Tag wird dieses Lied im Land Juda gesungen werden: Wir haben eine starke Stadt; Rettung setzt er zu Mauern und zum Bollwerk“ (Jes 26,1). „Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Sanftmütigen werden ihre Freude in dem HERRN mehren, und die Armen unter den Menschen werden frohlocken in dem Heiligen Israels“ (Jes 29,18–19). „An jenem Tag werde ich dem Haus Israel ein Horn hervorsprossen lassen, und dir werde ich den Mund auftun in ihrer Mitte; und sie werden wissen, dass ich der Herr bin“ (Hes 29,21). „Und ich werde an jenem Tag einen Bund für sie schließen mit den Tieren des Feldes und mit den Vögeln des Himmels und mit den kriechenden Tieren der Erde; und ich werde Bogen und Schwert und den Krieg aus dem Land zerbrechen und werde sie in Sicherheit wohnen lassen“ (Hos 2,20). „Jener Tag“ ist also offenbar ein gut verständlicher Ausdruck, der, wenn er ohne einen besonderen Zusammenhang genannt wird, die Zeit der Herrschaft des Messias und des Segens für Israel meint. Es ist der Tag, der mit dem Kommen des Tages des Herrn beginnt, anders gesagt: es ist der Tag des Herrn, nicht im Licht der Gerichte betrachtet, durch die er eingeläutet wird, sondern im Hinblick auf den Segen, den er bringt.

Der Begriff „Tag des Herrn“ bezeichnet also nicht nur ein einzelnes Ereignis wie das Kommen des Herrn, sondern meint die Zeit von dem Erscheinen Christi zum Gericht über die Erde und seine anschließende wunderbare Herrschaft. Das steht im Gegensatz zu dem Tag des Menschen. Bisher hat der Mensch in Missachtung Gott gegenüber agiert, ohne direkte Kontrolle. Am Tag des Herrn wird das anders sein. Die Sünde und ihre Folgen werden weitestgehend zurückgehalten werden; die Gesetzlosigkeit der Menschen wird gebremst, „die Überheblichkeit der Männer wird gebeugt werden; und der HERR wird hoch erhaben sein, er allein, an jenem Tag“. Dieses Verständnis über den Tag des Herrn stimmt auch völlig mit dem Neuen Testament überein, denn als Petrus sagt: „Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb“, fügt er hinzu: „an dem die Himmel vergehen werden mit gewaltigem Geräusch, die Elemente aber im Brand werden aufgelöst und die Erde und die Werke auf ihr werden verbrannt werden“ (2 Pet 3,10). Dieser Tag beginnt dann, wenn der Herr sich erheben wird, um Jerusalem zu erretten und dauert bis zum Ende der Welt. Er umfasst zweifellos auch das endgültige Gericht der ungläubigen Toten und den Moment, wenn der Tod „als letzter Feind“ und der Hades in den Feuersee geworfen werden.

Somit bestätigt also der Ausdruck, im Licht der Schrift gelesen, in vollkommener Weise das unveränderliche Zeugnis des Alten und Neuen Testaments. Er beschreibt die Zeit, wenn die Rechte des Herrn völlig erfüllt werden, wenn der Gesalbte des Herrn sein Segensreich errichten und regieren wird, wenn die Macht Gottes in seinem Handeln gegenüber dem Bösen offenbar werden wird, wenn der Nachkomme der Frau den Kopf der Schlange zertrümmern wird, wenn Israel über die Nationen erhöht werden wird, wenn in dem wahren Samen Abrahams alle Geschlechter der Erde gesegnet werden und der wahre Same Davids auf seinen Thron der Gerechtigkeit in Zion gesetzt wird.

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