Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Psalm 52-64

Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Die jetzt folgende Psalmenreihe reicht (wie wir das schon bei anderen Gelegenheiten gesehen haben) dem Überrest die Ausdrücke für die Gefühle dar, die sich für ihn in diesen Umständen geziemen. Wir werden demgemäss finden, dass die Prüfung für die Treuen nicht so sehr darin besteht, dass sie sich inmitten des Bösen befinden, als vielmehr darin, dass sie das Böse überhand nehmen und gerade an der Stätte die Herrschaft gewinnen sehen, die Jehova gehört. Daher wenden sie sich im allgemeinen an Gott und an den Höchsten, den Gott der Verheißungen; nicht an Jehova, den Gott des Bundes und der aus diesem hervorgehenden gegenwärtigen Segnungen. Denn die Gläubigen befinden sich außerhalb der Stätte dieser Segnungen. Da wo es nicht so ist, werde ich darauf hinzuweisen suchen. Nachdem dann alles dieses dargestellt ist bis zu dem Augenblick, in dem die völlige Offenbarung der Hoffnung ihr Licht über den ganzen Schauplatz verbreitet, werden unsere Blicke auf die Stellung des droben erhöhten Christus gerichtet, der einmal in Israel gelitten hat – auf die Stellung, kraft derer Er den Seinen helfen und sie retten kann. Dies alles wird dann auf den Überrest angewandt, und das letzte Gebet des leidenden und der Tage satten David wird benutzt, um Israels eigenen Zustand am Ende zu kennzeichnen, worauf dann die tausendjährige Herrschaft unter dem Bilde Salomos eingeführt wird.

Psalm 52

In Psalm 52 finden wir Glauben gegenüber der Macht des bösen Menschen, der dem Gerechten entgegensteht. Die Güte Gottes hört nicht auf. Gott wird den hochmütigen und Trug übenden Menschen vertilgen, während der Gerechte bleiben wird. Der Psalm erinnert uns an Schebna (Jes 22, 15); es handelt sich hier nicht um Feinde von außen, auch nicht um das Tier (Off 13), sondern um Feinde von innen, die unter ihnen sind – um den Antichristen in Seiner Macht.

Psalm 53

Psalm 53 stellt uns die Gottlosen im allgemeinen vor, die ganze Masse des Volkes, mit Ausnahme derer, die durch die Gnade abgesondert waren. Es sind fast dieselben Worte wie in Psalm 14, jedoch mit dem Unterschiede, dass hier nicht von Jehova, sondern von Gott gesprochen wird, weil der Überrest sich nicht mehr an der Stätte der Bundesbeziehungen befindet. Daher heißt es hier nicht: „Gott ist unter dem gerechten Geschlecht“, wie in Psalm 14, 5, sondern die völlige Beschämung derer, die den Gerechten belagern, das offenbare Gericht der äußeren Feinde wird geschildert. Die, welche ein großer Schrecken überfällt, sind die ungläubigen Juden (siehe Jes 33, 14; 8, 12; 10, 24). In Psalm 14 verachten sie den Elenden, der auf Jehova vertraute; dort waren sie äußerlich miteinander verbunden. Hier ist es anders. Gott hat Seine Feinde beschämt gemacht, nicht der stolze Gottlose die Armen der Herde. Sodann wird dem Verlangen Ausdruck gegeben, dass die völlige Rettung Israels aus Zion als einem Mittelpunkt kommen möge, nicht nur die Befreiung von den äußeren Feinden durch das Gericht Gottes. Die Macht, die vom Himmel kommt und den ungläubigen Bedrücker vernichtet, ist etwas ganz anderes als die Errichtung der Macht in Zion infolge des auf Verheißung gegründeten Bundes.

Psalm 54

Psalm 54 ist das Flehen des Gerechten zu Gott um Rettung nach dem Werte Seines Namens, der der Gegenstand seines Vertrauens ist. Die beiden Arten von Feinden werden hier erwähnt: zunächst Fremde, Feinde von außen, und dann Gewalttätige, Hochmütige in ihrer Mitte, die nach dem Leben des Elenden trachten. Sobald die Rettung kommt, wird der Name Jehovas eingeführt (V. 6 u. 7). Der Name Gottes ist die Offenbarung dessen, was Er ist; das ist es, was die Grundlage des Vertrauens bildet. Der Name Jehovas, der Name des Bundesgottes, wird gepriesen werden, wenn das Volk wieder an die Stätte der Verbindung mit Ihm zurückgebracht sein wird.

Psalm 55

Psalm 55 ist eine erschreckende Schilderung des Bösen in Jerusalem. Der Redende befindet sich außerhalb der Stadt, hat aber diese Bosheit in der Verräterei seiner teuersten Freunde erfahren. Seine Zuflucht ist Gott. Jehova wird retten. Er blickt, wie ich denke, zurück auf alles, was er in Jerusalem erfahren hat. Tag und Nacht machten die Gottlosen die Runde auf den Mauern der Stadt, Gottlosigkeit, Frevel und Betrug waren in ihrer Mitte und wichen nicht von ihren Straßen. Er würde gern von dem allem weithin geflohen sein. Draußen waren die Feinde, drinnen die Gesetzlosen, und sie beschuldigten die Gottesfürchtigen der Ungerechtigkeit und hassten sie aufs äußerste; aber das Schlimmste von allem war die herzlose Verräterei derer, die drinnen waren, mit denen der Gottesfürchtige gemeinsam zum Hause Gottes gewandelt war. Dennoch vertraute er auf Gott; denn wo anders sollte er Hilfe suchen?

Psalm 56

Psalm 56 ist der Ausdruck des Gefühls über die heftige und unermüdliche Feindschaft der Gottlosen, doch die Tränen des Gerechten sind in Gottes Schlauch gelegt. Gott wird anerkannt als der Höchste, es ist Sein Titel in Verbindung mit der Verheißung, nicht in Verbindung mit dem Bunde. Sein Bundesname ist Jehova, und hier sehen wir den Überrest aus Jerusalem vertrieben. Doch das Wort Gottes ist ein sicherer Bergungsort. Es bringt der Seele die Wahrheit Gottes als Grundlage ihres Vertrauens und umfasst den ganzen Ausdruck Seiner Güte und Seiner Wege, Seiner Treue und auch Seines Interesses an Seinem Volke. Daher ist keine Menschenfurcht vorhanden. Die Seele des Gerechten wurde vom Tode errettet; er war entkommen und entflohen, und jetzt wendet er sich zu Gott, dass seine Füße bewahrt werden möchten, und dass er wandeln möchte vor dem Angesicht Gottes im Lichte der Lebendigen. Als Ausdruck der Gefühle eines Gerechten, der aus Jerusalem vertrieben ist und auf diese Weise geprüft wird, aber entkommt, nimmt dieser Psalm einen sehr ausgeprägten und bestimmten Platz ein.

Psalm 57

Psalm 57 betrachtet mehr das Böse und die Bewahrung des Gläubigen, indem dieser sich auf das Wort stützt; er ist mehr der Ausdruck des Vertrauens auf Gott, als der Zuflucht des Gerechten, obwohl dieser in demselben Geiste, unter denselben Umständen und auch unter demselben Namen sich zu Gott wendet. Die Flügel Gottes sind ein Bergungsort, bis das Verderben vorübergezogen ist, und der Gläubige erwartet eine völlige Rettung von dem herrlichen Einschreiten Gottes, wodurch der Prüfung ein Ende gemacht werden wird. Gott wird vorn Himmel senden und retten. Daher ist der Schluss dieses Psalmes triumphierender als der des vorhergehenden. „Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, will dich besingen unter den Völkerschaften. Denn groß bis zu den Himmeln ist deine Güte, und bis zu den Wolken deine Wahrheit“ (V. 9 u. 10). Der Gerechte erwartet, dass Gott Sich über die Himmel erhebe, und Seine Herrlichkeit über der ganzen Erde sei. Auf Erden gibt es keine Hilfe, niemanden, auf den er blicken könnte, aber das wirft ihn gerade völliger auf Gott lind bewirkt so ein zuversichtlicheres Vertrauen auf Seine Beschirmung und auf die schließliche Entfaltung Seiner Macht in der Rettung. So ist es stets. „Gott wird vom Himmel senden“; wie richtet das die Blicke des Überrestes nach oben und verbindet ihn mit einer himmlischen Rettung! Dann wird Jehova gepriesen.

Psalm 58

Jede Gerechtigkeit schweigt in Israel. Die Gottlosen sind gottlos, und nichts anderes. Der Gottesfürchtige wartet auf das Gericht über sie, denn „wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit: im Lande der Geradheit handelt er unrecht“ (Jes 26, 10). Von denselben Menschen sagt David: „Man ergreift sie nicht mit der Hand, und der Mann, der sie anrührt, versieht sich mit Eisen und Speeresschaft“ (2. Sam 23, 6. 7). Daher wartet der Gerechte auf das Gericht, auf das nach dem eigenen Zeugnis Gottes allein mögliche Mittel zur Beseitigung des Bösen; denn Gott hat ihnen in vollstem Maße Geduld erwiesen, aber selbst wenn Gottes Hand hoch erhoben ist, wollen sie nicht schauen (Jes 26, 11). Doch die Rache zur Befreiung der Gerechten wird kommen, und die Menschen werden sagen: „Fürwahr, es gibt Lohn für den Gerechten; fürwahr, es gibt einen Gott, der auf Erden richtet!“ (vgl. Jes 26, 9). Das ist der Zweck dieser schrecklichen Gerichte: sie führen die Regierung und das gerechte Gericht Gottes auf der Erde herbei. Uns hat die Gnade aus der Welt herausgenommen; wir sind nicht von ihr, wie Christus nicht von ihr war. Und was unsere Rettung, selbst aus Leiden, anlangt, so wird Christus kommen und uns aus dem Bösen herausnehmen, so dass wir in keiner Weise die Vernichtung unserer Feinde zu suchen brauchen. Für den verfolgten Überrest dagegen ist das die einzige, und zwar die verheißene Rettung, nicht das allein, es führt auch die Regierung Gottes auf der Erde herbei.

Psalm 59

Psalm 59 zeigt uns mehr die auswärtigen Feinde. Bei ihnen findet sich dieselbe Gottlosigkeit, aber in Verbindung mit menschlicher Macht. Doch auch sie müssen gerichtet werden, damit das Böse hinweggetan werde. Auch hatte nicht die Sünde Israels gegen die Heiden deren Herrschaft über sie gebracht, wenn Gott sie auch wegen ihrer Sünde gegen Ihn züchtigen mochte, so dass Er gerechtfertigt war. Der leidende Überrest wartet daher auf das Einschreiten Jehovas, um die Feinde zu richten; und Jehova wird alle Nationen heimsuchen. Sie werden nicht vertilgt, sondern zerstreut werden; doch als Macht werden sie auch wirklich vernichtet, und viele, wie wir wissen, werden getötet werden.

Dieser Psalm redet nicht von einer Wiederherstellung der Segnung; es handelt sich vielmehr um Gericht, und zwar um ein fortschreitendes, noch nicht beendigtes Gericht der hochmütigen und gottlosen Feinde. Obwohl sie sich in ihrer Wut zum Höhepunkt der Bosheit erheben, werden sie schwer gezüchtigt und vertilgt werden. Alle Nationen werden von diesem Gericht betroffen werden, aber besonders, denke ich, die abgefallene, durch Satan beeinflusste Macht, zum Teil vielleicht der König von Daniel 8. Man beachte hier, dass, sobald die Stellung des Volkes gegenüber den Nationen in Betracht kommt, der Name Jehovas eingeführt wird. Der Psalmist wendet sich persönlich an Gott, denn das Volk befindet sich noch außerhalb Jerusalems (siehe Vers 3, 5 und 8 bezüglich des Namens Jehova und Vers 1, 9, 10 und 17 betreffs der persönlichen Anrede). Das Ergebnis des Einschreitens Gottes ist, dass Er in Jakob herrscht bis an die Enden der Erde. Die Verse 14 und 15 enthalten, wie mir scheint, eine Herausforderung. Mögen auch die Heiden wie hungrige Hunde die Stadt umkreisen, so will doch der Gläubige von der Stärke Jehovas singen. Wir stehen hier am Ende der Drangsal.

Unser Psalm stellt auch eine andere Seite der Verbindung Israels mit dem Messias dar und zeigt, wie David in der Hand Gottes ein geeignetes Werkzeug wurde, um die Leiden des Messias und des Überrestes zu beschreiben. „Töte sie nicht“, lesen wir in Vers 11, „damit mein Volk es nicht vergesse 1.“ Das ist die Sprache Jehovas, nicht die des Königs als solchem. Der einzige Fall, wo der Ausdruck „mein Volk“ vorkommt, ist 2. Sam 22, 44, oder Ps 18, 43, und da ist Christus der Redende. Wenn aber Christus geboren ist, wird Er Jesus genannt, denn Er wird Sein Volk erretten von ihren Sünden. Jesus war die persönliche Darstellung dessen, was von Jehova gesagt war. In all ihrer Bedrängnis war Er bedrängt, wie wir in Jes 63 lesen. Es ist Jehova, der die Zunge der Belehrten empfängt (Jes 50). So sind die Worte „mein Volk“, wo sie nicht unmittelbar aus dem Munde Jehovas kommen, was oft der Fall ist, der Ausdruck Christi, der in die Leiden Israels eintritt, aber in der Liebe Jehovas zu Seinem Volke – ohne Zweifel als Mensch (denn wie hätte Er anders wirklich leiden können?), aber doch ist es das Mitgefühl Jehovas; und weil Er Jehova ist, fühlt Er die Leiden Israels völlig mit. So weinte Er über Jerusalem, indem Er sagte: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen!“ Aber das war Jehova. Daher, obwohl Er „wir“ sagen kann, weil Er in Gnade unter den Kindern Seinen Platz nimmt, verleiht Er doch, indem Er „wir“ sagt, dem Flehen des Überrestes den ganzen Wert und die ganze Vortrefflichkeit Seiner eigenen Person. Die Worte „ich“ oder „mich“ mögen sich oft auf einen Gläubigen des Überrestes beziehen, aber wenn wir einem Ausdruck begegnen wie „mein Volk“, so ist es klar, dass dies Einer sagt, der Sich in einer anderen Stellung befindet. Dann ist es nicht David, der (gleich Mose) zu Jehova stets „dein Volk“ sagt, und zwar mit Recht, sondern es ist Einer, der (in welcher Trübsal Er auch sein mag) wie Jehova „mein Volk“ sagen und in all ihre Bedrängnisse eintreten kann, in göttlichem Mitgefühl und in gerechter Forderung des göttlichen Gerichts. Ich denke, dass hier, obwohl die Nationen die Feinde sind, doch auf deren völlige Vertrautheit und Ähnlichkeit mit den Gottlosen unter dem jüdischen Volke deutlich hingewiesen wird. Dasselbe finden wir in Jes 66. Sie sind alle miteinander verschmolzen in demselben System und Zustand der Gottlosigkeit.

Psalm 60

In Psalm 60 erkennt der Überrest an, dass Gott sie verworfen hat. Ihre einzige Hoffnung ist, dass Er Sich ihnen wieder zuwenden werde. Und das gerade ist es, was die Gerechtigkeit Israels als Volk ausmacht: da ist kein Suchen nach anderer Hilfe, kein Geist der Empörung; sie nehmen die Strafe für ihre Ungerechtigkeit an. Doch Gott hatte Sein Panier unter den Treuen in Israel aufgerichtet. Er war ihr Jehova-Nissi (2. Mo 17, 15). Sie blicken jetzt auf Ihn. Der weitere Inhalt des Psalmes zeigt uns, wie Gott Sein Recht auf das Land der Verheißung behauptet. Durch Ihn wird Israel den Sieg davontragen.

Psalm 61

Der Hauptzug in allen diesen Psalmen ist das Vertrauen auf Gott, wenn alles gegen den Gottesfürchtigen ist. Je widriger alle Umstände sind, desto mehr vertraut er darin auf Gott; indes leuchtet Christus durch alles hindurch als Der, welcher den Platz des abhängigen Gläubigen einnimmt. Vermutlich sind viele Psalmen dieses Buches entstanden, als David durch Absalom vertrieben war. Dieses Vertrauen auf Gott, das Ihn bittet zu hören, wird in Psalm 61 ausgedrückt. Wir haben hier nicht das Flehen des Gerechten gegenüber den Feinden, sondern das Verschmachten seines Herzens unter dem Gefühl, dass er vertrieben ist; aber wenn er sich auch am Ende der Erde befindet und sein Geist zu Boden gedrückt ist, so schreit er doch zu Gott und erwartet, dass Gott ihn auf einen Felsen leiten werde, der ihm selbst zu hoch ist, um ihn so vor der Flut zu schützen. So ist sein Vertrauen wiederhergestellt. Es ist ein gekannter Gott, auf den er vertraut, wie groß auch seine Trübsale sein mögen. In Vers 5 drückt er das bestimmte Bewusstsein aus, dass Gott ihn erhört habe. Die Gelübde, die er zu Ihm empor gesandt hat, haben Gottes Ohr droben erreicht; vollkommene Segnungen werden auf ihm ruhen, und unter Segnung wird er seine Gelübde bezahlen. In Vers 6 ist, was die Veranlassung zu dem Psalm betrifft, ohne Zweifel von David die Rede; doch ich glaube, dass er deutlich auf einen Größeren als er ist, hinzielt, sowie auf das immerwährende Lehen, in das Christus als Mensch eingetreten ist. Und obwohl der treue Überrest sich so aus Jerusalem vertrieben sieht und ihr Geist in ihnen verschmachtet, wird doch die Tatsache, dass es auch dem König so ergangen ist, ihre Herzen ermuntern und befestigen. Sein Gesang wird der ihrige werden; dass Er ihn gesungen hat, wird ihnen zum Trost gereichen, wenn Verzweiflung sie erfassen möchte. Obwohl das Vertriebensein aus Jerusalem die Veranlassung zu diesem Psalm ist und gefühlt wird, beschäftigt er sich doch nicht mit der Ursache desselben, der Gottlosigkeit, sondern mit der Natur, mit dem menschlichen Herzen, das darunter zu Boden gedrückt ist.

Psalm 62

In Psalm 62 kommt das Vertrauen noch mehr zum Ausdruck; hier haben wir nicht das Flehen eines niedergebeugten Herzens, sondern ein freies Aufschauen, so dass der Gläubige nicht zu Boden geworfen wird. Die Seele wartet auf Gott, sie hat in der Tat nichts anderes, aber sie begehrt auch nichts anderes. Sie wartet auf Gott und fragt zugleich: „Bis wann?“ Gott wird gewisslich zur rechten Zeit einschreiten, und dann wird es sich zeigen, wem die Macht gehört. Der Psalm ist der Ausdruck persönlicher Gefühle und kann von jedem Gläubigen des Überrestes ausgesprochen werden. Bis wann werden sie gegen einen Mann Böses ersinnen? Was ist ihr Ziel? Warum hassen sie ihn und trachten danach, ihn durch Falschheit von seinem Platz wegzustoßen – von dem Platz der Segnung Gottes, auf den Er den Gottesfürchtigen in Israel gestellt hat? Indes finden diese Worte ohne Zweifel ihre besondere Anwendung auf Christum als auf den Einen, der Sich wirklich auf diesem Platz befunden hat und gegen den sich ihre ganze Bosheit richtete, um Ihn von Seiner Höhe zu stoßen. Er ist es auch, der das jüdische Volk auffordert, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen und ihre Herzen vor Ihm auszuschütten, und indem Er Sich mit ihnen auf diesen Platz stellt, sagt Er nicht nur: „Meine Zuflucht ist in Gott“, sondern auch: „Gott ist unsere Zuflucht.“ Indem er sagt: „Meine Zuflucht“, zeigt Er, dass Er sie besaß; doch diese Verständigen werden die Menge unterweisen und viele von ihnen zur Gerechtigkeit weisen (vgl. Dan 12, 3 und Jes 53, 11). Vor allem hat dies der eine wahre Verständige getan. Sie sollen nicht auf die Großen und Gewalttätigen der Erde vertrauen. Die Stärke ist Gottes, und Sein ist die Güte. Sie sollen auf Ihn als auf einen Gott der Gerechtigkeit vertrauen und in Lauterkeit wandeln und sich nicht durch die Wohlfahrt der Gesetzlosen verleiten lassen; denn Adonai (der Herr) wird einem jeden vergelten nach seinem Werke. Die Gottlosen trachten danach, die Armen der Herde niederzuwerfen, da sie trotz allem sich doch bewusst sind, dass die Hoheit Gottes mit diesen und besonders mit Christo ist. Das ist die Veranlassung zu diesem Psalm, der den Glauben der Heiligen zum Ausdruck bringt und das Volk ermahnt, nicht auf die Großen der Erde, sondern auf Gott zu vertrauen. jene sind auf der Erde erhöht, aber die wahre Erhöhung von Seiten Gottes ist bei Christo und bei denen, die also wandeln, die Gott fürchten und der Stimme Seines Knechtes gehorchen.

Psalm 63

Während Psalm 61 das Schreien des Gerechten und Psalm 62 das Vertrauen und die Ermunterung, sich auf Gott zu verlassen, darstellt, redet Psalm 63 von dem Verlangen der Seele, die noch vertrieben und fern vom Heiligtum ist (so können auch wir vom Himmel reden, denn wir haben durch den Glauben die Macht und Herrlichkeit dort gesehen), aber durch den Glauben an die Güte selbst ist das Teil der Seele selbst in der Wüste Lobgesang, und Mark und Fett werden ihr als Speise dargereicht. In dieser Beziehung ist der Psalm wunderschön: die Seele kennt Gott, und das bringt zu allen Zeiten Lobgesang in ihr hervor. Zweierlei wird besonders hervorgehoben: erstens – und das ist ein kostbares Wort – weil Gottes Güte besser ist als Leben, preisen die Lippen des Gläubigen Gott, obgleich das Leben in der Wüste Leiden mit sich bringt, und zweitens, weil Gott ihm zur Hilfe gewesen ist, will der Gerechte jubeln in dem Schatten Seiner Flügel. Vers 8 beschreibt das praktische Ergebnis: seine Seele folgt Gott unmittelbar nach, und Gottes Rechte hält ihn aufrecht. Er verlangt danach, die Macht und Herrlichkeit Gottes zu sehen, wie er sie gesehen hatte, und seine Seele wird jetzt schon wie mit Mark und Fett gesättigt, und zwar in den stillen Nachtwachen, wenn er, fern von dem Geräusch der Welt, in der Stille sich selbst überlassen ist. Die nach dem Leben des Gerechten trachten, um es zu verderben, werden hinabfahren in den Hades; aber der König wird sich in Gott freuen. Die Seinen Namen bekennen, sollen sich rühmen, aber die Falschen, die sich von Ihm abwenden, sollen beschämt werden. Wir haben hier wieder den König, und der Psalm bezieht sich auf Christum in einem höheren Sinne als auf den Überrest. Bei Ihm war es das Verlangen, die Herrlichkeit zu sehen, aus der Er herabgekommen war; für den Juden war sie in dem Tempel. Für uns, die wir die Herrlichkeit und das Heiligtum gesehen haben, in die Er eingegangen ist, ist es ein Christus, der uns durch den Glauben offenbart worden ist.

Es besteht ein Unterschied zwischen Psalm 84 und diesem Psalm: dort finden wir das Verlangen, wieder in das Heiligtum Gottes gehen zu können, hier das Verlangen nach Gott Selbst. Dort sind die Vorhöfe Jehovas, des Bundesgottes, lieblich für die Seele; hier, wo es keine Heiligtümer gibt, um hineinzugehen, ist Gott Selbst ihre Wonne 2.

Psalm 64

Psalm 64 redet hauptsächlich von dem unaufhörlichen und ränkevollen Hass der Feinde und von dem Schreien zu Gott: Gott wird plötzlich einen Pfeil auf sie schießen (V. 8). Dieses Gericht wird zur Folge haben, dass alle Menschen sich fürchten, dass sie das Tun Gottes verkündigen und Sein Werk erwägen werden. Wenn das Gericht gekommen ist, wird sich der Gerechte in Jehova freuen; hier wird Sein Bundesname gebraucht, da das Gericht die Macht des Bösen beseitigt hat. Die von Herzen Aufrichtigen rühmen sich. So führt das Gericht das Tausendjährige Reich herbei.

Fußnoten

  • 1 Wenn die Überschrift des Psalms richtig ist, so war David zur Zeit der Abfassung desselben tatsächlich noch nicht König, und der Geist Christi in ihm sprach zum voraus von dem Titel des Gesalbten, jedoch selbstverständlich im Blick auf eine andere Zeit. Man beachte auch, dass hier die Wünsche des Glaubens das ganze Israel umfassen, obwohl noch nicht einmal die Befreiung der Juden vollendet ist.
  • 2 Für Christum und für den neuen Menschen ist die Welt eine Wüste ohne irgend etwas, das die Seele erfrischen könnte. Da aber die Gunst Gottes besser ist als Leben, so können wir während unseres Lebens lobsingen, unsere Seele wird wie von Mark und Fett gesättigt. Der Heilige des Überrestes befindet sich nicht im Heiligtum, aber er hat Gott in demselben gesehen; sein Verlangen ist nach Gott Selbst. Christus konnte dies buchstäblich sagen. „Er hat den Vater gesehen“, und wir haben Ihn in Ihm gesehen.
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