Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Einleitung

Wie allgemein bekannt ist, gibt es im Volk Gottes unterschiedliche Auslegungen der Schriftstellen, die sich mit der Zukunft der Kirche und der Welt beschäftigen. Die übliche Interpretation ist, dass die Verheißungen in den prophetischen Aussagen der Psalmen und des Alten Testaments die Kirche betreffen. Diese hat als geistliches Israel in Gottes Plänen den Platz des eigentlichen Israel eingenommen, dem diese Verheißungen galten. Die Erfüllung dieser Verheißungen ist also eher geistlich als wörtlich zu sehen. Sie werden durch die stetige Ausbreitung des Christentums hervorgebracht und der Segen in Form von Frieden und Wohlstand sind Folgen des universalen Triumphzugs des Evangeliums. Die weltweite Herrschaft der Wahrheit und Freude wird für einen Zeitraum von tausend Jahren angenommen. In dieser Zeit ist Satan gebunden und die Heiligen werden mit Christus regieren. Man geht davon aus, dass am Ende dieser Zeit, nach einer weiteren kurzen Episode satanischen Wirkens und menschlichen Verderbens, die Erde vernichtet wird und es eine allgemeine Auferstehung der Toten, sowohl der bösen als auch der guten geben wird. Diese werden vor dem großen weißen Thron gerichtet. Man nennt dieses Ereignis „das Kommen des Herrn“, „das Erscheinen des Herrn“, „der Tag des Herrn“, „das Ende der Zeit“ (fehlübersetzt mit „Welt“) und „das Kommen des Sohnes des Menschen“ – alle Bezeichnungen beziehen sich auf den selben Zeitraum, das Ende der Geschichte und das Ende der bewohnbaren Erde.

Es gibt jedoch auch eine andere Auslegung zu den Schriftstellen, die diese Ereignisse beschreiben. Diese wird im Folgenden kurz dargelegt: Die alttestamentlichen Prophezeiungen werden wörtlich in Erfüllung gehen, es sei denn, sie haben offensichtlich symbolischen Charakter. Die Verheißungen, die Israel gegeben werden, werden sich auch für Israel und nicht für die Kirche erfüllen. Die alttestamentlichen Prophezeiungen betreffen somit nicht die Kirche, im Neuen Testament finden sich keine Vorhersagen über die weltweite Ausbreitung des Christentums, im Gegenteil, es enthält traurige Ankündigungen über Verfall und Gericht über die leblose Christenheit. Mitten in dieser Dunkelheit jedoch ist das Warten auf das Kommen des Herrn für seine Heiligen ein helles Licht der Hoffnung in den Herzen der Gläubigen. Dieses Kommen, für das uns absichtlich kein Datum genannt wird, ist nicht das Ende der Welt, sondern geht den der Welt bestimmten Gerichten und der Herrschaft Christi mit seinen Heiligen voraus. Bei diesem Ereignis werden die lebenden Gläubigen von der Erde zum Himmel auffahren und dem Herrn in der Luft begegnen. Dies ist Teil der „ersten Auferstehung“, wenn die Toten in Christus auferstehen. Dann folgen die Wehe, die „den Tag des Herrn“ einleiten, wenn Israel wiederhergestellt wird, alttestamentliche Prophezeiungen werden erfüllt, Satan wird gebunden und die Herrschaft Christi wird auf der Erde eingeführt. Am Ende wird Satan losgelassen, die Nationen lehnen sich auf, die Welt wird verzehrt und die „Übrigen der Toten“ werden auferstehen und gerichtet.

Ich schlage vor einmal zu untersuchen, welche dieser Auslegungen richtig ist. Das ist keine Frage der bloßen Neugierde, noch weniger ein Eindringen in Bereiche, deren Zutritt für uns verboten ist. Der Herr unterscheidet zwischen dem Knecht und dem Freund, „denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut“, während er zu seinen Jüngern, als Freunden, sagt, dass er ihnen alles, was er von seinem Vater gehört hat, kundgetan hat (Joh 15,15). In der gleichen Unterredung verspricht er, den „Geist der Wahrheit“ zu senden, den Sachwalter, der ihnen das Kommende verkündigen wird (Joh 16,13). Der Gedanke, dass die ständigen Hinweise auf die Zukunft, die wir überall in der Heiligen Schrift finden, gar nicht verstanden werden sollen, ist allerdings ein Widerspruch in sich. Und im Vorausblick auf den Geist des Unglaubens und der Gleichgültigkeit, der die gegenwärtige Zeit charakterisiert, hat der Heilige Geist bei der Einleitung der Offenbarung, dem markantesten prophetischen Teil des Neuen Testaments, eine besondere Segnung für die „die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist“ (Off 1,3).

Zugegebenermaßen kann die Auslegung der Prophetie auf leichtfertige und rein wissbegierige Art und Weise erfolgen. Aber haben sich nicht solche, die ihre Ohren vor den Verheißungen und Warnungen dieser verschließen, der gleichen Respektlosigkeit schuldig gemacht, die sie an anderen kritisieren? Denn das Ziel der Prophetie ist es, Gottes Absichten im Hinblick auf die Verherrlichung seines Sohnes zu offenbaren, den die Menschen abgelehnt haben, den Gott jedoch erhöht hat und vor dem jedes Knie sich beugen und jede Zunge bekennen soll. In Anbetracht dieses Themas, lädt er seine Auserwählten ein zu teilen. Und wer sind seine Auserwählten? Sind sie bloß Beobachter? Nein, Gott sei Dank, sind wir, die wir an Jesus glauben, seine Miterben – alle Dinge sind uns. Gott lädt uns ein, einen Blick auf das Erbteil zu werfen, was Er für uns bereitet hat und was wir gemeinsam mit dem Sohn seiner Liebe besitzen dürfen. Im Genuss dieses Erbteils, wird der „Erstgeborene”, in dem unsere Annahme besteht, der Gegenstand unserer Anbetung und Freude sein. Bei der Betrachtung dieses Erbteils sollte nun unser erster Gedanke sein, dass wir auf das Teil schauen, das für Ihn bereitet wurde. Er, der allein würdig ist, „zu empfangen die Macht und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Herrlichkeit und Segnung.“ Prophetie unter einem geringeren Aspekt zu studieren, bedeutet, den Blick auf sein herrliches Ziel zu verlieren. Es ist wie das Studium des Sonnensystems von den Umlaufbahnen der weiter entfernten Planeten, ohne das Zentrum des Ganzen, um das sich alles dreht, in Betracht zu ziehen. Sie jedoch als für uns nicht gewinnbringend zu vernachlässigen, weil sie nicht zu unserem persönlichen Heil beiträgt, ist eine eigennützige Herabwürdigung der Ansprüche Christi und der herablassenden Güte Gottes, die uns so in seine Ratschlüsse einbindet, nicht würdig. Es bedeutet, dass wir bewusst die Stellung des Knechts gegenüber der eines Freundes bevorzugen. Wir erklären damit, dass, so lange unsere Interessen gewahrt werden, wir gleichgültig demgegenüber sind, was Gott uns über die Herrlichkeit dessen gesagt hat, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat.

Wir können auch nicht die große praktische Bedeutung dieser Untersuchung übersehen. Es gibt eine große moralische Kluft zwischen den beiden vorgestellten Auslegungen kommender Ereignisse. Wenn Gottes Wort lehrt, dass das Christentum, anstatt die ganze Welt zu durchziehen, wie das Judentum auch nur ein Beweis für die unheilbare Feindschaft der Menschen zu Gott ist, dann ist der triumphierende und selbstgefällige Ton in der Christenheit nicht besser als die Selbstzufriedenheit der Laodizäer. Diese sagen „Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts“, während sie doch vielmehr darüber trauern sollten, dass sie „arm und blind und nackt“ sind (Off 3,17). Es ist eine falsche und trügerische Hoffnung von „Frieden und Sicherheit“ zu sprechen wenn ein „plötzliches Verderben“ bevorsteht. Und wenn auch die Welt dem Gericht entgegeneilt, so werden Christen, die das wahrnehmen, den verführerischen Ruf des Zeitgeists rechtzeitig erkennen und sich davor hüten, selbst in Angelegenheiten verstrickt zu werden, die dem Untergang bestimmt sind.

Der tiefe Ernst dieses Gegenstands verbietet jegliche Form eitler Neugier und gleichzeitig ist das Thema derart bedeutsam, dass auch alle Gleichgültigkeit ihm gegenüber verurteilt werden muss. Diese Dinge sind zu unserer Unterweisung geschrieben. Es kann nicht die Sache eines kurzen Moments sein, ob die Anweisung, die Gott gegeben hat, empfangen oder ignoriert, verstanden oder missverstanden wird. Ehrfurcht vor Gottes Heiligem Wort, Hochachtung für Ehre und Ruhm Christi, sowie bedeutende praktische Fragen, die sich aus den verschiedenen Auslegungen ergeben – alles das führt dazu sowohl den Geist der Neugier, mit dem sich diesem Thema zu oft genähert wird, wie auch den Geist der Nachlässigkeit, der dieses Thema zu oft vermeidet, zu verurteilen. Für eine eindeutige und klare Auslegung, sollte man diesen Gegenstand am besten unter folgenden Gesichtspunkten betrachten:

  1. Welche unmittelbare Zukunftsaussicht wird hier dem Gläubigen vorgestellt? In anderen Worten: was ist die Hoffnung der Kirche nach dem Wort Gottes? Das wird uns automatisch dazu bringen,
  2. einen Blick auf die im Alten Testament enthaltenen Verheißungen des Segens und der Gerechtigkeit auf der Erde zu werfen und die Art und Weise in der diese Verheißungen erfüllt werden. Nachdem man somit zwischen der Hoffnung der Kirche und den Segensaussichten vor der Welt unterschieden hat, sind wir besser in der Lage folgendes zu verstehen und festzustellen:
  3. Die Lehre des Heiligen Geistes in Bezug auf die Stellung der Kirche in Gottes Regierungswegen und ihre moralische Beziehung der Welt gegenüber – ein Thema, das tiefgehende und äußerst praktische Belehrungen für eine angemessene Lebensführung der Gläubigen in der heutigen Zeit beinhaltet.
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