Am Berg Horeb (1.Kön 19)

Es gibt wenige unter denen, die in der Geschichte der Kirche Christi einen hervorragenden Platz eingenommen haben, in deren Laufbahn sich nicht bisweilen ein auffallender Wechsel kundtut. Bald werden sie gesehen auf dem Berg, bald im Tal; zu einer Zeit wärmen sie sich in den lieblichen Strahlen der Sonne, zu einer andern werden sie gepeitscht vom Sturm. Dies ist aber nicht allein bei hervorragenden Charakteren der Fall; beinahe jeder Christ, sei sein Pfad auch noch so einfach und geräuschlos, erfährt etwas von diesem Wechsel. Es scheint in der Tat, dass niemand den Weg, der dem Mann des Glaubens vorgezeichnet ist, laufen kann, ohne Unebenheiten anzutreffen. Der Pfad durch die Wüste ist rau; und wohl uns, dass es so ist. Jeder verständige Mensch wird lieber auf einem rauen als auf einem schlüpfrigen Pfad einhergehen. Der Herr weiß, wie nötig wir es haben, durch raue und harte Wege geübt zu werden, um auszuharren bis ans Ende, und um fähig zu sein für den Platz, den wir hier einzunehmen haben. Wohl mögen wir selbst bei vielen Versuchungen und Schwierigkeiten nicht imstande sein, deren Notwendigkeit einzusehen, und unsere ungeduldige Natur mag sich oft geneigt fühlen, darüber zu murren; aber eins wissen wir, „dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken“. Deshalb lasst uns stille sein, und wir werden fähig sein, von ganzem Herzen zu sagen: „Und er leitete sie auf rechtem Weg, dass sie zu einer Wohnstadt gelangten“ (Ps 107,7).

Die hier erwähnten Gedanken werden hervorgerufen durch die Umstände unseres Propheten in Kapitel 19. Er scheint wenig Vorempfindung von dem schrecklichen Sturm gehabt zu haben, der jetzt über seinem Haupt losbrechen sollte. Er stieg von der Spitze des Berges Karmel hernieder, und lief durch die Kraft des Geistes dem Wagen des Ahab voran bis nach Jesreel (Kap 18,46); aber dort sollte er auf ein Hemmnis stoßen, und zwar durch eine Person, die bis dahin im Hintergrund geblieben war. Es war die gottlose Isebel. Sie hatte sich im Hintergrund gehalten; aber sicher war sie dort nicht müßig gewesen. Sie hatte ohne Zweifel ihren schwachen Gemahl beeinflusst und seine Macht für ihre gottlosen Zwecke benutzt. Sie hatte den Propheten Baals ihr Haus geöffnet und ihnen einen Tisch bereitet. Diese Dinge hatte sie getan, um die Interessen ihres Herrn zu fördern. Isebel darf aber nicht nur als eine Person betrachtet werden; sie steht vor jedem geistlichen Gemüt zugleich als die Vertreterin einer Klasse – ja noch mehr, als die Personifizierung eines Grundsatzes, der von Zeitalter zu Zeitalter feindselig gegen die Wahrheit Gottes gewirkt hat und der in seiner völligen Reife in der Person der „großen Hure“ erscheint, von der in der Offenbarung die Rede ist. Der Geist Isebels ist ein verfolgender Geist – ein Geist, der seine Sache in Opposition gegen alles durchsetzt – ein handelnder, energischer, beharrlicher Geist, in welchem die satanische Macht sehr oft erscheint. Ganz verschieden ist der Geist Ahabs. In ihm sehen wir einen, der, wenn er nur die Befriedigung seiner fleischlichen und weltlichen Lüste erlangen konnte, sich wenig um die Religion kümmerte. Es machte ihm wenig Not, zwischen den Anforderungen des HEERN und denen des Baals zu entscheiden. Ihm war alles gleich. Er war einer, bei dem Isebel ganz nach ihrem Sinn schalten und walten konnte. Sie trug Sorge, seine Lüste zu befriedigen, während sie eifrig und mit Bedacht seine Macht in der Opposition gegen die Wahrheit Gottes benutzte. Die Ahabs werden zu jeder Zeit als geeignete Werkzeuge für die Isebels gefunden; daher finden wir in der Offenbarung, wo wir alle jene Grundsätze, die von jeher wirksam waren und es noch sind oder sein werden, in ihrer völligen Reife sehen, die große Hure sitzend auf dem wilden Tier, d. h. die verderbte Religion beherrscht die weltliche Macht – der völlig ausgebildete Geist Isebels benutzt den völlig ausgebildeten Geist Ahabs. Dies alles enthält eine feierliche Sprache für das gegenwärtige Geschlecht; und wer ein Ohr hat, zu hören, der höre! Die Menschen werden von Tag zu Tag achtloser im Blick auf die Interessen der Wahrheit Gottes auf der Erde. Christus und Belial sind ihnen ganz gleich, wenn nur die Räder der großen Maschine des Nützlichkeitsprinzips in ihrer Bewegung nicht gehemmt werden. Du magst alle dir beliebigen Grundsätze festhalten, wenn du nur damit im Hintergrund bleibst und mit Eifer und Energie der Weltlichkeit huldigst. Das ist der Geist und die Richtung des gegenwärtigen Zeitlaufs; und es ist nur nötig, dass ein Geist Isebels aufsteht, um die Menschen auf dem Pfad, den sie offenbar betreten haben, weiter zu führen – auf einem Pfad, der ganz sicher und für immer in der Dunkelheit der Finsternis enden wird. Feierlicher, höchst feierlicher Gedanke! Und ich sage wiederum: „Wer ein Ohr hat, zu hören, der höre“!

Wir haben gesagt, dass der Prophet Elia durch Isebel auf ein Hemmnis stieß, welches seinen Geist zu überwinden schien. „Und Ahab berichtete der Isebel alles was Elia getan hatte, und alles, wie er alle Propheten mit dem Schwert getötet hätte“ (Kap 19,1). Beachte wohl: „Ahab berichtete der Isebel“; er hatte weder hinreichend eigenes Interesse an der Sache, um selbst tätigen Anteil zu nehmen, noch besaß er, wenn er Interesse gehabt hätte, hinreichende Energie dazu. Vielleicht schien ihm der starke Regen mit dem Tod der Propheten in Verbindung zu stehen, und darum konnte er ruhig dabeistehen und sie zum Tode abführen sehen. Was galt ihm Baal oder auch der HERR? Nichts, dass Ahab und alle von jener Schule nur genug zu essen und zu trinken bekommen, und jede Frage der Wahrheit und der Religion kümmert sie wenig. Grobe, verabscheuungswerte Sinnlichkeit! O ihr Kinder dieser Welt, die ihr eure Gedanken ausdrückt in jenen Worten: „Lasst uns essen und trinken; denn morgen sterben wir“ (Jes 22,13; 1. Kor 15,32), denkt an Ahab – denkt an sein schreckliches Ende, an das Ende seines Essens und Trinkens. Was war es? Die Hunde leckten sein Blut (Kap 22,34–38). Und seine Seele? Ach! die Ewigkeit wird ihr Los offenbaren.

In Isebel aber sehen wir eine Person, der es weder an Interesse noch an Energie gebrach. Für sie war es eine Sache von höchster Wichtigkeit, und sie war entschlossen, mit Entschiedenheit zu handeln. „Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: So sollen mir die Götter tun und so hinzufügen, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dein Leben eines von ihnen gleich mache“ (V 2)! Hier nun war der Prophet berufen, den Sturm der Verfolgung zu ertragen. Auf dem Berg Karmel hatte er gegen alle die Propheten Baals gestanden; bis dahin war seine Laufbahn eine triumphale gewesen – das Ergebnis der Gemeinschaft mit Gott; aber jetzt schien, nach seiner Meinung, die Sonne unterzugehen und sein Horizont dunkel und finster werden zu wollen. „Und als er das sah, machte er sich auf und ging fort um seines Lebens willen, und kam nach Beerseba, das zu Juda gehört; und er ließ seinen Knaben dort zurück. Er selbst aber ging in die Wüste, eine Tagereise weit, und kam und setzte sich unter einen Ginsterstrauch. Und er bat, dass seine Seele stürbe, und sprach: Es ist genug; nimm nun, HERR, meine Seele, denn ich bin nicht besser als meine Väter“ (Verse 3+4). Der Geist des Elia sinkt ganz und gar; er betrachtet alles durch die finstere Wolke, in welche er eingehüllt war; seine ganze Arbeit scheint seiner Meinung nach für nichts und vergeblich gewesen zu sein, so dass er sich nur hinzulegen und zu sterben habe. Sein Geist, niedergebeugt durch die scheinbar fruchtlose Anstrengung, die Nation zu ihrem Glauben zurückzubringen, verlangte in die Ruhe einzugehen. In diesem allen bemerkt man die Wirkungen der Ungeduld und des Unglaubens. Elia sagte nicht, dass er abzuscheiden begehrte, als er auf dem Berg Karmel stand. Nein; da war alles Triumph; da schien er etwas zu Stande gebracht zu haben – da schien er von Nutzen zu sein; und darum dachte er nicht ans Abscheiden. Doch der Herr wollte Seinem Knecht nicht nur zeigen, was er tun sondern auch, was er leiden musste. Das erstere haben wir ganz gern; aber zu dem letzten sind wir nicht so bereit. Und doch ist der Herr ebenso verherrlicht in einem ausharrenden Dulder wie in einem tätigen Knecht.

Die Gnaden, die durch jemand, der befähigt ist, in langwierigen Leiden auszuharren, enthüllt werden, sind ein ebenso duftender Wohlgeruch, wie die Früchte eines tätigen Dienstes. Dies hätte unser Prophet verstehen sollen. Aber ach! das arme Herz war nur beschäftigt mit seinem Trübsinn und seinem Kleinmut. Es gibt wenige unter den Knechten des Herrn, die nicht zu der einen oder anderen Zeit sehnlichst verlangt haben, ihre Waffenrüstung niederzulegen und von den Beschwerden des Kampfes abzulassen, besonders zu einer Zeit, wo all ihre Mühe und ihr ganzes Zeugnis vergeblich zu sein schien, und wo sie selbst sich als solche betrachteten, die das Land hindern. Doch wir müssen warten auf die Zeit Gottes, und bis dahin in geduldigem, ergebenem Dienst unsern Weg verfolgen. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Sehnen, aus unsern Versuchungen und Leiden befreit zu werden, und dem Sehnen, daheim zu sein in unseres Vaters Hause. Ohne Zweifel ist der Gedanke an die Ruhe süß – unaussprechlich süß für den, welcher arbeitet. Es ist erquickend, sich an die vielen Wohnungen zu erinnern, die für uns erworben sind durch das Blut unsers Herrn Jesu Christi – erquickend, an die Zeit zu denken, wo unser gnadenreicher Gott jede Träne von unseren Augen abwischen wird- erquickend, sich an jene grüne Weiden und lebendigen Quellen zu erinnern, zu welchen das Lamm Sein Herd in den kommenden Zeitaltern der Herrlichkeit leiten wird – mit einem Wort, die ganze Aussicht, die dem Auge des Glaubens dargeboten wird, ist höchst erquickend und süß, aber dies berechtigt uns nicht, zu sagen: „Nimm nun, HERR, meine Seele“! Nur ein ungeduldiger Geist kann uns eine solche Sprache eingeben. Welch ein anderer Geist atmet in den folgenden Worten des Apostels Paulus: „Ich werde aber von beidem bedrängt, indem ich Lust habe, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen. Und in dieser Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen bleiben werde zu eurer Förderung und Freude im Glauben“ (Phil 1,23–25). Diese Worte legen einen wahrhaft christlichen Geist an den Tag. Der Diener der Versammlung sollte das Wohl der Versammlung und nicht seinen eigenen Vorteil suchen. Wenn Paulus auf sich selbst geschaut hätte, so würde er keinen Augenblick auf der Erde geblieben sein; da er aber auf die Kirche oder Versammlung blickte, so wünschte er zu bleiben, und zwar zu bleiben zur Förderung und Freude ihres Glaubens. Dies hätte auch der Wunsch des Elia sein sollen; er hätte begehren sollen, zu bleiben für das Wohl der Nation. Doch hier fehlte er. Er war unter dem Einfluss des Unglaubens in die Wüste geflohen, und zwar um sein Leben zu retten; und dann wünschte er, dass seine Seele weggenommen würde, einfach, um den Versuchungen zu entgehen, die seine Stellung umgaben.

In diesem allen können wir eine höchst nützliche Unterweisung lernen. Der Unglaube treibt uns fort vom Platz des Zeugnisses und des Dienstes. Solange Elia durch Glauben wandelte, nahm er den Platz eines Dieners und eines Zeugen ein; sobald er aber seinen Glauben aufgab, verließ er jenen Platz und floh in die Wüste. Der Unglaube macht uns ganz und gar unfähig für den Dienst, und somit nutzlos. Wir können nur in der Energie des Glaubens für Gott handeln. Dies sollten wir besonders beherzigen in der gegenwärtigen Zeit, wo so viele ablassen und sich zurückwenden. Es kann als ein feststehender Grundsatz der Wahrheit betrachtet werden, dass, wenn jemand eine bestimmte Stellung des Zeugnisses aufgibt, es der positive Unglaube an die Wahrheit ist, der ihn dazu leitet. Es gibt jetzt z.B. viele, welche vorgeben, von der Wahrheit der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche überzeugt zu sein. Wenn diese Wahrheit nun wirklich erkannt und mit Kraft erfasst ist, so wird sie uns in den Sachen des Glaubens von aller menschlichen Autorität befreien und den Christen aus jenen Systemen führen, wo eine solche Autorität anerkannt und verteidigt wird. Wenn der Heilige Geist in der Kirche oder Versammlung regiert, so hat der Mensch kein Recht, sich da einzumischen – kein Recht, Zeremonien anzuordnen und einzusetzen; denn dieses zu tun ist ein höchst anmaßender Eingriff in die göttlichen Rechte. Wenn deshalb jemand von Herzen an jene wichtige Wahrheit glaubt, so wird sicher sein Glaube insoweit Einfluss auf sein Verhalten ausüben, dass er sich berufen fühlen wird, gegen jedes System, in welchem diese Wahrheit praktisch verleugnet wird, durch Trennung davon Zeugnis abzulegen. Es handelt sich nicht um die Frage, an was oder an wen er sich anschließen soll. Nein; dies ist eine andere und spätere Erwägung. Die erste Sache ist, sich von dem Bösen abzuwenden, und der zweite, das Gute zu tun (1. Pet 3,11). Nun gibt es auch manche, die einmal vorgaben, diese Wahrheit zu erkennen und dies in ihrem Verhalten bezeugten, die aber nachher ihr Vertrauen darauf verloren und in Folge dessen ihre eingenommene Stellung verlassen haben, und zu jenen Systemen, wovon sie ausgegangen waren, zurückgekehrt sind. Wie bei Elia, so sind auch ihre Hoffnungen nicht alle verwirklicht, die Resultate, welche sie erwarteten, nicht alle erfüllt worden; und wohl manche mögen sich geneigt gefühlt haben, zu sagen: „Es ist genug“. Ja, mancher Diener Christi, der einmal hohe und übertriebene Erwartungen im Blick auf die Kirche oder Versammlung hegte, ist jetzt niedergebeugt von Kummer und getäuschten Hoffnungen. Er hat viele gesehen, welche einmal die Wahrheit von der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche und andere derartige Wahrheiten bekannten und täglich bezeugten, die aber – um nicht zu viel zu sagen – darin versagt haben, sie auch im praktischen Leben zu offenbaren, und die sich oft sogar auf eine höchst demütigende Weise darstellten; und der Feind ist nicht müßig gewesen, von diesem allen seinen Gebrauch zu machen. Er hat es besonders benutzt, um die Herzen jener zu entmutigen, die ohne Zweifel im Zeugnis für Christum auszuhalten wünschten; welche aber, da sie sahen, dass alles, gleich dem ganzen Zeugnis auf der Erde, fehlte, in Mutlosigkeit aufgaben. Doch mögen die Gläubigen dies beachten. Es war Unglauben, der Elia veranlasste, in die Wüste zu fliehen; und es ist Unglauben, der jemand veranlasst, jene Stellung des Zeugnisses aufzugeben, in welche die Wahrheit von der Gegenwart des Heiligen Geistes ihn geführt hat.

Wer sich also zurückzieht, beweist, dass er es nicht mit Gott und Seiner ewigen Wahrheit, sondern mit dem Menschen und seiner Unbeständigkeit zu tun hat. Wenn die Wahrheit Gottes die Grundlage unserer Handlungen ist, so werden wir durch die Unbeständigkeit und Schwachheit des Menschen nicht berührt werden. Der Mensch mag und wird sicher in seinen besten und reinsten Anstrengungen, die Wahrheit Gottes praktisch darzustellen, versagen; aber wird sein Versagen die Wahrheit Gottes wirkungslos machen? „Das sei ferne! Gott aber sei wahrhaftig, jeder Mensch aber Lügner“ (Röm 3,4). Wenn jene, welche an der gesegneten Lehre von der Einheit der Kirche festzuhalten bekennen, sich in Parteien zerteilen sollten – wenn jene, welche an der Lehre von der Gegenwart des Geistes in der Kirche, um sie zu regieren und zu leiten, festzuhalten bekennen, sich trotzdem praktisch auf die Autorität des Menschen lehnen sollten – wenn jene, welche bekennen, auf die persönliche Erscheinung und Regierung des Sohnes des Menschen zu warten, dennoch mit Begierde nach den Dingen dieser gegenwärtigen Welt haschen sollten – könnte dies alles jene himmlischen Grundsätze zunichte machen? Gewiss nicht. Dank sei Gott! die Wahrheit wird Wahrheit bleiben bis ans Ende. Gott wird Gott sein, wenn auch der Mensch sich noch tausendmal unvollkommener erweisen sollte als er ist. Deshalb, anstatt in Mutlosigkeit die Wahrheit Gottes aufzugeben, weil die Menschen ermangeln, einen richtigen Gebrauch von ihr zu machen, sollten wir sie vielmehr festhalten, als die alleinige Stütze der Seele inmitten des allgemeinen Verfalls. Hätte Elia an der Wahrheit festgehalten, die seine Seele erfüllte, als er auf dem Berg Karmel stand, so wäre er nie unter dem Ginsterstrauch gefunden worden, noch würde er je jene Worte ausgesprochen haben: Nimm nun, HERR, meine Seele; denn ich bin nicht besser als meine Väter“.

Doch der Herr kann Seinem armen Knecht in Gnade begegnen, sogar wenn er unter einem Ginsterstrauch schläft. „Denn er kennt unser Gebilde, ist eingedenk, dass wir Staub sind“ (Ps 103,14); und darum, statt die törichte Bitte Seines ermatteten und entmutigten Knechtes zu erfüllen, sucht Er ihn vielmehr für weitere Verwendung zu erquicken und zu stärken. Dies ist nicht die Weise des Menschen; aber es ist – gepriesen sei für immer Sein Name! – die Weise Gottes, dessen Wege und Gedanken nicht die unsrigen sind. Der Mensch handelt oft hart und barsch mit seinem Nebenmenschen; er hat selten Nachsicht mit ihm, sondern verfährt mit ihm in Hast und Strenge. Nicht so Gott. Er handelt stets im zärtlichsten Mitgefühl. Er verstand den Elia; Er erinnerte Sich an den Widerstand, den er soeben noch für Seinen Namen und Seine Wahrheit geleistet hatte, und darum wollte Er ihm dienen in dieser Zeit seiner Mutlosigkeit. „Und er legte sich nieder und schlief ein unter dem Ginsterstrauch. Und siehe da, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Stehe auf, iss! Und als er hinblickte, siehe, da lag zu seinen Häupten ein Kuchen, auf heißen Steinen gebacken, und ein Krug Wasser. Und er aß und trank und legte sich wieder hin. Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Male wieder und rührte ihn an und sprach: Stehe auf, iss! Denn der Weg ist zu weit für dich. Und er stand auf und aß und trank, und er ging in der Kraft dieser Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Gottes, den Horeb“ (Verse 5–8).

Der Herr kennt besser als wir die Anforderungen, die an uns gestellt werden mögen, und in Gnade stärkt er uns nach Seiner Einschätzung jener Anforderungen. Der Prophet wünschte vor Kummer, zu schlafen; der Herr aber wünschte ihn für den zukünftigen Dienst zu erquicken und zu stärken. Gleich den Jüngern im Garten Gethseman, welche, niedergebeugt von tiefem Kummer über das scheinbare Fehlschlagen all ihrer zärtlich gehegten Hoffnungen, sich einem tiefen Schlaf überließen, während ihr gnadenreicher Herr daran dachte, für die versuchungsreichen Szenen, in welche sie jetzt einzutreten hatten, ihre Lenden zu umgürten und ihren Arm zu stärken.

Elia aß und trank, und also gestärkt ging er vorwärts bis an den Berg Horeb. Und hier begegnen wir wieder der traurigen Handlung eines unruhigen Geistes. Elia scheint entschieden zu sein, sich ganz und gar von seinem Platz des Dienstes und des Zeugnisses zurückzuziehen. Wenn er nicht unter dem Ginsterstrauch schlafen kann, dann will er sich in einer Höhle verbergen. „Und er ging daselbst in die Höhle und übernachtete daselbst“ (Vers 9). Wenn sich einmal jemand erlaubt, die Stellung, in welche der Glaube ihn gesetzt hat, zu verlassen, so ist das Ende seines Abweichens nicht zu bestimmen. Nur der ausharrende Glaube an das Wort Gottes kann uns auf dem Pfad des Dienstes erhalten, weil der Glaube eines Menschen zufrieden macht, auf das Ende zu warten; wohingegen der Unglaube, der nur auf die ihn umgebenden Umstände blickt, ihn bis zur gänzlichen Verzweiflung sinken lässt. Der Christ muss hienieden nichts anderes erwarten, als Versuchung und Ungemach zu finden. Wir mögen oft von Ruhe und Befriedigung träumen; aber es ist nur ein Traum. Elia hoffte ohne Zweifel, durch sein Mitwirken einen großen moralischen Umschwung hervorgebracht zu sehen, doch stattdessen ist sein Leben bedroht. Doch hätte er darauf vorbereitet sein sollen. Der Mann, welcher Ahab und all den Propheten Baals furchtlos gegenübergestanden hatte, hätte sicher fähig sein sollen, eine Botschaft von einer Frau zu ertragen. Doch nein; sein Glaube war gewichen. Wenn man den Propheten in seiner Stellung am Berg Horeb betrachtet, so könnte man veranlasst werden, zu fragen: Ist das derselbe Mann, den wir kurz vorher auf dem Berg Karmel an dem Altar von zwölf Steinen stehen sahen, und der dort auf eine so gesegnete Weise den Gott Israels im Angesicht seiner Brüder verteidigte? Ach! welch ein ohnmächtiges Geschöpf ist der Mensch, wenn er nicht durch einfachen Glauben an das Zeugnis Gottes aufrechterhalten wird. David konnte zu einer Zeit in der Kraft des Glaubens dem Goliath entgegentreten, und doch nachher sagen: „Nun werde ich eines Tages durch die Hand Sauls umkommen“ (1. Sam 27,1). Der Glaube erhebt sich über die Umstände und schaut auf Gott; der Unglaube verliert Gott aus dem Gesicht und blickt nur auf die Umstände. Der Unglaube sagt: „Und wir waren in unseren Augen wie Heuschrecken, und also waren wir auch in ihren Augen“. Der Glaube dagegen sagt: „Wir werden es gewisslich überwältigen“ (4. Mo 13,30).

Der Herr aber gibt Seinen Knecht in der Höhle nicht auf. Er folgt ihm und sucht ihn immer noch zu jenem Posten zurückzubringen, den er in seiner Ungeduld und seinem Unglauben verlassen hatte. „Und siehe, das Wort des HERRN geschah zu ihm, und er sprach zu ihm: Was tust du hier, Elia“ (Vers 9)? Welch ein Tadel! Warum verbarg sich Elia in einer Höhle? Warum hatte er sich von dem ehrenwerten Posten des Zeugnisses zurückgezogen? Wegen der Botschaft der Isebel, und weil sein Dienst nicht so völlig anerkannt worden war, wie er es erwartet hatte. Er dachte, von all seiner Arbeit eine fröhlichere Ernte zu halten, als so eine drohende Botschaft und ein augenscheinliches Verlassensein; und darum suchte er die Einsamkeit einer Berghöhle als einen geeigneten Platz, um seinen Gefühlen nachzuhängen. Es muss zugegeben werden, dass da vieles, sehr vieles war, um den Geist des Propheten zu verwunden. Er war aus seiner stillen Zurückgezogenheit in Zarpath gekommen, um der ganzen Nation gegenüberzustehen, die durch Isebel und ein Heer gottloser Priester und Propheten regiert wurde; er hatte Letztere durch Gottes Gnade aus dem Weg geräumt. Gott hatte als Antwort auf sein Gebet Feuer vom Himmel gesandt; ganz Israel schien die Wahrheit, die durch ihn verkündigt wurde, anerkannt zu haben. Dies alles muss seine Erwartungen zu einer außerordentlichen Höhe gesteigert haben; doch nach allem ist sein Leben bedroht; er sieht keinen ihm zur Seite stehen; er ist eingehüllt in eine dunkle Wolke; er verlässt den Kampfplatz und verbirgt sich in einer Höhle. Es ist nun sehr viel einfacher, einen andern zu beurteilen, als selbst richtig zu handeln, und wir müssen im Urteil eines so geehrten Dieners, wie Elia, der Tisbiter es war, außerordentlich behutsam sein. Wenn es nun aber auch nicht unsere Aufgabe ist, viel zu urteilen, so können wir doch wenigstens aus diesem Teil der Geschichte unseres Propheten viel Belehrung und Warnung ziehen. Wir können hier eine Lektion lernen, die uns allen sehr nötig ist. „Was tust du hier“? ist eine Frage, die sehr geeignet ist, dass wir sie oft an uns richten, wenn wir in Ungeduld oder im Unglauben unsern angewiesenen Platz des Dienstes unter unseren Brüdern verlassen, um unter einem Ginsterstrauch zu schlafen oder uns in einer Höhle zu verbergen. Gibt es in diesem Augenblicke nicht viele, welche vor einiger Zeit kräftige Verteidiger der Grundsätze waren, die mit der Einheit und der Anbetung des Volkes Gottes verbunden sind, welche jetzt entweder schlafend oder in einer Höhle verborgen gefunden werden? Das will sagen, dass sie nichts mehr zur Förderung jener Wahrheiten, die sie einmal verteidigten, beitragen. Dies ist eine höchst traurige Wahrnehmung. An jene sollte die Frage: „Was tust du hier“? mit einer besonderen Kraft herantreten. Ja, was tun jene? oder vielmehr, was tun sie nicht im Hinblick auf den vorhandenen Schaden der Schafe Christi? Solche sind nicht nur nutzlos, sondern sind schädlich; sie schwächen ihre Brüder. Es wäre weit besser, nie als Verteidiger einer wichtigen Wahrheit aufgetreten zu sein, als sich nachher zurückzuziehen. Eine besondere Aufmerksamkeit in Bezug auf gewisse leitende Grundsätze der göttlichen Wahrheit hervorzurufen, und sie dann zu verlassen, ist höchst strafbar. „Wenn aber jemand unwissend ist, so sei er unwissend“ (1. Kor 14,38). Wir können den Unwissenden bemitleiden oder uns bemühen, ihn zu belehren; aber ein Mensch, der die Wahrheit bekannt und sie danach verlassen hat, kann weder als ein Gegenstand des Mitleides noch der Belehrung betrachtet werden.

Es ist aber nicht nur Unglaube und getäuschte Hoffnung in Bezug auf gewisse Wahrheiten, die die Menschen zu einer unseligen Isolation treiben, sondern auch das augenscheinliche Fehlschlagen des Dienstes hat dieselbe Wirkung. Dies letztere war es vielleicht, was besonders das Herz des Elia bewegte. Der Triumph auf dem Berg Karmel hatte ohne Zweifel seinen Geist in Beziehung zu den Resultaten seines Dienstes zu sehr erhoben, und so war er für die entgegengesetzte Seite nicht vorbereitet. Das untrügliche Heilmittel für beide Übel, für den Unglauben in Bezug auf eine wichtige Wahrheit, und für die getäuschte Erwartung in Bezug auf unsern Dienst ist, das Auge einfach und beharrlich auf Jesum gerichtet zu halten. Wenn wir z. B. Menschen finden, die jene beiden großen und höchst wichtigen Wahrheiten – die Einheit der Kirche und die bleibende Gegenwart des Heiligen Geistes in derselben – bekennen, aber in der Verwirklichung dieser Wahrheiten versagen, sollen wir uns dann abwenden und sagen: Es gibt keine Einheit und keine bleibende Gegenwart des Heiligen Geistes? Das sei ferne! Das würde heißen, Gottes Wahrheit von der Untreue oder Treue des Menschen abhängig zu machen, welches ein geistliches Gemüt nicht einen Augenblick zugeben wird. Nein, lasst uns vielmehr zum Himmel hinaufschauen und die Kirche sehen als den Leib Christi, und jedes Glied in das Buch Gottes geschrieben von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und zu gleicher Zeit, wenn wir Jesum zur Rechten Gottes in den Himmeln sehen, so sehen wir den untrüglichen Grund der Gegenwart des Geistes in der Kirche. Dank sei Gott für die gesegnete Festigkeit von diesem allen! „Die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar“ (Röm 11,29). Wenn endlich jemand in Betreff seines Dienstes versucht wird, wenn der Feind bemüht ist, ihn zu veranlassen, diesen Dienst aus Verdruss oder in getäuschter Hoffnung aufzugeben, so möge er vor allem sein Auge einfältiger auf Jesum richten und daran denken, dass, wie niederdrückend alles um uns her auch sein mag; die Zeit immer näher rückt, wo alle, die mit einfältigem Herzen dem Herrn aus Liebe zu Ihm gedient haben, einen vollen Lohn empfangen werden. Wir müssen uns jedoch wohl hüten, dass wir nicht unsern Dienst oder die Früchte desselben zwischen uns und Christus stellen. Die Gefahr dazu ist groß. Es mag sich jemand in aufrichtiger Ergebenheit seinem Herrn widmen, und kann doch durch die List des Feindes und durch die Schwachheit seines eigenen Herzens über kurz oder lang seinem Werk einen höhern Platz in seinen Gedanken einräumen als Christus selbst. Hätte Elia mehr den Gott Israels vor sich behalten; so würde er nicht in Verzagtheit davongegangen sein.

Den wahren Zustand der Seele des Propheten lernen wir aus seiner Erwiderung auf den göttlichen Vorwurf kennen. „Ich habe sehr geeifert“ sagte er, „für den HERRN, den Gott der Heerscharen; denn die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen, deine Altäre niedergerissen und deine Propheten mit dem Schwert getötet; und ich allein bin übrig geblieben; und sie trachten danach, mir das Leben zu nehmen“ (Vers 10). Wie verschieden ist diese Sprache von jener, die auf dem Berg Karmel von seinen Lippen kam! Dort rechtfertigte er Gott; hier rechtfertigt er sich selbst. Dort war er bemüht, seine Brüder zu bekehren, indem er die Wahrheit Gottes vor sie hinstellte; hier klagt er seine Brüder an und zählt ihre Sünden vor Gott auf.

„Ich habe sehr geeifert“ aber „sie haben verlassen…“ Dies war die Weise, in welcher der gtäuschte Prophet aus seiner Höhle am Berg Horeb sprach. Er scheint sich als den einzigen zu betrachten, der etwas für Gott getan hatte oder tat. „Ich allein bin übrig geblieben, und sie trachten danach, mir das Leben zu nehmen“. Dies alles war die natürliche Folge seiner Stellung. In dem Augenblick, wo jemand sich von seinem Platz des Zeugnisses und des Dienstes unter seinen Brüdern zurückzieht, beginnt er damit, sich zu erheben, um jene anzuklagen. Doch allen, die sich auf diese Weise von ihren Brüdern trennen und sie beschuldigen, gilt die erforschende Frage: „Was tust du hier“? – „Wer ein Ohr hat zu hören, der höre“!

Unser Prophet wird nun aus seinem isolierten Platz hervorgerufen. „Gehe hinaus“, sagt der HERR, „und stelle dich auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber, und ein Wind, groß und stark, zerriss die Berge und zerschmetterte die Felsen vor dem HERRN her; und der HERR war nicht in dem Wind. Und nach dem Wind ein Erdbeben; der HERR war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben ein Feuer; der HERR war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer der Ton eines leisen Säuselns“ (Verse 11+12). Der Herr wollte durch diese feierlichen und verschiedenen Darstellungen von Sich und Seinen Handlungen Seinen Knecht höchst eindrucksvoll unterweisen, dass Er nicht auf einen Boten beschränkt war, um Seine Wege kundzumachen. Der Wind war ein Bote, und zwar ein mächtiger; aber er entsprach nicht Seinem Zweck; und dasselbe könnte von dem Erdbeben und von dem Feuer gesagt werden. Sie dienten durch ihre Furchtbarkeit nur dazu, dem letzten, augenscheinlich schwächsten Boten – „dem Ton eines leisen Säuselns“ – den Weg zu bahnen. Auf diese Weise wurde der Prophet unterwiesen, dass er zufrieden sein müsse, ein Bote zu sein, und zwar einer von vielen. Er mochte gedacht haben, dass das ganze Werk, als er mit der schrecklichen Gewalt des mächtigen Windes kam, durch ihn vollbracht werden sollte, dass jedes Hindernis durch ihn aus dem Weg geräumt und die Nation zu dem Platz ihres glücklichen Gehorsams gegen Gott zurückgeführt werden würde. Ach, wie wenig versteht sogar das erhabenste Werkzeug seine Nichtigkeit! Die Ergebensten, die Begabtesten, die Erhabensten sind nur Steine in dem großen Gebäude – nur Schrauben in der großen Maschine; und wer da meint, dass er das Werkzeug sei, der irrt sich sehr: Paulus mochte pflanzen und Apollos begießen; aber Gott gab das Wachstum. Und Elia hatte zu lernen, dass Gott nicht nur auf ihn beschränkt war. Er hatte noch andere Pfeile in Seinem Köcher, die Er zu Seiner Zeit abschießen konnte. Der Wind, das Erdbeben und das Feuer mussten alle ihr Werk verrichten und dann konnte die stille, zarte Stimme deutlich und auf eine wirksame Weise gehört werden. Gottes alleinige Absicht ist, Sich vernehmbar zu machen, wenn Er auch in dem Ton eines leisen Säuselns spricht.

Elia blieb in der Höhle, bis die Stimme sein Ohr erreichte, und dann „verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel, und ging hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle“ (Vers 13). Nur vor dem Herrn kommen wir zu unserer richtigen Stellung. Wir mögen hohe Gedanken von uns und unserm Dienst haben, bis wir in die Gegenwart Gottes gebracht sind; dann lernen wir unser Angesicht in einen Mantel zu hüllen; mit anderen Worten, wir lernen in Wirklichkeit uns selbst verbergen. Als Moses sich in der göttlichen Gegenwart fand, zitterte er und wagte nicht, hinzuschauen. Als sich Hiob dort fand, verwarf er sich und tat Buße in Staub und Asche; und also ist es bei jedem gewesen, der sich im Licht der Gegenwart Gottes gesehen hat. Er überzeugte sich von seinem gänzlichen Nichts, und lernte verstehen, dass Gott ohne ihn wirken konnte. Der Herr ist immer bereit, den geringsten Dienst für Ihn anzuerkennen; aber sobald jemand von seinem Dienst eingenommen wird, zeigt ihm der Herr, dass Er seiner nicht mehr bedarf. So war es auch mit Elia. Er hatte sich vom Feld der Arbeit und des Kampfes zurückgezogen und ernstlich begehrt, weggenommen zu werden; er hielt sich für den alleinigen Zeugen, für einen verlassenen und getäuschten Knecht, und der HERR stellt ihn vor Sich hin; und hier ist es, wo er seinen Dienst niederlegt und die Namen seiner Nachfolger auf dem Feld der Arbeit vernimmt. „Und der HERR sprach zu ihm: Gehe, kehre zurück deines Weges, nach der Wüste von Damaskus; und wenn du angekommen bist, so salbe Hasael zum König über Syrien. Und Jehu, den Sohn Nimsis, sollst du zum König über Israel salben; und Elisa, den Sohn Saphats, von Abel-Mehola, sollst du zum Propheten salben an deiner Statt. Und es soll geschehen: wer dem Schwert Hasaels entrinnt, den wird Jehu töten; und wer dem Schwert Jehus entrinnt, den wird Elisa töten. Aber ich habe siebentausend in Israel übrig gelassen, alle die Knie, die sich nicht vor dem Baal gebeugt haben, und jeden Mund, der ihn nicht geküsst hat“ (Verse 15–18). Diese Bestimmung muss auf den Geist des Propheten viel Licht geworfen haben. Siebentausend! – und er dachte allein übrig geblieben zu sein. Der Herr wird um Werkzeuge nie in Verlegenheit sein. Wenn der Wind nicht will, so hat Er das Erdbeben, und wenn das Erdbeben nicht will, so hat Er das Feuer; und wenn das Feuer nicht will, so hat Er den Ton eines leisen Säuselns. Und so wurde Elia belehrt, dass Israel durch einen anderen Dienst als dem seinigen bedient werden sollte. Hasael, Jehu und Elisa sollten auf den Schauplatz treten; und wie der Ton eines leisen Säuselns sich wirksam erwiesen hatte, ihn aus seiner Berghöhle hervorzuziehen, so sollte auch der gnadenvolle Dienst des Elisa sich wirksam erweisen, die tausenden Treuen, die er ganz und gar übersehen hatte, aus ihren verborgenen Winkeln hervorzuziehen. Elia hatte nicht alles zu tun; er war nur ein Bote. „Das Auge aber kann nicht zu der Hand sagen: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht“ (1. Kor 12,21).

Dies war, wie ich glaube, die wichtige Aufgabe, welcher unser Prophet durch die eindrucksvolle Szene am Berg Horeb zu lernen hatte. Er war dort hinaufgegangen, voll von Gedanken über sich selbst; er stand am Berg Horeb, erfüllt mit dem Bewusstsein, dass er der Zeuge, der alleinige Zeuge war; und er kam hernieder mit der demütigenden, aber heilsamen Überzeugung, dass er nur einer von siebentausend war. In der Tat eine sehr unterschiedliche Ansicht der Sache. Niemand kann unterweisen wie Gott. Wenn Er wünscht, uns eine Aufgabe zu lehren, so kann Er es auf eine wirksame Weise; gepriesen sei Sein Name. Er hatte den Elia von seiner eigenen Niedrigkeit so unterwiesen, dass er zufrieden war, zurückzugehen, aus seiner Höhle hervorzukommen und vom Berg hinab zu steigen, alle seine Beschwerden und Entschuldigungen fahren zu lassen und demütig, schweigend, gehorsam und willig seinen Propheten-Mantel über die Schultern eines anderen zu werfen. Dies alles ist höchst lehrreich.

Das Schweigen des Elia, nachdem er von den Siebentausend hörte, ist höchst bemerkenswert. Er hatte eine Aufgabe gelernt, die er am Berg Karmel nicht lernen konnte – eine Aufgabe, die weder Zarpath noch der Bach Krith ihn gelehrt hatten. An jenen Orten hatte er vieles über Gott und Seine Wahrheiten gelernt; aber am Berg Horeb kam er erst zur Einsicht über seine eigene Nichtigkeit, und in Folge dieser Einsicht kommt er vom Berg hernieder und übergibt seinen Dienst einem anderen. Wir sehen in diesem treuen Knecht die völligste Selbstverleugnung von dem Augenblicke an, wo er verstand, dass er nur einer von vielen war. Er richtete eine Botschaft an Ahab im Weinberg des Naboth aus, eine Botschaft an Ahasja im Krankenzimmer; dann nahm er Abschied von der Erde, und überließ anderen Händen die Vollendung des von ihm begonnenen Werkes. Gleich dem Johannes dem Täufer, der, wie wir wissen, im Geist und in der Kraft des Elia kam, war er zufrieden, einen Anderen einzuführen und sich dann zurückzuziehen. O, dass wir alle diesen demütigen sich selbst verleugnenden Geist mehr kennen möchten – den Geist, der einen Menschen leitet, das Werk zu tun, ohne an dasselbe zu denken, oder, wenn es sein sollte, das Werk durch Andere getan zu sehen, und sich darin zu erfreuen. Der Täufer hatte dieses sowohl zu lernen, wie der Tisbiter; er hatte zu lernen zufrieden zu sein, seine glänzende Laufbahn in dem Dunkel eines Gefängnisses zu beenden, während andere das Werk taten. Auch ihm kam es fremd vor, dass es so mit ihm sein sollte und er sandte deshalb Boten zu Christo, um zu fragen: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen andern warten“? Als wenn er hätte sagen wollen: Kann es möglich sein, dass Der, welchem ich Zeugnis gegeben habe, wirklich der Christus ist, da Er mich umkommen lässt, mich im Kerker des Herodes vernachlässigt? So war es, und Johannes hatte zu lernen, zufrieden zu sein. Er hatte im Anfang seines Dienstes gesagt: „Er muss wachsen; ich aber abnehmen“; doch hatte er vielleicht nicht auf eine solche Art des Geringerwerdens gerechnet. Dies war aber der göttliche Plan für diesen geehrten Diener. Wie verschieden sind die Gedanken Gottes von denen der Menschen! Johannes, nachdem er einen höchst wichtigen Dienst, ja, den Dienst der Einführung des Sohnes Gottes erfüllt hatte, war bestimmt, enthauptet zu werden – nach dem Willen einer gottlosen Frau und damit nicht ein ungöttlicher Tyrann seinen Eid zu brechen brauchte.

Gerade so war es mit Elia, dem Tisbiter. Seine Laufbahn war ohne Zweifel eine glänzende; er war vor den Augen Israels vorübergegangen in der ganzen Würde und Majestät eines himmlischen Menschen – eines himmlischen Boten, von dessen Lippen göttliche Wahrheiten gekommen waren, und welchen Gott überschwänglich in seinem Werk geehrt hatte; doch in dem Augenblick, wo er anfing, von sich selbst etwas zu denken – in dem Augenblick, wo er anfing zu sagen: „Ich habe sehr geeifert“, und „ich allein bin übergeblieben“, da zeigte ihm der Herr seinen Irrtum, und beauftragte ihn, seinen Nachfolger zu salben.

Möchten wir aus diesem allen lernen, in unserm Dienst, worin er auch bestehen mag, demütig und selbstverleugnend zu sein. Möchten wir es nie wagen, uns anzusehen, als wären wir etwas; oder unsern Dienst, als hätten wir etwas Großes vollbracht! Und wenn auch unser Dienst wenig Erfolg haben mag, und wir uns selbst verschmähen und verwerfen – möchten wir nur fähig sein, vorwärts auf das Ende hinzuschauen, wo alles offenbar werden wird. Das ist es, was unser gesegneter Meister tat. Er richtete Sein Auge unverrückt auf die vor Ihm liegende Freude und nahm keine Rücksicht auf die Gedanken der Menschen, als Er Seinen Lauf vollendete. Auch verklagte und beschuldigte Er jene nicht, die Ihn verwarfen, verachteten und kreuzigten. Nein; Seine Worte im Sterben waren: „Vater, vergib ihnen“! Gnadenreicher Herr! erfülle uns mehr mit Deinem sanftmütigen, liebenden, gnadenreichen und vergebenden Geist! O möchten wir Dir gleich sein und in Deinen Fußstapfen wandeln inmitten dieser traurigen Welt!

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