Der erste Petrusbrief

Einleitung

Wenn wir uns in der Versammlung umsehen, sehen wir Brüder und Schwestern, von denen wir nur den Namen kennen, und oft nicht einmal das. Wir sehen andere, die ab und zu in den Vordergrund treten, und einzelne, die es regelmäßig tun. Glücklicherweise sehen wir, dass dasselbe auch unter den Augen des Herrn Jesus hier auf Erden geschah und Er es guthieß.

Von Thaddäus und Bartholomäus wissen wir nichts als die Namen. Judas und andere werden hin und wieder genannt. Jakobus, Johannes und Petrus stehen jedoch sehr im Vordergrund.

Wir erkennen auch andere Unterschiede. Wir sehen einen sehr bescheidenen Johannes, einen räsonierenden Thomas und einen impulsiven, sehr für die Gemeinschaft eintretenden Petrus.

Unter diesen drei im Vordergrund stehenden Jüngern nahm Petrus einen besonderen Platz ein. Er zeichnete sich durch seine Fehler und seine Zuneigung zum Herrn aus. Und der Vater und der Herr Selbst gaben ihm einen ganz besonderen Platz. Der Vater offenbarte ihm den Fels, auf dem die Versammlung gebaut werden sollte, und der Herr gab ihm die Schlüssel des Reiches der Himmel (Mt 16). Am Ende sagt der Herr zu ihm, dass Satan begehrt, sie (alle Jünger) zu sichten wie den Weizen, aber dass Er für ihn (persönlich) gebeten habe. Er gibt ihm dabei den Auftrag, seine Brüder zu stärken, wenn er zurückgekehrt (oder bekehrt; das griechische Wort bedeutet beides) sei. Und wie bestätigt der Herr diesen Auftrag nach der Auferstehung (Lk 22,31-34; Joh 21,15-22)!

Hat Petrus diesen Auftrag ausgeführt? Die Apostelgeschichte zeigt, in welch hervorragender Weise er es getan hat! In Kapitel 1 offenbart er das Geheimnis von Ps 109. In Kapitel 2 erklärt er die Bedeutung von Pfingsten, um seine Brüder zu stärken. In Kapitel 3 steht er vornean gegen die jüdischen Verfolger. So geht es weiter bis Kapitel 12.

Die ewige Liebe des Herrn ist für alle, die Ihm angehören, gleich. Aber daneben haben wir diese herrlichen Unterschiede. Beides zusammen nun bestimmt den Platz, den Er einem jeden gibt, damit Sein Werk den von Ihm gewünschten Verlauf nimmt und Er das geben kann, was für jeden persönlich das Beste ist, wie Er es in Seiner Liebe und Weisheit weiß.

Petrus war der erste unter den Zwölfen. Die das leugnen, kämpfen auf unkundige Art für einen Teil der protestantischen Wahrheit. Solange die Apostelschaft in der Versammlung die Apostelschaft der zwölf war, war Petrus der erste. Aber die zwölf, und Petrus mit ihnen, wichen einer weitergehenden Entfaltung der Ratschlüsse Gottes. Der Apostel des Fleisches macht dem Apostel der Herrlichkeit Platz (vgl. Joh 15,27; Apg 1,21-22; 10,36-39 mit 2. Kor 5,16). Wir befinden uns unter der besonderen Apostelschaft des Apostels der Nationen (Gal 2,7-9), dessen Apostelschaft und Dienst von dem verherrlichten Menschen im Himmel ausging (Apg 9,3-5; 26,13-19; Eph 4,8-11).

In Joh 21 wird uns der Dienst des Petrus vorgestellt. Er muss Christus nachfolgen und wird abgeschnitten werden, wie auch der Dienst des Herrn auf der Erde ein Ende fand. Mit ihm sollte das ganze jüdische Versammlungssystem abgeschnitten werden. Nach dem Tode des Petrus wurde Jerusalem zerstört. Damit hörte die Versammlung in Judäa praktisch auf zu bestehen.

Aber wie viel Mühe es Petrus kostete, sich von dem jüdischen Vorurteil zu befreien, sehen wir in Apg 10 und Gal 2,11-14. Selbst Paulus konnte sich in der Praxis nur schwer davon lösen, wie Apg 18,21; 21,20-26 beweisen. Erst der Hebräerbrief rief die gläubigen Juden auf, außerhalb des Lagers zu gehen, d. h. das gesamte jüdische System zu verlassen.

Wie der Judaismus in die Versammlung1 eingedrungen ist, wissen wir. Nicht Paulus, der Apostel der Nationen, der Mann, der von Gott gebraucht wurde, um den wahren Charakter der Versammlung zu offenbaren, wurde als Haupt der Kirche aus den Nationen ausgerufen, sondern Petrus, der Apostel der Beschneidung. Das ist freilich kennzeichnend, wenn wir sehen, wie nahezu die gesamte Wahrheit, die Gott durch Paulus offenbart hat, verworfen oder verdorben wurde: nicht nur der himmlische Charakter der Versammlung, den uns der Brief an die Epheser vorstellt, und die Erwartung der Wiederkunft des Herrn für die Kirche, die wir im Thessalonicherbrief finden, sondern auch die göttliche Ordnung in der Versammlung, die in den Korintherbriefen so deutlich beschrieben wird, und selbst die Rechtfertigung aus Glauben, die uns der Römerbrief ausführlich lehrt.

Es ist jedoch wohl göttliche Ironie, dass gerade Petrus in diesem Brief zwei Grundsätzen der sich dem Judentum wieder annähernden Kirche den Todesstoß versetzt, nämlich dass die Wiedergeburt nicht durch die Taufe, sondern durch Gottes Wort geschieht, und dass jeder Gläubige Priester ist, es also keine besondere Klasse von „Geistlichen“ gibt (Kap 1,22-2,4).

Petrus war der Apostel der Beschneidung (Gal 2,7-9). Schon darum kann man erwarten, dass der Brief an Gläubige aus dem Volk der Juden gerichtet ist. Aber auch der Inhalt macht es ganz deutlich. Alles darin ist abgestimmt auf Juden, die das Wort Gottes und die darin enthaltene Messiaserwartung kannten. Es waren Juden, die mitten unter den Heiden wohnten und nun den Herrn Jesus als den Messias angenommen hatten. Sie waren in zweifacher Hinsicht Fremdlinge: als Juden in Bezug auf die Nationen, aber nun auch als Christen in Bezug auf ihr eigenes Volk.

Der Brief richtet sich also an die gleichen Empfänger, an die auch Jakobus schreibt, nur dass sich dieser an die zwölf Stämme, also an alle Israeliten richtet, wobei er jedoch deutlich die Christen unterscheidet. Der Inhalt der beiden Briefe passt zu dieser Übereinstimmung und diesem Unterschied.

Wenn wir sehen, dass Gott Israel als Fremdling betrachtet, dann ist alles auf Erden in Unordnung. Das ist das Geheimnis des Jakobusbriefes. Die zwölf Stämme werden zu Nüchternheit und Geduld angespornt. Würde auf der Erde Ordnung herrschen, dann befänden sich die zwölf Stämme in ihrer Heimat. Nun herrscht aber große Unordnung, und deshalb müssen die Gläubigen auf Armut und Geduld vorbereitet sein; sie müssen auch auf den Himmel vorbereitet sein.

Jakobus sagt kein Wort von Erlösung, sondern er spricht nur von Gnade. Der allgemeine Charakter ist praktische Gerechtigkeit, die vollständige Vernichtung des Eigenwillens im Christen und die Verleugnung der Welt. Petrus geht weiter. Er spricht über Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesu Christi: nicht über den Gehorsam gegenüber Jesus Christus, sondern über den Gehorsam Christi: den Gehorsam, den der Herr Selbst in Seinem Leben auf Erden offenbarte. Weiterhin wird die Erlösung durch das Werk des Herrn und die Wiedergeburt durch das Wort deutlich dargestellt.

Aber der Christ wird hier nicht wie im Epheserbrief gesehen als auferweckt mit Christus und versetzt in die himmlischen Örter. Petrus sieht ihn als Pilger auf der Erde, inmitten einer Welt, in der er ein Fremdling ist, wie es die zerstreuten Juden äußerlich immer gewesen waren, und nun nach ihrer Bekehrung im verstärkten Maße, und zwar auch innerlich. Aber der Christ ist wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi, zu einem Erbteil, das in den Himmeln für ihn aufbewahrt wird, und er für das Erbteil (1,3-5). Dies ist die Pilgerschaft in dem Charakter, den sie angenommen hat als Folge der Himmelfahrt und Verherrlichung des Herrn Jesu (1,17; 2,11; 4,16; 5,10). Dieser Brief bringt daher wenig Lehre, aber viele Anweisungen für die Nachfolge des Christen.

Man kann den Gläubigen auch noch auf eine andere Weise sehen, nämlich als durch die Wüste der Herrlichkeit entgegen reisend. Diesen Gesichtspunkt finden wir z. B. im Philipperbrief. In gewissem Sinne finden wir alle drei Stellungen in Psalm 84. Verse 1-4 beschreiben die Herrlichkeit, von der der Glaube nun schon Besitz ergreift, Verse 5-8 den Weg durch die Wüste zur Herrlichkeit, und Verse 9-12 die Wüste, wie sie an und für sich ist.

Petrus spricht von der Versammlung nicht als von dem Leib des Christus, sondern in Übereinstimmung mit Mt 16 als von dem Haus (2,5). Es war der besondere Dienst des Paulus, des Apostels der Nationen, das Geheimnis zu offenbaren, dass der verherrlichte Mensch im Himmel einen Leib auf der Erde hat (Eph 3,2-12). Darum spricht auch nur Paulus über die Entrückung der Versammlung. Petrus spricht nur über die Offenbarung des Herrn, mit Ausnahme des bemerkenswerten Gedankens in 2. Pet 1,19b. Er schaut nicht danach aus, durch die Auferstehung bei Christo im Himmel zu sein, sondern danach, dass Christus kommt, um hier auf der Erde zu erlösen.

Der Auftrag an die zwölf Apostel lautete, von einem auf Erden lebenden Messias zu zeugen (Joh 15,27). Darum musste derjenige, der den Platz des Judas einnehmen sollte, auch bei den Elfen gewesen sein, „von der Taufe des Johannes bis zum Tage, da er (der Herr Jesus) von uns aufgenommen wurde“ (Apg 1,21-26; siehe auch Heb 2,3). Daher finden wir im 1. Petrusbrief immer wieder das Leben des Herrn Jesus auf Erden als Vorbild für die Gläubigen.

Die Juden erwarteten den Messias. Solange die Decke auf ihren Herzen lag, sahen sie in den prophetischen Schriften jedoch nur Seine Herrlichkeit. Er würde kommen, um Sein Volk zu erlösen, indem Er die Feinde vernichtete. In den Evangelien sehen wir, wie der Herr Jesus Seinen Jüngern vergeblich sagt, dass Er erst leiden und verworfen werden müsse (siehe z. B. Mt 16,21-23). Erst als Er ihnen nach Seiner Auferstehung das Verständnis öffnet, damit sie die Schriften verstehen, sehen sie, dass der Christus leiden und am dritten Tage aus den Toten auferstehen musste (Lk 24, 45-47).

In diesem Brief spricht Petrus über dieses Leiden und über das Leiden der Christen als Folge ihrer Verbindung mit einem verworfenen Heiland. Der Brief behandelt die Zeit zwischen dem Leiden des Christus und den Herrlichkeiten danach (1,11). Diese Herrlichkeiten werden kommen, wenn der Herr offenbart wird und wenn dadurch die völlige Errettung empfangen wird. Die Worte „Leiden“, „leidend“ und „Herrlichkeit“ können wir wohl die Schlüsselworte des Briefes nennen. Die ersten beiden kommen 15-mal vor, das letzte 10-mal.

In beiden Briefen legt Petrus zunächst das Fundament der Erlösung, und entfaltet dann die Grundsätze der Regierung Gottes, unter welche die Juden gestellt waren. Der zweite Brief zeigt diese Regierung, wie sie im Hinblick auf die Bösen handelt, der erste Brief im Hinblick auf die Gläubigen. Sie offenbart sich jedoch nicht genau so, wie die Gläubigen des Alten Testamentes sie kannten, sondern so wie sie durch das Kommen des Messias und das Zustandebringen der Erlösung geworden ist. Darum besteht ein deutlicher Unterschied zu der Stellung Israels unter dem Gesetz. Es ist die Regierung des Vaters und der Thron ist daher ein Thron der Gnade. Aber es bleibt wahr, dass Er ohne Ansehen der Person nach eines jeden Werk richtet (1,17). Was den Charakter der Regierung betrifft, siehe Kapitel 3,10-12.

Denn obwohl der Vater und der Geist offenbart sind, wird im Allgemeinen von Gott in Seiner Verbindung mit den Menschen als Schöpfer-Herrscher gesprochen, und von Christus als dem Herrn. Er wird in diesem Brief nicht „Sohn" genannt und auch nicht als solcher vorgestellt. Das steht in Übereinstimmung mit der Predigt des Petrus in Apg 2, wo er sagt, „dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“

Kurze Zusammenfassung des Gesagten:

1. Der Brief ist an den gläubigen Überrest aus dem Volk der Juden geschrieben, d. h. an diejenigen aus dem als Ganzes gesehen ungläubigen Volk, die an den Herrn Jesus glaubten und wiedergeboren waren (1,23).

2. Der Brief behandelt die Zeit zwischen der Verwerfung des Herrn (Seinem Leiden) und Seiner Herrlichkeit, d. h. Seiner Wiederkunft auf die Erde.

3. Den Hauptinhalt des Briefes bildet die Regierung Gottes in dieser Zeit, oder besser gesagt, die Grundsätze dieser Regierung im Hinblick auf die Gläubigen.

4. Darum wird immer wieder der Herr Jesus in Seinem Leben auf der Erde als Vorbild hingestellt (siehe z. B. 2,21; 3,17+18; 4,1+2).

Hieraus folgt jedoch, dass der Brief auch nach der Entrückung der Versammlung von großer Bedeutung sein wird für den dann auf der Erde befindlichen gläubigen jüdischen Überrest. So steht er in Verbindung mit den Evangelien und vor allem auch mit den Psalmen, in denen wir den Überrest in der Zeit nach der Aufnahme der Versammlung finden, und sehr oft, vor allem im ersten Buch (Ps 1 - 41), Christus in Verbindung mit ihnen. Gerade auch in den Psalmen finden wir die Regierung Gottes so deutlich dargestellt.

Nichts in diesem Brief deutet darauf hin, wann Petrus ihn schrieb. Aber allgemein wird angenommen, dass der Brief zwischen den Jahren 60 und 64 n. Chr. entstanden sein muss.

Als Einteilung können wir vielleicht nehmen: 1,1-21; 1,22-2,10; 2,11-3,9; 3,10-4,6; 4,7-5,14.

Fußnoten

  • 1 Die Worte „Versammlung“, „Kirche“ und „Gemeinde“ sind nur verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Sache.
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