Jesu Leiden auf dem Kreuz

„Doch Jehova gefiel es, Ihn zu zerschlagen; er hat Ihn leiden lassen“ (Jes 53,10).

„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ (Psalm 22,1).

„Doch Du bist heilig“ (Psalm 22,3).

Lasst uns jetzt noch einen Augenblick bei den Leiden des Herrn auf dem Kreuze verweilen. Sie gehören zwar nicht unmittelbar zu unserem Gegenstand, sind aber doch so nahe mit ihm verbunden, dass eine wenigstens kurze Betrachtung derselben kaum zu umgehen ist.

Die Leiden des Herrn am Kreuze lassen sich wiederum von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Er litt einerseits von Seiten der Menschen, hinter denen Satan stand, für Gott um der Gerechtigkeit willen, als der treue Zeuge Gottes, und Er litt andererseits von Seiten Gottes für den Menschen um der Sünde willen, als das Opferlamm Gottes. Die erste Art Leiden erblicken wir vornehmlich in den ersten drei Stunden, obwohl sie ohne Zweifel die ganze Zeit hindurch währten bis an Seinen Tod. Die zweite Art begann erst mit der vierten Stunde, mit dem Eintritt der Finsternis. Das ist ein überaus wichtiger Punkt, der nicht stark genug hervorgehoben werden kann. Bleibt er unbeachtet, so ist ein wahres Verständnis der Kreuzesleiden unmöglich. Inmitten der ersten Art Leiden war die Verbindung des Herrn mit Gott in keiner Weise unterbrochen. Er schaute unausgesetzt das freundliche, erquickende Licht des Angesichts Gottes. Er konnte sich an Ihn wenden mit den Worten: „Du aber, Jehova, sei nicht fern von mir!“ indem alle Feindschaft und Bosheit, die Ihm widerfuhren, Ihn nur auf Gott warfen. Zugleich hören wir Ihn beten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Aber dann kam das Verlassensein von Gott. Sollte Er für uns ein Opfer werden, so mussten unsere Sünden auf Ihn gelegt und Er so behandelt werden, als wäre Er in unserem sündigen, verderbten Zustande, und wenn das geschah, so musste der heilige Gott Sein Angesicht vor Ihm verbergen, musste Ihn verlassen.

Die Leiden Christi von Seiten der Menschen, der Werkzeuge Satans, waren deshalb, so schwer und unerträglich sie sein mochten, nur die Einleitung zu Seinem eigentlichen Leiden. Gott selbst, der bis dahin Sein Trost und Seine Kraft gewesen war, verließ Ihn und wurde so die Quelle des tiefsten Wehes für den Heiligen und Gerechten, der außer der Gemeinschaft mit Gott nichts kannte, was ihn erfreuen konnte, und der nun litt entsprechend der Vollkommenheit jener Gemeinschaft, die Er einst genossen hatte und die jetzt unterbrochen war.

Was in diesen drei schrecklichen Stunden in der Seele unseres Herrn vorging, haben die Evangelisten uns nicht berichtet. Während sie die vorhergehenden Ereignisse ausführlich erzählen, schweigen sie völlig über die tiefen Übungen und Qualen, durch die Jesus in der letzten Hälfte Seines Kreuzesleidens ging. Aber das, was sie nicht zu berichten vermochten, weil es in der tiefen Verborgenheit dieser entsetzlichen Stunden zwischen Gott und Christo allein vorging, schildert uns der 22. Psalm in ergreifender Weise. Da hören wir die bitteren Klagen Dessen, der um unsertwillen so unsäglich litt, Sein angstvolles Schreien zu Gott, ohne für jenen Augenblick Antwort, Erhörung finden zu können. Äußerlich herrschte völliges Schweigen auf Golgatha während dieser Stunden. Selbst die Schöpfung hatte sich in Finsternis und Schweigen gehüllt. Die Jünger waren geflohen, und die Weiber, die Jesum liebten, standen angsterfüllt zitternd von ferne. Jesus litt, wie Er noch nie gelitten hatte, litt ganz allein. Er litt schweigend, bis Er zur neunten Stunde, am Ende dieses namenlosen Leidens, in den Ruf ausbrach: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wir haben das Vorrecht, sind gewürdigt worden, das zu vernehmen, was in jenen Stunden in der Seele Jesu vorging. Zwar vermag niemand die Tiefen dieser Leiden zu ergründen. Gott allein kann ihre ganze Schrecklichkeit verstehen und ihren ganzen Wert ermessen. Aber es ist uns geschenkt, Sein Flehen zu vernehmen und Seinen Klagen zu lauschen, damit wir voll Bewunderung und Anbetung uns vor Ihm niederwerfen, der gerade dann am größten war, als Er am tiefsten erniedrigt wurde.

Der Kampf in Gethsemane war schwer, aber er war nur ein Vorgeschmack dessen, was dem Herrn am Kreuze bevorstand. Hier musste Er unser Stellvertreter werden und als solcher von Gott behandelt werden. „Den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21). Der Kelch des Zornes, der in Gethsemane vor Ihm stand, musste hier bis zur Neige getrunken werden. Die wirklichen Wehen des Todes mussten geschmeckt werden, und zwar von einem Menschen, der Ihn verstand und fühlte, so wie Gott Ihn versteht, und der nun ausruft: „Wie Wasser bin ich hingeschüttet, und alle meine Gebeine haben sich zertrennt; wie Wachs ist geworden mein Herz, es ist zerschmolzen inmitten meiner Eingeweide. Meine Kraft ist vertrocknet wie ein Scherben, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und in den Staub des Todes legst Du mich“ (Ps 22). Oder: „Auf mir liegt schwer Dein Grimm, und mit allen Deinen Wellen hast Du mich niedergedrückt ... Deine Zorngluten sind über mich hingegangen, Deine Schrecknisse haben mich vernichtet“ (Ps 88).

O, wer könnte die Schrecknisse jener Stunden ermessen? Da war keine Hilfe, keine Antwort auf „die Worte Seines Gestöhns“. Der Himmel, der sich einst über Ihm aufgetan hatte, war jetzt vor Ihm verschlossen, und keine Erleichterung, kein Wort des Trostes wurde Ihm zuteil. „Mein Gott! Ich rufe des Tages, und Du antwortest nicht“. Wie ganz anders war es früher gewesen! Gott hatte Ihn allezeit erhört (vgl. Joh 11,42). Selbst in Gethsemane, ja, noch im Anfang Seines Kreuzesleidens hatte Er Erhörung gefunden. Aber jetzt war Gottes Ohr verschlossen, Sein Angesicht abgewandt.

Und doch, – o wie groß und herrlich ist unser geliebter Herr, wie anbetungswürdig zu aller Zeit! – und doch wankte Seine Vollkommenheit keinen Augenblick. Selbst wenn Gott Ihn verlassen hatte und Er im Blick auf Seine Person mit Recht fragen konnte: „Warum hast Du mich verlassen?“ blieb Gott stets Sein Gott. Ja, Er fügt Seinem Angstschrei sogleich die Worte hinzu: „Du aber bist heilig“. Gab es auch in Ihm keine Ursache zu diesem Verlassensein, (Jehova war ja von Mutterleibe an Sein Gott gewesen, und auf Ihn allein hatte Er von Seiner Mutter Brüsten an vertraut), so blieb Gott doch heilig, und Seine Wohnung war allezeit „unter den Lobgesängen Israels“. Nach Seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit konnte Gott nicht anders handeln, denn Jesus trug unsere Sünden an Seinem Leibe auf dem Holz. Gott musste den Anführer unserer Errettung „durch Leiden vollkommen machen“. Auf einem anderen Wege hätte Er, wie bereits bemerkt, unmöglich dieser Anführer werden können.

Beachten wir hier aber, dass Jesus nicht sagt: „Mein Vater, warum hast Du mich verlassen?“ Es war der heilige Gott, der gerechte Richter, mit dem Jesus es hier zu tun hatte. Wie genau ist Gottes Wort! Möchten wir es nur immer geradeso lesen und festhalten, wie es uns gegeben ist! Nie sagt dieses Wort, dass Er vom Vater verlassen gewesen sei. Nein, selbst in jenem Augenblick, als Gott Sein Angesicht vor Ihm, dem Sündenträger, verbergen musste, war der gehorsame und vollkommene Mensch wegen Seines Gehorsams bis in den Tod und wegen Seiner freiwilligen Hingabe allezeit, auch in den drei Stunden der Finsternis, ein lieblicher Geruch, ein angenehmes Opfer für das Herz des Vaters. Er war nicht nur das große Gegenbild des Sünd- und Schuldopfers, das auf dem Altar Gottes oder außerhalb des Lagers verbrannt werden musste, sondern auch des Speis- und Brandopfers, die beide „ein Feueropfer lieblichen Geruchs dem Jehova“ genannt werden und von dem Priester (ganz oder teilweise) auf dem Altar geräuchert wurden (Vgl. 3. Mose 1–7 u. weitere Stellen). Wieder stehen wir vor dem wunderbaren Geheimnis Seiner Person. Wieder geziemt es uns, in Demut niederzufallen und anzubeten.

Wie ergreifend sind die Worte des Propheten: „Jehova gefiel es, Ihn zu zerschlagen, Er hat Ihn leiden lassen“, und: „Jehova hat Ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeit“ (Jes 53)! Gott selbst legte Seine Hand auf Seinen Geliebten. Keine lindernde Schranke trat zwischen Ihn und die verzehrenden Gluten des göttlichen Zornes, gleichwie das Passahlamm nicht in einem Gefäß gekocht, sondern unmittelbar „am Feuer gebraten“ werden musste. Ja, es geziemte dem großen und heiligen Gott, den Anführer unserer Errettung so schrecklich leiden zu lassen. Auf eine andere Weise hätten Seine Heiligkeit und Gerechtigkeit nicht befriedigt werden können. Die Gnade konnte nur herrschen durch Gerechtigkeit (Röm 5,21). Die Schleusen der göttlichen Liebe konnten nur geöffnet werden durch die vollkommene Verherrlichung Gottes im Tode des Heiligen, Jesus. Über ihn, den Sündlosen, musste der Zorn Gottes sich rückhaltlos ergießen. Ihm, dem Reinen und Vollkommenen, dem Sanftmütigen und von Herzen Demütigen, musste das Licht des Antlitzes Gottes entzogen werden. Er stöhnte und schrie, aber niemand hörte auf Ihn. Die Väter hatten zu Gott gerufen und waren errettet worden. Sie hatten auf Gott vertraut und waren nicht beschämt worden. Aber Er war ein Wurm, und kein Mann. Er schrie und wurde nicht errettet. Gott selbst musste Ihn zerschlagen und die Strafe unserer Sünde auf Ihn legen. So weit waren wir von Gott entfernt, so schrecklich ist die Sünde und so groß die Heiligkeit Gottes, dass nichts anderes als das Verlassensein von Gott, dieses unsagbare, unergründliche Leiden unseres großen Bürgen und Stellvertreters, Gott zu befriedigen und uns zu erretten vermochte. Der Kelch des Zornes wider die Sünde musste bis zur Neige getrunken werden, und zwar getrunken durch den Sohn Gottes selbst. Das ist es, was dem Opfer seinen unermesslichen Wert verleiht.

Doch die schrecklichen Stunden gingen zu Ende. Der Augenblick kam, wo Jesus aus der Tiefe Seines Herzens heraus ausrufen konnte: „Es ist vollbracht!“ und: „Vater, in Deine Hände übergebe ich meinen Geist!“ Der Kelch war geleert, bis auf den Grund geleert. Gott war vollkommen verherrlicht, alle Forderungen Seiner Gerechtigkeit waren erfüllt. Das Werk war vollbracht, das der Sohn zu tun übernommen hatte, und nun gibt Er in Frieden und – wiederholen wir es! – in ungeschwächter körperlicher und geistiger Kraft Sein Leben dahin. Er übergibt Seinen Geist, indem er mit lauter Stimme schreit. Er läßt Sein Leben, um es in der Neuheit und Kraft der Auferstehung wiederzunehmen. Der Vorhang im Tempel zerreißt, der Weg ins Allerheiligste ist gebahnt. Eine vollkommene, ewig gültige Sühnung ist vollbracht, und der Erfüllung der Gnadenratschlüsse Gottes im Blick auf Sein irdisches und himmlisches Volk steht nichts mehr im Wege. Sein Vatername kann denen, die Jesus sich nicht schämt „Brüder“ zu nennen, geoffenbart werden. Die Frage der Sünde ist geordnet, und zwar gerade in jenem Augenblick, als die Sünde sich in ihrer ganzen Schrecklichkeit offenbarte. Gottes Gerechtigkeit gegen die Sünde und Gottes Liebe zu dem Sünder sind vollkommen ans Licht getreten. Und nun verwandeln sich die bitteren Klagen des Herrn, Sein Rufen und Stöhnen, in einen herrlichen Siegesgesang: „Ja, Du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel. Verkündigen will ich Deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich Dich loben ... Denn nicht verachtet hat Er, noch verabscheut das Elend des Elenden, noch Sein Angesicht vor Ihm verborgen; und als Er zu Ihm schrie, hörte Er“ (Ps 22,21–24).

Die Auferstehung war der öffentliche Beweis von dieser Erhörung des Herrn. Aber dass Er Erhörung gefunden hatte, gab sich schon am Kreuze kund in jenen friedevollen Worten: „Vater, in Deine Hände übergebe ich meinen Geist“. Die Finsternis war vorüber, das Gericht erduldet, der Zorn getragen, die Sünde gesühnt, und wenn auch der Tod zur Vollendung des Versöhnungswerkes eintreten musste, denn der Tod ist der Sünde Sold, so sehen wir doch den Herrn in Frieden abscheiden, in dem vollkommenen Genuss der wiedererlangten Gemeinschaft mit Gott. Er war verlassen gewesen um unserer Sünden willen, aber die Frage der Sünde war jetzt nach der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes ewig geordnet; und nachdem das geschehen, nachdem der Kelch völlig getrunken war, wurde Er „hinweg genommen aus der Angst und aus dem Gericht“. Er wurde vollkommen erhört.

O, Gott sei ewig gepriesen, dass wir so von unserem anbetungswürdigen Herrn und Seinem Werke reden dürfen! Er ist erhört worden, nachdem Er das ganze Gewicht der Heiligkeit Gottes gegenüber der Sünde gefühlt hatte. Er ist als Mensch, nach vollbrachtem Werke, in die wolkenlose Gunst Dessen eingetreten, der Ihn um unserer Sünden und Missetaten willen zerschlagen musste, und – Er ist nicht mehr allein dort. Er ist der Erstgeborene vieler Brüder geworden. Nach Seiner Auferstehung sandte Er Maria von Magdala mit der Botschaft an Seine Jünger: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Nie vorher hatte Er sie Brüder „genannt“, nie vorher ihnen in diesem Sinne den Vaternamen kundgemacht. Es war unmöglich. Erst jetzt, nachdem alles vollbracht war, konnte Er sie kraft dessen, was er für sie getan hatte, in dasselbe Verhältnis einführen, in welchem Er zu Seinem Gott stand.

Anbetungswürdiger Heiland! Als es galt, den Kelch zu trinken, war Er allein, ganz allein. Aber nachdem der heiße Kampf ausgestritten und der Sieg errungen war, hören wir Ihn sagen: „Inmitten der Versammlung will ich Dich loben“, nicht: „sollt ihr loben“, nein: „inmitten der Versammlung will ich Dich loben“. Er führt den Lobgesang an, wenn die Seinen in Seinem Namen versammelt sind. Er verkündigt Seinen Brüdern den Namen, der Ihm selbst so kostbar ist, und verbindet sie so mit sich in der innigsten und erhabensten Weise.

Was bleibt uns noch übrig? Nichts anderes, als mit den Heiligen in Off 1,5+6 auszurufen: „Dem, der uns liebt und uns von unseren Sünden gewaschen hat in Seinem Blute, und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern Seinem Gott und Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“.

O, Gottes Lamm! wer kann verkünden
Den Reichtum Deiner Lieb und Huld?
Wer Deiner Leiden Maß ergründen,
Die Du ertrugst so voll Geduld?
Wie Schafe stumm zur Schlachtbank gehen,
Gingst Du hinauf nach Golgatha,
Wo Schrecken, Angst und Todeswehen
Allein Dein Auge vor sich sah.

Von finstern Mächten ganz umgeben,
bliebst Du doch völlig Gott geweiht,
Gabst willig hin Dein teures Leben
Zu Gottes Ehr und Herrlichkeit.
Hast Deine Lieb am Kreuz enthüllet,
So wie der Mensch den tiefsten Hass,
Hast Gottes Willen ganz erfüllet,
Und ach! der Mensch sein Sündenmaß.

Und Du, – o Liebe ohnegleichen! –
Du gabst Dich selber für uns hin,
Dass kein Gericht uns kann erreichen,
Dass selbst der Tod für uns Gewinn.
Du hast für uns den Fluch getragen,
Als Du am Kreuz zur Sünd' gemacht.
Auf Dir all unsre Sünden lagen,
Als Du das Sühnungswerk vollbracht.

O Gottes Lamm! anbetend bringen,
Wenn schwach auch, wir Dir Preis und Ehr!
Wir werden völlig dort besingen
Dein Lob mit allem Himmelsheer.
O Lamm! Du wardst für uns geschlachtet,
Hast Gott erkauft uns durch Dein Blut,
Hast uns zu herrschen wert geachtet
Und stets zu warten Deiner Hut.

(Carl Brockhaus)

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