Vorwort

Zur Ruhe gebracht

Es gibt in der Bibel zwei Bücher, die den Namen einer Frau tragen: Ruth und Esther. Ruth war eine Moabitin, Esther eine Jüdin. Aber beide offenbarten in ganz besonderen Umständen auf ungeahnte Weise Frömmigkeit und Treue Gott gegenüber.

Der Name Ruth wird in dem Buch, das ihren Namen trägt, zwölfmal genannt. Daneben finden wir ihn nur noch einmal in Gottes Wort. Das ist jedoch eine ganz besondere Stelle: das Geschlechtsregister des Herrn Jesus (Mt 1,5).

Das Buch selber ist ein wunderschönes Vorbild, wie der Heilige Geist eine Aufzählung häuslicher Umstände geben kann, in einer Form, die wie von selbst die Gedanken auf eine wichtige Wahrheit lenkt. Hier wird die Aufmerksamkeit auf einen der kostbarsten Titel des Herrn Jesus, nämlich den des Erlösers, gelenkt. Das hebräische Wort (Goel) kommt in diesem Buch neunmal vor. Außerdem finden wir es wiederholt in Jesaja und hin und wieder in anderen Büchern. Es ist – je nach dem Zusammenhang, in dem es vorkommt – durch „Löser“, „er, der löst, „Bluträcher“, meist aber durch „der Erlöser“ übersetzt. Mit Recht hat jemand gesagt: Dieses Wort allein ist ein Studium wert.

Der Platz des Buches – zwischen Richter und Samuel – ist auch bemerkenswert.

In dem Buch der Richter sehen wir, wie das Volk abweicht, wie es völlig versagt in Bezug auf das Bewahren eines nationalen Zeugnisses von dem einen wahren Gott inmitten der Dunkelheit des Götzendienstes in Kanaan und den umliegenden Ländern. Als Folge kommt die Zucht Gottes über sie, der ihre Feinde über sie herrschen lässt (Ri 2,6–22).

Zwar griff Er immer wieder in Gnaden ein, indem Er Richter erweckte, die sie befreiten, und gab ihnen Erleichterung in ihrer Bedrückung. Aber nicht ein einziger Richter brachte sie in den normalen Genuss des Erbteils, das Gott ihnen gegeben hatte. Es war immer nur eine teilweise Wiederherstellung. Und jeder Richter, mochte er in gewissen Handlungen und gewissen Umständen vielleicht auch ein Vorbild von dem Herrn Jesus sein, bewies nur zu deutlich, dass er unvollkommen war. Sogar jene, die die deutlichsten Vorbilder von Christus waren, wie Gideon und Simson, führten das Volk auf Irrwege. Das Buch Ruth ist hiermit durch seinen Anfangssatz verbunden: „Und es geschah in den Tagen, als die Richter richteten ...“

Demgegenüber finden wir in dem Buch Ruth jemanden, der ein vollkommener Erlöser sein kann. Boas bedeutet: „In ihm ist Stärke“. Er ist ein Mann, gewaltig an Vermögen (Kap. 2,1). Er ist der Löser (oder Erlöser). Er kann sogar Ruth, die Moabitin, die, da sie zu den Feinden Gottes gehört, nicht das geringste Recht besitzt, vollkommen erlösen und zu sich selbst erheben. Er löst das Erbteil und erweckt einen Nachkommen, um das ganze Erbteil zu genießen. Und dann wird unser Auge auf David gelenkt, der das Königreich in Macht aufrichten und das ganze Volk in die Ruhe des vollen Erbteils einführen wird. Das bringt uns zu den Büchern Samuel.

Darum beginnt das Buch Ruth mit der Flucht Elimelechs aus dem Land Gottes und endet mit dem Namen Davids, dem Mann nach dem Herzen Gottes. Es ist das Verbindungsglied zwischen Richter und Samuel. Es zeigt, dass Gott mitten im Verfall, ja mitten durch den Verfall und die Unordnung der Richterzeit hindurch in seiner Vorsehung im Verborgenen wirkt, um seine Ratschlüsse der Gnade zur Ausführung zu bringen: dem Nachkommen Abrahams, der sein Volk vollkommen segnen und auch zum Segen für alle Völker sein wird.

Ohne Zweifel sehen wir in diesen Büchern im Vorbild die Geschichte Israels. Im Buch der Richter finden wir den totalen Verfall und den Abfall: „In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“, „Mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll“ (l. Sam 8,7). Im Buch Ruth finden wir dann den Christus, den Erlöser, der den armen Überrest Israels, der, durch die Untreue des Volkes alles verloren hat (und darum durch Ruth, die Moabitin, vorgestellt wird, die sich mit dem verlassenen Volk – Noomi, die unter der Zucht Gottes alles verloren hat – einsmacht), erlöst, in den vollkommenen Besitz des Erbteils zurückführt und zu seiner Frau macht.

Aber sind alle diese Dinge Israels nicht als Vorbilder für uns widerfahren? Und sind sie nicht „geschrieben worden zu unserer Ermahnung, auf die das Ende der Zeitalter gekommen ist“ (l. Kor 10,1l)? Sind die Grundsätze, die in Israels Abfall offenbar werden, nicht die gleichen wie die des Verfalls und des Abfalls der Versammlung? Und ist es nicht ebenso mit der Gnade Gottes, die immer wieder helfend eingegriffen hat, sowohl in der Geschichte Israels als auch in der Geschichte der Versammlung? Sehen wir in dem Buch der Richter und den ersten sieben Kapiteln des ersten Buches Samuel nicht die Parallele zu Offenbarung 2 und 3, und in Ruth zu Philadelphia in Offenbarung 3,7–13?

In diesem Licht möchte ich gern das Buch Ruth zu uns sprechen lassen, zu unseren Gewissen beim Anschauen der Gefahren und der Folgen, wenn wir den von Gott gegebenen Platz verlassen, und zu unseren Herzen durch das Betrachten der unendlichen Güte und unendlichen Gnade unseres Boas.

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