Samuel, der Prophet (1. Samuel 1-7)

Einleitung

Geschichtlich gesehen ist das erste Buch Samuel die Fortsetzung des Buches der Richter. Dort haben wir die Geschichte des Volkes, dessen Weg schon immer abwärts gerichtet war – trotz der gelegentlichen Erweckungen. Richter schließt mit der ernsten Aussage: „In jenen Tagen war kein König in Israel; ein jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 21,25). Israel hatte jedes wahre Bewusstsein davon verloren, dass Gott sein König war. Dadurch hörten sie auf, ein vereintes Volk zu sein und zerbrachen einfach in mehrere Einheiten, die unabhängig voneinander handelten. Und jeder tat seinen eigenen Willen und wandelte gemäß dem eigenen Licht, nicht jedoch im Glauben und Vertrauen auf Gott.

Aber auch heute sieht es beim Volk Gottes nicht anders aus. Die gleiche Ursache führt zu denselben Folgen. Da die Gläubigen darin versagen, das Haupt im Himmel festzuhalten (Kol 2,19), tun sie es auch darin, die Einheit und Gemeinschaft im Volk Gottes auf der Erde zu bewahren. Und durch die fehlende Gemeinschaft fallen sie in einfachen Individualismus, bei dem jeder seinen eigenen Willen verwirklicht – unabhängig von den anderen.

Die dunkle Epoche des Volkes Israel

In den ersten 7 Kapiteln des ersten Buches Samuel finden wir eine der dunkelsten Abschnitte in der Geschichte Israels vorgestellt. Die Abwärtsbewegung des Buches der Richter wurde dort weitergeführt, bis die Nation nicht nur vollkommen durch das Böse gekennzeichnet war, sondern zudem in einem hoffnungslosen Zustand gefangen lag. Ihre Ungerechtigkeit war so schlimm, dass es für Gott unmöglich war, seine äußere Verbindung mit Israel aufrecht zu halten, ohne entweder ihre Sünden zu bestrafen oder seine Herrlichkeit zu beschmutzen. So beginnt eine ernste Periode in der Geschichte des Volkes, in der Gott das Symbol seiner Gegenwart zurückzieht – die Bundeslade – und jede äußere Beziehung zwischen dem Volk und Gott beendet ist.

Es gibt allerdings auch noch eine andere Seite dieses dunklen Bildes. Denn wenn uns erlaubt wird, das vollständige Versagen des Volkes Gottes hinsichtlich seiner Verantwortung zu sehen, so besitzen wir zugleich das Vorrecht, die unumschränkte Gnade Gottes zu bewundern. Wenn also diese Begebenheiten die Tiefe der menschlichen Sünden zeigen, machen sie zugleich die Höhe der göttlichen Gnade deutlich. So wird uns auf anschauliche Weise gezeigt, dass wo die Sünde überströmend geworden ist, die Gnade noch überreichlicher geworden ist (Röm 5,20).

Je dunkler das Bild, desto heller strahlt die Gnade

Wenn wir uns nun die einzelnen Begebenheiten anschauen, dann fehlen die unheilvollen Zeichen des kommenden Sturms nicht. Und im weiteren Verlauf werden die Schatten größer und die Dunkelheit breitet sich aus. Aber inmitten dieser Finsternis lernen wir die Wahrheit dieses Wortes: „Und es wird geschehen, wenn ich Wolken über die Erde führe, so soll der Bogen in den Wolken erscheinen“ (1. Mo 9,14).

Kurz gesagt zeigen uns die ersten sieben Kapitel des ersten Buches Samuel das vollkommene Versagen des Volkes Gottes in seiner Verantwortung, und den letztendlichen Triumph der unumschränkten Gnade Gottes.

Einteilung von 1. Samuel 1–7

Dieser Teil des Buches kann folgendermaßen eingeteilt werden:

  1. 1. Samuel 1–2,10: Die unumschränkte Gnade Gottes ist trotz der Schwachheit der Natur und des Versagens des Menschen wirksam, um Gottes festgesetzte Ratschlüsse zu erfüllen, seine eigene Herrlichkeit aufrecht zu erhalten, und um den Segen des Volkes unter der Herrschaft von Christus als König zu sichern.
  2. 1. Samuel 2,11–36: Hier sehen wir das Versagen des Volkes Gottes in seiner Verantwortung. Dies wird durch den Zusammenbruch des Priestertums deutlich. Zudem finden wir hier Warnungen vor dem kommenden Gericht.
  3. 1. Samuel 3: Der Höhepunkt des Bösen mit dem daraus folgenden Beiseitesetzen des Priesters und der Einführung des Propheten.
  4. 1. Samuel 4: Das Gericht in den göttlichen Regierungswegen fällt auf das Volk Gottes, so dass es in Gefangenschaft der Feinde gerät. Auch das äußere Kennzeichen der Gegenwart Gottes ist weggenommen.
  5. 1. Samuel 5 und 6: Gott bestätigt seine Heiligkeit noch einmal und bewahrt die Majestät seines Namens in Tagen, in denen das Volk Gottes aufgehört hat, ein öffentlicher Zeuge für Gott zu sein.
  6. 1. Samuel 7: Gott stellt in seiner unumschränkten Gnade sein Volk wieder her – und Er erneuert seine Beziehungen zum Volk durch den Propheten.
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