Der Prophet Daniel und die Zeiten der Nationen

Daniel 1

Wie auch immer der Zustand auf der Erde ist, Gott lässt sich selbst niemals unbezeugt. Er mag sein Volk wegen seiner Untreue und seiner Sünden bestrafen und zulassen, dass es in Gefangenschaft geführt und unter der Macht seiner Feinde versklavt wird. Und doch wird Er inmitten der es umgebenden Finsternis das Licht seiner Wahrheit wieder aufleuchten lassen – als Zeugnis seiner selbst und seiner Treue, und als Ermutigung für solche, die ihm anhängen oder sich unter ihrer Last zu Ihm wenden. Auch wird Er dafür sorgen, dass die, die Er zur Züchtigung seines Volkes benutzt hat, erkennen, dass es noch immer Gegenstand seiner Fürsorge und Liebe ist; und dass seine Bedränger, so erhaben und mächtig sie auch scheinen mögen, Ihm unterworfen und verantwortlich sind.

Einleitung und historischer Hintergrund

„Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es. Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand, und einen Teil der Geräte des Hauses Gottes; und er brachte sie in das Land Sinear, in das Haus seines Gottes: Die Geräte brachte er in das Schatzhaus seines Gottes“ (1,1–2).

Die ersten drei Verse bilden die Einleitung des Buches. Sie erklären, wie es kam, dass Daniel und seine Freunde in Verbindung mit dem Hof des Königs von Babylon gefunden werden. Sie beziehen sich, wie man den historischen Berichterstattungen in 2. Könige und 2. Chronika unschwer entnehmen kann, auf die erste Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar. In 2. Chronika heißt es nach der Erwähnung der Thronbesteigung Jojakims durch das Mitwirken des ägyptischen Königs Neko: „Gegen ihn zog Nebukadnezar, der König von Babel, herauf; und er band ihn mit ehernen Fesseln, um ihn nach Babel zu führen“ (2. Chr 36,6.7). Doch weder hier noch im Buch der Könige wird erwähnt, dass es zu dieser Zeit noch weitere Gefangene gab. Daher ist es recht wahrscheinlich, dass diese kurze einleitende Beschreibung des Kapitels die darauffolgenden Handlungen des Königs von Babylon bis zur Zerstörung Jerusalems mit beinhaltet, wobei die Obersten und alle kriegstüchtigen Männer und die Masse des Volkes nach Babylon verschleppt worden waren (siehe 2. Kön 24,12–16; 25,1–21). Daher handelt es sich wohl eher um die allgemeine Situation, die hier beschrieben wird. Der Herr hatte Jojakim in die Hand Nebukadnezars gegeben und sein Haus in Jerusalem so vollends verlassen, dass Er zuließ, dass die heiligen Geräte des Tempels (so entweiht sie auch durch die Sünden des Königs von Juda waren) ins Land Sinear1 gebracht wurden, in das Haus des Gottes Nebukadnezars. Der Leuchter Gottes in Jerusalem wurde daher vorerst weggenommen; und dies war Gericht, denn er hatte aufgehört, das göttliche Licht der Leitung und Segnung inmitten der moralischen Dunkelheit dieser Welt auszustrahlen.

Gott erhält sich Zeugen in Zeiten des Gerichts

„Und der König befahl Aschpenas, dem Obersten seiner Hofbeamten, dass er von den Kindern Israel, sowohl vom königlichen Geschlecht als auch von den Vornehmen, Jünglinge brächte, an denen keinerlei Fehl wäre und die schön von Aussehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt und tüchtig wären, im Palast des Königs zu stehen, und dass man sie die Schriften und die Sprache der Chaldäer lehre. Und der König bestimmte ihnen für jeden Tag eine Tagesration von der Tafelkost des Königs und von dem Wein, den er trank, und dass man sie drei Jahre lang erzöge; und an deren Ende sollten sie vor dem König stehen.

Und unter ihnen waren von den Kindern Juda: Daniel, Hananja, Misael und Asarja. Und der Oberste der Hofbeamten gab ihnen Namen; und er nannte Daniel Beltsazar, und Hananja Sadrach, und Misael Mesach, und Asarja Abednego“ (1,3–7).

In nächsten Abschnitt wird der Überrest, oder seine Darstellung, vorgestellt. Nachdem Hiskia die Gefolgschaft des Königs von Babylon empfangen und ihr, erfreut über die ihm auf die Weise entgegengebrachte Aufmerksamkeit, alle Schätze seines Königreiches gezeigt hatte, wurde Jesaja mit dieser Botschaft zu ihm gesandt: „Höre das Wort des HERRN der Heerscharen! Siehe, es kommen Tage, da alles, was in deinem Haus ist, und was deine Väter aufgehäuft haben bis auf diesen Tag, nach Babel weggebracht werden wird ... Und von deinen Söhnen, die aus dir hervorkommen werden, die du zeugen wirst, wird man nehmen, und sie werden Hofbeamte im Palast des Königs von Babel sein (Jes 39,5–7). Die ersten Verse unseres Kapitels zeigen die Erfüllung der Prophezeiung Jesajas; doch wir möchten gern die Aufmerksamkeit darauf lenken, dass Gott, indem Er sein eigenes Gericht erfüllte, doch Barmherzigkeit übte, denn aus eben diesen Nachkommen Hiskias ließ Er sich inmitten des götzendienerischen Abfalls Babylons Zeugen für sich selbst heranwachsen.

Indem Er es Nebukadnezar zuließ, sie als Gefangene wegzuführen, erreichte Gott seine eigenen Absichten. Doch Nebukadnezar, der Macht über sie erlangt hatte, trachtete danach, sie seinem Willen untertan zu machen. Die Folge ist, dass augenblicklich ein Konflikt zwischen den Gedanken Gottes und den Gedanken des Königs von Babylon entstand. Nebukadnezar wollte seinen Palast mit solchen Gefangenen schmücken, „an denen keinerlei Fehl wäre und die schön von Aussehen und unterwiesen in aller Weisheit und kenntnisreich und mit Einsicht begabt und tüchtig wären, im Palast des Königs zu stehen, und dass man sie die Schriften und die Sprache der Chaldäer lehre“. Die Welt ist immer bereit, Menschen aus dem Volk Gottes zu ihren Dienern zu machen und aus ihrem Wissen Erkenntnis zu gewinnen; doch sie kann sie nicht tolerieren, wenn sie Treue zu ihrem Gott im Gehorsam gegenüber seinem Wort in heiliger Absonderung vom Bösen halten wollen. Der König wollte daher, dass diese Gefangenen sein eigenes Fleisch vorgesetzt bekamen und seinen eigenen Wein tranken, sodass sie, nachdem sie drei Jahre lang mit seinen Gütern versorgt worden waren, am Ende in seiner Gegenwart stehen sollten (1,5). Kurzgesagt, er wollte, dass sie aufhörten, Juden zu sein und Chaldäer wurden, wobei sie das Licht, das sie von den Orakeln Gottes empfangen hatten, mit ihrer neuen Religion vermischen sollten. Dies ist selbst in christlichen Zeiten der Ursprung der Philosophie – die Philosophie, vor der Paulus uns ernstlich warnt, indem er sagt, dass sie „nach den Elementen der Welt, und nicht nach Christus“ ist (Kol 2,8).

In Verbindung mit diesem Befehl Nebukadnezars werden Daniel, Hananja, Misael und Asarja in den Fokus gestellt. Ihre Namen, wenn man sie richtig verstand, verkündeten, zu wem sie gehörten2 und wie ihr Gott war: Und der Oberste der Kämmerer, der instinktiv spürte, dass solche Namen nicht zu dem Hof seines Meister passten, gab ihnen andere Namen, die alle mehr oder weniger mit babylonischen Götzen verbunden waren.

Der Herzensentschluss Daniels

„Und Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen; und er erbat sich vom Obersten der Hofbeamten, dass er sich nicht verunreinigen müsse“ (1,8).

Die Frage, die sich Daniel und seinen Freunden nun stellte, war, ob sie sich um der Gunst der Welt und ihres Aufstiegs willen an den Befehl des Königs halten würden. Die Antwort wird bereits gegeben: „Und Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, sich nicht mit der Tafelkost des Königs und mit dem Wein, den er trank, zu verunreinigen“. Als ein dem Wort Gottes gehorsamer Jude war es Daniel unmöglich, die Speisen der Heiden zu sich zu nehmen. Sowohl das Fett als auch das Blut der Tiere, die zu essen erlaubt waren, waren verboten; und nur vom reinen Vieh und Geflügel durfte ein Jude essen (siehe 3. Mo 7,22–27; 11; 22). Daniel und seine Freunde konnten diese königliche Anordnung daher nicht akzeptieren, ohne ihren Glauben aufzugeben und das Wort Gottes zu verleugnen. Und es gibt noch eine weitere Belehrung – wenn eine Anwendung auf uns vorgenommen werden darf. Die Nahrung der Welt, in der der von Gott entfremdete Mensch seine Kraft und Erhaltung findet, ist immer zerstörerisch für das geistliche Leben als Christ; und wenn er ein wahrer Nasiräer sein möchte und auf dem Weg heiliger Absonderung zu Gott hin wandelt, muss er sich immer vom Wein, den Freuden dieser Welt, enthalten. Der Apostel schreibt daher: „Und berauscht euch nicht mit Wein, in dem Ausschweifung ist, sondern werdet mit dem Geist erfüllt“ (Eph 5,18). In der Einstellung Daniels finden wir ein Beispiel für alle Gläubigen. Und je dichter es befolgt wird, desto mehr werden sie das bewusste Wohlgefallen und die Segnungen Gottes genießen – und als moralisch den irdischen Dingen gestorben, werden sie umso vollkommener ihr wahres Erbteil in Christus, dort wo Er ist, erkennen.

Gott belohnt die treue Absonderung seiner Diener

„Und Gott gab Daniel Gnade und Barmherzigkeit vor dem Obersten der Hofbeamten. Und der Oberste der Hofbeamten sprach zu Daniel: Ich fürchte meinen Herrn, den König, der eure Speise und euer Getränk bestimmt hat; denn warum sollte er sehen, dass eure Angesichter verfallener wären als die der Jünglinge eures Alters, so dass ihr meinen Kopf beim König verwirktet? Und Daniel sprach zu dem Aufseher, den der Oberste der Hofbeamten über Daniel, Hananja, Misael und Asarja bestellt hatte: Versuche es doch mit deinen Knechten zehn Tage, und man gebe uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken; und dann mögen unser Aussehen und das Aussehen der Jünglinge, die die Tafelkost des Königs essen, von dir geprüft werden; und tu mit deinen Knechten nach dem, was du sehen wirst. Und er hörte auf sie in dieser Sache und versuchte es zehn Tage mit ihnen. Und am Ende der zehn Tage zeigte sich ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als das aller Jünglinge, die die Tafelkost des Königs aßen. Da tat der Aufseher ihre Tafelkost und den Wein, den sie trinken sollten, weg und gab ihnen Gemüse“ (1,9–16).

Erneut werden wir an den ähnlichen Fall Josephs erinnert. Verkauft nach Ägypten und ein Knecht des Hauses Potifars geworden, „fand [er] Gnade“ in den Augen seines Meisters (1. Mo 39,4). Doch indem er wie Daniel die Speise und den Wein der Welt verweigerte, wurde er, anders als Daniel, ins Gefängnis geworfen, wo der Herr ihm ebenso „Gnade in den Augen des Obersten des Gefängnisses“ gab (1. Mo 39,21). „Wenn die Wege eines Mannes dem HERRN wohlgefallen, so lässt er selbst seine Feinde mit ihm in Frieden sein“ (Spr 16,7). Und so kam es, dass der Oberste der Kämmerer trotz seiner Furcht vor seinem Herrn, dem König, und der möglichen Gefahr für sein eigenes Leben die Bitte Daniels durch den Obersten der Hofbeamten gewährte, dass er und seine Freunde für zehn Tage probeweise Gemüse essen und Wasser trinken sollten, anstatt die königliche Speise und den Wein einzunehmen. Gott war mit Daniel, Hananja, Misael und Asarja, und so kam es, dass am Ende von zehn Tagen sich „ihr Aussehen besser und völliger an Fleisch als das aller Jünglinge, die die Tafelkost des Königs aßen“, zeigte. Gott hatte seine Diener erhalten und gedeihen lassen auf ihrem Weg der Treue zu seinem Willen, indem sie sich selbst unbefleckt erhalten hatten inmitten der babylonischen Verführungen und des Abfalls, von denen sie umgeben waren. Sogar der Obsterste der Hofbeamten konnte nicht leugnen, dass sie durch ihre einfache Diät gediehen waren, und gab ihnen von dort an weiter Gemüse.

Es mag die Überlegung erlaubt sein, dass es viele im Volk Gottes gibt, die auf dem schmalen Pfad hingegebener Jüngerschaft leben können, solange sie in dem Genuss der Gemeinschaft andrer Heiliger und inmitten glücklicher geistlicher Einflüsse sind. Doch es wird manchmal gesehen, dass solche, wenn sie in ein weltliches Umfeld gebracht werden, geneigt sind, sich auf die Praktiken und Gewohnheiten ihrer neuen Gesellschaft einzulassen und so die Abgesondertheit ihres Wandels verlieren, selbst wenn ihr Zeugnis nicht vollständig ausgelöscht wird. Es ist daher voller Erfrischung und Ermutigung, über die hier von diesen vier Kindern Judas dargebotenen Begebenheiten nachzudenken. Sie waren aller Privilegien des Tempels beraubt worden, der Tempel selbst war zerstört worden, sie selbst Gefangene und der Gunst eines heidnischen Monarchen ausgeliefert. Und jeder Art verlockender Versuchungen ausgesetzt, bewahrten sie die Stellung des wahrhaft abgesonderten Nasiräers durch Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes. Ohne Zweifel war es der Glaube und die Energie Daniels, die auf seine Freunde einwirkte und sie dahin führte, ihm auf dem Weg des Willens Gottes zu folgen. Doch selbst wenn es so war, so waren die anderen doch willig, zu folgen, und alle vier stellen einen herausragenden Beweis der Allgenügsamkeit der Gnade Gottes dar, seine Diener in den unliebsamsten Umständen, die man sich nur vorstellen kann, zu erhalten.

Das Geheimnis der HERRN ist für die, die Ihn fürchten

Es folgt die bedeutende Aussage:

„Und diesen vier Jünglingen, ihnen gab Gott Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit; und Daniel hatte Verständnis für alle Gesichte und Träume“ (1,17).

„Das Geheimnis des HERRN ist für die, die ihn fürchten, und sein Bund, um ihnen denselben kundzutun“ (Ps 25,14). Dieser Grundsatz trifft immer zu und kann durch alle Haushaltungen hindurch gesehen werden. Er wurde erstmals durch Gott selbst mit den bekannten Worten bezeugt: „Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will? ... Denn ich habe ihn erkannt, damit er seinen Kindern und seinem Haus nach mir befehle, dass sie den Weg des HERRN bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR auf Abraham kommen lasse, was er über ihn geredet hat“ (1. Mo 18,17–19). Ebenso taucht er in dem Gebet des Apostels Paulus für die Kolosser auf: „... damit ihr erfüllt sein mögt mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlicher Einsicht“ (Kol 1,9). Mit anderen Worten: Es ist vollkommen klar, dass Gott diesen vier „Kindern“ aufgrund ihrer Absonderung im Herzen und im Wandel von den verunreinigenden Bosheiten rings um sie her Kenntnis und Einsicht in aller Schrift und Weisheit gab.

Es ist in der Tat immer wahr, dass je näher wir praktisch beim Herrn sind, er uns desto mehr von seinen Gedanken offenbart. Man bemerke hierbei, dass es nicht nur um das geht, was man generell unter „seinen Gedanken“ versteht, sondern „in aller Weisheit und geistlicher Einsicht“. Die Studenten der modernen Zeit, sogar christliche Studenten, werden zu oft betrogen durch den Gedanken, dass der Erwerb von menschlicher „Weisheit und Einsicht“ von ihrem eigenen Fleiß und ihrer Kraft abhängt. Die Folge ist, dass die Jahre ihres Studentenlebens oft durch geistlichen Niedergang gekennzeichnet sind, wenn nicht sogar durch offene Abkehr. Das Beispiel der vier „Kinder“ mag uns etwas ganz andere lehren. 3

Am Ende des Verses wird Daniel von seinen Freunden abgegrenzt. Uns wird gesagt, dass er, zweifellos im Hinblick auf sein besonderes Werk und seinen Auftrag, Verständnis für alle Gesichte und Träume hatte. Dabei lernen wir auch, dass Gott uns in allen Umständen und Erfahrungen, durch Er sein Volk führt, zu Gefäßen für seinen Dienst formt. Menschlich gesehen war es Unglück, das Daniel getroffen hatte – aus Gottes Sicht, wie deutlich offenbar wird, war dieses scheinbare Unglück nichts als ein von Ihm gewähltes Werkzeug, um Daniel für seinen Auftrag zu formen, sein Zeugnis in den Hof des mächtigen heidnischen Monarchen zu bringen – sein Zeugnis in Bezug auf die Mächte, denen Er erlaubt hatte, an die Stelle seiner eigenen direkten Regierung der Erde durch Israel und Jerusalem als seinen Wohnort und Thron zu treten. Doch es ist Glaube allein, der neben allen zweitrangingen Ursachen alles mit der Hand Gottes in Verbindung bringt und gleichzeitig friedevoll in Ihm ruht, überzeugt von seiner unendlichen Weisheit und Liebe, und davon, dass das Ergebnis aller Ereignisse seinem vollkommenen Willen entsprechen wird.

Die Weisheit der vier Freunde

„Und am Ende der Tage, nach denen der König sie zu bringen befohlen hatte, brachte sie der Oberste der Hofbeamten vor Nebukadnezar. Und der König redete mit ihnen; und unter ihnen allen wurde keiner gefunden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja; und sie standen vor dem König. Und in allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, die der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen, die in seinem ganzen Königreich waren. Und Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kores“ (1,18–21).

Die nächsten drei Verse berichten das Ergebnis der Ausbildung vor dem König, die die vier Freunde sowie all die anderen Auserwählten durchlaufen hatten. Alle wurden gleichermaßen in die königliche Gegenwart gebracht, und Nebukadnezar selbst untersuchte die Schüler seiner Ausbildung: Er „redete mit ihnen; und unter ihnen allen wurde keiner gefunden wie Daniel, Hananja, Misael und Asarja; und sie standen vor dem König. Und in allen Sachen einsichtsvoller Weisheit, die der König von ihnen erfragte, fand er sie zehnmal allen Wahrsagepriestern und Sterndeutern überlegen, die in seinem ganzen Königreich waren“. Sie mögen den Ausspruch des Psalmisten übernommen haben: „Weiser als deine Feinde macht mich dein Gebot, denn immer ist es bei mir. Verständiger bin ich als meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind mein Sinnen. Mehr Einsicht habe ich als die Alten, denn deine Vorschriften habe ich bewahrt“ (Ps 119,98–100). Möge das eine Lektion sein, die sich alle jungen Christen in der heutigen Zeit zu Herzen nehmen!

Das Kapitel schließt mit der Bemerkung, dass Daniel „bis zum ersten Jahr des Königs Kores“ blieb. Er erlebte daher den ungeheuerlichen Zerfall des Reiches, dessen Monarch Nebukadnezar war. Er diente unter Darius, dem Meder, und wurde Zeuge des Antritts des Kores, von dem Jesaja mehr als 150 Jahre zuvor prophezeit hatte, dass er derjenige sein würde, der für die Wiederherstellung Jerusalems und des Tempels gebraucht werden würde (siehe Jes 44,28; 45,1–3, etc.). Dennoch sollte beachtet werden, dass dieser letzte Vers nur die generelle Aussage darstellt, dass Daniel den Antritt des Kores miterlebte; denn in Kapitel 10,1 finden wir, dass er „im dritten Jahr des Kores, des Königs von Persien“ besondere Offenbarungen empfing. Wie lange er dies noch miterlebte, wird nicht genannt. Doch das hier Beschriebene macht deutlich, dass er bis in ein gutes Alter lebte, das in jedem Fall den dreistelligen Bereich um mehr als 10 Jahre überstieg.

Fußnoten

  • 1 Zur Erfassung der Bedeutung dieser Aussage sollte der Leser Sacharja 5 hinzuziehen.
  • 2 Daniel bedeutet „mein Richter ist Gott“; Hananja „der HERR ist gütig“; Misael „Wer ist, was Gott ist?“ und Asarja „der HERR hilft“.
  • 3 Das bekannte Zitat Luthers, obwohl er sich auf die Schriften bezog, kann in diesem Zusammenhang hilfreich sein: „Gut gebetet zu haben, heißt gut studiert zu haben.“
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