Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Psalm 1

Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Es ist schon gesagt worden, dass die beiden ersten Psalmen den Grund zu der ganzen Sammlung dieser geweihten Gesänge legen, indem sie den Charakter und die Stellung des Überrestes und die Ratschlüsse Gottes in bezug auf Christum, den König in Zion, zeigen; Gesetz und Christus, das sind die zwei großen Grundlagen der Wege Gottes mit Israel.

Psalm 1 ist die Beschreibung des treuen Überrestes und der Segnung, die nach Gottes Regierung dessen Treue begleitet. Diese Segnung ist niemals in Erfüllung gegangen, außer in dem Genuss des Trostes und Friedens seitens eines aufrichtigen Herzens; aber sie wird hier in derselben Weise eingeführt wie das Teil der Sanftmütigen in Matthäus 5, wo Christus das Reich vorstellt: „Sie werden das Land erben.“ Allein das Reich war und ist auch jetzt noch nicht in Macht errichtet worden (das ist der Gegenstand vom Psalm 2), sondern die Gläubigen werden betrachtet, als ob sie sich in den letzten Tagen befänden, wenn das Gericht nahe ist. Daher spricht der Herr in Matthäus 5 von dem Leiden um der Gerechtigkeit willen; das Reich der Himmel ist das Teil der also Leidenden. Wenn sie leiden um Seines Namens willen, so spricht Er von dem Himmel selbst, wo ihr Lohn groß sein wird. In 1. Petrus 3, 14 und 1. Petrus 4, 14 wird dieselbe Unterscheidung gemacht.

In Psalm 1 haben wir einfach den treuen Überrest auf der Erde. Ich sage Überrest, weil der Gegenstand des Psalmes durch persönliche Treue gekennzeichnet wird. Die Gesetzlosen, die Sünder und Spötter umgeben den Gerechten, dessen Wonne das Gesetz Jehovas ist. Als ein frommer Jude hält er sich fern von den Gesetzlosen, und er wird gesegnet und gedeiht. Das ist der Grundsatz des Psalmes. Soll dieser jedoch zur Geltung gebracht werden, so muss das irdische Gericht eintreten. Darin werden die Gesetzlosen nicht bestehen, noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten, die dann befreit sein werden von der Bedrückung derer, die sich um Gott nicht kümmerten. Der Psalm zeigt uns den allgemeinen Charakter des Gerechten und das Ergebnis der richterlichen Regierung Gottes.

Dann wird noch ein anderes Element eingeführt: Jehova kennt den Weg der Gerechten; aber der Gesetzlosen Weg wird vergehen. Es gibt also einerseits Gericht und andererseits, vor der Ankunft dieses Gerichts, eine moralische Anerkennung, die mit dem Bundes-Verhältnis Jehovas zu Israel in Verbindung steht. Wir haben bereits gesehen, dass Christus auf der Erde dieser Gerechte war, und dass Er Seinen Platz unter dem treuen Überrest, diesen „Herrlichen auf der Erde“, einnahm (Ps 16), wie auch, dass Er vollkommen war an diesem Platze. Insofern ist dieser Psalm auf Christum anwendbar; aber unmittelbar spricht er nicht von Ihm. Sein Gegenstand ist der Charakter des Gerechten und das Ergebnis der Regierung Jehovas, Gottes, in der Mitte Seines Volkes. Es handelt sich hier noch nicht um Leiden, die daraus hervorgehen; dies wird zu seiner Zeit kommen. Es handelt sich vielmehr, wie bereits gesagt, um den Charakter des Gerechten in Gegenwart des Gesetzlosen, und um das Ergebnis nach Maßgabe der unwandelbaren Grundsätze der Regierung Gottes. Jehova kennt den Gerechten; die anderen werden unbedingt umkommen.

Psalm 1 zeigt uns also den Charakter des Überrestes, seine Stellung inmitten der Gesetzlosen, die allgemeine Regierung Gottes und die Verbindung zwischen Jehova und dem Gerechten. Daneben sehen wir den Gerechten und den Gesetzlosen in die Gegenwart eines nahen Gerichts gestellt, durch das die Gesetzlosen wie Spreu fortgetrieben werden sollen, während die Gerechten die Gemeinde bilden; das will sagen: der Psalm bezieht sich in bestimmtester Weise auf den Überrest in den letzten Tagen. Die aufgestellten Grundsätze, der Charakter der Personen, von denen der Psalm redet, und ihre Stellung sind klar verständlich; sie sind zugleich wichtig, weil sie einen wesentlichen Teil der Grundlage des ganzen Gebäudes der Psalmen ausmachen – nämlich die Regierung Gottes und die Prüfungen des Überrestes, die diese Regierung zu leugnen scheinen, die erst ausgeübt werden wird im Gericht, nachdem das Geheimnis Gottes vollendet ist. Wir befinden uns hier auf dem Boden der Stellung Israels und der Regierung Gottes nach dem Gesetz; indes wird der Gerechte von dem Gottlosen unterschieden, und die Segnung ist nicht das Teil des ganzen Volkes Israel, sondern der Gerechten, die die Gemeinde bilden werden, wenn das Gericht ausgeführt ist. Segen ruht auf den Gerechten, und diese Gerechten sind es, die das Volk ausmachen, wenn die Gesetzlosen wie Spreu fortgetrieben sind. Es ist genau die Lehre des Schlusses von Jesaja (siehe Jes 48, 22; 57, 20; Jes 65 und Jes 66), nur dass in dem letztgenannten Kapitel das Gericht auch die Nationen trifft.

Die uns zunächst vorgestellten Wahrheiten sind also: ein treuer Überrest des Volkes ist da, der am Gesetz seine Wonne hat, und das Gericht Gottes wird ausgeübt, dessen Ergebnis die Gemeinde der Gerechten ist gemäß dem wahren Charakter Jehovas, indem die Gesetzlosen vertrieben sind. Es ist die moralische Regierung Gottes auf der Erde, ausgeübt durch das Gericht in Israel 1. Deshalb treten hier die letzten Tage so deutlich vor unsere Blicke.

Fußnoten

  • 1 Oder genauer genommen unter den „Juden“. Der Überrest der Juden wird verschont bleiben; er geht durch die Trübsale, nachdem zwei Drittel in dem Lande umgekommen sind (Sach 13). Das Gericht der zehn Stämme findet außerhalb des Landes statt, und die Empörer werden nicht in das Land Israel kommen (Hes 20, 38). „Israel“ ist der allgemeine Ausdruck in den Verheißungen, die der Nation gegeben sind.
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