Die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus

Einleitung

Die Wiederkunft Jesus Christus, diese herrliche Hoffnung der Kirche, ist der glückselige Augenblick, in dem sie mit Ihm, ihrem himmlischen Haupt, in der Herrlichkeit droben vereinigt werden wird, um für immer bei Ihm zu sein und alle Segnungen mit Ihm zu teilen. Wohl ist Er jetzt schon im Geist uns nahe und verweilt, so oft wir in seinem Namen versammelt sind, in unserer Mitte, so dass das lebendige Bewusstsein seiner unsichtbaren Gegenwart unsere Herzen mit Trost und Freude erfüllt. Allein bei seiner Wiederkunft wird seine sichtbare Gegenwart unsere Freude überströmend machen. Auf diese seine herrliche Wiederkunft richtete sowohl der Herr selbst, als Er hienieden wandelte, wie auch später der Heilige Geist durch den Mund der Apostel die Aufmerksamkeit der Gläubigen. Diese Wiederkunft des Herrn war die Erwartung der ersten Christen, sie war die kostbare Hoffnung, die ihre Herzen mit tiefer, seliger Freude erfüllte und ihnen Mut und Ausharren verlieh inmitten der mancherlei Leiden, Kämpfe und Schwierigkeiten des gegenwärtigen Zeitlaufs. Fast in allen seinen Briefen spricht der Apostel Paulus wieder und wieder über diese herrliche Hoffnung der Kirche, und zwar zu dem Zweck, um das innige Verlangen nach dem Herrn, das sein Herz so unaussprechlich glücklich machte, auch in den Herzen aller Heiligen wachzurufen. Seine Bemühungen waren nicht erfolglos. Die Thessalonicher z. B. lebten so sehr in der Erwartung dieser Wiederkunft, dass die ganze Umgegend davon redete, wie sie sich von den Götzenbildern zu Gott bekehrt hätten, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten (1. Thes 1,9.10).

Doch ach! Nur allzu schnell gelang es dem Teufel, den lieblichen Glanz dieser Hoffnung vor den Augen der Gläubigen zu verdunkeln und schließlich ganz zu verbergen. Die Kirche vergaß, dass sie die Genossin der Herrlichkeit Christi sein sollte. Sie vergaß ihren Herrn, ihr Haupt, ihren Bräutigam. Sie vereinigte sich mit der Welt, und so verschwand nach und nach die Erwartung seiner Wiederkunft. Jahrhunderte gingen dahin, in denen diese herrliche Wahrheit ganz und gar unter dem Scheffel stand. Obwohl die Lehre von dem Kommen Christi zur Aufnahme seiner Heiligen in den Briefen so vielfach erörtert wird, wurde sie doch so vollständig übersehen, dass man nur noch von einem allgemeinen Tag des Gerichts redete, an dem der Herr Jesus erscheinen würde, um Lebendige und Tote zu richten. Wie die Jungfrauen in dem Gleichnis, so war die ganze christliche Kirche in tiefen Schlaf gefallen, und es schien, als ob dieser Zustand sich nie wieder ändern würde.

Doch gepriesen sei der Name unseres teuren Herrn! Er, der Bräutigam, schläft und schlummert nicht. Sein Verlangen, uns seine Herrlichkeit teilen zu sehen, ist trotz der Untreue der Kirche unverändert geblieben. So wie Er in den Tagen der Reformation mit göttlicher Allmacht die Lehre der Rechtfertigung aus Glauben ohne Gesetzeswerke wieder ans Licht brachte, so hat Er in unseren Tagen die Herzen der Gläubigen auf die Einheit und die herrliche Berufung der Kirche und vor allem auf seine baldige Wiederkunft hingelenkt. Der mitternächtliche Ruf: „Siehe, der Bräutigam! Geht aus, Ihm entgegen!“ (Mt 25,6) ist ertönt und hat mit überraschender Schnelligkeit in fast allen Ländern der Erde ein Echo gefunden. Der Herr selbst hat seine Boten überall hin ausgesandt, um seine baldige Ankunft den Seinigen anzukündigen. „Und der Geist und die Braut sagen: Komm! Und wer es hört, spreche: Komm!“ Und als Antwort auf diesen Ruf ertönt vom Himmel her die Stimme des geliebten Bräutigams: „Ja, ich komme bald!“ (Off 22, 17.20).

Hast auch du diesen Ruf bereits vernommen, mein Bruder? O so antworte mit freudigem Herzen: „Amen, komm, Herr Jesus!“ Denn mit seiner Erscheinung verbindet sich der ununterbrochene Strom einer unbeschreiblichen, nie endenden Freude. Lass dich nicht zurückhalten durch die Kälte und Gleichgültigkeit vieler deiner Mitgläubigen, sondern bedenke, dass der Herr selbst uns eine Stätte im Haus des Vaters bereitet hat und uns zuruft: „Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seit!“ (Joh 14, 3).

Leider gibt es heute noch manche Gläubige, die kein Auge und kein Herz für die herrlichen Offenbarungen des Herrn haben, ja, sogar manche, die trotz der deutlichsten Versicherungen, dass die Ankunft des Herrn nahe sei, sich Mühe geben, aus der Schrift zu beweisen, dass er noch nicht kommen könne. Wie betrübend muss das für Jesus sein! Sein Herz verlangt sehnlichst nach uns. Er ruft uns beständig zu: „Siehe, ich komme bald!“ (Off 22,7.12) Was muss deshalb sein liebendes Herz fühlen, wenn Er solcher Kälte und Gleichgültigkeit bezüglich seiner Ankunft bei den Seinigen begegnet! Was würde man von einer Frau sagen, die gar keine Vorbereitungen für die Ankunft ihres Mannes träfe, obwohl er ihr mit den zärtlichsten Worten sein baldiges Kommen angekündigt hätte? Würde man sie nicht liebloser Kälte, ja, selbst der Untreue beschuldigen? Und gleichen die Christen, die nicht an die baldige Ankunft Christi glauben wollen, trotzdem diese klar und deutlich in dem Wort Gottes gelehrt wird, nicht jenem untreuen Knecht, der sagt: „Mein Herr zögert sein Kommen hinaus“? (Lk 12, 45). Wahrlich, in solchen Seelen kann der Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, nicht wohnen, denn sie berauben sich selbst mutwillig der Strahlen, die aus der „glückseligen Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus“ (Tit 2,13) hervorkommen und den dunklen Wüstenpfad erhellen, den sinkenden Mut des ermattenden Pilgers beleben und sein Herz mit Trost und Freude erfüllen.

Doch woher mag dieser Zustand wohl kommen? Zunächst kann er eine Folge mangelhafter Erkenntnis des Werkes Christi sein. So lange das Gewissen in der Gegenwart Gottes keine Ruhe gefunden hat, kann man den Herrn unmöglich mit Freuden erwarten. Nur die wahre Erkenntnis dieses Werkes befreit uns von aller Furcht, indem wir in diesem Werk nicht nur alle unsere Sünden abgewaschen, sondern auch die in uns wohnende Sünde gerichtet sehen. Aufgrund dieses Werkes stehen wir in Christus vor Gott, ja, die Schrift sagt: „Wie er ist, sind auch wir in dieser Welt“ (1. Joh 4, 17), und: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Rö 8, 1).  Sein Blut, die Grundlage unseres ewigen Friedens, gibt uns Freimütigkeit, in das himmlische Heiligtum einzutreten und die Ankunft Jesu mit Freuden zu erwarten.

Dann aber liegt der Grund der Gleichgültigkeit vieler in der mangelhaften Erkenntnis der herrlichen Person des Herrn Jesus. Die Seele hat keine beständige Gemeinschaft mit Ihm und sucht deshalb unbefriedigt Nahrung in den nichtigen Dingen dieser Welt. Wenn aber das dürstende Herz sich Brunnen in der Wüste gräbt, wenn es nach Reichtum und Gemächlichkeit trachtet, wie könnte dann ein Verlangen nach der Wiederkunft des Herrn vorhanden sein? Was ist dieses Ereignis für solche Seelen anders, als ein schmerzliches Scheiden aus einem Kreis, mit dem das Herz durch zahllose Bande verknüpft ist? Ist es zu verwundern, wenn in solch einem Zustand die Annahme, dass der Herr Jesus noch einige Zeit ausbleiben werde, begierig aufgenommen wird? O möchte darum der Herr die Augen all der seinen erleuchten, damit sie die Vollkommenheit seines Werkes und die Herrlichkeit seiner Person mehr kennen und genießen lernen!

Lasst uns ferner nicht vergessen, dass der Herr uns alle Gedanken seines Herzens mitgeteilt hat. Wie Gott einstmals zu seinem „Freunde“ Abraham sagte: „Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?“ (1. Mo 18,17) so sagt der Herr Jesus jetzt zu uns: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört habe, euch kundgetan habe“ (Joh 15, 15). In seinem Wort macht Gott uns einerseits mit dem Zustand des sündigen, abgefallenen Menschen bekannt und teilt uns andererseits seine Handlungen mit diesem Menschen mit, sowohl den Plan der Versöhnung und Erlösung, den Er entworfen und zur Ausführung gebracht hat, als auch seine Ratschlüsse betreffs der Versammlung, des Volkes Israel und der Welt. Nichts hat Er vor uns, seinen Kindern, verborgen gehalten. Er hat uns mitgeteilt, was Er von der Zeit vor Grundlegung der Welt bis zur Erschaffung des neuen Himmels und der neuen Erde getan hat und noch tun wird. Und Er hat uns diese Offenbarungen doch sicherlich nicht deshalb gemacht, damit wir einen großen Teil derselben unbenutzt lassen und uns nur mit dem beschäftigen sollten, was nach unserer Meinung das Wichtigste ist. Nein, Er hat sie uns gemacht, damit wir sie untersuchen und uns an den Gütern seines Hauses sättigen möchten. Und wie wichtig das Untersuchen der zukünftigen Dinge, der Absichten und Pläne Gottes ist, erfahren wir aus den Worten des Apostels Petrus: „Und so besitzen wir das prophetische Wort um so fester, auf das zu achten ihr wohl tut, als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen; indem ihr dies zuerst wisst, dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist. Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist.“ (2. Pet 1, 19–21).

Man könnte unmöglich deutlicher sprechen. Die Propheten hatten von der Herrlichkeit geredet, die offenbart werden sollte. Ihr Zeugnis bezog sich auf die Herrlichkeit des Reiches, das auf dem Berg der Verklärung von den Jüngern Jesu im Voraus geschaut worden war. Das prophetische Wort war durch diese Verklärung befestigt, bestätigt worden. Und dieses Wort war wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort, in der Finsternis dieser Welt, leuchtete. Es gab in dieser Welt kein anderes Licht hinsichtlich alles dessen, was ihr begegnen sollte, sowie hinsichtlich des kommenden Reiches und seiner Herrlichkeit, als das Zeugnis Gottes durch die Propheten. Darum taten die Gläubigen wohl, auf dieses Licht zu achten, und auch wir tun heute wohl daran, obgleich jene, wie auch wir, wenn sie anders ihre christliche Stellung und Hoffnung verstanden, noch ein anderes Licht besaßen. Der Apostel sagt: „bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“. Der Gläubige, der während der Nacht dieser Welt wacht, kennt den Herrn als den glänzenden Morgenstern, der vor dem Aufgang der Sonne der Gerechtigkeit erscheinen wird, und er sieht im Glauben schon den Anbruch des Tages und das Aufgehen dieses Morgensterns. So besitzen wir neben dem Zeugnis der Propheten die Kenntnis von dem Kommen Christi als des glänzenden Morgensterns, der zur ewigen Freude der Seinigen erscheinen und sie mit sich droben im Vaterhaus vereinigen wird, ehe der „Tag“ in seinem vollen Glanz anbricht.

Wir werden also ermahnt und tun wohl, auf das Zeugnis der Propheten, zu dem jetzt dasjenige der neutestamentlichen Propheten hinzugetreten ist, zu achten. Ohne dieses Zeugnis würde die Zukunft dunkel vor uns liegen. Wir würden von den Wegen Gottes mit Israel und mit dieser Welt, sowie von den die Erscheinung Christi begleitenden Ereignissen nichts wissen. So aber weiß ein jeder, der die Prophezeiung kennt und an sie glaubt, was die Zukunft in sich birgt. Er weiß, was geschehen wird, er kennt die Gedanken und Pläne Gottes, und sein Herz verlangt nach der Offenbarung der Herrlichkeit Christi. Inmitten der Leiden und Trübsale des Weges schaut er empor, er weiß, dass er bald bei seinem geliebten Herrn in der Herrlichkeit sein wird. Nehmen die Gottlosigkeit und der Unglaube in der Christenheit zu – die Prophezeiung weist ihn auf ihr schreckliches Ende hin. Sieht er die Stämme Israels auf der Erde umherirren – die Prophezeiung erzählt ihm von ihrer herrlichen Wiederherstellung. Vernimmt er das Seufzen der Schöpfung unter dem Fluch der Sünde – die Prophezeiung erklärt ihm, dass dieser Fluch bald weggenommen werden wird. Über alle diese Dinge gibt die Prophezeiung Aufschluss. Sie tröstet und erfreut die Seele und lenkt den Blick auf die Dinge, die droben sind, sowie auf den Gott, dessen Wege göttlicher Liebe und Gerechtigkeit, göttlicher Treue und Allmacht uns erfreuen.

Dieses prophetische Wort, sowohl Alten wie Neuen Testaments, zu untersuchen und daraus die Wiederkunft Jesu und die mit dieser Wiederkunft in Verbindung stehenden Ereignisse kennen zu lernen, ist der Zweck dieser Schrift. Möchten Schreiber und Leser von der Überzeugung durchdrungen sein, dass die Eröffnung des Wortes Gottes erleuchtet und den Einfältigen Einsicht gibt! (Ps 119, 130). Lasst uns die Offenbarung der Wege und Ratschlüsse Gottes unter Gebet untersuchen und gläubig annehmen! Jeder neue Einblick in den Reichtum der Gnade Gottes wird unsere Freude erhöhen und das Verlangen vermehren, Ihn zu schauen, der uns von dem ewigen Verderben errettet und uns zu Miterben seiner Herrlichkeit gemacht hat.

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