Der Brief an die Kolosser

Kapitel 1

Der Brief an die Kolosser

Ihrem geistlichen Zustand nach waren die Gläubigen in Kolossä den Galatern weit voraus. Wenn wir den Brief betrachten, werden wir sehen, daß es gewisse wichtige Punkte gab, zu denen der Apostel ein warnendes Wort sagen mußte, aber in der Hauptsache hatten sie Fortschritte gemacht. Er konnte über ihre „Ordnung“ und die „Festigkeit“ ihres Glaubens an Christus reden (Kap. 2,5). So standen sie in wohltuendem Gegensatz zu den Korinthern und den Galatern, denn bei ersteren herrschte Unordnung und bei letzteren ein Abgleiten vom Glauben an Christus.

Das ist sicher der Grund, weswegen sie als treue und auch als heilige Brüder angeredet werden. Alle Gläubigen dürfen zu Recht heilige Brüder genannt werden, denn alle sind „Heilige“, d. h. Menschen, die für Gott abgesondert sind. Aber können wir alle auch treue Brüder genannt werden? Leben wir im Glauben und in Treue? Laßt uns diese Fragen zu Herzen nehmen, denn der untreue Gläubige wird kaum die Wahrheit verstehen und schätzen, die in diesem Brief entfaltet wird.

Wie so oft in seinen Briefen beginnt der Apostel damit, den Kolossern zu versichern, daß er für sie bete. Wenn ein Wort der Ermahnung oder der Zurechtweisung nötig ist, wird es leichter angenommen und hat es größeres Gewicht, wenn es aus dem Mund eines Menschen kommt, von dem wir wissen, daß er ständig für uns betet, als wenn es von irgend jemand kommt. Seine Gebete waren jedoch mit Dank verbunden. Beides war ausgelöst worden durch das, was er über sie gehört hatte. Wie uns nämlich Kapitel 2,1 zeigt, hatte er sie noch nicht persönlich kennengelernt. Man hatte ihm von ihrem Glauben an Christus und ihrer Liebe zu allen Heiligen berichtet.

Beide Kennzeichen, so einfach und elementar sie scheinen mögen, sind äußerst wichtig. Klar und eindeutig zeigen sie, daß jemand die göttliche Natur besitzt (vgl. 1.Joh 3,14; 1.Joh 5,1). Ein unbekehrter Mensch kann sich hier und da zu einem Gläubigen hingezogen fühlen, der ihm gerade liegt, aber er liebt nicht „alle Heiligen“. Das übersteigt normale menschliche Gefühle. Das kann nur jemand, der aus Gott geboren ist.

Erst in Vers 9 kommt der Apostel auf seine Gebetsanliegen, die sie betreffen, zu sprechen. Zunächst sagt er ihnen, wofür er dankt. Wir danken „wegen der Hoffnung, die für euch aufgehoben ist in den Himmeln“. Diese Hoffnung wird öfters erwähnt im Verlauf des Briefes (1,27; 3,4), wird aber nicht näher erläutert, denn sie war ihnen gut bekannt. Schon als sie die Botschaft des Evangeliums zum ersten Mal hörten, hatten sie auch von dieser Hoffnung gehört. Daraus lernen wir, daß ein Prediger des Evangeliums darauf achten sollte, die Auswirkung des Evangeliums nicht nur für die Gegenwart zu betonen, daß es nämlich befreit von der Macht der Sünde, sondern auch für die Zukunft, daß es den Gläubigen in die Herrlichkeit einführt. Es wäre natürlich auch ein Fehler, nur über die Zukunft zu reden, ohne die Auswirkungen für die Gegenwart vorzustellen.

Damals hatte das Evangelium die engen Grenzen Palästinas übersprungen und drang nun in die ganze Welt vor. Es war zu den Kolossern gelangt, die zu den Heiden gehörten, und folglich kannten sie die Gnade Gottes in Wahrheit. Macht die Gnade uns sorglos oder gleichgültig? Nein, sie bewirkt genau das Gegenteil. Sie bringt Frucht. In Vers 6 heißt es, daß das Evangelium „fruchtbringend und wachsend ist, wie auch unter euch.“ Wachstum und Fruchttragen sind beides Zeichen von Vitalität. Wo das Evangelium wirklich aufgenommen wird, da gibt es keinen Stillstand und keinen Rückgang.

Aus Vers 7 kann man schließen, daß Epaphras der Diener Christi war, der das Licht zu ihnen gebracht hatte. Aus seinem Mund hatten sie die frohe Botschaft von der Gnade Gottes und von der Hoffnung der Herrlichkeit gehört. Vers 8 deutet an, daß er nach Rom gereist war und Paulus mit dem bekannt gemacht hatte, was Gott unter den Kolossern gewirkt hatte; er hatte ihm von der Tiefe und Aufrichtigkeit ihrer christlichen Liebe berichtet. Wir können sehen, wie sehr Paulus ihn schätzte. Er nennt ihn einen treuen Diener des Christus, und am Ende des Briefes erfahren wir, wie sehr ihm das geistliche Wohl der Kolosser am Herzen lag.

Der Bericht des Epaphras hatte Paulus nicht nur zum Danken veranlaßt, wie wir schon sahen, sondern auch zum ständigen Gebet für sie. In Vers 9 beginnt er damit, ihnen mitzuteilen, worum er für sie betete. Sein Gebet kann man in vier Punkten zusammenfassen:

1. Er wünschte ihnen die völlige Erkenntnis des Willens Gottes, damit
2. sie so lebten, daß es würdig des Herrn wäre und Ihm wohlgefällig, damit sie dadurch
3. gestärkt würden, um Leiden mit Freude zu ertragen und
4. mit dem Geist des Dankes und des Lobes erfüllt wären.

Wir wollen das ein wenig näher betrachten.

Der Wille Gottes sollte alles bei uns bestimmen. Deshalb steht die Erkenntnis dieses Willens an erster Stelle. Das hier benutzte Wort ist ein stärkeres Wort als das übliche und bedeutet völlige Erkenntnis, und mit diesem völligen Erkennen sollten sie erfüllt sein. Der Apostel wäre mit nichts weniger zufrieden. Der Wille Gottes sollte alle ihre Gedanken und ihren ganzen Gesichtskreis ausfüllen. Das ist wirklich ein unermeßlich hoher Maßstab, aber schließlich sind Gottes Maßstab und Ziel immer unermeßlich hoch.

Außerdem soll unsere Erkenntnis in geistlicher Einsicht bestehen, d. h. einer Einsicht, die durch den Geist Gottes erworben wird und nicht durch einen rein intellektuellen Prozeß. Es ist möglich, sich biblisches Wissen so anzueignen, wie man sich geschichtliches oder geographisches Wissen aneignet. In solch einem Fall kann jemand fähig sein, die Schrift zu analysieren und zu erklären, und doch nicht ihre Kraft und Tragweite im persönlichen Leben kennen. Unsere Erkenntnis soll auch in aller Weisheit sein. Ein Weiser ist jemand, der fähig ist, mit gutem Urteilsvermögen seine Erkenntnis auf die Umstände anzuwenden, denen er begegnet. Was der Apostel also den Kolossern wünschte und auch uns, ist, daß wir die volle Erkenntnis des Willens Gottes durch die Unterweisung des Heiligen Geistes erlangen, denn so werden wir selbst gelenkt durch das, was wir wissen, und wir werden fähig sein, unser Erkenntnis anzuwenden auf die praktischen Einzelheiten inmitten der komplizierten Verhältnisse, in denen wir leben.

Das nämlich wird uns in die Lage versetzen, würdig des Herrn zu leben, um Ihm zu gefallen. Es gibt kaum etwas Traurigeres, als einen Gläubigen zu sehen, der durch die Umstände beunruhigt wird, voll Unsicherheit und unschlüssig über den Weg, den er gehen soll. Wie mitreißend ist es andererseits, wenn ein Gläubiger einem Schiff gleicht, das seinen Kurs hält, obwohl Stürme es rütteln, die zeitweilig von allen Seiten kommen, weil der Kapitän die Seekarte gut kennt und auch die Weisheit hat, die Sonne zu beobachten und seine Beobachtungen auf seinen Standort und seine Richtung anzuwenden. Die Bestimmtheit und Sicherheit eines solchen Menschen ehrt Gott. Was wir hier gesagt haben, wurde von dem Apostel Paulus in ganz besonderem Maß vorgelebt. Dazu brauchen wir nur Philipper 3 zu lesen.

Eine solche Lebensführung, die des Herrn würdig ist und Ihm gefällt, ist nötig, um Frucht zu bringen. Wir können unterscheiden zwischen der „Frucht des Geistes“, von der in Galater 5,22.23 die Rede ist, und dem Fruchtbringen in Vers 10 hier. Dort handelt es sich um Frucht in bezug auf christliches Wesen. Hier geht es um Fruchtbringen in guten Werken. Das erste legt den Grund für das zweite, aber beide sind nötig. Gute Werke sind nötig als Ergebnis eines Wesens, das wirklich nach Christus gestaltet ist. Gute Werke sind Werke, die das göttliche Leben und Wesen in einem Christen sichtbar werden lassen und die mit dem Wort Gottes übereinstimmen. Uns sollte jedes gute Werk kennzeichnen.

Und das alles ist nicht abgeschlossen, solange wir auf der Erde sind, wie der letzte Satz von Vers 10 zeigt. Obwohl wir Seinen Willen kennen mögen, sollen wir doch beständig wachsen durch die Erkenntnis Gottes. Wir sollen nicht nur in ihr, sondern durch sie wachsen, denn je mehr wir Gott aus Erfahrung kennen, desto stärker wird unsere geistliche Statur, und desto mehr werden wir auch „gekräftigt mit aller Kraft“, wie es in Vers 11 heißt.

Die Sprache dieses Verses ist sehr kräftig. Da heißt es „mit aller Kraft“ und „nach der Macht seiner Herrlichkeit“ und „zu allem Ausharren“. Wir mögen wohl erstaunt fragen: „Ist es möglich, daß schwache und versagende Wesen wie wir so außerordentlich gestärkt werden können?“ Ja, es ist möglich. Die Macht Seiner Herrlichkeit kann Ihm alle Dinge unterwerfen, wie es in Philipper 3,21 heißt. Also kann sie jetzt auch uns unterwerfen und stärken. Aber wozu?

Die Antwort auf diese Frage ist noch überraschender. Damit wir alle Prüfungen auf dem Weg nicht nur mit Ausharren ertragen, sondern auch mit Freude. Wir hätten natürlich erwartet, daß die außerordentliche Stärkung sich auf außerordentliche Heldentaten im Dienst Gottes bezieht, auf ein Handeln wie bei Elia oder Paulus. Aber nein, es geht um Leiden, das mit Ausharren und Freude ertragen wird. Wenn wir nur einen Augenblick darüber nachdenken, werden wir merken, daß für uns nichts weniger natürlich ist als das.

Die Welt kennt und bewundert eine Geisteshaltung, die in der Redewendung „die Zähne zusammenbeißen“ zum Ausdruck kommt. Wir loben den Menschen, der auf Not mit Gelassenheit reagiert, obwohl seine Gelassenheit nur auf einer Art Fatalismus beruhen kann und auf der Weigerung, über den Tag hinauszublicken. Der Gläubige, der in der Erkenntnis Gottes gewachsen und gestärkt ist, kann Leiden begegnen, und anstatt von dem Wunsch verzehrt zu werden, da herauszukommen, erträgt er es mit Geduld. Anstatt über die göttlichen Wege zu murren, schickt er sich nicht nur darein, sondern ist voll Freude. Voll Freude und nicht nur gelassen. Seine Freude fließt dahin wie stille, tiefe Wasser. Aber die Kraft dazu entspricht der Macht Seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit gibt es auch heute, und bald wird sie offenbar werden. Also ist es auch heute für uns möglich, „mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude“ zu frohlocken. Man sollte 1. Petrus 1,6-9 lesen, denn diese Verse veranschaulichen unser Thema.

Der freudige Christ wird natürlich loben und danken. So ergibt sich Vers 12 aus Vers 11. Wir danken Gott als dem Vater, denn in dieser Eigenschaft kennen wir Ihn, und als Er Seine Pläne der Liebe ausführte, tat Er es unsertwegen. Wir danken für das, was Er getan hat. Die einzelnen Punkte der Danksagung folgen einer absteigenden Linie. Sie beginnen bei Seinem Vorsatz und gehen bis zur Abhilfe unserer Not. Das war nötig, damit Sein Vorsatz erfüllt wurde.

„Der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht“. Es heißt nicht „fähig macht“ oder „fähig machen wird“, sondern GEMACHT HAT. Wir, die wir geglaubt haben, sind passend für die himmlische Herrlichkeit, passend für das Erbe im Licht der Gegenwart Gottes, das von allen Heiligen dieser Haushaltung geteilt werden wird. Wir können uns vielleicht nur unvollkommen vorstellen, was dieses Erbe bedeutet, aber was ist das für eine große Sicherheit, daß wir von dem Vater dazu fähig gemacht worden sind. Wir sind jetzt schon dazu fähig, auch wenn das Erbe noch zukünftig ist.

Wir mußten erst errettet werden, um dazu fähig zu sein. In unserem unbekehrten Zustand standen wir unter der Herrschaft der Finsternis. Finsternis bedeutet hier Satan und seine Werke, so wie das Wort Licht gebraucht wird, um die Gegenwart Gottes zu beschreiben. Wir sind aus Satans Reich befreit worden, indem wir in ein Reich versetzt wurden, das unendlich höher und besser ist, nämlich das Reich des „Sohnes seiner Liebe“. Wenn wir unter die Herrschaft des vollkommenen Guten kommen, sind wir befreit von der Macht des Bösen.

Immer wieder werden wir im Neuen Testament daran erinnert, daß wir, als wir zum Glauben kamen, unter die göttliche Herrschaft gestellt wurden. Es ist die Rede vom Reich Gottes, und im Matthäusevangelium lesen wir vom Reich der Himmel, insoweit Jesus, Gottes König, im Himmel sitzt, so daß Er Seine himmlische Herrschaft auf der Erde ausübt. Es gibt auch noch andere Bezeichnungen für das Reich, aber keine vermittelt uns so sehr das Bewußtsein der Nähe und Zuneigung wie die in unserem Vers. Das Wort „Reich“ hat für unsere Ohren vielleicht einen strengen Unterton, aber bei dem „Reich des Sohnes seiner Liebe“ klingt nichts streng. Natürlich geht es um Herrschaft, aber es ist eine Herrschaft der vollkommenen Liebe, jeder Erlaß erscheint dadurch in einem anderen Licht.

Laßt uns nie gegen Autorität angehen. Wir können nämlich nicht ohne sie auskommen, und das war auch nie vorgesehen. Als am Anfang der Mensch sich gegen die Autorität Gottes auflehnte, fiel er sofort der finsteren Autorität des Teufels anheim. Es war nie daran gedacht, daß der Mensch absolut ohne Herrschaft sein sollte. Wenn wir heute aus der Macht Satans befreit werden, so geschieht das, indem wir dem Sohn der Liebe Gottes unterstellt werden. Satans Joch ist sehr belastend. Wer darunter steht, gleicht dem Besessenen, der bei den Gräbern wohnte, immer schrie und sich mit Steinen verletzte. Das Joch des Herrn Jesus ist, wie Er uns gesagt hat, sanft, und Seine Last ist leicht. Wenn wir aus dem einen in das andere versetzt werden, ist das wahrhaftig eine Veränderung!

Diese Veränderung wurde bewirkt in der Kraft des Erlösungswerkes am Kreuz. Nur durch Erlösung konnten wir gerechterweise befreit werden aus der Knechtschaft der Gewalt der Finsternis. Durch Blut sind wir zu Gott zurückgebracht worden. Durch dasselbe Blutvergießen wurden unsere Sünden weggetan, so daß alle vergeben sind. Wenn wir uns darüber freuen, daß wir zu Gott zurückgebracht worden sind, sollte das immer geschehen im Gedenken daran, daß unsere Sünden vergeben sind, die einst zwischen uns und Ihm standen.

Die herrliche Wahrheit der Verse 12-14 wird von Gottes Seite aus zwar auf einer absteigenden Linie dargestellt, wir unsererseits lernen sie in umgekehrter Reihenfolge kennen und uns daran erfreuen. Wir beginnen notwendigerweise mit der Vergebung unserer Sünden. Wenn wir weiter nachdenken über die Errettung, beginnen wir die große Veränderung zu schätzen. In Christus sind wir vollkommen passend für die Herrlichkeit. Je besser wir das verstehen, desto mehr werden unsere Herzen und Lippen mit Dank für den Vater erfüllt sein, von dem her all das kommt.

Aber wenn der Vater die Quelle ist von alledem, so ist Sein geliebter Sohn der Kanal, durch den uns alles zugeflossen ist - der, der all das ausgeführt hat zu so unermeßlich hohen Kosten für sich selbst. Wir haben die Errettung durch Sein Blut. Wenn wir nun wissen, WER ES IST, der Sein Blut vergossen hat, bekommen unsere Vorstellungen davon eine ganz andere Dimension. Deshalb erhalten wir in den Versen 15-17 einen Blick auf Seine Herrlichkeit in Verbindung mit der Schöpfung. Hier ist ein Abschnitt, der seinesgleichen sucht, ob wir nun die Erhabenheit der Gedanken betrachten oder die Kraft der plastischen Darstellung mit möglichst wenigen Worten. Hier finden sich Erhabenheit, Anschaulichkeit und Kürze zusammen.

Zwei Worte in Vers 15 sollen näher erklärt werden. Das Wort „Bild“ bedeutet „Vertreter, Repräsentant“. Der unsichtbare Gott wird durch Ihn aufs genaueste dargestellt, was nur geht, weil Er selbst Gott ist. Manche haben dabei leichte Bedenken wegen des zweiten Wortes in diesem Vers. Bei dem Wort „Erstgeborener“ legen sie zu sehr das Gewicht auf die zweite Worthälfte. „Aber er wurde geboren“, sagen sie. Das Wort „Erstgeborener“ hat jedoch neben seiner wörtlichen Bedeutung auch eine übertragene (wie in Ps 89,27; Jer 31,9) und bezeichnet jemanden, der die höchste Stellung einnimmt, weil er die Rechte des Erstgeborenen hat. In diesem Sinn wird es in unserem Abschnitt verwendet. Der Herr Jesus steht nicht nur vor uns als Repräsentant alles dessen, was Gott ist, Er steht auch vor uns als der, der die Schöpfung absolut überragt. Er verfügt über die ganze Pracht der Schöpfung und über ihre Rechte aus dem einfachen Grund, weil Er der Schöpfer ist, wie es in Vers 16 heißt.

Im allerersten Vers der Bibel wird die Schöpfung Gott zugeschrieben. Es ist nun bemerkenswert, daß das an dieser Stelle für Gott verwendete Wort in der Mehrzahl steht, Elohim. Es ist um so bemerkenswerter, weil es im Hebräischen nicht nur Singular und Plural gibt, sondern auch den Dual. Damit bezeichnet man zwei, und nur zwei. Die im Plural stehenden Worte bezeichneten drei oder mehr. Im Neuen Testament sehen wir nun, daß es drei Personen der Gottheit gibt. Wir entdecken auch, daß von den drei Personen der Gottheit immer dem Sohn die Schöpfung zugeschrieben wird.

So ist es hier. In Vers 16 wird diese großartige Tatsache dreifach ausgedrückt durch drei verschiedene Präpositionen, in, durch und für. In den meisten Übersetzungen ist die erste Präposition mit durch wiedergegeben. Genau genommen müßte es in heißen, d. h. in der Kraft Seiner Person. Die Kraft Seines Wesens kennzeichnet die Schöpfung. Sie existiert als das von Ihm Geschaffene. Die Präposition durch bedeutet, daß Er das „aktive Werkzeug“ war, und für, daß Er das Ziel ist, für das die Schöpfung besteht.

Zu erwähnen ist noch, wie umfassend die Schöpfung in diesem Abschnitt beschrieben wird. Himmel und auch Erde kommen in den Blick. Sichtbares und Unsichtbares wird betrachtet. Die unsichtbaren geistlichen Mächte erscheinen unter vier Bezeichnungen. Worin der Unterschied zwischen Thronen, Herrschaften, Fürstentümern und Gewalten liegt, wissen wir nicht, wir wissen aber sehr wohl, daß sie alle ihr Dasein dem Herrn Jesus verdanken. Zweimal wird in diesem Vers gesagt, daß Er der Schöpfer „aller Dinge“ ist. Folglich ist Er vor allen, und zwar in Zeit und Raum, und alle Dinge bestehen zusammen durch Ihn. Die Sterne ziehen ihre vorgezeichnete Bahn, aber nur, weil Er sie ihnen gewiesen hat.

Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Schöpfer, nachdem Er durch Seine Menschwerdung in Seine eigene Schöpfung eingetreten ist, natürlich in der Schöpfung die Stellung als Haupt und Erstgeborener hat. In Vers 18 sehen wir jedoch, daß Er noch in einem anderen Zusammenhang Haupt und Erstgeborener ist. Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche (oder Versammlung), und diese Kirche ist ein neues Werk der Schöpfung Gottes. Er ist der Erstgeborene aus den Toten; d. h., in der Auferstehungswelt hat Er die höchsten Rechte inne. Folglich hat Er in allen Dingen und in jedem Bereich den ersten Platz.

Was ist das für eine herrliche Wahrheit! Wie erhaben, daß wir Ihn in dieser zweifachen Weise als Erstgeborenen sehen: in Verbindung mit der ersten Schöpfung und der neuen Schöpfung! Nur ist unsere Beziehung zu Ihm in der neuen Schöpfung viel vertrauter, als sie es in der alten je sein konnte. In beiden ist Er natürlich Haupt im Sinne von Oberhaupt. In diesem Sinn wird von Ihm gesprochen als „Haupt eines jeden Mannes“ (1. Kor 11,3). Haupt der Kirche ist Er in noch einem anderen Sinn, was durch den menschlichen Körper veranschaulicht wird. Zwischen dem Haupt und den übrigen Gliedern des Leibes besteht eine organische und lebendige Einheit. Und genau so besteht eine lebendige Verbindung zwischen Christus und Seinen Gliedern in der neuen Schöpfung.

Außerdem ist Er „der Anfang“. Er war da im Anfang, was wir an einer anderen Stelle lesen, aber darum geht es hier nicht. Hier ist Er der Anfang, und dieser Anfang steht in Verbindung mit der Auferstehung, wie uns die nächsten Verse zeigen. Die Auferstehung des Herrn Jesus war der neue Anfang für Gott. Alles, was Gott heute tut, tut Er in Verbindung mit dem auferstandenen Christus. Alle unsere Verbindungen zu Ihm haben hier ihre Grundlage. Laßt uns diesen Punkt betend betrachten. Denn nur dann, wenn wir das mit geistlichem Verständnis ergreifen, werden wir die wahre Natur des Christentums zu schätzen wissen.

In dem auferstandenen Christus finden wir also Gottes neuen Anfang. Aber nun wollen wir die wichtige Wahrheit betrachten, die in den Versen 19-22 folgt. Alle Schulden, die in Verbindung mit der alten Schöpfung gemacht worden waren, mußten beglichen werden. Skrupellose Menschen eröffnen manchmal ein Geschäft, machen erhebliche Schulden und geben das Geschäft auf ohne den geringsten Versuch, diese zu begleichen. Dann ziehen sie woandershin und versuchen ein neues Geschäft aufzumachen! Solch eine Handlungsweise wird allgemein verurteilt. Gott handelt immer in völliger Gerechtigkeit. Durch Seinen Tod hat der Herr Jesus die Sündenschuld des Menschen in der alten Schöpfung beglichen. Dann begann Gott in der Auferstehung des Herrn Jesus etwas Neues.

Vers 19 sagt uns, daß es der ganzen Fülle der Gottheit gefiel, in dem Sohn zu wohnen, als Er kam, um Sein mächtiges Werk zu vollbringen. Das Ziel der Gottheit mit dem Blut Seines Kreuzes war es, so wirkungsvoll Frieden zu schaffen, daß die Grundlage für die Versöhnung aller Dinge gelegt werden konnte. Und sicher dürfen wir hinzufügen, daß die Gottheit das Ziel erreicht hat, das sie sich vorgesetzt hat.

Die Sünde brachte den Menschen in einen Zustand der Feindschaft gegen Gott. Und deshalb ist die Erde voll von Unfriede, Verwirrung und Disharmonie. Durch den Tod Christi wurde der Richterspruch über das gesprochen, was die ganzen Schwierigkeiten verursacht hatte. Wenn das störende Element beseitigt ist, kann Friede einkehren. Wenn der Friede hergestellt ist, kann Versöhnung zustande kommen.

Jetzt ist der Friede gemacht. Niemand muß „seinen Frieden mit Gott machen“. Das könnte auch keiner, selbst wenn er es müßte. Christus ist der Friedensstifter. Er machte Frieden, nicht durch Sein Leben in einzigartiger Schönheit und Vollkommenheit, sondern durch Seinen Tod. Wir sollen uns natürlich an dem Frieden erfreuen, und darum geht es in Römer 5,1. „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott.“ Durch den Glauben haben wir den Frieden in unseren Herzen, und was für ein wunderbarer Friede ist das! Hier geht es aber um das Bewirken des Friedens am Kreuz. Die einzig tragfähige Basis für den Frieden in uns ist der Friede, der außerhalb von uns gemacht wurde, als das Blut am Kreuz vergossen wurde.

Der Friede ist schon gemacht, die Versöhnung aller Dinge ist noch zukünftig. Wir dürfen uns jedoch nicht vorstellen, daß damit die Errettung aller Menschen gemeint sei. Ein einschränkender Satz folgt nämlich sofort. Das „alle Dinge“ wird beschränkt auf „Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln“. Wenn es darum geht, die Knie vor Jesus zu beugen, werden die „Dinge unter der Erde“ eingeschlossen, aber nicht hier. Die Welt der Verlorenen wird sich beugen müssen. Sie werden zerbrochen, aber nicht versöhnt werden.

Es ist völlig klar, daß Versöhnung der Dinge auf der Erde noch nicht erreicht ist. Doch die Gläubigen sind schon versöhnt, wie es in Vers 21 heißt. In diesem Vers finden wir ein Wort, das uns verstehen hilft, was Versöhnung wirklich bedeutet: ein Wort, das den Zustand beschreibt, der das genaue Gegenteil ausdrückt - Entfremdung.

Viele Übel haben die Menschheit überschwemmt als Folge der Sünde. Wir haben nicht nur Schuld auf uns geladen, wir stehen auch unter einer schrecklichen Knechtschaft. Wir sind nicht nur unterjocht, sondern Gott völlig entfremdet. Und Er ist doch unsere ganze Hoffnung. Im Hinblick auf unsere Schuld brauchten wir Rechtfertigung, im Hinblick auf unsere Knechtschaft Erlösung. Und weil wir so ganz von Gott entfremdet waren, brauchten wir Versöhnung. Die Entfremdung, darauf möchte ich hinweisen, lag ganz auf unserer Seite. In unseren Köpfen war Feindschaft gegen Gott, nicht bei Gott gegen uns. Und die Feindschaft und Entfremdung fanden ihren Ausdruck in bösen Werken.

Versöhnung wurde „durch den Tod“ geschaffen, den Tod Christi. Sein Tod ist die sichere Grundlage, auf der sie ruht. Gott brauchte sie und wir auch. Wir jedoch brauchten mehr als das. Wir brauchten das mächtige Werk in unseren Herzen, durch das die Feindschaft für immer daraus weggenommen werden sollte. Das Ergebnis ist, daß Gott jetzt mit Genugtuung und Wohlgefallen auf uns schaut „in Christus“. Wir sind uns Seiner Gunst bewußt, und wenn wir auf Ihn blicken, antworten wir mit Zuneigung.

Gott kann Seine völlige Freude nur an etwas Vollkommenem finden. Aber schließlich ist die Folge des Todes Christi, daß wir „heilig und tadellos und unsträflich“ vor Ihn gestellt werden können. Freigesprochen sind wir von allem, was uns als gefallenen Kindern Adams anhaftete, denn „in dem Leib seines Fleisches durch den Tod“ wurde das Urteil über alles, was wir waren, vollstreckt. Und derselbe Tod schafft die Grundlage für die zukünftige Versöhnung aller Dinge im Himmel und auf der Erde.

Das ist doch eine herrliche Aussicht! Im Himmel gibt es Dinge, die von der Sünde berührt und befleckt sind, und die müssen versöhnt werden, obwohl die Engel, die gesündigt hatten, hinausgeworfen wurden in den Abgrund und hier nicht gemeint sind. Alles auf der Erde ist zerstört. Aber der Tag wird kommen, an dem alles in diesen beiden Bereichen in vollkommene Harmonie mit dem Willen Gottes gebracht, sich für immer im Licht Seiner Gunst sonnen und in allem Seine Liebe erwidern wird. Wir möchten rufen: Herr, laß diesen Tag bald kommen! Laßt uns gründlich nachdenken über solche Themen, denn je mehr wir das tun, desto mehr wird uns das Wunder des Todes Christi aufgehen.

Alles, was wir betrachtet haben, setzt natürlich voraus, daß wir wirklich und wahrhaftig dem Herrn angehören. Deshalb das einschränkende „sofern“ in Vers 23. Es gibt viele, die, wenn sie das Evangelium hören, bekennen, zu glauben, und einige Zeit später ihr Bekenntnis ganz aufgeben. Sie sind nicht im Glauben gegründet und bleiben nicht fest. Sie werden abbewegt von der Hoffnung des Evangeliums. Dadurch wird offenkundig, daß sie keine Wurzel hatten. Die Worte „hat er aber nun versöhnt“ beziehen sich nicht auf sie.

In diesem Vers betont der Apostel wieder die umfassende Reichweite des Evangeliums, nämlich die ganze „Schöpfung, die unter dem Himmel ist“, so wie es in Vers 6 um die ganze Welt geht. Hier geht es natürlich nicht darum, daß es damals tatsächlich schon der ganzen Schöpfung gepredigt worden war, sondern daß die ganze Schöpfung in seiner Reichweite lag. Paulus war ein Diener dieses Evangeliums geworden. Er hatte noch einen weiteren Dienst, in Bezug auf die Versammlung, wie es in Vers 25 steht.

Der Apostel erwähnt das Thema seines zweiten Dienstes mit einem Hinweis auf seine Leiden. Er war im Gefängnis, als er das schrieb, und er redet von seinen Leiden als den „Drangsalen des Christus“. Das war ihr Charakter. Es waren sicher Drangsale für Christus, aber hier scheint es darum zu gehen, daß sie ihrem Wesen nach wie die Drangsale des Christus waren, von der gleichen Art wie die, die Er auf Seinem wunderbaren Weg auf der Erde erduldete, obwohl nicht in demselben Maß. Der Herr Jesus steht in Seinen sühnenden Leiden völlig einmalig da. Das steht außer Frage. Darum geht es hier auch nicht.

Die Leiden, die auf Paulus einstürmten, erduldete er um der ganzen Versammlung willen, und diese Versammlung ist der Leib Christi. In seiner Gefangenschaft füllte der Apostel den Kelch seiner Drangsale an für die Versammlung in ihrem weitesten Umfang. Wir meinen damit nicht nur die Versammlung, wie sie zu seiner Zeit existierte, sondern die Versammlung durch alle Zeiten bis zum Ende ihrer irdischen Geschichte, uns selbst eingeschlossen. Er litt, damit die Wahrheit über die Versammlung überaus deutlich und fest gemacht würde. Und aus seinen Leiden entstanden diese unsterblichen Briefe, die uns noch heute unterweisen. Auf diese Weise ist sein Dienst in bezug auf die Versammlung für uns heute zugänglich.

Paulus war von Gott eine „Verwaltung“ gegeben, um dadurch Sein Wort zu vollenden. Das heißt nicht, daß Paulus die letzten Worte der Schrift verfassen sollte. Denn soweit wir wissen, tat das Johannes. Es bedeutet, daß die Offenbarung des Geheimnisses, auf das sich die folgenden Verse beziehen, ihm anvertraut war, und wenn das bekannt gemacht war, war das letzte Stück der Offenbarung ergänzt, der Bereich der offenbarten Wahrheit geschlossen.

In der Schrift bedeutet Geheimnis nicht etwas Mysteriöses oder Unverständliches, sondern einfach etwas, was bis zu diesem Zeitpunkt verborgen oder nur Eingeweihten bekannt war. Das Geheimnis, um das es hier geht, war in früheren Zeiten völlig verborgen und ist jetzt Gottes Heiligen offenbart. Es betrifft Christus und die Versammlung und besonders die Tatsache, daß die Gläubigen aus den Nationen zusammen mit den Gläubigen aus den Juden diesen einen Leib bilden. Diese Seite wird vor allem im Epheserbrief dargelegt. In Vers 27 dieses Kapitels wird gesagt „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“. Wenn man den Vers liest, wird klar, daß mit dem „euch“ die Heiden gemeint sind. Früher einmal hatte Gott für kurze Zeit in der Mitte des Volkes Israel gewohnt. Dann war der Messias für eine weitere kurze Zeit unter den Juden im Land erschienen. Aber daß Christus jetzt in Heiden zu finden ist, war etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes. Es war ein Pfand der zukünftigen Herrlichkeit. Denn dann wird Christus alles in allem sein.

Wir können uns wohl kaum vorzustellen, was für eine revolutionäre Lehre das war, als sie zum erstenmal verkündet wurde. Sie setzte die besondere und ausschließliche Stellung der Juden völlig beiseite, und das war in deren Augen das Hauptärgernis. Diese Lehre forderte heftigsten Widerstand bei ihnen heraus. Weil Paulus daran festhielt, brachte das für ihn Gefängnis und solche Leiden mit sich.

Andererseits wußte Paulus um die große Bedeutung dieser Lehre als kennzeichnende Wahrheit für diese Zeitepoche. Jede Zeitepoche Gottes ist gekennzeichnet durch eine besondere Wahrheit. Und diese Wahrheit kennzeichnet die gegenwärtige Zeitepoche. Nur wenn wir sie kennen, werden wir „vollkommen“ in Christus sein. Deshalb arbeitete der Apostel unermüdlich, um diese Wahrheit bekanntzumachen, so wie der Geist Gottes in ihm wirkte.

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