Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Die Wiederherstellung und der Segen Israels – gelehrt im Alten Testament

Die angeführten Schriftstellen des letzten Kapitels zeigen, dass Christus wiederkommt, um in Gerechtigkeit zu regieren, Gericht über seine Feinde zu üben und seinen Thron in Zion zu errichten. Aber eine der ersten Stellen, die wir gesehen haben, macht deutlich, dass in Verbindung mit dieser beständigen und herrlichen Herrschaft des Samens Davids, das Volk in Sicherheit gesetzt werden wird „an seiner Stätte“, wo die Söhne der Ungerechtigkeit es nicht mehr bedrücken werden. Lasst uns nun einmal betrachten, was die Schrift dazu lehrt. Wir werden sehen, dass die wörtliche Auslegung der Stellen, die das Messianische Reich beschreiben, völlig bestätigt werden.

Gottes Bund mit Abraham war: „An diesem Tag schloss der Herr einen Bund mit Abram und sprach: Deiner Nachkommenschaft gebe ich dieses Land vom Strom Ägyptens bis an den großen Strom, den Strom Euphrat“ (1. Mo 15,18). Und nochmal sagt Gott zu Abraham: „Und ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen nach dir, nach ihren Generationen, zu einem ewigen Bund, um dein Gott zu sein und deinen Nachkommen nach dir. Und ich werde dir und deinen Nachkommen nach dir das Land deiner Fremdlingschaft geben, das ganze Land Kanaan, zum ewigen Besitztum“ (1. Mo 17,7.8). Als die Israeliten in das Land kamen, geschah das nicht auf Grund dieses Bundes, sondern durch einen anderen Bund, nach dem ihr Besitz nicht auf Gottes bedingungsloser Verheißung ruhte, sondern von ihrem Gehorsam abhängig war. Das war nicht die Erfüllung des Bundes Gottes mit Abraham und wir werden feststellen, dass Gott das auch nicht so sieht und sorgfältig über seinen Bund mit den Vätern wacht, obwohl Er das Versagen und die Zerstreuung des Volkes unter dem darauffolgenden Bund, der am Berg Sinai geschlossen wurde, vorhersagt.

Das 26. Kapitel in 3. Mose zeigt, welche Folgen der Ungehorsam Israels hatte, denn hier wird die ganze traurige Geschichte bis zu dem Punkt, da sie „umkommen unter den Nationen“ (3. Mo 26,38), geschildert. Es wird jedoch noch ergänzt, dass, falls sie in der Zerstreuung ihre Sünden bekennen, Gott seines Bundes gedenken wird: „Wenn dann ihr unbeschnittenes Herz sich demütigt und sie dann die Strafe ihrer Ungerechtigkeit annehmen, so werde ich meines Bundes mit Jakob gedenken; und auch meines Bundes mit Isaak und auch meines Bundes mit Abraham werde ich gedenken, und des Landes werde ich gedenken“ (3. Mo 26,41–42. Es wird also nicht an den Bund vom Sinai gedacht, sondern die Wiederherstellung erfolgt dann auf Grund des unerfüllten Bundes mit den Vätern. Man mag dem entgegensetzen, dass auch hier die Wiederherstellung eine nationale Buße bedingt. Das stimmt, aber in der Verheißung gegenüber David, lange Zeit danach, erklärt Gott, dass die Nation gepflanzt werden wird. Damit das in Erfüllung geht, muss Gott seinerseits handeln. Wir werden jetzt sehen, dass Gott selbst verheißt, an ihren Seelen zu wirken und sie in den Zustand zu bringen, der für ihre nationale Wiederherstellung und Segnung erforderlich ist.

In 5. Mose 30 wird Israels Buße festgestellt, nicht als Bedingung der Wiederherstellung, sondern als Tatsache: „Und es wird geschehen, wenn alle diese Worte über dich kommen, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst unter all den Nationen, wohin der HERR, dein Gott, dich vertrieben hat, und umkehrst zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchst nach allem, was ich dir heute gebiete, ... so wird der HERR, dein Gott, deine Gefangenschaft wenden und sich deiner erbarmen; und er wird dich wieder sammeln aus allen Völkern, wohin der HERR, dein Gott, dich zerstreut hat. Wenn deine Vertriebenen am Ende des Himmels wären, so wird der HERR, dein Gott, dich von dort sammeln und dich von dort holen; und der HERR, dein Gott, wird dich in das Land bringen, das deine Väter besessen haben, und du wirst es besitzen; und er wird dir Gutes tun und dich mehren über deine Väter hinaus. Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, damit du am Leben bleibst. Und der HERR, dein Gott, wird alle diese Flüche auf deine Feinde und auf deine Hasser legen, die dich verfolgt haben. Und du wirst umkehren und der Stimme des HERRN gehorchen und wirst alle seine Gebote tun, die ich dir heute gebiete. Und der HERR, dein Gott, wird dir Überfluss geben bei allem Werk deiner Hand, an der Frucht deines Leibes und an der Frucht deines Viehs und an der Frucht deines Landes, zum Wohlergehen; denn der HERR wird sich wieder über dich freuen zum Guten, so wie er sich über deine Väter gefreut hat“ (5 Mo 1–9).

Diese Worte werden Israel als Nation gesagt und können sich auch nur für Israel als Nation erfüllen. Es ist dasselbe Volk, das vertrieben wurde, welches nun mit beschnittenem Herzen zurückgebracht wird und der Herr wird wieder über sie herrschen zum Guten (V. 6–9). Das ist Gottes einzigartiges, bisher noch unerfülltes, Handeln mit Israel. Wird Er davon jemals Abstand nehmen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Er diese wunderbaren Verheißungen an verschiedenen Stellen und zu unterschiedlichen Zeiten wiederholt und verstärkt?

In Psalm 2 wird Zion als der Ort genannt, wo der Thron Christi errichtet werden wird. In Psalm 9 und 10 sehen wir Israel, wie es unter schwerster Unterdrückung seufzt und den Herrn für seine Errettung preist: „Der HERR ist König immer und ewig; die Nationen sind umgekommen aus seinem Land. Den Wunsch der Sanftmütigen hast du gehört, HERR; du befestigtest ihr Herz, ließest dein Ohr aufmerken“ (Ps 10,16.17). Es wird immer nur von Palästina, dem Teil Israels, als Land des Herrn gesprochen. Dieser Abschnitt zeigt das beständige Reich des Herrn einhergehend mit der Erlösung Israels von der Herrschaft der Nationen, der Demütigung des Volkes vor Gott und sein Wirken an ihren Herzen zur Buße.

Psalm 14 nimmt Bezug auf die endgültige Befreiung Israels: „O dass aus Zion die Rettung Israels da wäre! Wenn der HERR die Gefangenschaft seines Volkes wendet, soll Jakob frohlocken, Israel sich freuen“ (Ps 14,7). Diese Verse wären übertrieben, wenn sie dem schwachen Überrest, der aus Babylon zurückkehrte, gelten würden, und sie wären vollkommen irrelevant, wenn sie in Bezug auf die Kirche gebraucht würden. Es betrifft eine Zeit, die alle Propheten erwähnen: das Reich des Messias und die Herrlichkeit Israels.

Psalm 46 beschreibt die Stunde der Drangsal Israels, wenn die Wasser toben, die Berge erbeben, die Nationen in Aufruhr sind und die Königreiche wanken. Und doch können sie rufen: „Der HERR der Heerscharen ist mit uns, eine hohe Festung ist uns der Gott Jakobs. – Sela. Kommt, schaut die Großtaten des HERRN, der Verheerungen angerichtet hat auf der Erde! Der die Kriege beschwichtigt bis an das Ende der Erde, den Bogen zerbricht und den Speer zerschlägt, die Wagen mit Feuer verbrennt“ (Ps 46,8–10). Hier ist der Gott Jakobs (d. h. Israels) mit „uns“ und Er ist es, der die Kriege und Umwälzungen der Nationen mit vernichtendem Gericht beendet und ein Reich des Friedens auf der Erde errichtet. „Lasst ab“ sagt Er, „und erkennt, dass ich Gott bin! Ich werde erhöht werden unter den Nationen, ich werde erhöht werden auf der Erde“. Darauf folgt der erneute jubelnde Ausruf Israels: „Der HERR der Heerscharen ist mit uns, eine hohe Festung ist uns der Gott Jakobs“.

Der Triumphgesang nimmt zu und am Anfang von Psalm 47 wird das Ergebnis des göttlichen Eingreifens gefeiert: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände! Jauchzt Gott mit Jubelschall! Denn der HERR, der Höchste, ist furchtbar, ein großer König über die ganze Erde. Er unterwarf uns die Völker, und die Völkerschaften unter unsere Füße. Er erwählte für uns unser Erbteil, den Stolz Jakobs, den er geliebt hat“ (Ps 47,2–5). Im folgenden Psalm heißt es dann: „Es freue sich der Berg Zion, es mögen frohlocken die Töchter Judas um deiner Gerichte willen! Umgeht Zion und umkreist es, zählt seine Türme, betrachtet genau seine Wälle, mustert seine Paläste, damit ihr es dem künftigen Geschlecht erzählen könnt!“ (Ps 48,12–15). Hier haben wir die spätere Geschichte Israels. Zuerst sehen wir das Volk in schrecklicher Bedrängnis und Unterdrückung, wobei es sein Vertrauen auf Gott als seine Zuflucht setzt. Er erscheint und das Gericht über die Nationen beginnt, die sich Israel unterwerfen. Sein Reich wird errichtet, Zion und Israel werden frohlocken.

Psalm 68 berichtet von dem Handeln des Herrn mit Israel nach der Zerstreuung und ihrer nationalen Zerstörung: „Der Herr sprach: Ich werde aus Basan zurückbringen, zurückbringen aus den Tiefen des Meeres, damit du deinen Fuß in Blut badest und die Zunge deiner Hunde von den Feinden ihr Teil habe“. Ist das die Kirche? Hat eine derartige Wiederherstellung in Israels bisheriger Geschichte stattgefunden? Benjamin und Juda, Sebulon und Naphtali – alle sind in dieser nationalen Wiederherstellung eingeschlossen. „Um deines Tempels in Jerusalem willen werden Könige dir Geschenke bringen. ... Die Großen aus Ägypten werden kommen; Äthiopien wird eilends seine Hände ausstrecken zu Gott. ... Gebt Gott Stärke! Seine Hoheit ist über Israel, und seine Macht in den Wolken. Furchtbar bist du, Gott, aus deinen Heiligtümern her; der Gott Israels, er ist es, der dem Volk Stärke und Kraft gibt. Gepriesen sei Gott!“ (Ps 68,23–36).

Der folgenden Psalm endet mit den Worten: „Denn Gott wird Zion retten und die Städte Judas bauen; und sie werden dort wohnen und es besitzen. Und die Nachkommenschaft seiner Knechte wird es erben; und die seinen Namen lieben, werden darin wohnen“ (Ps 69, 35–37). Ist das Israels Vergangenheit? Oder, was hat das mit der Kirche zu tun? Dem Wort Gottes und seiner Zuverlässigkeit entsprechend müssen wir glauben, dass es sich hier um die Zukunft Israels handelt.

So lesen wir auch: „Du aber, HERR, bleibst auf ewig, und dein Gedächtnis ist von Geschlecht zu Geschlecht. Du wirst aufstehen, wirst dich über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, es zu begnadigen, denn gekommen ist die bestimmte Zeit; denn deine Knechte haben Gefallen an seinen Steinen und haben Mitleid mit seinem Schutt. Und die Nationen werden den Namen des HERRN fürchten, und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit“ (Ps 102,13–16). Welche Ereignisse in der Geschichte Israels oder der Kirche werden hier beschrieben? Die spirituelle Alchemie der römischen Theologie, derer sich der heutige Evangelikalismus1 bedient, kann alles in irgendetwas anderes umwandeln. Aber wenn wir glauben, was Gott sagt, und es nicht durch eigene Gedanken verdrehen, bedeutet dieser Abschnitt, dass Zion wiederhergestellt wird, Gottes Herrlichkeit offenbar werden wird und die Nationen und Könige der Erde den HERRN fürchten werden.

Von der Freude Israels, wenn dies geschieht, berichtet Psalm 126: „Als der HERR die Gefangenen Zions zurückführte, waren wir wie Träumende. Da wurde unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel; da sagte man unter den Nationen: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan: Wir waren fröhlich!“ (Ps 126,1–3). Dann wird das von Gott bevorzugte Volk sich vermehren (Ps 127). Die Ihn fürchten, werden „von Zion aus“ gesegnet und „das Wohl Jerusalems schauen alle Tage deines Lebens und sehen die Kinder deiner Kinder. – Frieden über Israel“ (Ps 128, 5.6). Ist diese Zeit schon gekommen? Oder wird dies zukünftig durch die Macht und Treue Gottes bewirkt werden?

Welcher Ausspruch kann deutlicher sein als dieser? „Denn der HERR hat Zion erwählt, hat es begehrt zu seiner Wohnstätte: Dies ist meine Ruhe auf ewig; hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt. Seine Speise will ich reichlich segnen, seine Armen mit Brot sättigen. Und seine Priester will ich mit Heil bekleiden, und seine Frommen werden laut jubeln. Dort will ich das Horn Davids wachsen lassen, habe eine Leuchte für meinen Gesalbten zugerichtet. Seine Feinde will ich mit Schande bekleiden, und auf ihm wird seine Krone blühen“ (Ps 132,13–18). Was wird wohl ein gottesfürchtiger Jude in der Zeit Davids unter dieser Prophezeiung verstanden haben? Wenn diese nicht eine nationale Segnung und Herrlichkeit der Nachkommen Davids vorhersagt, welche Verheißung Gottes können wir dann überhaupt beanspruchen oder welche seiner Aussagen können verstanden werden?

Eine weitere Stelle finden wir in Psalm 149: „Israel freue sich seines Schöpfers; die Kinder Zions sollen frohlocken über ihren König! Loben sollen sie seinen Namen mit Reigen, mit Tamburin und Laute ihm Psalmen singen! Denn der HERR hat Wohlgefallen an seinem Volk; er schmückt die Sanftmütigen mit Rettung. Die Frommen sollen jubeln in Herrlichkeit, jauchzen auf ihren Lagern! Lobeserhebungen Gottes seien in ihrer Kehle und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand, um Rache zu üben an den Nationen, Bestrafungen an den Völkerschaften; ihre Könige zu binden mit Ketten und ihre Edlen mit eisernen Fesseln, um an ihnen auszuüben das geschriebene Gericht! Das ist die Ehre aller seiner Frommen. Lobt den HERRN!“ (Ps 149,2–9). Diese Heiligen sind offensichtlich Menschen auf der Erde. Sind sie die Kirche? Sollen die Gläubigen heute „Rache... üben an den Nationen“? Im Gegenteil, heute gilt: „Rächt nicht euch selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr‘“ (Röm 12,19). Anstatt „Bestrafungen an den Völkerschaften“ vorzunehmen, wurde den Knechten verboten, das Unkraut auszureißen, sondern sie sollten es bis zur Ernte wachsen lassen. Das Binden der Könige und Edlen gebührt einer Nation, die Gottes gerechtes Gericht ausüben soll und ist in völligem Gegensatz zum Handeln derer, die Christus nachfolgen sollen – Ihm dem Sanftmütigen und Demütigen, der „gescholten, nicht wiederschalt“ (1. Pet 2,23). Damit mögen es genügend Stellen aus den Psalmen sein. Aber einzelne Verse können nicht zeigen, welchen Raum die Absichten Gottes mit Israel in diesen Gedichten einnehmen. Sie sind Gegenstand ihrer Gebete, Ursprung ihrer Hoffnung, Quelle ihres Lobs. Das ganze Buch ist die Stimme des gläubigen Überrests Israels, die sich in Schuldbekenntnis, Flehen, Anklage und Freude äußert. Das geschieht oft in einer Art und Weise, die sich sehr von den durch den Heiligen Geist gewirkten Gebete und Loblieder der Kirche unterscheidet, ist jedoch in vollkommener Übereinstimmung mit dem, was an anderen Stellen der Schrift über Gottes wunderbare Absichten mit seinem verlassenen, aber nicht vergessenen, seinem verblendeten, aber dennoch auserwählten Volk zu finden ist.

Lasst uns nun aber betrachten, was der Prophet Jesaja zu sagen hat. Sein Gesicht „das er über Juda und Jerusalem geschaut“ hatte. Ihm wird gesagt: „Mache das Herz dieses Volkes fett, und mache seine Ohren schwer, und verklebe seine Augen“ (Jes 6,10). Jesaja fragt: „Wie lange, Herr? Und er sprach: Bis die Städte verwüstet sind, ohne Bewohner, und die Häuser ohne Menschen, und das Land zur Öde verwüstet ist und der Herr die Menschen weit entfernt hat und die Verlassenheit inmitten des Landes groß ist. Und ist noch ein Zehntel darin, so wird es wiederum vertilgt werden, wie die Terebinthe und wie die Eiche, von denen, wenn sie gefällt sind, ein Wurzelstock bleibt; ein heiliger Same ist sein Wurzelstock“ (Jes 6,11–13). Hier haben wir eine Prophezeiung, die ihre volle Erfüllung erst mit der Ablehnung Christi durch die Juden erfährt. Die völlige Verwüstung des Landes sowie die Zerstreuung und Zerschlagung des Volkes wird vorhergesagt. Es bleibt ein kleiner Überrest, der zurückkehren und ein „heiliger Same“, die eigentliche Wurzel des Volkes, sein wird.

Über diesen Überrest und seine Wiederherstellung gibt uns der Prophet weitere Einzelheiten, indem er die Zeit seines Segens mit der Herrschaft Christi verbindet: „Und es wird geschehen an jenem Tag: Der Wurzelspross Isais, der dasteht als Banner der Völker, nach ihm werden die Nationen fragen; und seine Ruhestätte wird Herrlichkeit sein. Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird der Herr noch ein zweites Mal seine Hand ausstrecken, um den Überrest seines Volkes, der übrig bleiben wird, loszukaufen aus Assyrien und aus Ägypten und aus Pathros und aus Äthiopien und aus Elam und aus Sinear und aus Hamat und von den Inseln des Meeres. Und er wird den Nationen ein Banner erheben und die Vertriebenen Israels zusammenbringen, und die Zerstreuten Judas wird er sammeln von den vier Enden der Erde. Und der Neid Ephraims wird weichen, und die Bedränger Judas werden ausgerottet werden; Ephraim wird Juda nicht beneiden, und Juda wird Ephraim nicht bedrängen. Und sie werden den Philistern auf die Schultern fliegen nach Westen, werden miteinander plündern die Söhne des Ostens; an Edom und Moab werden sie ihre Hand legen, und die Kinder Ammon werden ihnen gehorsam sein“ (Jes 11,10–14). Keiner wird behaupten, dass sich diese Prophezeiung in der Geschichte Israels bereits erfüllt hat. Sie auf die Kirche anzuwenden, würde bedeuten, sie mit einer Menge an Gewalt zu konfrontieren, was alle anderen Prophezeiungen irreführend dastehen ließe. Bezieht man sie jedoch auf die Zukunft Israels, finden wir hier das genaue Gegenstück zu den Verheißungen und Prophezeiungen, die wir bereits betrachtet haben. „Der Wurzelspross Isais“, der jüdische Titel Christi, wird erwähnt. In Verbindung mit seinem Erscheinen wird der Überrest, der, wie wir gesehen haben, nach der Verwüstung des Landes bewahrt werden wird, nach Jerusalem und Palästina zurückgebracht. Die Zerstreuung des Volkes, eine Folge ihres Götzendienstes, wird geheilt und die benachbarten Völker, die sie verachtet und unterdrückt haben, werden umgestürzt. Wir haben immer wieder das Versagen des ersten Menschen feststellen müssen. Alle verheißenen Segnungen würden daher durch das Kommen des zweiten Menschen, den wahren Samen Davids, in Erfüllung gehen und hier sehen wir, wie sein Erscheinen mit einem Mal die alten Verheißungen Gottes in Bezug auf sein Volk erfüllt.

Wir haben jedoch auch gesehen, dass die Wiederherstellung Israels mit einer gewaltigen moralischen Veränderung einhergeht. Hier haben wir das, was der Herr uns über den Zustand seines wiedervereinigten Volkes sagt: „Darum spricht der HERR, der HERR der Heerscharen, der Mächtige Israels: Ha, ich werde mir Genugtuung verschaffen an meinen Widersachern und Rache nehmen an meinen Feinden! Und ich werde meine Hand gegen dich wenden und werde deine Schlacken ausschmelzen wie mit Laugensalz und werde all dein Blei wegschaffen. Und ich werde deine Richter wiederherstellen wie früher und deine Ratgeber wie im Anfang. Danach wird man dich nennen: Stadt der Gerechtigkeit, treue Stadt“ (Jes 1,24–26). Wir sehen, dass das Gericht Gottes das Volk heimsuchen wird, dass es von der Schlacke befreit werden wird und dass der verbleibende Rest Gerechtigkeit üben wird. Jerusalem wird zu dem, wozu Gott es bestimmt hatte: das Zentrum einer gerechten Regierung auf der Erde. Wenn man diesen Abschnitt in seinem irdisch-natürlichen Sinn versteht, kann eine auf das Geistliche übertragene Interpretation, die üblicherweise bei den Prophezeiungen Jesajas angewendet wird, nicht standhalten. Kann sie denn so verstanden werden? Zunächst einmal nimmt die Prophezeiung ausdrücklich Bezug auf „Juda und Jerusalem“. Dann gibt auch jeder zu, dass die Leiden und Gerichte tatsächlich das reale Juda und Jerusalem betreffen. Wie können wir also sagen, dass die Prophezeiungen, die unmittelbar und eng mit dem Vorhergehenden verbunden folgen, sich sinnbildlich auf Juda und Jerusalem beziehen? Auch die hier verwendeten Titel Gottes sind Titel, die Er speziell gegenüber Israel benutzt und nicht die Titel, die Er gegenüber der Kirche gebraucht. Und zum Schluss noch die Frage: Was haben gerechte Richter und Ratgeber mit der Kirche zu tun? Während die Ungerechtigkeit der Richter ein großes Vergehen war, das Jerusalem zur Last gelegt wurde, ist ihre Untadeligkeit eine wesentliche Bedingung, um Gottes Pläne einer irdischen Regierung auszuführen, mit Zion als ihrem auserwählten Zentrum.

Es gibt noch eine weitere bemerkenswerte Sache: Die Läuterung Jerusalems wird nicht durch Gnade, sondern durch Macht geschehen. Wo gibt es eine neutestamentliche Prophezeiung, die uns zu verstehen gibt, dass Gott nach dem Verfall der bekennenden Kirche eingreift und diese durch schonungslose Gerichte, wie sie in diesen Versen zu finden sind, einer Läuterung unterzieht? Das Christentum ist die Periode der Langmut und Güte Gottes, eine Zeit, in der Christus zur Rechten Gottes darauf wartet, dass seine Feinde gelegt werden als Schemel seiner Füße. Gericht ist charakteristisch für Gottes Handeln mit der Erde. Aus diesem Grund sind die zitierten Verse über die Rückführung seines irdischen Volkes und die Wiederaufnahme seiner Pläne einer irdischen Regierung vollkommen passend, jedoch völlig unangemessen in Bezug auf seine Haltung und sein Handeln in der Gegenwart. Diese Unterscheidung zeigt sich deutlich in den Psalmen. Dort finden wir die derzeitige Stellung Christi so beschrieben: „Der HERR sprach zu meinem HERRN: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinlege als Schemel für deine Füße“ (Ps 110,1). Dann folgt Gottes Handlungsgrundsatz nachdem diese Zeit des Wartens vorüber ist. „Den Stab deiner Macht wird der HERR aus Zion senden; herrsche inmitten deiner Feinde! Dein Volk wird voller Willigkeit sein am Tag deiner Macht;“ (Ps 110,2–3). Wie genau stimmt das mit dem überein, was wir bereits gesehen haben. In der Gnadenzeit sind die Juden, „dein Volk“, Feinde. Wenn aber der Tag der Macht Christi kommt, wenn der Stab seiner Macht von Zion gesandt wird, wird sein Volk voller Willigkeit sein und ein Überrest wird in Gerechtigkeit gesammelt. Nicht durch die Verkündigung des Evangeliums, sondern erst „wenn deine Gerichte die Erde treffen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit“ (Jes 26,9).

Aber diese Periode des Wohlstands und der Gerechtigkeit unter dem Zepter der Wurzel Isais ist mit Segen für die Nationen verbunden: „Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem geschaut hat. Und es wird geschehen am Ende der Tage, da wird der Berg des Hauses des HERRN feststehen auf dem Gipfel der Berge und erhaben sein über die Hügel. Und alle Nationen werden zu ihm strömen; und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt und lasst uns hinaufziehen zum Berg des HERRN, zum Haus des Gottes Jakobs! Und er wird uns belehren aus seinen Wegen, und wir wollen wandeln auf seinen Pfaden. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen, und das Wort des HERRN von Jerusalem; und er wird richten zwischen den Nationen und Recht sprechen vielen Völkern. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzer-messern; nicht wird Nation gegen Nation das Schwert erheben, und sie werden den Krieg nicht mehr lernen“ (Jes 2,1–4). Dieser Abschnitt nimmt ausdrücklich Bezug auf Juda und Jerusalem. Er zeigt Christus, wie Er die Nationen richtet und tadelt, nicht, wie Er sie bittet, sich mit Ihm versöhnen zu lassen. Wir finden außerdem die Segnungen, die mit dem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit auf der Erde einhergehen – Segnungen, die wir im Neuen Testament als Folge des Evangeliums oder des Christentums nicht finden. Außerdem ist hier die Rede von dem „Ende der Tage“, das sich, wie bereits zuvor erwähnt, von den „letzten Tagen“, die der bekennenden Kirche vorhergesagt werden, unterscheiden wie Licht von Dunkelheit. Daher bezieht sich dieser Abschnitt wortwörtlich auf das Volk Israel und die Stadt Jerusalem und beschreibt die Zeit, wenn das Zepter der Macht Christi von Zion ausgehen wird. Dann wird nicht nur die Nation über alle anderen erhoben werden, sondern auf der ganzen Erde wird eine Zeit des Segens, Friedens und der Anerkennung Gottes beginnen.

Der Rest des Kapitels zeigt dann, wie und wodurch diese Epoche des Segens beginnt. Sie wird nicht etwa durch Gnade verkündet, sondern ihr gehen schreckliche Gerichte voraus. Der Tag des Herrn kommt und vernichtet den Stolz des Menschen, bringt sie dazu, ihre Götzen den Maulwürfen und Fledermäusen hinzuwerfen und „sich in Felsspalten und in Steinklüfte zu verkriechen vor dem Schrecken des HERRN und vor der Pracht seiner Majestät“. Die Folge dieser schrecklichen Umwälzungen auf der Erde und der Erniedrigung des Menschen ist: „Der HERR wird hoch erhaben sein, er allein, an jenem Tag“ (Jes 2,12–22).

In Jesaja 14, 1–2 wird vorhergesagt: „Der HERR wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch erwählen und wird sie in ihr Land einsetzen. Und der Fremde wird sich ihnen anschließen .... Und sie werden die gefangen wegführen, die sie gefangen wegführten, und werden herrschen über ihre Bedrücker“.

Und an anderer Stelle: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des HERRN Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden. Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN; ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; und das Höckerige soll zur Ebene werden und das Hügelige zur Talebene! Und die Herrlichkeit des HERRN wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat geredet“ (Jes 40,1–5). Es ist wahr, dass der hier erwähnte Rufende Johannes der Täufer ist, der dem ersten Kommen des Herrn voranging. Johannes‘ Zeugnis bezog sich jedoch auf das Reich nicht auf die Kirche, auf den, der die Axt an die Wurzel des Baumes legt und die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennt. Er ruft die Menschen zur Buße auf, ein Zustand, der, wie es im dritten Buch Mose zu sehen ist, für eine nationale Wiederherstellung erforderlich ist. Diese Aufforderung wurde missachtet, der Vorläufer enthauptet und der Messias gekreuzigt. Die Errichtung des Reiches der Herrlichkeit und Wiederherstellung Israels wurde daher verschoben und das Land der Verwüstung überlassen. Das ist jedoch nur eine Verzögerung der Erfüllung der Absichten Gottes. Die Zeit wird kommen, wenn der Stimme in der Wüste Gehör geschenkt wird, wenn Gott sein Volk wieder trösten wird, wenn Ihm mit der Bestrafung, die Er ihrer Sünden wegen vornehmen musste, Genüge getan wurde, dann wird seine Herrlichkeit „sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des HERRN hat geredet“.

Ähnliches finden wir an weiteren Stellen: „Fürchte dich nicht, du Wurm Jakob, du Häuflein Israel; ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels. Siehe, ich habe dich zu einem scharfen, neuen Dreschschlitten gemacht, mit Doppelschneiden versehen: Du wirst Berge dreschen und zermalmen und Hügel der Spreu gleichmachen; du wirst sie worfeln, dass der Wind sie entführt und der Sturm sie zerstreut. Du aber, du wirst in dem HERRN frohlocken und dich rühmen in dem Heiligen Israels“ (Jes. 41,14–15). Und auch: „Und nun, so spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir, und durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten; wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt werden, und die Flamme wird dich nicht verbrennen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich, der Heilige Israels, dein Erretter; ich gebe als dein Lösegeld Ägypten hin, Äthiopien und Seba an deiner statt. Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe, so werde ich Menschen hingeben an deiner statt und Völkerschaften anstatt deines Lebens. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; vom Aufgang her werde ich deine Nachkommen bringen, und vom Niedergang her werde ich dich sammeln. Ich werde zum Norden sagen: Gib heraus!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring meine Söhne von fern her und meine Töchter vom Ende der Erde“ (Jes 43,1–6). Noch eine Stelle: „Erinnere dich daran, Jakob und Israel! Denn du bist mein Knecht. Ich habe dich gebildet, du bist mein Knecht; Israel, du wirst nicht von mir vergessen werden. Ich habe deine Übertretungen getilgt wie einen Nebel, und wie eine Wolke deine Sünden. Kehre um zu mir, denn ich habe dich erlöst“ (Jes 44,21–22).

In den letzten vorangehenden Passagen hat Gott dreimal gesagt, dass Er Israel als Nation erlöst hat. Dennoch besagt die allgemein anerkannte Auslegung, dass Er Israel mit falschen Hoffnungen getäuscht habe und dass Er, wenn Er von Israel spricht, in Wirklichkeit etwas ganz anderes meine! Ist es nicht unfassbar, dass Gläubige es wagen, den, „der nicht lügen kann“ (Tit 1,2), einer derartigen Irreführung zu bezichtigen? Wenn Gott Israel so grausam getäuscht hätte, müssten wir dann nicht annehmen, dass er das auch bei uns tut? Der bloße Gedanke daran ist schockierend und doch ist es die unweigerliche Folgerung der römisch-katholischen und evangelischen Auslegung. In einem dieser Abschnitte spricht Gott davon, Israel zu einem scharfen Dreschschlitten zu machen, an einer anderen Stelle heißt es, dass die Söhne und Töchter vom Ende der Erde zusammengebracht werden sollen und in einer weiteren Passage finden wir, dass sie zu Ihm zurückkehren und ihre Übertretungen vergeben werden. Das passt alles genau zu Israel. Ist die Kirche ein scharfer Dreschschlitten? Wurde die Kirche je bis an die Enden der Erde zerstreut? Oder wird an irgendeiner Stelle von der Kirche gesagt, dass die sich von Gott entfernt hat, zurückkehrt und Vergebung findet? Das sind die Widersprüche, die sich aus der allgemein üblichen Auslegung ergeben. Man könnte eine Vielzahl von Zitaten anführen, ich beschränke mich jedoch auf einige wenige: „Und die Befreiten des HERRN werden zurückkehren und nach Zion kommen mit Jubel, und ewige Freude wird über ihrem Haupt sein; sie werden Wonne und Freude erlangen, Kummer und Seufzen werden entfliehen“ (Jes 51,11). Wann wird die Kirche nach Zion kommen? Oder, wenn mit Zion symbolisch der Himmel gemeint wäre, wie könnte die Kirche zu einem Ort „zurückkehren“, an dem sie nie gewesen ist? „Erwache, erwache; steh auf, Jerusalem, die du aus der Hand des HERRN den Becher seines Grimmes getrunken hast! Den Kelchbecher des Taumels hast du getrunken, hast ihn ausgeschlürft“ (Jes 51,17). Israel hat den Becher des Zorns des Herrn getrunken, wann hat das die Kirche getan? „So spricht der HERR, dein HERR, und dein Gott, der die Rechtssache seines Volkes führt: Siehe, ich nehme aus deiner Hand den Taumelbecher, den Kelchbecher meines Grimmes; du wirst ihn fortan nicht mehr trinken“ (Jes 51,22–23). Auf Israel angewendet ist das ein wunderbares Bild, das mit dem Rest der Schrift übereinstimmt und genau auf die Situation des Volkes passt. Auf die Kirche übertragen, hat dieser Abschnitt keinerlei Bedeutung.

Die folgende Verheißung ist wunderbar, wenn sie als an Israel gerichtet verstanden wird. Auf die Kirche bezogen ist sie jedoch falsch und widersinnig: „Du wirst die Schmach deiner Jugend vergessen und dich an die Schande deiner Witwenschaft nicht mehr erinnern. Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann – HERR der Heerscharen ist sein Name –, und der Heilige Israels ist dein Erlöser. ... Einen kleinen Augenblick habe ich dich verlassen, aber mit großem Erbarmen will ich dich sammeln. Im Zornesausbruch habe ich einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen, aber mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen“ (Jes 54,4–8).

Wie liebevoll sind die tröstenden Worte gegenüber Israel in diesem Abschnitt: „Steh auf, leuchte; denn dein Licht ist gekommen, und die Herrlichkeit des HERRN ist über dir aufgegangen! Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und Dunkel die Völkerschaften; aber über dir strahlt der HERR auf, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und Nationen wandeln zu deinem Licht hin, und Könige zum Glanz deines Aufgangs. ... Deine Söhne kommen von fern, und deine Töchter werden auf den Armen herbeigetragen ... Und die Söhne der Fremde werden deine Mauern bauen, und ihre Könige dich bedienen; denn in meinem Grimm habe ich dich geschlagen, aber in meiner Huld habe ich mich deiner erbarmt. Und deine Tore werden beständig offen stehen; Tag und Nacht werden sie nicht geschlossen werden, damit der Reichtum der Nationen und ihre weggeführten Könige zu dir gebracht werden können. Denn die Nation und das Königreich, die dir nicht dienen wollen, werden untergehen ... Und gebeugt werden zu dir kommen die Kinder deiner Bedrücker, und alle deine Schmäher werden niederfallen zu deinen Fußsohlen; und sie werden dich nennen: Stadt des HERRN, Zion des Heiligen Israels. Statt dass du verlassen warst und gehasst und niemand hindurchzog, will ich dich zum ewigen Stolz machen, zur Wonne von Geschlecht zu Geschlecht“ (Jes 60,1–15).

Der zuletzt zitierte Abschnitt des Propheten ist so von diesem Thema erfüllt, dass es schwer fällt, etwas wegzulassen. Die oben angeführten Auszüge sind umfangreich, aber kurz im Verhältnis zu dem Gegenstand, den sie behandeln. Das soll zur Darstellung der Lehre des Wortes Gottes, wie sie von dem inspirierten Schreiber überliefert wurde, ausreichen. Lasst uns nun einmal kurz noch ein paar Worte anderer Propheten betrachten. Ich beginne mit denen, die vor dem Fall Jerusalems geschrieben haben.

Hosea schreibt, nachdem er die Verwerfung Israels in dem Gleichnis von Lo-ammi, nicht mein Volk, vorhergesagt hatte: „Doch die Zahl der Kinder Israel wird sein wie der Sand des Meeres, der nicht gemessen und nicht gezählt werden kann; und es wird geschehen, an dem Ort, wo zu ihnen gesagt wurde: ‚Ihr seid nicht mein Volk!‘, wird zu ihnen gesagt werden: ‚Kinder des lebendigen Gottes‘“ (Hos 2,1). Und im letzten Kapitel dieses prophetischen Buches schreibt er: „Ich will ihre Abtrünnigkeit heilen, will sie willig lieben; denn mein Zorn hat sich von ihm abgewandt. Ich werde für Israel sein wie der Tau: Blühen soll es wie die Lilie und Wurzel schlagen wie der Libanon. Seine Schösslinge sollen sich ausbreiten, und seine Pracht soll sein wie der Olivenbaum und sein Geruch wie der Libanon. Die unter seinem Schatten Wohnenden sollen wieder Getreide hervorbringen und blühen wie ein Weinstock, dessen Ruf wie der Wein des Libanon ist“ (Hos 14,5–8).

Joel beschreibt die Zeit, wenn der Herr Gericht halten wird über die heidnischen Völker ringsum: „Und der HERR brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben. Und der Herr ist eine Zuflucht für sein Volk und eine Festung für die Kinder Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich, der HERR euer Gott bin, der auf Zion wohnt, meinem heiligen Berg. Und Jerusalem wird heilig sein, und Fremde werden es nicht mehr durchziehen“ (Joel 4,16–17). Wann wurde diese Prophezeiung erfüllt?

Amos sagt voraus, dass der Herr „das Haus Israel unter allen Nationen schütteln [wird], wie Getreide in einem Sieb geschüttelt wird“. Die Sünder werden sterben, aber Gott wird „die verfallene Hütte Davids aufrichten und ihre Risse vermauern und ihre Trümmer aufrichten, und ich werde sie bauen wie in den Tagen vor alters; damit sie den Überrest Edoms und alle Nationen in Besitz nehmen ... und ich werde die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden; und sie werden die verwüsteten Städte aufbauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und deren Wein trinken und Gärten anlegen und deren Frucht essen. Und ich werde sie in ihrem Land pflanzen; und sie sollen nicht mehr herausgerissen werden aus ihrem Land, das ich ihnen gegeben habe, spricht der HERR, dein Gott“ (Amos 9,9–15). Es ist klar, dass die Segnungen, die in diesem und den beiden vorhergehenden Abschnitten nicht durch die Rückkehr aus babylonischer Gefangenschaft erfüllt wurden, sondern dass hier jeweils eine Wiederherstellung unter dem Segen des Herrn beschrieben wird, ein dauerhafter Zustand der Heiligkeit und Freude, den Israel bisher zu keiner Zeit genossen hat.

Obadja kündigt das Gericht für Edom an: „Aber auf dem Berg Zion wird Errettung sein, und er wird heilig sein; und die vom Haus Jakob werden ihre Besitzungen wieder in Besitz nehmen“ und die Weggeführten Israels „werden in Besitz nehmen ... die Städte des Südens. Und es werden Retter auf den Berg Zion ziehen, um das Gebirge Esaus zu richten; und das Reich wird dem Herrn gehören“ (Obad 17.21). In der letzten Epoche der jüdischen Nation, bevor sie vollends vom Römischen Reich absorbiert wurde, waren keine Retter auf dem Berg Zion, die Esau richteten, sondern ein Nachkomme Esaus regierte den Berg Zion.

Micha wiederholt die Prophezeiung Jesajas im Hinblick auf das „Ende der Tage“ und fügt hinzu: „An jenem Tag, spricht der HERR, werde ich das Hinkende sammeln und das Vertriebene zusammenbringen und den, dem ich Übles getan habe. Und ich werde das Hinkende zu einem Überrest und das weit Entfernte zu einer gewaltigen Nation machen; und der HERR wird König über sie sein auf dem Berg Zion, von nun an bis in Ewigkeit. Und du, Herdenturm, du Hügel der Tochter Zion, zu dir wird gelangen und zu dir wird kommen die frühere Herrschaft, das Königtum der Tochter Jerusalem“ (Micha 4,6–8). Das ist noch nicht gekommen. Nach der Vorhersage, dass der Messias kommen wird um zu herrschen, beschreibt der Prophet, wie Israel an diesem Tag Zentrum des Segens und Gerichts ist. „Und der Überrest Jakobs wird unter den Nationen, inmitten vieler Völker, sein wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, wie ein junger Löwe unter den Schafherden, der, wenn er hindurchgeht, zertritt und zerreißt, und niemand errettet. – Hoch erhoben sei deine Hand über deine Bedränger, und alle deine Feinde mögen ausgerottet werden!“ (Mich 5,7–8). Gibt es noch etwas, das in Bezug auf die Kirche noch weniger zutreffend ist als diese Verse? Auf Israel angewendet, sind sie jedoch in vollkommener Übereinstimmung mit den anderen Vorhersagen bezüglich der Stellung, die Israel einmal in der Regierung der Erde einnehmen wird.

„Ausspruch über Ninive“, das ist der Gegenstand des Buchs „des Gesichtes Nahums, des Elkoschiters“ und mit diesem „Ausspruch“ ist das Buch fast ausschließlich beschäftigt. Ableitend, jedoch beiläufig zu Israel sagt der Prophet im Namen des Herrn: „Und habe ich dich auch niedergebeugt, ich werde dich nicht mehr niederbeugen; sondern ich werde nun sein Joch von dir zerbrechen und deine Fesseln zerreißen“ und „Siehe, auf den Bergen die Füße dessen, der gute Botschaft bringt, der Frieden verkündigt! Feiere, Juda, deine Feste, bezahle deine Gelübde! Denn der Nichtswürdige wird fortan nicht mehr durch dich ziehen; er ist ganz ausgerottet“ (Nah 1,12–13 und 2,1).

Zephanja bittet Israel zu warten, bis der Herr an seinen Feinden Vergeltung üben wird „denn dann werde ich die Lippen der Völker in reine Lippen verwandeln“. Sie werden von Äthiopien her kommen, und „der Überrest Israels wird kein Unrecht tun“. „Juble, Tochter Zion; jauchze, Israel! Freue dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der HERR hat deine Gerichte weggenommen, deinen Feind weggefegt; der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte, du wirst kein Unglück mehr sehen“ (Zeph 3,8–15). Israel hat genug Schlimmes gesehen seit es aus babylonischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist. Der Prophet bezieht sich hier auf etwas, das weit darüber hinausgeht. Die Propheten aus der Zeit während der Gefangenschaft schreiben ähnliches: „Kehrt um, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR, denn ich habe mich mit euch vermählt; und ich werde euch nehmen, einen aus einer Stadt und zwei aus einer Familie, und euch nach Zion bringen. Und ich werde euch Hirten geben nach meinem Herzen, und sie werden euch weiden mit Erkenntnis und Einsicht ... In jener Zeit wird man Jerusalem den Thron des HERRN nennen, und alle Nationen werden sich zu ihr versammeln wegen des Namens des HERRN in Jerusalem; und sie werden nicht mehr dem Starrsinn ihres bösen Herzens nachwandeln. In jenen Tagen wird das Haus Juda mit dem Haus Israel ziehen, und sie werden miteinander aus dem Land des Nordens in das Land kommen, das ich euren Vätern zum Erbteil gegeben habe“ (Jer 3,14–18). Die folgende Prophezeiung zeigt unmissverständlich, dass es hier um Israel geht und nicht um die Kirche. „Hört das Wort des HERRN, ihr Nationen, und meldet es auf den fernen Inseln und sprecht: Der Israel zerstreut hat, wird es wieder sammeln und es hüten wie ein Hirte seine Herde. Denn der HERR hat Jakob losgekauft und hat ihn erlöst aus der Hand dessen, der stärker war als er. Und sie werden kommen und jubeln auf der Höhe Zions und herbeiströmen zu den Gütern des HERRN: zum Korn und zum Most und zum Öl und zu den jungen Schafen und Rindern; und ihre Seele wird sein wie ein bewässerter Garten, und sie werden fortan nicht mehr verschmachten“ (Jer 31,10–12). „Und das Wort des Herrn erging an Jeremia, indem er sprach: Hast du nicht gesehen, was dieses Volk redet, indem es spricht: „‚Die beiden Geschlechter, die der HERR erwählt hatte, die hat er verworfen‘“? Und so verachten sie mein Volk, so dass es vor ihnen keine Nation mehr ist. So spricht der HERR: Wenn nicht mein Bund bezüglich des Tages und der Nacht besteht, wenn ich nicht die Ordnungen des Himmels und der Erde festgesetzt habe, so werde ich auch die Nachkommen Jakobs und Davids, meines Knechtes, verwerfen, dass ich nicht mehr von seinen Nachkommen Herrscher nehme über die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn ich werde ihre Gefangenschaft wenden und mich ihrer erbarmen“ (Jer 33-23-26). Inwieweit wurde diese Prophezeiung bereits für Israel oder die Kirche erfüllt?

Hesekiels Worte sind: „So spricht der Herr, HERR: Wenn ich das Haus Israel aus den Völkern sammeln werde, unter die sie zerstreut worden sind, und ich mich an ihnen heilige vor den Augen der Nationen, dann werden sie in ihrem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe. Und sie werden in Sicherheit darin wohnen und Häuser bauen und Weinberge pflanzen; und sie werden in Sicherheit wohnen, wenn ich Gerichte geübt habe an allen, die sie verachteten aus ihrer Umgebung. Und sie werden wissen, dass ich der HERR bin, ihr Gott“ (Hes 28,25–26). Es ist einfach pure Blindheit, wenn man diese Verse auf die Kirche anwendet! An anderer Stelle heißt es: „Und ich werde euch aus den Nationen holen und euch sammeln aus allen Ländern und euch in euer Land bringen. Und ich werde reines Wasser auf euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von allen euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch reinigen“ (Hes 36,24–25). Im nächsten Kapitel wird die Vision der verdorrten Gebeine beschrieben, von denen es heißt: „Diese Gebeine sind das ganze Haus Israel“. Der Herr sagt jedoch: „Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und werde euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, dass ich der HERR bin“ (V. 11–13). Dann folgt das Gesicht über die Vereinigung Judas mit Israel, die so geschildert wird: „Und rede zu ihnen: So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich werde die Kinder Israel aus den Nationen herausholen, wohin sie gezogen sind, und ich werde sie von ringsumher sammeln und sie in ihr Land bringen. Und ich werde sie zu einer Nation machen im Land, auf den Bergen Israels, und sie werden allesamt einen König zum König haben; und sie sollen nicht mehr zu zwei Nationen werden und sollen sich fortan nicht mehr in zwei Königreiche teilen“ (V. 21–22).

Daniel beschreibt die Geschichte der Herrschaft der Nationen, die mit der völligen Zerstörung ihrer Macht und der Errichtung des Reiches des Sohnes des Menschen endet, wenn „das Reich und die Herrschaft und die Größe der Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen der höchsten Örter gegeben werden“ (Dan 7,27). Dies sind Personen auf der Erde, denn von ihnen wird wenige Verse zuvor gesagt, dass sie von der Macht, die in dem kleinen Horn symbolisiert wird, verfolgt werden. Von dieser Verfolgung werden sie durch das Gericht über die Gottlosen und die Errichtung des Messianischen Reiches gerettet. Die schreckliche Prüfung und anschließende Errettung werden einige Kapitel später so geschildert: „Und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“ (Dan 12,1).

Es gibt noch drei spätere Propheten, deren Schriften von einer Zeit nach der teilweisen Wiederherstellung der Juden unter Serubbabel datieren. Von diesen ist Haggais kurze Prophezeiung mehr mit der Gegenwart als mit der Zukunft beschäftigt. Aber er sagt ein gewaltiges Ereignis voraus: „Denn so spricht der HERR der Heerscharen: Noch einmal, eine kurze Zeit ist es, da werde ich den Himmel erschüttern und die Erde und das Meer und das Trockene. Und ich werde alle Nationen erschüttern; und das Ersehnte aller Nationen wird kommen, und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen, spricht der HERR der Heerscharen“ (Hag 2,6–7). Bei dem ersten Kommen Christi gab es keine derartige Erschütterung und bei seinem Kommen am Ende der Welt werden die Tempel und die Erde selbst entflohen sein. Bei seinem zweiten Kommen wird es, wie wir gesehen haben, eine mächtige Erschütterung und furchtbare Gerichte geben und die Herrlichkeit seines Reiches wird in und von Jerusalem ausgehend sichtbar hervorstrahlen.

Sacharja ist mehr mit der Zukunft beschäftigt. Er schreibt: „Als offene Stadt wird Jerusalem bewohnt werden wegen der Menge von Menschen und Vieh in seiner Mitte. Und ich, spricht der HERR, werde ihm ringsum eine feurige Mauer sein und werde zur Herrlichkeit sein in seiner Mitte ... Juble und freue dich, Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und werde in deiner Mitte wohnen, spricht der HERR. Und an jenem Tag werden viele Nationen sich dem HERRN anschließen ... Und der HERR wird Juda als sein Erbteil besitzen im heiligen Land und wird Jerusalem noch erwählen“ (Sach 2,8–16). Ebenso: „Und ich werde das Haus Juda stärken und das Haus Joseph retten und werde sie wohnen lassen; denn ich habe mich ihrer erbarmt, und sie werden sein, als ob ich sie nicht verstoßen hätte. Denn ich bin der HERR, ihr Gott, und werde ihnen antworten“ (Sach 10,6). Wie unähnlich zu der bisherigen Geschichte der Juden und absolut nicht auf die Kirche anwendbar ist eine Prophezeiung wie diese: „An jenem Tag werde ich die Fürsten von Juda einem Feuerbecken unter Holzstücken und einer Feuerfackel unter Garben gleichmachen; und sie werden zur Rechten und zur Linken alle Völker ringsum verzehren. Und fortan wird Jerusalem an seiner Stätte wohnen in Jerusalem“ (Sach 12,6). Das auf die Vergangenheit Israels oder die Kirche zu beziehen bedeutet, Prophetie in Spötterei zu verkehren und dem Wort Gottes seinen ganzen Wert zu nehmen. Es ist jedoch ganz einfach zu verstehen, wenn es im Licht Gottes offenbarter Absichten in Bezug auf das Reich seines Sohnes, der erscheinen wird, um Gericht zu üben „auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte einen Namen geschrieben: König der Könige und Herr der Herren“ (Off 19,16) gelesen wird.

Maleachi beschreibt das Kommen des Herrn „wie das Feuer des Schmelzers ... und wie die Lauge der Wäscher“. Es ist ein so schreckliches Ereignis, dass er fragt: „Wer aber kann den Tag seines Kommens ertragen, und wer wird bei seinem Erscheinen bestehen?“ Die Folge seiner Wiederkehr ist die Läuterung des Hauses Levi, „so dass sie dem HERRN Opfergaben darbringen werden in Gerechtigkeit“. Dann wird die Opfergabe Judas und Jerusalems dem HERRN angenehm sein wie in den Tagen vor alters und wie in den Jahren der Vorzeit. Und ich werde euch nahen zum Gericht ... Denn ich, der HERR, ich verändere mich nicht; und ihr, Kinder Jakobs, ihr werdet nicht vernichtet werden“ (Mal 3,3–6).

Das sind die stets ähnlichen Zeugnisse der hebräischen Propheten. War es Gottes Absicht, dass die Betroffenen die Vorhersagen in ihrem natürlichen Zusammenhang verstehen oder gar nicht verstehen? Hätte ein Jude diese anders verstehen können als eine wunderbare Reihe von Prophezeiungen, die sein eigenes Volk betreffen? Und könnte man glauben, dass Gott einem Gläubigen mit solchen Worten Hoffnungen macht, die sich dann als trügerische und irrige Erwartungen entpuppen?

Lasst uns dazu einmal einen Vergleich ziehen, wenn dieser auch einen unrealistischen Fall darstellt. Stellen wir uns einmal vor, der Herr sendet eine Reihe von Propheten, die den Untergang der britischen Monarchie, die Zerstreuung des Volkes und die Besetzung des Landes durch ausländische Mächte vorhersagen. Während Er dieses schlimme Schicksal ankündigt, sagt Er jedoch im gleichen Atemzug, dass nach einer langen Zeit der nationalen Erniedrigung und Verzweiflung ein großer Prinz der königlichen Familie emporkommen wird. Das zerstreute Volk wird gesammelt, eine Zeit unermesslichen Wohlstands und Herrlichkeit wird anbrechen und die fremden Besatzer werden einem gewaltigen Gericht unterzogen. Angenommen, der erste Teil dieser Prophezeiung würde erfüllt, die Monarchie zerstört, das Volk zerstreut, das Land unter fremder Besatzung, wonach würden die britischen Vertriebenen Ausschau halten? Wäre es nicht die Erfüllung des zweiten Teils der gleichen Verheißung, in dem ihre endgültige Erlösung und Segnung vorhergesagt wird? Und was würde man sagen, wenn ein russischer Geistlicher, der diese Prophezeiung in der Zeit des britischen Umsturzes verkündet, erklären müsste, dass die Vorhersagen der Zerstörung und des Elends ihre wörtliche Erfüllung in dem Niedergang und der Zerstreuung des englischen Volkes haben, aber dass die Vorhersagen des Segens überhaupt keinen Bezug zu der Nation haben, sondern die Blüte und den Glanz der griechisch-orthodoxen Kirche schildern – dass die Propheten, wenn sie von Großbritannien sprachen, das griechisch-orthodoxe Kirchensystem meinten, wenn die Rede von London war, es eigentlich um Konstantinopel ging und dass mit den Nachkommen von Queen Victoria tatsächlich die Patriarchen des Orients gemeint waren? Würde darin nicht jeder eine unglaubliche Nachlässigkeit sehen? Aber genau das hat die Christenheit mit den Verheißungen Israels getan. Man hat bereitwillig anerkannt, dass das ganze Schlechte das nationale Erbe der jüdischen Rasse sei, hat aber die von den gleichen Propheten vorhergesagten Segnungen, die sie unmittelbar im Anschluss und auf die gleiche Personengruppe bezogen äußerten, für sich in Anspruch genommen. Damit haben sie die Verheißungen nationaler Blüte und Wohlstands, der Herrschaft und Vergeltung auf ein geistliches System übertragen, das dem Volk Israel genauso wenig ähnelt wie die griechisch-orthodoxe Kirche dem britischen Empire.

Fußnoten

  • 1 Man beachte, dass der Autor diesen Artikel im 19. Jahrhundert geschrieben hat (Anm. der Redaktion).
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