Das Haus Ahabs (1.Kön 18, 1–15)

Wir müssen jetzt ein wenig den Propheten verlassen, und unsere Aufmerksamkeit auf den traurigen Zustand der Dinge in Israel richten während der Zeit, in der Elia vor Gott verborgen war. In Wahrheit muss der Zustand der Dinge auf Erden schrecklich sein, wenn der Himmel verschlossen ist! Wie öde und traurig muss der Anblick dieser niederen Welt sein, wenn der Himmel seinen fruchtbaren Regen verweigert; und ganz besonders für ein Land, das sein Wasser vom Regen des Himmels trinkt (5. Mo 11,11). Ägypten möchte auf das Verschließen des Himmels nicht besonders geachtet haben, da es nicht gewohnt war, für seine Hilfe dorthin zu blicken. Es hatte seine Hilfsquellen in sich selbst. „Mein Fluss gehört mir“ war seine unabhängige Sprache. Aber dies war nicht der Fall mit dem Land des HERRN – dem Land der Hügel und Täler. Wenn der Himmel nicht seine Beisteuer gab, dann war alles fruchtleer und dürre. Israel konnte nicht sagen: „Mein Fluss gehört mir“. Nein, sie wurden immer unterwiesen, aufwärts zu schauen; ihre Augen mussten stets auf den Herrn gerichtet sein, wie des Herrn Auge auf sie. Deshalb, wenn irgend etwas den Verkehr zwischen Himmel und Erde verhinderte, so wurde es aufs Peinlichste gefühlt. Und so war es „in den Tagen Elias in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen war, so dass eine große Hungersnot über das ganze Land kam“. Israel musste die traurigen Folgen der Trennung von seiner alleinigen Quelle der wahren Segnung tief fühlen. Es war eine höchst empfindliche Hungersnot in Samaria; und Ahab sprach zu Obadja: „Gehe durch das Land zu allen Wasserquellen und zu allen Bächen; vielleicht finden wir Gras, dass wir Rosse und Maultiere am Leben erhalten und nichts von dem Vieh ausrotten müssen. Und sie teilten das Land unter sich, um es zu durchziehen; Ahab ging auf einem Weg allein, und Obadja ging auf einem Weg allein“ (Verse 5+6). Israel hatte gesündigt, und Israel musste die Rute des gerechten Zorns des HERRN fühlen. Welch ein demütigendes Bild von dem alten Volk Gottes, seinen König umhergehen zu sehen, um Gras zu suchen! Welch ein Kontrast zwischen all diesem und dem großen Überfluss und der Herrlichkeit in den Tagen Salomos! Aber Gott war auf eine grobe Weise entehrt und Seine Wahrheit verworfen worden. Isebel hatte den höchst verderblichen Einfluss ihrer Grundsätze durch ihre gottlosen Propheten geltend gemacht – die Altäre Baals hatten den Altar Gottes beiseitegesetzt; deshalb war der Himmel oben eisern und die Erde unten ehern; aber das physische Aussehen der Dinge war nur der Ausdruck von dem niedrigen, moralischen Zustand Israels.

Es war aber in Ahabs Auftrage an seinen Diener kein einziges Wort über Gott – nicht eine einzige Silbe über die Sünde, die das Missfallen und das Gericht Gottes auf das Land herabgeschworen hatte. Nein, er sagt: „Gehe durch das Land zu allen Wasserquellen und Bächen“. Das waren die Gedanken Ahabs – seine höchsten Gedanken; sein Herz wandte sich nicht in wahrer Demütigung zu dem HERRN; er schrie nicht zu Ihm in der Stunde seiner Not. Sein Wort ist: „Vielleicht finden wir Gras“. Gott ist ausgeschlossen; und das eigene selbst ist der einzige Gegenstand. Es ging ihm nur darum, Gras zu finden; und nicht darum, um Gott zu finden. Er hätte sich der götzendienerischen Propheten Isebels erfreuen können, wenn nicht die Schrecken der Hungersnot ihn fortgetrieben hätten; und anstatt in wahrem Selbstgericht und wahrer Demütigung die Ursache der Hungersnot zu erforschen und Vergebung und Wiederherstellung von der Hand Gottes zu suchen, ging er in unbußfertiger Selbstsucht hin, um Gras zu suchen. Ach! er hatte sich verkauft, Gottlosigkeit zu wirken; er war der Sklave Isebels; sein Palast war ein Schlupfwinkel jedes unreinen Vogels; die Propheten Baals umschwebten gleich so vielen Geiern, seinen Thron; und von da aus verbreitete sich der Sauerteig des Götzendienstes über das ganze Land. Es ist eine wahrhaft schreckliche Sache, sich mit dem Herzen von dem Herrn zu trennen. Niemand kann sagen, wo es enden wird. Ahab war ein Israelit; aber er hatte sich durch ein falsches Religionssystem, an dessen Spitze seine Frau Isebel war, verstricken lassen; er hatte den Glauben der Väter verlassen und war in die verworfenste Gottlosigkeit versunken. Niemand ist schlechter als ein Mensch, der sich von den Wegen Gottes abgewandt hat. Er wird sicher in tiefere Tiefen der Gottlosigkeit versinken als die gewöhnlichen Knechte der Sünde. Der Teufel scheint eine besondere Freude daran zu finden, gerade solche zu Werkzeugen seiner feindseligsten Absichten gegen die Wahrheit Gottes zu machen.

Wenn Ihr, geliebte Leser, je die Wege der Wahrheit und Heiligkeit wertschätzen gelernt, wenn Ihr Euch je in Gott und Seinen Wegen erfreut habt, so seid wachsam. „Gewinnt eure Seelen durch euer Ausharren“ (Lk 21,19); hütet Euch vor falschem religiösen Einfluss. Wir gehen durch eine Welt, in der Satan uns tausendfache Schlingen zu legen sucht, um uns von der einfachen Wahrheit abzuwenden, und worin nur die beständige Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater uns befähigen kann, unsere Seelen zu bewahren. Lasst uns an Ahab denken, und beständig flehen: „Führe uns nicht in Versuchung“. Ebenso mag jene Stelle in Jeremia 17,5+6 uns wohl zu einer feierlichen und ernsten Warnung dienen: „Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch zu seinem Arm macht, und dessen Herz von dem HERRN weicht! Und er wird sein wie ein Entblößter in der Steppe und nicht sehen, dass Gutes kommt; und an dürren Örtern in der Wüste wird er wohnen, in einem salzigen und unbewohnten Lande“. So war es mit dem gottlosen Ahab – gottlos, obgleich er mit Krone und Szepter geschmückt war. Er trug weder Sorge für Gott noch für sein Volk. In seinen Reden und Handlungen auf seinem traurigen Weg, auf dem wir ihn in dem uns vorliegenden Kapitel sehen, finden wir weder etwas über Israel, noch über Gott. Wir hören kein Wort über das Volk, das seiner Sorge anvertraut war, und welches nach Gott sein wichtigster Gegenstand hätte sein sollen. Sein irdischer Sinn scheint unfähig gewesen zu sein, sich über die Rosse und Maultiere zu erheben. Diese waren die Gegenstände der ängstlichen Sorge Ahabs in den Tagen der schrecklichen Not Israels. Ach! welch ein Kontrast zwischen all dieser niedrigen und gemeinen Selbstsucht und dem edlen Geist des Mannes nach dem Herzen Gottes, welcher, als das Land unter den harten Schlägen der züchtigenden Rute des HERRN zitterte, sagen konnte: „Bin ich es nicht, der gesagt hat, das Volk zu zählen? Und ich bin es, der gesündigt und sehr übel gehandelt hat; aber diese Schafe, was haben sie getan? HERR, mein Gott, es sei doch deine Hand wider mich und wider das Haus meines Vaters, aber nicht wider dein Volk zur Plage“ (1. Chr 21,17). Hier war der wahre Geist eines Königs. David, in der Gesinnung seines gesegneten Herrn, wollte seinen eigenen Nacken den Schlägen aussetzen, damit die Schafe verschont blieben; er wollte zwischen ihnen und dem Gegner stehen; er wollte das Zepter verwandeln in einen Hirtenstab. Er dachte nicht an seine Rosse und Maultiere – ja, nicht einmal an sich oder seines Vaters Haus, sondern an die Weide des Volkes Gottes und an die Schafe Seiner Hand. Glücklich – unendlich glücklich wird es für die zerstreuten Geschlechter Israels sein, sich wiederum unter der zärtlichen Sorge des neuen Davids zu finden. Doch kehren wir jetzt zu unserem Gegenstand zurück.

Obadja, der Haushofmeister Ahab's, war einer, der im Innern seines Herzens den Herrn fürchtete, aber in eine höchst unheilige Atmosphäre verpflanzt war. Das Haus des gottlosen Ahab und noch mehr seiner gottlosen Frau muss für die gerechte Seele Obadja's eine peinliche Schule gewesen sein. Er war sowohl im Dienst als auch im Zeugnis gehindert. Was er für den Herrn tat, tat er verstohlenerweise. Öffentlich und entschieden zu handeln, fürchtete er sich; doch tat er genug, um zu zeigen, was er getan haben würde, wenn er auf einen besseren Boden gepflanzt und in einer gesünderen Atmosphäre gepflegt worden wäre. Er nahm „hundert Propheten und versteckte sie, je fünfzig Mann in eine Höhle, und versorgte sie mit Brot und Wasser“ (Vers 4). Das war ein sehr köstliches Zeichen von Ergebenheit des Herzens an den Herrn – ein gesegneter Triumph des göttlichen Grundsatzes über die widrigsten Umstände. So war es auch mit Jonathan in dem Haus Sauls. Er war ebenfalls in seinem Dienst für Gott und für Israel sehr gehindert. Er hätte sich völlig trennen sollen von dem Bösen, worin sein Vater lebte, sich bewegte und sein Wesen hatte; sein Platz an Sauls Tafel hätte ebenso leer sein sollen, wie Davids; die Höhle Adullam würde für ihn ein geeigneterer Platz gewesen sein, wo er, in heiliger Gemeinschaft mit dem verworfenen David und dessen verachteten Genossen, ein weiteres und angemesseneres Feld würde gefunden haben, um seine wahre Unterwürfigkeit an Gott und Seinen Gesalbten zu offenbaren. Menschliche Rücksichten bestimmten Jonathan, im Haus Sauls, und Obadja, im Haus Ahabs, zu bleiben, als an dem Platz, wohin die Vorsehung Gottes sie gestellt hatte; aber menschliche Rücksicht ist nicht Glauben; noch wird sie uns je auf unserm Pfad des Dienstes unterstützen. Der Glaube wird uns immer leiten, die kalten Regeln der menschlichen Rücksicht zu durchbrechen, und uns auf einen Weg zu führen, auf dem wir nicht irren können. Jonathan fühlte sich zu Zeiten gedrungen, die Tafel Sauls zu verlassen, damit er David umarmen möchte: allein er hätte sie völlig verlassen – völlig mit David dessen Los teilen sollen; er hätte nicht nur befriedigt sein sollen, für seinen Bruder zu sprechen, sondern sich mit ihm eins zu machen. Er aber tat nicht also, und darum fiel er am Berg Gilboa durch die Hand der Unbeschnittenen. In seinem Leben war er gequält und gehindert durch ungerechte Verordnungen, welche Saul traf, um die Gewissen der Treuen zu verwirren und zu binden; und in seinem Tod war er ohne Ehre, vermengt mit den Unbeschnittenen. Ebenso war es mit Obadja. Sein Los war es, mit dem Mann in Verbindung zu stehen, welcher die niedrigste Sprosse jener Leiter des Abfalls der Könige Israels einnahm; deshalb war er genötigt, heimlich für Gott und Seine Diener zu wirken. Er war bange vor Ahab und Isebel; es fehlte ihm an Mut und Energie, um in einem bestimmten Zeugnis all ihren Gräueln gegenüber Stand zu halten; er war nicht fähig, seine Gefühle und Neigungen zu offenbaren; seine Seele war ausgedörrt durch die verpesteten Dünste um ihn her, und darum konnte er an seinem Tag und auf sein Geschlecht nur wenig Einfluss ausüben. Während also Elia kühn dem Ahab gegenüber stand und öffentlich dem Herrn diente, diente Obadja öffentlich dem Ahab und verstohlenerweise dem Herrn; während Elia die heilige Atmosphäre der Gegenwart des HERRN einatmete, atmete Obadja die verderbliche Luft am Hof Ahabs ein; während Elia seine täglichen Bedürfnisse von der Hand des Gottes Israels empfing, durchstreifte Obadja die Gegend, um Gras für Ahabs Pferde zu finden. Wahrlich, ein höchst schlagender Gegensatz! Und gibt es in unsern Tagen nicht viele Gläubige, die sich mit Obadja in ähnlicher Stellung befinden? Gibt es nicht viele, die durch ihre Gemeinschaft mit den Kindern dieser Welt unter deren Einfluss immer mehr verderben und in ihrem Zeugnis erkalten? Nie sollen die Pferde und Maultiere einer ungöttlichen Welt die Gedanken und das Herz eines Christen einnehmen und dadurch das Interesse der Kirche Gottes hintenan gesetzt werden. Er sollte ein edleres Ziel vor Augen haben – eine höhere und himmlischere Sphäre, um seine Kraft zu entfalten. Gott und nicht dem Ahab gehört unsere Ergebenheit. Wie viel besser ist es, die Propheten des Herrn in einer Höhle mit Speise zu versorgen, als die höchsten Zwecke der Kinder dieser Welt fördern zu helfen. Deshalb Lasst uns mit Ernst vor dem Erforscher unserer Herzen fragen: Womit sind wir beschäftigt? Wofür leben wir? Welchen Zweck haben wir vor Augen? Säen wir auf das Fleisch oder auf den Geist? Haben wir keinen höhern Zweck, als uns selbst oder diese gegenwärtige Welt? Das sind sehr ernste und wichtige Fragen. Die Neigung des menschlichen Herzens geht immer nach unten – immer nach der Erde und den Dingen der Erde. Der Palast Ahabs hat weit mehr Anziehendes für unsere gefallene Natur, als die einsamen Ufer des Baches Krith, oder das Haus der hungerleidenden Witwe in Zarpath. Aber ach! Lasst uns an das Ende denken. Das Ende allein kann uns leiten, in solchen Umständen richtig zu urteilen. „Bis ich hineinging in die Heiligtümer Gottes und jener Ende gewahrte“ (Ps 73,17). Elia war im Heiligtum, und wusste, dass Ahab auf einem schlüpfrigen Boden stand, dass sein Haus schnell in den Staub sinken würde: er wusste, dass all sein Glanz und seine Herrlichkeit in einem einsamen Grab enden und er selbst dann vor dem Richterstuhl Christi zur Rechenschaft gezogen werden würde. Diese Dinge verstand der heilige Mann Gottes völlig und war darum wohl zufrieden, von allem diesen getrennt zu stehen. Er fühlte, dass sein lederner Gürtel, seine einfache Speise, sein einsamer Pfad weit besser waren, als alle die Vergnügungen am Hof Ahabs. Also urteilte er; und wir werden sehen, bevor wir diese Betrachtungen enden, dass sein Urteil völlig richtig war. „Die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1. Joh 2,17). O möchten alle, die den Namen Jesu lieben, unnachgiebiger und energischer in ihrem Zeugnis für Ihn sein! Die Zeit rückt schnell heran, wo wir Welten darum geben möchten, wenn wir wahrer und wirklicher in unsern Wegen hier unten gewesen wären. Wir sind zu lau – zu sehr geneigt, der Welt und dem Fleisch nachzugeben – zu bereit, den ledernen Gürtel zu vertauschen mit dem Kleid, mit dem Ahab und Isebel uns so bereitwillig zu bekleiden trachten. Möge der Herr Seinem ganzen Volk Gnade geben, dieser Welt zu bezeugen, dass ihre Werke böse sind, sich völlig zu trennen von ihren Wegen und Grundsätzen, mit einem Wort, von allem, was ihr angehört. „Die Nacht ist weit vorgerückt, und der Tag ist nahe. Lasst uns nun die Werke der Finsternis ablegen, die Waffen des Lichts aber anziehen“ (Röm 13,12). Lasst uns, als auferweckt mit Christo, sinnen „auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist“ (Kol 3,2). Lasst uns als solche, deren Wandel im Himmel ist, mit unaufhörlichem Verlangen „den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen“ (Phil 3,20+21).

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