1 Timotheus 2 - eine Vers-für-Vers-Auslegung

Vers 2

"... für Könige und alle, die in Hoheit sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst". (Vers 2)

Für Könige und alle, die in Hoheit sind

Wie wir in diesen Versen gesehen haben, geht es also nicht so sehr darum, was wir beten, sondern vielmehr wie wir es tun, für wen wir es tun und warum wir es tun. Dieser Vers nennt nun neben „allen Menschen“ (Vers 1) einen ganz besonderen Zielkreis, für den wir beten sollen. Es geht um Könige und alle, die in Hoheit sind. Dann wird weiter gesagt, warum wir das Gebet für sie tun sollen. Das Wort „damit“ weist darauf hin.

Könige und Menschen in Hoheit sind von Gott gegeben und in politische Ämter eingesetzt worden. „Könige“ bezieht sich auf jeden souveränen Herrscher. Gemeint ist nicht etwa nur Kaiser Nero, der damals in Rom regierte. Gemeint sind vielmehr die Führer und Herrscher von Völkern und Nationen. „Menschen in Hoheit“ meint solche, die in hoher Stellung sind oder ein hohes Amt bekleiden. Es geht um Menschen, die Autorität ausüben und somit in ihrem Rang über anderen stehen. Der Zusammenhang macht klar, dass hier in erster Linie politische Autoritäten angesprochen sind. Es geht um die Personen, die die Regierung eines Volkes bilden, also um die bis heute von Gott eingesetzten Obrigkeiten. Sie haben einen Einfluss darauf, wie sich vieles auf dieser Erde entwickelt, weil Gott die Regierung in ihre Hände gelegt hat.

Gott regiert heute nicht direkt, sondern er tut es in Vorsehungen durch Menschen, die er dazu einsetzt. Erst nach der Entrückung der Versammlung in den Himmel werden die Regierungen nicht mehr von Gott gegeben, sondern direkt von Satan inspiriert sein. Das wird eine furchtbare Zeit sein. Im darauf folgenden 1000-jährigen Reich wird Gott direkt in der Person seines Sohnes regieren. Bis heute aber sind Regierungen von Gott eingesetzt. Gott hat sie als Institution und als Autorität gegeben, damit hier auf der Erde eine gewisse Stabilität garantiert ist. Der Ursprung der Regierungen findet sich nach der Flut. Das wird uns im ersten Buch Mose beschrieben (vgl. 1. Mo 9,6).

Gott gibt diese Machtordnungen auf der Erde. Was sie selbst betrifft, sind sie Gott für ihr Tun und Lassen verantwortlich. Aber diese Seite wird hier nicht berührt. Was uns betrifft, so beugen wir uns ihrer Autorität und beten für sie. Verschiedene Passagen in den Briefen zeigen uns, dass wir den Autoritäten untergeordnet sein sollen (Röm 13,1ff; Tit 3,1; 1. Pet 2,13). Hier steht der Gedanke des Gebets für sie im Vordergrund.

Wir beten konkret für die Männer und Frauen, die Gott in solche Positionen eingesetzt hat. Es wird hier nicht gesagt, dass wir für die Obrigkeit an sich, d.h. für das von Gott gegebene Prinzip der Regierung oder für eine bestimmte Regierungsform beten sollen. Es geht um die Personen, die politische Führungspositionen einnehmen. Paulus fordert an keiner Stelle dazu auf, dafür zu beten, dass die damals herrschende Diktatur abgeschafft würde, sondern er forderte dazu auf, für die Diktatoren zu beten. Bis heute sind in das Gebet für diese Menschen nicht nur die demokratisch gewählten Volksvertreter eingeschlossen, sondern auch die Gewaltherrscher dieser Welt. Gott heißt das, was sie tun, durchaus nicht immer gut. Sie sind ihm dafür verantwortlich. Aber das ist nicht unsere Sache. Wir erkennen die Obrigkeit an, so wie Gott sie gegeben hat. Aber wir beten für die Männer und Frauen, die die Obrigkeit bilden. Es ist klar, dass dies für uns heute einfacher ist als damals, wo ein grausamer Christenhasser an der Regierung war.

Das Gebet für diese Menschen ist heute umso nötiger, weil wir erstens klar spüren, dass die meisten politisch Verantwortlichen unserer Zeit wenig oder gar nicht nach Gottes Gedanken fragen bzw. sich zum Teil direkt dagegen stellen. Auch das gehört zu dem verdrehten und verkehrten Geschlecht, in dem wir leben (Phil 2,15). Darüber hinaus erkennen wir zweitens deutlich, wie die Menschen in den Regierungen immer ratloser werden und oft kaum wissen, wie sie die anstehenden Probleme lösen sollen.

Das Gebet für Menschen in Hoheit wird uns im Übrigen davor bewahren, in unangemessener Weise über sie zu reden. Petrus schreibt „Fürchtet Gott; ehrt den König“ (1. Pet 2,17). Das gilt im übertragenen Sinn bis heute. Das Gebet für sie wird uns des Weiteren nicht veranlassen, uns in die Politik dieser Welt einzumischen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Was wir tun sollen, wird uns hier in einfachen und verständlichen Worten gesagt. Wir beten für Menschen, die politische Ämter bekleiden und drücken dadurch gleichzeitig die Würde der christlichen Stellung in dieser Welt aus.  

Die politischen Führer dieser Welt brauchen die Gebete der Gläubigen. Es ist durchaus nicht so, dass wir die Fürbitte der „Großen“ dieser Welt nötig hätten. Es ist gerade umgekehrt. Nicht wir brauchen die Gunst der Staatsregenten, sondern sie brauchen uns - indem wir für sie beten. Als der Patriarch Jakob vor dem Pharao stand, war es nicht Pharao, der Jakob segnete, sondern Jakob war es, der den mächtigsten Herrscher seiner Zeit segnete (1. Mo 47,10). Hebräer 7,7 sagt uns, dass ohne allen Widerspruch das Geringe von dem Besseren gesegnet wird. Der „Bessere“ war in diesem Fall Jakob. Die Würde eines Christen, der für die politischen Gewalten betet ist größer als die Würde diese Männer und Frauen.

Sprüche 21,1 sagt uns, dass das Herz der Könige Wasserbächen gleicht und dass die Hand des Herrn ihr Herz neigt, wohin er es will. Das macht klar, dass die Obrigkeiten in der Hand unseres Herrn sind. Sie können nicht tun und lassen, was sie wollen. Mit dem Gebet für die Obrigkeiten haben wir einen Zugang zu dem, der die Gewalten so lenkt, wie er es will. Unser Einfluss auf das Handeln dieser Menschen liegt nicht darin, dass wir uns politisch engagieren, sondern darin, dass wir für sie zu Gott beten. Das aktive Einmischen in die Politik dieser Welt kann niemals unsere Aufgabe sein.

Ein ruhiges und stilles Leben

Über den Inhalt des Gebets wird hier nichts weiter ausgesagt. Es geht nicht unmittelbar um die Errettung dieser Menschen, obwohl das ganz sicher in unsere Gebete eingeschlossen ist. Paulus erwähnt die Folgen, die unser Gebet für diese Menschen haben wird. Zum einen erkennen wir sie an und ehren sie. Zum anderen wird unser Gebet konkrete Folgen haben. Unser Gebet wird dazu beitragen, dass sie durch Gottes Gnade Entscheidungen treffen, die dazu beitragen, dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen - und zwar in aller Gottseligkeit und würdigem Ernst. Auf diese Weise kann sich das Evangelium auf dieser Erde viel schneller entfalten und verbreiten. Politiker können ihre Macht sehr leicht missbrauchen mit dem Ergebnis, dass ein „normales“ christliches Leben nur noch sehr schwierig möglich ist.

Nur wenn wir uns den Obrigkeiten gegenüber loyal verhalten und für sie beten und nicht gegen sie rebellieren, können wir ein ruhiges und stilles Leben führen. Das ruhige und stille Leben ist im Übrigen nicht der eigentliche Gegenstand des Gebets. Der Gegenstand sind alle Menschen. Worum es hier jetzt geht, sind die Folgen des Gebets.

Jeder Mensch führt sein Leben, solange er auf dieser Erde ist. In Titus 3,3 erinnert Paulus mit dem gleichen Wort an das frühere Leben. Dieses Leben führten wir in „Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend“. Jetzt soll unser Leben ganze andere Merkmale tragen. Das „ruhige und stille“ Leben dürfen wir allerdings nicht missverstehen. Ein ruhiges Leben ist ein Leben, das frei ist von äußeren Störungen. Ein stilles Leben ist ein friedliches Leben. Es weist auf das Fehlen von inneren und äußeren Störungen hin. Gemeint ist ganz sicher nicht, dass wir als Christen ein bequemes und inaktives Leben führen. Es geht vielmehr darum, dass wir uns in äußeren und inneren Umständen bewegen können, die es uns ermöglichen, unseren Glauben auszuleben und das Evangelium ungehindert zu verbreiten. Äußere Umstände - wie z.B. Kriege, soziale Unruhen, Revolution - können durchaus ein Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums sein. Insofern kann es nur unser Interesse sein, dass die Regierungen in dieser Weise einen starken Arm haben.

Ein ruhiges und stilles Leben lässt uns noch an etwas anderes denken. Es geht nicht darum, dass wir als Christen in Aufsehen erregender Art und Weise das Evangelium in die Welt tragen. Wir benehmen uns nicht „marktschreierisch“, sondern verhalten uns ruhig und still. Das lernen wir von dem Herrn Jesus selbst. Der Prophet Jesaja sagt von ihm, dass er nicht schreien und nicht rufen wird (Jes 42,2). Auch in diesem Sinn sollen wir in Ruhe leben und unseren Weg gehen. 

In aller Gottseligkeit und würdigem Ernst

Das ruhige und stille Leben des Christen bedeutet indes nicht, dass von diesem Leben nichts nach außen sichtbar wird. Im Gegenteil. Es wird einerseits von Gottseligkeit und andererseits von würdigem Ernst begleitet. Daran soll man uns erkennen. Beide Wesensmerkmale sind durch das Wort „alle“ miteinander verbunden. Sie sollen beide im Leben des Christen zu einem Vollmaß kommen.

Gottseligkeit ist ein Ausdruck, der im ersten Brief an Timotheus häufiger vorkommt als in anderen Briefen (vgl. Kap. 2,2; 3,16; 4,7; 4,8; 6,3,5,6,11). Allerdings wird er häufig missverstanden. Gottseligkeit hat nichts damit zu tun, dass man „selig“ oder „glücklich“ in Gott ist. Es geht nicht um den verborgenen Umgang mit Gott, sondern um etwas, was nach außen hin sichtbar wird. Gottseligkeit hat es mit unserer Lebensführung und unserem Verhalten zu tun. Gottseligkeit ist wahre Ehrfurcht und Respekt vor Gott. Es ist die erkennbare Orientierung des Christen zu Gott hin, die dadurch sichtbar wird, dass Gott durch alles, was wir tun, verehrt wird. Jemand hat es auf folgende kurze „Formel“ gebracht: „Gottselig leben bedeutet erstens mit Gott zu leben und zweitens für Gott zu leben“. In Gottseligkeit zu leben bedeutet, dass wir hier auf der Erde zum Wohlgefallen und zur Freude Gottes leben. Eine gottselige Lebensführung bleibt nicht vor den Augen der Menschen verborgen. An uns sollten sie sehen, was Gottes Wille ist. Vorbild für ein solches Leben ist der Herr Jesus selbst. Bei ihm lernen wir, was echte Gottseligkeit ist. Kapitel 3,16 des Briefes erklärt uns, dass das Geheimnis der Gottseligkeit niemand anders als Christus selbst ist: Gott offenbart im Fleisch.

Würdiger Ernst ist Ehrerbietung und Achtung. Es ist die Würde eines Lebens, in dem das innere Denken mit den äußeren Handlungen übereinstimmt. Das schließt nicht aus, dass wir fröhliche Christen sind. Gleichwohl bemühen wir uns, dass wir uns unserer Stellung entsprechend angemessen verhalten. Auch auf diese Weise wird der Name Gottes verherrlicht und geehrt.

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