Botschafter des Heils in Christo 1853

Über die Leiden des Christus

Die Leiden des Herrn Jesus waren zweierlei: Zunächst die Leiden, die er von Seiten der Menschen erduldete, als Er auf der Erde lebte, und dann die, die Er erfuhr, als Er die Last des Zornes Gottes trug. Er trank den Kelch, den Ihm der Vater gab (vgl. Joh 18,11). Wir sehen hier so deutlich die Größe des menschlichen Verderbens. Der Mensch widersetzt sich Jesus in allem und verwirft Ihn, er ist ein Feind Gottes. Besonders groß erscheint uns dies Verderben, wenn wir das Leiden Jesu anschauen, als er für uns den Kelch des Vaters trank. Dies war für ihn keine leichte Sache: „Und er [...] fing an, sehr bestürzt und beängstigt zu werden. Und er spricht zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod“ (Mk 14,33). Er rief am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34).

Es mögen wohl noch manche unter den Lesern sein, welche noch nie tief betrübt über ihre Sünde waren. Sie beweisen damit ihren großen Leichtsinn und die Torheit und Verstocktheit des menschlichen Herzens. Wir haben durch unsere Sünde diesen Kelch, den Jesus nahm, so bitter und schrecklich gemacht. Es mögen Viele wohl die Sünde als etwas Unrichtiges vor Gottes Augen ansehen. Jesus aber hat empfunden, wie schrecklich sie ist. Wenn unsere Herzen, so elend sie sind, dennoch die Sünde nicht fühlen, so hat Jesus sie gefühlt, als Er für uns den Kelch ausleerte und für uns die Sünde trug. So lange ich die Bürde und den Ernst der Sünde nicht fühle und verstehe (wenn auch nicht in dem Maß, wie Jesus), so lange bin ich auch nicht in die Gedanken von Jesus eingegangen. Ich meine hier nicht das bloße Verstehen, das Herz muß davon ergriffen sein. Wer da weiß, wie schwer die Sünde ist und wie viel sie Jesus gekostet hat, und doch davon kein ergriffenes Herz hat, ist ärger, als wenn er gar nichts davon verstünde. Der Zustand des Herzens ist in diesem Falle viel schlechter als in dem anderen.

Nun wollen wir sehen, wenn auch sehr schwach, was die Leiden von Jesus waren. Ach, niemand kann ganz ergründen, was sie gewesen sind. Jeden Tag denkt, sprecht und tut ihr Dinge, weshalb Jesus den Kelch trinken und den Zorn Gottes tragen mußte. Dessen ungeachtet glaubt ihr vielleicht, nicht so böse zu sein. Wenn ihr euch aber vorstellt, dass Christus für eure Sünden gelitten hat, so werdet ihr doch finden, dass sie Ihm schwer geworden sind. Ihm wurde Angst davor und es bangte Ihm. Christus bereitete sich im Garten Gethsemane für uns vor, seinem Gott nach der Heiligkeit seines Gerichts entgegen zu gehen. Seine Seele war tief betrübt bis zum Tode (vgl. Mt 26,38).

Wenn ihr euch vorbereitet, euch dem heiligen Gott zu nahen, habt ihr auch diese Angst und Schrecken? Werft nur einen Blick auf Christus in Gethsemane und seht wie Er für eure Sünden so bedrängt und erschrocken war. Habt ihr das noch nicht getan, so beweist ihr dadurch, dass ihr seine große Liebe und das Werk seiner Gnade für euch nicht achtet. Es ist wichtig und nötig, dass unser Gewissen von dem Gedanken ergriffen ist, dass Christus für uns gelitten und unsere Sünde getragen hat. Kommt meine Seele nicht zu dieser Erkenntnis, so werde ich selbst den Zorn und die Gerechtigkeit Gottes tragen müssen. Jesus war der Sohn Gottes, der Geliebte. Er hatte keine Sünde getan, aber Er wurde für uns zur Sünde gemacht. Wenn nun die Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes Jesus, den Geliebten, nicht verschonen konnte, wie wollt ihr entrinnen, wenn ihr dem Angesicht Gottes begegnet? Und wenn ich Christus betrachte, wie er den Zorn und Fluch trug, kann ich annehmen, meine Sünden seien etwas Geringes? Nein! das Böse, das ich getan, war in Gottes Augen groß genug, um auf Jesus Todesangst und die ganze Last des Zornes Gottes zu bringen. Und warum hat Christus am Kreuz den Zorn Gottes getragen? Darum, weil ihr diesen Zorn und die ewige Verdammnis verdient habt.

Oft gehen Seelen, ohne es zu wissen, mit ihren Sünden beladen, Gott entgegen. Viele Seelen sind in dieser Situation und merken es selbst nicht. Oder ist es für Viele von euch nicht wahr, dass ihr, ohne euch zu fürchten, in diesem Leben Gott und seinem Gericht entgegen Geht? Wenn ihr aber so gemächlich dem Gericht Gottes entgegen geht, so beweist ihr dadurch, dass eure Gewissen nicht geweckt oder dass sie gar verstockt sind. Ihr versteht nichts von der Todesangst und dem Leiden von Jesus und erkennt nichts von dem Kelch, den Er leerte.

O wie erhaben ist es, Jesus inmitten seiner Leiden und seiner Angst zu betrachten! Vollkommen ruhig sehen wir Ihn, und mit Ruhe die Schwere des Kelchs erwägend, den Er trinken wollte. Und unter welchen Umständen? Alles, was Ihn umgab, war geeignet, die Liebe seines Herzens zu verwunden und zu zermalmen. Je mehr die Welt uns verwirft und verachtet, desto mehr bedürfen wir der Liebe. Jesus war voller Liebe und Zärtlichkeit für seine Jünger. Er hatte sie immer geliebt und getragen, und wie geht es Ihm dessen ungeachtet? Was fand er unter ihnen, als der Menschen Bosheit zügellos auf ihn einstürmte? Er fand, dass selbst unter denen, die Er liebte, die mit Ihm als Freunde und Gefährten am gleichen Tische aßen, einer war, von dem Er sagen mußte: „Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich überliefern“ (Mk 14,18). Ja einer aus euch, die Ihr mit mir gewesen seid, als meine Gefährten! Sein Herz ist tief verwundet. – Und da sie betrübt waren, und anfingen, einer nach dem anderen zu fragen: „Ich doch nicht?“, antwortete Jesus, um zu zeigen, wie sein Herz im Schmerz war: „Einer der Zwölf, der mit mir die Hand in die Schüssel eintaucht“ (Mk 14,20). Einer von euch, die ihr mich gekannt und gesehen habt, und in meinem vertrauten Umgang wart. Und doch war Jesus vollkommen ruhig.

„Und während sie aßen, nahm er Brot, segnete, brach und gab es ihnen und sprach: Nehmt; dies ist mein Leib. Und er nahm einen Kelch, dankte und gab ihnen diesen; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird. Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde bis zu jenem Tag, wenn ich es neu trinke in dem Reich Gottes. Und als sie ein Loblied gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg“ (Mk 14,22–26).

Er sollte bald gekreuzigt werden. An wen denkt Er? An seine Jünger. Sein Leib sollte hingegeben 1 und sein Blut vergossen werden. Bald sollte Gottes Zorn über Ihn kommen, doch mit Ruhe erklärt Er ihnen den Wert dessen, was Er jetzt für sie tun wollte. Er überschreitet im Geist die Jahrhunderte, in welchen wir nun leben und versetzt sich in jene Zeit, in welcher er von der Mühsal seiner Seele Frucht sehen und sich sättigen wird (vgl. Jes 53,17) und vom Gewächs des Weinstocks erneut trinken wird im Reich Gottes (V.25). Wie schön ist es, den Herrn Jesus zu sehen, wie Er durch seinen Blick so die Zeiten durchdringt! Mitten unter den schauerlichsten Umständen, in denen Er sich befand, ist seine Seele ruhig. In Ruhe denkt er an die durch seine Leiden errungene ewige Seligkeit seiner Jünger und an die Freude, die Er dann empfinden wird, wenn er sie in jener Herrlichkeit wieder sehen wird. Ohne sich durch den Gedanken an seine nahen Leiden bedrücken zu lassen, ohne Aufregung, ohne Schrecken betrachtet Er im Frieden den Wert seines Opfers und das Glück, seine Jünger wieder zu finden. Der Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, die Flucht seiner Jünger, seine Verwerfung von der Welt, der Hass und die Feindschaft Satans – nichts stört Ihn: sie sangen den Lobgesang (V.26)!

„Und Jesus spricht zu ihnen: Ihr werdet alle Anstoß nehmen, denn es steht geschrieben: ‚Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.‘ Aber nach meiner Auferweckung werde ich euch vorausgehen nach Galiläa“ (Mk 14,27–28).

Jesus sagt zu ihnen, dass alle an ihm Anstoß nehmen werden. – Wir schämen uns seiner, wir Elende! Doch wie erhebt selbst dieses die unaussprechliche Liebe Jesu! Er sagt seinen Schafen, die nun bald zerstreut werden sollen, dass Er in Kurzem wieder bei ihnen sein werde. Er sagt, dass Er ihnen nach Galiläa vorausgehen wolle, sobald das ganze Werk vollendet sei, das Werk, wodurch die Seinen erlöst, wodurch der vollkommene Gehorsam Jesu und leider auch die Schwäche ihres Fleisches enthüllt werden sollte.

„Petrus aber sprach zu ihm: Wenn auch alle Anstoß nehmen werden, ich aber nicht. Und Jesus spricht zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst“ (Mk 14,29–30).

Petrus hat das falsche Vertrauen auf das Fleisch gesetzt. Aber wirft ihm Jesus dies vor? Im Gegenteil, was erzeugte dieser Dünkel des Petrus in seinem Herzen? Er warnt Petrus und betet für ihn. Seine feste, unbewegliche Liebe gibt nie nach. Sein Herz ist nicht entmutigt. Aber Er, der alle Mühe tragen sollte, Er ermutigt seine Jünger und tröstet sie.

„Er aber beteuerte über die Maßen: Wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso aber sprachen auch alle“ (Mk 14,31).

Es mag noch Vielen gehen, wie es dem Petrus erging, nämlich zu sagen: „Wenn ich mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht verleugnen“. Und ebenso sagten auch die übrigen Jünger. – Da wo Christus geehrt und anerkannt ist, in der Mitte der Seinen, da erkennt man Ihn auch gern an, da will man auch den von Menschen verworfenen Christus haben, aber in anderer Gesellschaft, in Mitte derer, die Ihn verachten und verwerfen, da ist das Herz bereitwillig und hastig zu verbergen, dass es Ihn kennt. Und wenn ihr es schlecht findet, dass Petrus Ihn so verleugnete, ist es weniger schlecht, wenn ihr es tut? Oder wenn wir in der Lage sind, um seines Namens willen Schmach zu tragen, und es nicht lieben, Ihn zu bekennen, verleugnen wir Ihn denn nicht ebenso schlimm wie Petrus? Dies tut man, weil das Gewissen nicht geweckt und ergriffen ist darüber, dass Jesus der Sünde wegen gelitten hat. Das Gewissen soll dazu kommen, den Ernst der Sünde zu fühlen, die Jesus ins Leiden führte, und diese Sünde ist die eure. Es soll von der Liebe von Jesus gerührt und von dessen Liebesmacht ergriffen werden, die diese unermessliche Last der Sünde auf sich lud, da Er um unserer Übertretungen willen verwundet und um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen war (vgl. Jes 53,5).

„Und sie kommen an einen Ort, mit Namen Gethsemane, und er spricht zu seinen Jüngern: Setzt euch hier, bis ich gebetet habe. Und er nimmt Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und fing an, sehr bestürzt und beängstigt zu werden. Und er spricht zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod; bleibt hier und wacht. Und er ging ein wenig weiter, fiel auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorübergehe. Und er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst! Und er kommt und findet sie schlafend; und er spricht zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt; der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach. Und er ging wieder hin, betete und sprach dasselbe Wort“ (Mk 14,32–39).

Jesus sagte seinen Jüngern, dass sie beten sollten (V.38). Schon ist es nicht mehr Zeit für Ihn, die Seinen zu trösten, nun soll Er für sie dem Zorn Gottes entgegen gehen. Er bedenkt vor Gott in seinem Geist, was Er durch das Trinken des Kelches des Zornes Gottes leiden musste. Jesus, der heilig und immer in der Liebe des Vaters geblieben war, konnte allein die Heiligkeit Gottes und den Wert seiner Liebe begreifen. Darum war auch Er allein desto fähiger, zu verstehen, wie abscheulich die Sünde und wie schauderhaft der Zorn Gottes ist. Nur solche, die mitten in der Sünde leben und die Heiligkeit Gottes nicht kennen, die von Gott entfremdet sind und seine Liebe nicht gekostet haben, können gleichgültig gegen die Sünde sein. Es ist traurig zu sehen, wie ruhig, sorglos und zufrieden wir mit uns selbst sein können, wenn man um die Todesangst des Herrn Jesus weiß und warum Ihm so angst und bange wurde.

Jesus litt das Widersprechen der Sünder, ohne sich wegzuwenden und nie hat Er gebeten, dass dieser Kelch von Ihm genommen würde. Warum aber nun jener? Weil es nicht bloß derjenige der Verbrechen der Menschen oder der Bosheit Satans war, sondern der Kelch des Zornes Gottes. In allem, was Er von Seiten der Menschen litt, blieb Ihm die Freude, den Willen seines Vaters zu erfüllen, aber in dem Kelch des göttlichen Zorns, war kein Tropfen Süßigkeit. Da bat Jesus: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ Warum war es denn unmöglich? Darum: Es ist unmöglich, dass Gott die Sünde duldet. Und selbst als Jesus für uns zur Sünde wird, muss Gott gemäß seiner vollkommenen Heiligkeit handeln 2.

Teure Leser! Seht, wie es um euch steht. Wenn Jesus eure Sünde nicht trug, so ist es unmöglich, dass ihr dem Gericht Gottes entgeht! Dieses Gericht ist über die Sünde ausgesprochen. Wie ernst ist dieser Gedanke! Erwägt dieses Wort von Jesus: „Wenn es möglich ist“ (Mt 26,29). Gewiss, wenn es möglich gewesen wäre, so hätte ja Gott Jesus sicherlich erhört, und seinem geliebten Sohn diese Leiden ohne Zahl und Gleichen erspart. Warum sagt Jesus: „Wenn es möglich ist“? Weil Er, der wusste, was Gottes Liebe ist, auch allein im Stande war, die Schrecklichkeit seines Zornes zu wissen.

Und was war alsdann der Zustand der Jünger? Sie schliefen (V.37). Es war in ihnen nicht einmal so viel Liebe, dass sie eine Stunde mit Ihm wachten. Petrus, der dem Kerker und dem Tode trotzen wollte, konnte nicht eine Stunde wachen. Er hatte auch auf dem Berge während der Verklärung geschlafen (vgl. Lk 9,32). Und so schläft er in Gethsemane. Dies beweist, dass in unseren Herzen wohl die Selbstliebe steckt, aber keine Neigung, welche uns in die Leiden wie in die Herrlichkeit von Jesus Christus einführt.

„Und als er wiederkam, fand er sie schlafend, denn ihre Augen waren beschwert; und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten. Und er kommt zum dritten Mal und spricht zu ihnen: So schlaft denn weiter und ruht euch aus. Es ist genug; die Stunde ist gekommen: Siehe, der Sohn des Menschen wird in die Hände der Sünder überliefert. Steht auf, lasst uns gehen; siehe, der mich überliefert, ist nahe gekommen.

Und sogleich, noch während er redet, kommt Judas, einer der Zwölf, herzu, und mit ihm eine Volksmenge mit Schwertern und Stöcken, ausgesandt von den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und den Ältesten“ (Mk 14,40–43).

War die Liebe durch dies Alles erkaltet oder müde geworden? Nein, Er sollte und wollte seinen Vater verherrlichen und die Seinen erlösen, und bei keiner Schwierigkeit steht Er still. Da es unmöglich war, dass wir gerettet würden, ohne dass Er diesen Kelch nahm, so nahm Er ihn. Seine Liebe war stärker als der Tod. Er stellt Gott alles vor, aber vom Augenblick an, wo Er fand, dass dieser Kelch unmöglich vorüber gehen konnte, kehrt die Ruhe in seine Seele zurück und Er nimmt ihn. O Liebe! O Heiligkeit! Welcher Gehorsam!

„Der ihn aber überlieferte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Wen irgend ich küssen werde, der ist es; ihn greift, und führt ihn sicher fort. Und als er kam, trat er sogleich zu ihm und spricht: Rabbi!, und küsste ihn sehr. Sie aber legten die Hände an ihn und griffen ihn. Ein gewisser von den Dabeistehenden aber zog das Schwert, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab.

Und Jesus hob an und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber, mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen? Täglich war ich bei euch, im Tempel lehrend, und ihr habt mich nicht gegriffen – aber damit die Schriften erfüllt würden. Und es verließen ihn alle und flohen“ (Mk 14,44–50).

Gibt es etwas Böses, dessen das menschliche Herz nicht fähig wäre? Gott erlaubte, dass die Falschheit des Herzens offenbar und Jesus durch einen Kuss verraten wurde. Keine Angst, keine Prüfung mangelte, um sein Herz zu erproben. Sonst hätte am Kelch etwas gefehlt, den Er trinken sollte. Die Prüfung des Herrn wäre nicht vollständig gewesen, und der Prozess über die Sündhaftigkeit des Menschen wäre nicht entschieden worden in Gegenwart des Gerichtes Gottes. Aber Jesus verherrlichte Gott den Vater vollkommen, inmitten aller Ungerechtigkeit der Menschen und der Bosheit Satans. Alles was verwunden und zerknirschen konnte: Zorn Gottes, Hass und Satans Tücke, Bosheit der Menschen – alles brach sein Herz und alles bewirkte, dass seine unendliche Vortrefflichkeit vor Gott in Klarheit strahlte. Jesu Herz wurde bis auf den Grund erprobt.

Welches ist nun nach all dem die Stellung der Sünder. Es bleibt nichts als der Preis und Wert von Jesus Christus für sie und in Gottes Augen hat der, welcher glaubt, den ganzen Wert Jesu. Er kann Gott nahen, als von Gott so geliebt, dass Er seinen Sohn für ihn hingab. Er trägt nun den Wert aller Leiden des Christus an sich.

Nun wird euch Christus so angeboten und ihr seid entweder schuldig seiner Leiden, wenn ihr sie verachtet, oder ihr habt den unendlichen Wert derselben, wenn ihr durch die Gnade an Ihn glaubt. Verachtet ihr sie, so werdet ihr auch als Verächter behandelt werden. Sind aber durch die Gnade eure Augen geöffnet und ihr versteht, was Jesus getan hat, so wird die ganze Wirkung seines Werkes euch zugeteilt, und ihr genießt die Liebe Gottes.

Wenn ihr bekennt, dass es eure Sünden sind, die Jesus diese Leiden brachten, so glaubt ihr wahrhaftig, dass Er sie trug. Wenn ihr sprecht: Ich bin schuld, dass Christus so leiden musste, so sprecht ihr auch: Und ich werde nie so leiden. Hat Jesus meine Sünden getragen, und deren Folge an sich erduldet, so werde ich es nicht mehr erfahren und bin erlöst und befreit von der Verdammnis.

Möge Gott durch die Liebe Jesu eure Herzen ergreifen. Er lasse Euch erkennen, welch ein unermeßlicher Wert für euch darin liegt, dass Jesus selbst sich darstellte, den Zorn Gottes zu tragen. – O! Wie tröstlich ist seine Liebe!

(Nach einem Traktat)

Fußnoten

  • 1 ursprünglich: „Sein Leib sollte gebrochen [...] werden.“
  • 2 ursprünglich: „[...] hat Gottes Zorn gegen die Sünde seinen Gang.“
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