Botschafter des Heils in Christo 1853

Gedanken zu 1. Samuel 14

Betrachten wir die Früchte des Glaubens Jonathans. Mit Recht sagt das Volk: „Er hat mit Gott gewirkt“ (1. Sam 14,45). Dies ist es eben, was der Glaube tut. Lebt man mit ihm, dann wirkt man mit Gott, dann ist man glücklich und zufrieden. Der Weg ist einfach und was man unternimmt, das gelingt. In dieser Stellung genießt man großen Trost, den größten, denn die Seele ist in Ruhe.

Was für ein Unterschied zwischen diesem Zustand und dem Zustand Sauls. Bei ihm war das Volk, die Bundeslade, die Priester und dennoch hatte er weder Kraft noch Sicherheit und Gott wirkte nicht mit ihm. Jonathan, im Glauben lebend, handelte mit Gewissheit, und daher im Frieden. Für Saul aber gab es keinen Frieden, sondern nur die Ungewissheit des Unglaubens.

Die Umstände waren, dem Schein nach, nicht günstig. Auch Jonathans Absichten nicht. Das Volk war wie ein Sklave der Philister, welche ihm weder Freiheit noch Waffen ließen. Nur Saul und Jonathan hatten zwei Schwerter (vgl. 1. Sam 13,19–23), also war dies für Israel kein günstiger Augenblick zum Krieg. Ferner fehlte den Israeliten, wie auch den Philistern, eine sehr wichtige Sache: weder diese noch jene vertrauten Gott. Die Philister kannten Ihn nicht, und Saul stützte sich mehr auf die streitbaren Männer, die er in den Dienst genommen hatte, als auf den Herrn. Wir sehen also einerseits die Philister alle Mittel gegen Israel anwenden und anderseits die Israeliten unterdrückt und den Philistern so unterwürfig, dass sie von ihnen abhingen, sogar um beispielsweise ihre Pflugscharen zu schärfen.

Da erweckte Gott in Jonathan einen Mann voll Glauben in den meisten Dingen die er tat, besonders aber in den Umständen, welche dieses Kapitel erwähnt. Wir sehen in ihm einen Menschen, welcher mit Gott bei den ungünstigsten Umständen handelt, und es sind gerade diese Umstände, welche den Glauben üben und Gott verherrlichen, denn der Sieg kann dann nicht der Kraft des Fleisches, sondern der Macht Gottes zugeschrieben werden. So war es in vielen anderen Fällen, besonders aber bei Gideon. „Und der HERR sprach zu Gideon: Das Volk, das bei dir ist, ist zu zahlreich, als dass ich Midian in ihre Hand geben sollte; damit Israel sich nicht gegen mich rühme und spreche: Meine Hand hat mich gerettet!“ (Ri 7,2).

Derjenige, dem der Glaube fehlt, vergleicht die Schwierigkeiten mit seinen menschlichen Hilfsmitteln und dann ist er schwach und hat keine Sicherheit zum Handeln. Der Glaubensmensch hingegen vergleicht die Mittel niemals mit dem Feind, welchen er zu bekämpfen hat, aber er betrachtet Gott gegen seine Feinde. Er stellt Gott in Eins mit dem Interesse seines Volkes. Gideon zum Beispiel stellt Gott in Eins mit Israel, so wie er sich selbst mit dem Volk Eins betrachtet. Denn als der Herr zu ihm sagte: „Der HERR ist mit dir, du tapferer Held!“ antwortete Gideon: „Wenn der HERR mit uns ist ...“ (Ri 6,12–13). Gerade so ist es mit Jonathan. Er geht fort ohne Wissen des Volkes. Dies ist schon das Werk des Glaubens, denn dieser berät sich weder mit Fleisch noch mit Blut, er fragt nur Gott und sieht in dem Hindernis bloß eine Gelegenheit, die Kraft des Herrn zu offenbaren. Es ist kein Hochmut, dass der Glaube sich nicht mit dem Fleisch berät und sich nicht fürchtet, den Schwierigkeiten entgegen zu treten. Er ist zu nah bei Gott, um hochmütig zu sein, auch rühmt er sich seiner Siege nicht. So auch David: als er den Bären und den Löwen besiegt hatte, sprach er davon erst lange Zeit danach, und zwar nur deshalb, weil er so zu sagen dazu gezwungen war, um das Vertrauen zu begründen, mit dem er gegen Goliath auftrat (1. Sam 17). Der Glaube berät sich nur mit Gott und dies ist wichtig, denn sonst verwickelt man sich mit dem Kleinglauben anderer und mit den Schwierigkeiten, welche sie dem entgegenhalten, welchen Gott gebrauchen will. Erinnern wir uns daher, dass, wenn der Herr uns ein Werk aufträgt, wir uns nicht der Meinung derjenigen unterziehen sollen, welchen Gott nicht den nötigen Glauben zu diesem Werk gab, sonst werden wir uns durch ihren Glaubensmangel nur verwirren lassen.

Jonathan sagt also nichts zu Saul, denn wenn er seinen Vater zu Rat gezogen hätte, so würde ihn dieser durch allerlei Arten fleischlicher Gründe zurückzuhalten versucht haben. Er hätte das Vorhaben Jonathans unverständig gefunden, denn der Glaube hat in den Augen des Fleisches niemals Recht. Daher nützt der weiseste Verstand nichts, wenn der Glaube da ist, denn jener rechnet auf sichtbare Mittel, während dieser nur auf Gott rechnet. Gott ist mit mir, sagt der Glaube, und jegliche Vernunftgründe sind umgestürzt. Welche Freude wurde Jonathan zu Teil, weil er seinen Vater nicht zu Rate gezogen hatte.

Jonathan sagte zu demjenigen, welcher seine Waffen trug: „Komm und lass uns hinübergehen zu der Aufstellung dieser Unbeschnittenen“. Der Glaube unterscheidet den Unbeschnittenen. Er weiß sehr wohl, dass in Gottes Augen das Fleisch unbeschnitten, und dass Gott nicht mit den Philistern ist, sondern dass sie seine Feinde sind. Wenn das Fleisch im Christen handelt, ist es auch Feindschaft gegen Gott in ihm. Der Glaube handelt gegen das Fleisch, denn dieses ist unbeschnitten vor Gott und dies ist der Beweggrund des Glaubens und seine Kraft zum Streit. Jonathan, allein mit dem Knaben, aber einfach Gott vertrauend, kann sich dem Feind entgegen stellen. Nicht aus Hochmut zeigte er sich so dem Feind, aber weil er dachte: „... für den HERRN gibt es kein Hindernis, durch viele zu retten oder durch wenige.“

Es ist dem Herrn nicht schwer, durch viel oder durch wenig zu helfen. Es war kein törichtes Vertrauen, welches ihn vorwärts trieb. Es war die Kühnheit, die der Glaube gibt, während er in der Demut hält. Jonathan trachtete nicht nach Ruhm für sich selbst: er begehrte niemals König zu sein.

Jonathan sagt: „Siehe, wir gehen zu den Männern hinüber und wollen uns ihnen zeigen. Wenn sie aber so sprechen: Kommt zu uns herauf!, so wollen wir hinaufgehen, denn der HERR hat sie in unsere Hand gegeben; und das soll uns das Zeichen sein“ (1. Sam 14,8.10). Jonathans Glaube nimmt daher als Zeichen die falsche Zuversicht und den Übermut des Fleisches, welches sagt: Steig hinauf! Dies eben ist das ruhige Vertrauen, welches, das falsche Vertrauen des Fleisches durchschauend, wohl versteht, dass Gott gegen dieses streitet. Was für ein Unterschied zwischen der falschen Zuversicht des Fleisches, die sich rühmt, wenn sie die Gefahr nicht sieht, wie beispielsweise bei Petrus, der, weil alles ruhig war, zu Jesus sagte: „Ich werde mein Leben für dich lassen“, und zwischen dem Glauben, welcher dieses törichte Vertrauen anhört, um nachher zu handeln.

Jonathan zeigte sich, und die Philister sagten: Da sind diese armen Hebräer. Sie sagten nicht: diese Israeliten, denn dieser Name war ein Glaubensname, während der Name Hebräer der Stammesname war. Sie verachteten also Israel, aber gerade, weil die Welt die Gottangehörenden verachtet, wegen ihrer scheinbaren Schwäche, befreit sie Gott, und verherrlicht sich in ihnen. Als das Volk stark war, und David es zählen wollte, gab es Plagen (2. Sam 24). Aber da es schwach war und Jonathan allein mit seinem Waffenträger, gab es Segen und Triumph über die Feinde.

Die Philister sagen: „Kommt zu uns herauf“ und Jonathan sagt zu seinem Knaben: „Steige hinauf, mir nach; denn der HERR hat sie in die Hand Israels gegeben“ (1. Sam 14,12). Er sagt nicht in unsere Hände, denn, wie wir es schon bemerkt haben, bewirkte der Glaube, dass er sich mit dem Volk in Eins stellte, denn dem Volk waren die Verheißungen gegeben. Wenn der Glaube handelt, so tut er es, weil er auf die Verheißungen rechnet, welche dem ganzen Volk gegeben sind und dann erfüllt Gott die Verheißungen, die er diesem gab. Und so handelt immer derjenige, welcher wahrhaftig demütig ist, er vergisst sich selbst und stellt Gott und sein Volk voran.

„Und Jonathan stieg auf seinen Händen und auf seinen Füßen hinauf“. Der erste Feind, so scheint es, hätte ihn umstürzen können. Aber nein, die Wache war es, die vor ihm fiel „und sein Waffenträger tötete hinter ihm her“ (1. Sam 14,13). Gott wirkt dann, wenn der Glaube den Feinden gegenüber steht, denn es ist eine Sache der Treue Gottes, die Torheit des Fleisches zu Schanden zu machen. Es entstand also ein großer Schrecken im Lager der Feinde, auf dem Feld und unter dem ganzen Volk, das Land war verwirrt, denn es wurde zu einem Schrecken Gottes. Eigentlich war Jonathan hierin für nichts zu rechnen. Gott war alles, und durch ihn setzt ein einziger Mann das ganze Land in Schrecken. Da bemerkt Saul die Verwirrung der Feinde und will an dem Triumph des Sieges Teil haben, ohne gekämpft zu habe. Es gibt noch mehr Leute, welche die Wirkungen des Glaubens anderer benutzen, ohne ihn selbst zu besitzen. Aber auch hier sehen wir die Ungewissheit Sauls. Bevor er die Feinde schlägt, will er Musterung halten und die Lade Gottes herzubringen lassen.

„Und Saul sprach zu dem Volk, das bei ihm war: Haltet doch Musterung und seht, wer von uns weggegangen ist. Und sie hielten Musterung, und siehe, Jonathan und sein Waffenträger waren nicht da. Da sprach Saul zu Ahija: 'Bring die Lade Gottes herbei!', denn die Lade Gottes war an jenem Tag bei den Kindern Israel“ (1. Sam 14,17.18). Während aber Saul noch ungewiss ist über das, was er tun will, werden die Wirkungen des Sieges so augenscheinlich, dass Saul zu dem Priester sagt: „Zieh deine Hand zurück“ (1. Sam 14,19). Es war nicht mehr nötig, den Herrn zu fragen.

Nichts ist einem Kind Gottes beschwerlicher, als Ungewissheit über das, was zu tun ist. Jonathans Glaube hatte ihn außerhalb des Einflusses der Unsicherheit Sauls gesetzt. Der Glaube weiß, was er zu tun hat. Saul und sein Volk kamen also zum Streit hin. Es war nicht nötig, dass sie dahin kamen, die Philister töteten sich untereinander und ein Teil floh. Es ist leicht zum Kampf zu kommen, wenn die Feinde fliehen.

„Die Männer von Israel waren aber sehr angestrengt an jenem Tag; und Saul beschwor das Volk und sprach: Verflucht sei der Mann, der Speise essen wird bis zum Abend und bis ich mich an meinen Feinden gerächt habe! Und das ganze Volk kostete keine Speise“ (1. Sam 14,24). Saul beschwur das Volk und sprach: „Verflucht sei der Mann, der Speise essen wird bis zum Abend und bis ich mich an meinen Feinden gerächt habe“. Dies ist die Vermessenheit und die Selbstsucht des Fleisches, welche alles verderben. Um sich über seine Feinde zu rächen, tut Saul ein Gelübde, welches gerade die völlige Niederlage der Philister verhindert. Denn, wie Jonathan in Vers 30 sagt: Wie viel mehr, wenn das Volk heute gegessen hätte, wäre die Niederlage der Philister größer geworden? Der Glaube sagt: Der Herr wird die Feinde in unsere Hände geben, aber Saul sagt: Dass ich mich an meinen Feinden räche. Es war nicht der Glaube, der ihn zum Handeln trieb, aber er wollte den Glauben Jonathans sich selbst zu Nutzen machen.

Gott hatte dem Volk eine Erfrischung zugedacht, denn Gott kann uns Honig auch mitten im Kampf geben, aber das Volk machte keinen Gebrauch davon, weil es fürchtete, das Gelübde Sauls zu verletzen. Trotzdem fürchtete es sich später nicht, den Befehl Gottes zu übertreten, indem es Blut aß (vgl. 1. Sam 14,32). So trugen die Juden kein Bedenken, das Blut Jesu zu kaufen, wohl aber den Preis dieses Blutes in den Tempel zu tun: Was dem Willen keine Überwindung kostet, ist nicht schwer zu halten. Der Glaube befreit uns von den Hindernissen, die der Unglaube in unseren Weg legt. So hatte Jonathan die Freiheit, von dem Honig zu essen, er kannte den Eid Sauls nicht, und er genoss das, was Gott ihm bereitet hatte. Er hielt sich nicht auf, um es zu nehmen. So sollen auch wir, so zu sagen, nur im Vorbeigehen die Freuden genießen, durch welche Gott uns erfrischen will.

Es war kein Beweggrund des Glaubens, dass das Volk sich enthielt von dem Honig zu essen. Es war ein Geist der Knechtschaft, und da es von der Erfrischung, welche Gott ihm als zuträglich bereitet hatte, keinen Gebrauch machte, fehlte ihm auch die Kraft gegen die Feinde. Saul offenbarte seinen falschen Eifer für Gott, indem er Jonathan töten wollte, das Volk aber befreite diesen.

Saul fragte Gott: „Soll ich hinabziehen, den Philistern nach?“ (1. Sam 14,37). Aber er erhält keine Antwort. Die Torheit des Fleisches raubt uns die Gemeinschaft Gottes, in welcher allein wir Gewissheit bekommen über das, was wir zu tun haben. Die Feinde fliehen, und Saul weiß nicht, ob er sie verfolgen soll. Er führt den Sieg nicht fort, weil das Fleisch ihn verwirrt. Er entlehnt wohl die Sprache des Glaubens und sagt zu Gott: Wirst du sie in meine Hände geben, aber er erhält keine Antwort und wird unwillig: Da ist er von Neuem ungewiss. Lasst uns daher Acht geben auf uns selbst, damit nicht das Fleisch sich in die Dinge menge, bei welchen der Glaube allein uns leiten soll, denn da wüssten wir uns nicht zu raten, und von Gott würden wir keine Antwort erhalten.

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