Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Kapitel 10-12

Betrachtung über den Propheten Daniel (Synopsis)

Im 10. Kapitel kehren wir wieder in den Osten zurück 1. Die Kapitel 10, 11 und 12 bilden nur eine fortlaufende Prophezeiung; jedoch ist dabei zu bemerken, dass Kapitel 11 die Geschichte der Nationen abschließt, während Kapitel 12, wie wir schon im Eingang unserer Betrachtung sahen, sich mit der Lage des Überrestes während des letzten Zeitraumes der Macht der Nationen sowie mit der Errettung dieses Überrestes beschäftigt. Kapitel 12 bringt somit die Offenbarung der Gedanken Gottes hinsichtlich des Überrestes, der inmitten der Nationen bewahrt bleibt, zum Abschluss.

Daniel, dem stets das Wohlergehen seines Volkes am Herzen lag, wendet sich mit heißem Flehen (V. 2. 3 u. 12) zu Gott, in dem erneuten und anhaltenden Wunsche, über Sein Tun Verständnis zu erlangen. Nachdem er drei Wochen gefastet und gebetet hat, wird ihm ein Engel zugesandt, der ihm offenbart, welchen Widerstand die Feinde der Herrlichkeit Gottes der Erfüllung der Gnadenabsichten, die Gott für Sein Volk hat, sowie der Mitteilung dieser Absichten zur Ermunterung der Seinigen, entgegenstellen. Wenn aber der Glaube in Tätigkeit ist, so beweist Sich Gott treu; außerdem versetzte die Ausdauer Daniels denselben in einen solchen Herzenszustand, dass er die Mitteilungen Gottes richtig zu würdigen vermochte; sie bewies zugleich, dass er fähig war, dieselben in Empfang zu nehmen. Der Engel eröffnet ihm, dass sich das Gesicht auf die Juden beziehe und dass es auf das Ende der Tage gehe (Kap. 10, 14). Die ihm dargereichte Stärkung setzt ihn in den Stand, die Mitteilung entgegenzunehmen. Die persischen Könige, unter deren Regierung ihm das Gesicht zuteil wurde, werden zuerst aufgezählt, und der Angriff, den einer derselben gegen Griechenland unternehmen würde, angekündigt (Kap. 11, 2). Der Einfall der Perser in Griechenland gibt Veranlassung zu einem Angriff auf Persien seitens Griechenlands; das griechische Reich ersteht, zerfällt aber nachher in vier Teile. Zwei dieser vier Königreiche sollen mächtiger sein als die anderen; auch kommen dieselben räumlich in Berührung mit den Juden. Das Gebiet der letzteren dient ihnen als Wahlstatt ihrer Kriege. Die Geschichte der Könige dieser beiden Reiche, die sich so auf dem Gebiete Israels befehden und die unter den Namen „König des Nordens“ und „König des Südens“ auftreten, wird ziemlich ausführlich erzählt. Doch will ich auf die Einzelheiten ihrer Geschichte hier nicht näher eingehen.

Der geschichtliche Bericht wird fortgeführt, bis die Römer, die Schiffe von der Küste von Kittim 2, auf dem Schauplatz erscheinen und der Angriff auf die Juden, den Tempel und den heiligen Bund geschieht. Der König des Nordens verbindet sich mit den abgefallenen Juden; er entweiht das Heiligtum und richtet ein Götzenbild auf; er schafft das beständige Opfer ab und verleitet die Gottlosen zum Abfall (V. 32). Diejenigen aber, die Gott kennen, werden sich stark erweisen und mit Entschiedenheit handeln. Die Verständigen, die von Gott belehrt sind, werden die Vielen unterweisen. Die bisherigen Mitteilungen beziehen sich also auf die ersten Könige in ihrer Aufeinanderfolge und enthalten die Geschichte der Makkabäer und des Antiochus Epiphanes.

Der letzte Teil dieser Geschichte ist bereits ein Vorbild von dem, was sich in den letzten Tagen ereignen wird. Das Ergebnis, bis zu dem Ende hin, wird dann in allgemeinen Ausdrücken angedeutet. Eine Zeitlang fallen die Juden wieder unter die Hände ihrer Feinde. Es wird ihnen ein wenig geholfen werden; einige werden sich ihnen mit Heuchelei anschließen. Selbst von den Verständigen, von denen man hätte erwarten sollen, dass die Vorsehung Gottes sie bewahren würde, werden etliche durch Gewalttätigkeit fallen, um den Glauben aller zu läutern und sie zu reinigen bis zur Zeit des Endes. Denn dieser Zustand der Dinge soll dauern, bis der von Gott bestimmte Zeitabschnitt herankommt. Es ist dies die allgemeine Lage, in welcher sich die Juden bis zu den letzten Tagen hin befinden.

Im Gegensatz zu der Masse des Volkes, die durch „die Vielen“ (siehe Dan 9, 27; 11, 33; 12, 3) bezeichnet wird, werden in Vers 33 die „Maskilim“ erwähnt, ein Wort, welches sich in den Überschriften vieler Psalmen findet. Die Verständigen, die von Gott Belehrten, werden die Vielen unterweisen; die Liebe wird in diesen Prüfungszeiten um der Wahrheit willen in Tätigkeit sein. In Kapitel 12, 3 finden wir wiederum die Verständigen, und zwar in Verbindung mit denen, welche die Vielen in der Gerechtigkeit unterweisen (vgl. Dan 11, 33). In Vers 35 sehen wir, wie sie der Gewalt zum Opfer fallen. Dieser letztere Vers reicht, wie wir bereits gesehen haben, bis auf die Zeit, da die Geschichte Israels als unter der Herrschaft der Nationen stehend, zu Ende gehen wird. Bezüglich des Endes werden jedoch noch bestimmtere Einzelheiten mitgeteilt.

Der König 3 wird uns vor Augen geführt (V. 36), der Gesetzlose, der am Ende des Zeitalters in Judäa die Macht in Händen halten und Gelingen haben wird, „bis der Zorn vollendet ist“. Von diesem Zeitabschnitt haben wir bereits geredet. Es ist ein König, der den Schauplatz seiner Tätigkeit in Judäa hat. Er zeichnet sich durch Gottlosigkeit aus und folgt seinem eigenen ungezügelten Willen, erhebt sich über alles, gibt die Religion seiner Väter auf, achtet weder auf Christum noch auf irgendeinen Gott, lästert den Gott des Himmels und richtet Götzendienst ein, jedoch in einer besonderen, ihm eigentümlichen Weise.

„Er wird ihm Herrschaft verleihen über die Vielen und das Land austeilen zum Lohne“ (V. 39). Es lässt sich schwer sagen, wer diejenigen sind, denen er Herrschaft verleihen wird; meiner Meinung nach sind es seine Anhänger. Der allgemeine Charakter dieses eigenwilligen, gottlosen und götzendienerischen Königs, der sich über alles erhebt, ist indessen deutlich genug geschildert. Im weiteren Verlauf des Kapitels sehen wir, dass der König des Südens mit ihm zusammenstößt und der König des Nordens gegen ihn anstürmt, überschwemmt und überflutet und in das Land der Zierde, Judäa, eindringt. Nur Edom, Moab und Ammon entrinnen der Macht dieses Königs; ihnen ist das Los vorbehalten (Jes 11, 14), durch Israel selbst unterworfen zu werden. Er legt seine Hand an die Länder und plündert sie. Ägypten entrinnt nicht, und die Bewohner Afrikas sind in seinem Gefolge. Doch beunruhigt durch Gerüchte von Norden und Osten her, schlägt er sein Gezelt auf zwischen Jerusalem und dem Meere und kommt zu seinem Ende, ohne dass ihm jemand hilft. Das Ende des Königs wird hier nicht mitgeteilt. Es handelt sich vielmehr um das Ende des Königs des Nordens, indem die Nationen und das Land Israel sowie die Schicksale des Volkes Daniels in den letzten Tagen der Gegenstand der Prophezeiung sind. Der gesetzlose, gottvergessene König wird in jener Zeit im Lande sein und durch den König des Südens angegriffen werden. Hierauf plündert der König des Nordens alle umliegenden Länder, mit Ausnahme der drei genannten, und kommt im Lande Israel zu Fall.

Kapitel 12 enthält mehr von Israels eigener Geschichte. Inmitten all jener Ereignisse steht der Erzengel Michael zugunsten des Volkes Daniels auf. Es wird dann eine Zeit der Drangsal herrschen, dergleichen nicht gewesen ist, noch je wieder sein wird. Trotzdem wird das Volk errettet werden, das heißt diejenigen, welche im Buche geschrieben stehen (der Gott gehörende Überrest). Jeremia haben wir bereits von diesem Zeitabschnitt und der Errettung reden hören (Jer 30, 7). Auch der Herr redet in Matthäus 24 davon, indem Er die Aufmerksamkeit Seiner Jünger auf den hier erwähnten Gräuel der Verwüstung richtet, wodurch Er deutlich an den Tag legt, dass Er von Jerusalem, den Juden und den letzten Tagen, der Zeit der Errettung Israels, redet. Dazu deutet Er die Art und Weise an, in welcher die Treuen während der Dauer der Drangsal entrinnen sollen. Hält man beide Stellen zusammen, so macht das Verständnis beider keine Schwierigkeit mehr.

Der zweite Vers unseres Kapitels führt uns über die Grenzen des Landes Israel hinaus, welches bis dahin der Schauplatz der prophezeiten Ereignisse war. Doch geht aus der Art und Weise, in welcher der Zustand des Volkes besprochen wird, nicht hervor, welches die Länder sind, in die dasselbe zerstreut war. Viele von dem Geschlecht Israel erheben sich aus ihrem langjährigen Zustand tiefer Erniedrigung, einige zu ewigem Leben, andere aber zu ewiger Schande. Die Verständigen werden leuchten wie die Himmelsfeste, und die, welche die Vielen in der Gerechtigkeit unterwiesen haben, wie die Sterne immer und ewiglich (vgl. das Heer des Himmels und die Sterne in Dan 8). Diejenigen, welche während dieses Zeitraums der Empörung und der Bedrängnis treu bleiben werden, wird Gott mit dem Glanze Seiner Gunst bekleiden.

Hierauf fragt einer der Boten Gottes den in Linnen gekleideten Mann, welcher oben über dem Wasser des Stromes war, wie lange es währen würde, bis Gott durch Sein Einschreiten zur Befreiung Israels das Ende dieser wunderbaren Dinge (der Drangsal nämlich) herbeiführen würde. Die Antwort ist: drei und ein halbes Jahr oder 1260 Tage; und ferner: wenn Gott der Zerstreuung des heiligen Volkes ein Ende gemacht haben würde, dann würden auch alle diese Dinge vollendet sein. Daniel wünscht noch eine genauere Offenbarung betreffs des Endes zu erhalten; doch werden die göttlichen Aussprüche bis zur Zeit des Endes versiegelt. Viele werden geläutert und gereinigt und weiß gemacht werden, aber die Gottlosen werden gottlos handeln. Leider steht nichts anderes zu erwarten. „Keine der Gottlosen werden es verstehen, die Verständigen aber werden es verstehen“ - jene „Maskilim“ nämlich, deren der Geist Gottes bereits Erwähnung getan hat.

Von der Zeit an, da das beständige Opfer abgeschafft wird, und zwar um den verwüstenden Gräuel aufzustellen, werden 1290 Tage sein. Doch muss noch geharrt werden, bis sich 1335 Tage 4 erfüllt haben; wer harrt und das Ende derselben erreicht, wird den vollen Segen genießen. Daniel selbst wird an dieser herrlichen Zeit mit teilnehmen.

Man beachte, dass Daniel nie den Zeitraum schildert, der auf die Zeiten der Nationen folgt. Er beschäftigt sich mit der Geschichte der Reiche, welche die Juden in den letzten Tagen unterdrücken und verführen, sowie mit der Errettung des Volkes, und bricht dann ab. Er ist der Prophet für die Zeiten der Nationen bis zur Errettung des Volkes.

Eins mag dem Leser betreffs des Verständnisses des Ganzen wünschenswert erscheinen, nämlich die Tätigkeit jener Werkzeuge, die wir in den Weissagungen Daniels während der letzten Tage im Lande Israel in Wirksamkeit finden, mit den bei anderen Propheten vorkommenden in Verbindung zu bringen und (wenn möglich) nachzuweisen, wo die gleichen Personen gemeint sind. Allein das hieße ein System der Prophezeiung aufstellen und nicht Daniel erklären. Der Geist Gottes hat es bei dem Propheten, der den Gegenstand unserer Betrachtung bildet, nicht getan. Ich möchte daher nur einige, besonders in die Augen fallende Punkte namhaft machen.

Kapitel 7 schildert den Charakter des römischen Reiches, besonders unter seinem letzten Haupte. Damit schließt die Geschichte der Macht der Nationen. Was Kapitel 8 betrifft, so habe ich oft gedacht, der dort beschriebene König könnte das Werkzeug des westlichen Reiches in Israel sein, jedoch scheint es mir nach sorgfältiger Prüfung der Stelle, dass das Horn, von welchem die Rede ist, doch einen anderen Charakter trägt als jenes, welches die westliche Macht 5 ausmacht, ob man diese nun als ein kleines Horn oder als in irgendeinem örtlichen Werkzeug wirksam betrachten mag. Es ist eine Macht, die sich im Osten erhebt, und zwar aus einem der vier Königreiche, in welche Alexanders Reich zerfallen war. Doch ist ihre Macht nur der Ausfluss einer anderen; sie steht für sich da und entwickelt ihre Tätigkeit in Syrien.

In Kapitel 9 finden wir den, der unter den Juden in Jerusalem selbst, in Verbindung mit dem römischen Reiche, tätig ist, mag das dazu gebrauchte Werkzeug sein, welches es will. Vielleicht ist es der in Kapitel 11 auftretende „König“, der sich zwischen den Königen des Südens und des Nordens befindet. Es ist aber auch sehr wohl möglich, dass das kleine Horn von Kapitel 7 selbst handelt. Immerhin besteht in Abhängigkeit von demselben noch eine andere Macht, die sich wenigstens in religiöser Weise mit den Juden beschäftigt und sie zum Abfall verleitet; es ist dies derjenige, der in seinem eigenen Namen kommt und auf den Gott seiner Väter nicht achtet. „Der König“, von welchem Kapitel 11 redet, ist ein König in Judäa; er verachtet die Religion seiner Väter, lässt in jenem Lande seinen Willen in ungezügelter Weise walten, führt wieder Götzendienst ein und teilt das Land denen aus, die in seiner Gunst stehen. Die Könige des Südens und Nordens sind das Ägypten und Assyrien der letzten Tage, sie greifen den König an, der im Heiligen Lande seine Herrschaft errichtet hat.

Meiner Meinung nach entspricht „der König“ dem zweiten Tiere, das in der Offenbarung vorkommt, obgleich unter einem anderen Gesichtspunkt, als das erste Tier der Offenbarung und das kleine Horn von Daniel 7 einander entsprechen.

Fußnoten

  • 1 Es mag hier die Bemerkung Platz finden, dass in den beiden Fällen, wo Daniel eine sein Volk betreffende Offenbarung empfängt, dieselbe eine Antwort auf seine sich in Fürbitte und Fasten äußernden Herzensübungen bildet; bei den Offenbarungen in Kapitel 7 und 8, welche die westlichen und östlichen Zerstörungsmächte betroffen, ist dies nicht der Fall. Letzteres gibt Gott, wenn es Ihm gefällt; sie wurden in den Tagen Belsazars dem Propheten zuteil, während die zwei erstgenannten in die Zeit nach der Einnahme Babels fallen. Die Juden befanden sich damals tatsächlich in einer neuen Stellung, die bis zur Verwerfung Christi andauerte; dann kam die lange zeit ihres Verlassenseins von Gott, die nicht mitgezählt wird, bis sie wieder in ihr eigenes Land zurückgekehrt sind und Gott aufs neue anfängt, Sich mit ihnen zu beschäftigen. Und wenn sich dann ihr Unglaube darin geoffenbart hat, dass sie die Macht des Bösen aufnehmen und sich dem Götzendienst hingeben, so folgt die letzte große Drangsal und darauf das Gericht, welches durch die persönliche Erscheinung des Herrn vom Himmel herbeigeführt wird.
  • 2 Das Eintreten der Römer zugunsten des jungen Königs von Ägypten, den Antiochus Epiphanes besiegt hatte, war die Veranlassung, dass letzterer den Rückzug antrat und gegen die Juden zu wüten begann, wobei er den Tempel entweihte und den jüdischen Gottesdienst verbot.
  • 3 Man vergleiche Jesaja 30, 33; 57, 9. In den Augen der Juden trägt dieser Gesetzlose den Titel „der König“, der von Rechts wegen nur Jesu, dem wahren Messias und König Israels, zukommt.
  • 4 Möglicherweise liegt dieser Berechnung folgende Ursache zugrunde: Wenn mit den Jahren kirchliche Jahre gemeint sind, so würde man, indem den 1260 Tagen, oder drei und einem halben Jahre, ein Monat und dann noch 45 Tage hinzugefügt werden, das Laubhüttenfest erreichen. Indessen kann ich hierüber nichts Bestimmtes sagen. Das eine steht jedenfalls fest, dass dann das Heiligtum Gottes in Jerusalem gereinigt sein wird.
  • 5 Wenn man die Psalmen 74 und 83 vergleicht, so wird der Gedanke bestätigt, dass außer der erzwungenen Einstellung des beständigen Opfers, die der kommende Fürst (der in Kapitel 9 angeführte Römer, der sich unter den Juden bewegen wird und sich für ihren Freund erklärt hatte) durch religiöse Mittel bewerkstelligt, zu Jerusalem auch noch eine Zerstörung stattfinden wird.
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