Betrachtung über den Propheten Jeremia (Synopsis)

Einleitung

Betrachtung über den Propheten Jeremia (Synopsis)

Das Buch des Propheten Jeremia hat einen anderen Charakter als das des Jesaja; es enthält nicht dieselbe Entwicklung der Ratschlüsse Gottes bezüglich dieser Erde wie jenes. Allerdings wird uns in Jeremia manches betreffs der Nationen mitgeteilt; allein das Buch besteht hauptsächlich aus Zeugnissen, die unmittelbar an das Gewissen des Volkes gerichtet wurden, und die dessen moralischen Zustand zur Zeit des Propheten betrafen; zugleich wird der Blick auf das dem Volke angedrohte Gericht gelenkt. Juda hatte Jehova verlassen; denn seine Buße unter Josia war nur ein äußerer Schein gewesen, und unter den Königen, die dann folgten, erreichte das Verderben seinen Höhepunkt. Das Herz des Propheten war infolge seiner Liebe zu dem Volke von Kummer überwältigt, während ihn zugleich ein tiefes Bewußtsein von dem Verhältnis desselben zu dem Herrn erfüllte. Diese Gefühle brachten in seiner Seele einen beständigen Kampf hervor zwischen dem Gedanken an den Wert des Volkes als Volk Gottes und einem heiligen Eifer für die Ehre Gottes und für Seine Rechte über Sein Volk - Rechte, die dieses Volk mit Füßen trat. Dies war eine unheilbare Wunde für sein Herz. Er hatte für das Volk Fürbitte eingelegt, er war vor Jehova für dasselbe in den Riß getreten; aber er sah, daß alles vergeblich war: das Volk verwarf Gott und auch das Zeugnis, welches Er ihm sandte. Gott Selbst wollte auf Gebete, die für Israel geschahen, nicht mehr hören. Unter diesem Eindruck weissagt Jeremia. Wahrlich, eine kummervolle Aufgabe, die den Propheten tatsächlich zu einem Manne des Kummers machte. Und wenn er auch stets sagen konnte, daß das Volk, falls es Buße täte, in Gnaden angenommen werden würde, so wußte er doch auch sehr wohl, daß es nicht im Entferntesten an Buße dachte.

Bei diesem schmerzlichen Dienst (denn was könnte schmerzlicher sein, als einem Volke, das von Gott geliebt ist, das Gericht um seiner Missetaten willen anzukündigen?) hielten ihn zwei Dinge aufrecht: zunächst und vor allem die Kraft des Geistes Gottes, welche sein Herz erfüllte und ihn veranlaßte, das Gericht Gottes trotz Widerspruchs und Verfolgung anzukündigen, und dann die Offenbarung der endlichen Segnung des Volkes nach den unwandelbaren Ratschlüssen Gottes.

Nach dieser kurzen Bemerkung über den Geist des Buches Jeremia, die wir im einzelnen bei der Besprechung seiner Weissagungen bestätigt finden werden, laßt uns nun letztere der Reihe nach etwas näher betrachten.

Bekanntlich ist die Reihenfolge der Weissagungen in der Septuaginta 1 von derjenigen in der hebräischen Bibel verschieden; ich sehe jedoch keinen Grund, warum man von der letzteren abweichen sollte. Ohne Zweifel hält sie nicht die zeitliche Reihenfolge inne; die Namen der Könige 2 in den aufeinanderfolgenden Kapiteln zeigen dies deutlich. Aber es scheint mir, daß da, wo die zeitliche Reihenfolge nicht beobachtet wird, eine sachliche Ordnung besteht, und zwar den Gedanken des Geistes entsprechend.

Die ersten vierundzwanzig Kapitel tragen einen etwas anderen Charakter als die folgenden. Bis zum Ende des 24. Kapitels finden wir Vorstellungen, eindringliche Ermahnungen, die dem Volke hinsichtlich seines moralischen Zustandes gegeben werden. Kapitel 25 enthält eine feierliche prophetische Ankündigung des Gerichts, welches durch Nebukadnezar über verschiedene Nationen kommen sollte. Nachher finden wir einzelne Weissagungen, die mehr voneinander verschieden sind und mit besonderen geschichtlichen Begebenheiten in Verbindung stehen.

Die Kapitel 30 - 33 enthalten Verheißungen bestimmter Segnung für die letzten Tage. Von Kapitel 39 an finden wir die Geschichte der auf die Einnahme von Jerusalem folgenden Ereignissen sowie das Gericht über Ägypten und Babylon.

Wir wollen jetzt die verschiedenen Weissagungen einzeln aufzählen: Jer 1; Jer 2 - 6; Jer 7 - 10; Jer 11 - 13; Jer 14 - 15; Jer 16 - 17; Jer 18 - 20; Jer 21 - 24; Jer 25; Jer 26; Jer 27; Jer 28; Jer 29; Jer 30 - 31; Jer 32; Jer 33 (dies letztere Kapitel steht indessen mit dem vorhergehenden in Verbindung); Jer 34; Jer 35; Jer 36; Jer 37 - 38; Jer 39; Jer 40 - 44 , Jer 45; Jer 46; Jer 47; Jer 48; Jer 49, 1 - 6; Jer 49, 7 - 22; Jer 49, 23 - 27. 28. 29; Jer 49, 30 - 33; Jer 49, 34 - 39; Jer 50 - 51; Jer 52 ist nicht von Jeremia geschrieben.

Es kann, was tiefe Trübsal betrifft, wohl nichts Ergreifenderes geben als den Weg des Propheten. Er ist unglücklich; sein Herz ist gebrochen. Man sieht zugleich, daß Gott ein von Natur schwaches Herz gewählt hat, das leicht niedergedrückt und entmutigt ist (selbst während Er es mit Seiner eigenen Kraft erfüllt), damit der Kummer, die Klagen, die Seelenangst und der Unwille eines schwachen Herzens (das den Druck schmerzlich empfindet, während es unfähig ist, ihn abzuschütteln oder zu überwinden, das aber alle diese Dinge vor Gott ausschüttet) Zeugnis ablegen sollten gegen das Volk, dessen hartnäckige Bosheit die Rache Gottes herausforderte. Die Trübsal Christi, dessen Geist diejenige des Jeremia hervorbrachte, war unendlich tiefer; aber Seine vollkommene Gemeinschaft mit Seinem Vater bewirkte, daß all der Seelenschmerz, der bei Jeremia in Klagen ausbrach, zwischen Jesu und Seinem Vater verborgen blieb. Er kommt in den Evangelien sehr selten zum Ausdruck. Jesus war stets und ungeteilt in Gnade für andere da 3. In den Psalmen finden wir mehr von Seinen Gefühlen. Bei Jeremia war es geziemend, daß die Qual des treuen Überrestes vor Gott ausgedrückt wurde. Die unbedingte Vollkommenheit des Herrn Jesu und die Ruhe, welche Seine Vollkommenheit auf allen Seinen Wegen begleitete, weil Er Sich stets in der Gegenwart Gottes befand, ließen keine Klage laut werden, wie groß auch das innere Weh Seines Herzens sein mochte. Er dankt in derselben Stunde, in welcher Er gerechterweise schelten kann. Mitgefühl für andere geziemte der Stellung Jesu; und wir sehen, daß es unserem teuren Herrn nie daran mangelte.

Doch es war ebenso geziemend, daß diese Herzensergüsse des Treuen, der jenes Mitgefühls bedurfte, durch den Heiligen Geist zum Ausdruck gelangten. Nicht als ob in dem Herzen, welches sich also Luft machte, keine Schwachheit vorhanden gewesen wäre; aber wenn der Geist es offenlegt, so ist es klar, daß Er es so darstellen muß, wie es wirklich ist: sonst wäre es ohne Nutzen und nicht der Wahrheit entsprechend. Daher sehen wir Jeremia viel mehr persönlich in seine Weissagungen eingehen, als dies bei irgendeinem anderen Propheten der Fall ist 4. Er stellt das Volk in seiner wahren Stellung vor Gott dar, so wie Gott es als vor Ihm diesen Platz einnehmend anerkennen konnte, um zu sehen, ob es möglich wäre - indem er das, was dieser Stellung angemessen war, von Gott empfing und die Gefühle, welche eine solche Stellung eingab, ausdrückte -, das Gewissen des Volkes zu erreichen und ihre Herzen zu gewinnen. Wir müssen uns hierbei stets daran erinnern, daß diese Gefühle dem Geiste gemäß ausgedrückt und von den deutlichsten und bestimmtesten Weissagungen betreffs dessen, was Gott über das Volk bringen würde, begleitet waren. Es muß auch noch bemerkt werden, daß ein großer Teil des Geschriebenen in erster Linie nicht an das Volk, sondern an Gott gerichtet wurde. Diese Stellung des Jeremia, als des Vertreters der wahren Interessen des Volkes oder des Überrestes vor Gott, läßt ihn manchmal so erscheinen, als ob er selbst Jerusalem wäre, und dann wieder als ein von demselben getrennter und für Gott beiseite gesetzter Überrest. Indessen wird das soeben Gesagte besser verstanden werden, wenn wir die Stellen näher betrachten, in denen es zum Ausdruck kommt.

Der Zeitraum, währenddessen Jeremia weissagte, war von beträchtlicher Länge und umschloß die ganze Zeit des Verfalls Israels; er nahm seinen Anfang in dem Jahre, das dem Beginn der Reinigung Jerusalems und des ganzen Landes durch Josia unmittelbar folgte, und dauerte bis zur schließlichen Zerstörung Jerusalems durch das Heer der Chaldäer, und selbst darüber hinaus noch eine kurze Zeit in Ägypten; es war ein Zeitraum von mehr als vierzig Jahren - eine Zeit voller Not und Elend von Anfang bis zu Ende. Denn obgleich Josia ein gottesfürchtiger König war, so war doch die Wiederherstellung des Volkes, wie wir sehen werden, nur eine äußerliche, und darum der Kummer desjenigen, der die Dinge mit den Augen Gottes ansah, gerade wegen dieses äußeren Scheines von Frömmigkeit nur um so größer. „Doch kehrte Jehova nicht um von der großen Glut seines Zornes wegen all der Reizungen, womit Manasse ihn gereizt hatte.“ Nichtsdestoweniger unterscheidet der Prophet zwischen den zwei Zeitabschnitten, der Regierung Josias und derjenigen seiner Nachfolger.

Kapitel 21 - 24 ausgenommen, gibt es für die ersten vierundzwanzig Kapitel keine Zeitangaben. Es ist wahrscheinlich, daß sie zum größten Teil unter Josias Regierung entstanden sind. Sie enthalten Vorstellungen betreffs des moralischen Verhaltens des Volkes, den Ausdruck des tiefen Kummers des Propheten sowie feierliche Warnungen vor dem bevorstehenden Einfall von Norden her. Die erwähnten vier Kapitel (21 - 24) sind nicht der Zeit nach geordnet, sondern wahrscheinlich aus Weissagungen zusammengesetzt, die zu verschiedenen Zeiten gegeben wurden. Sie enthalten der Reihe nach das Gericht über die verschiedenen Zweige des Hauses Davids sowie dasjenige der falschen Propheten, die das Volk verführten. Sie schließen mit der Darstellung des Schicksals der Gefangenen in Babel und derer, die mit Zedekia in Jerusalem zurückblieben, welcher beider Geschick so sehr voneinander verschieden war.

Fußnoten

  • 1 So wird die sehr alte griechische Übersetzung des Alten Testamentes genannt, die zur Zeit des Herrn allgemein im Gebrauch war (Anm. des Übersetzers).
  • 2 In Kapitel 27 muß es statt „Jojakim“ „Zedekia“ heißen (siehe Jer 27, 12 und Jer 28, 1).
  • 3 Vgl. Matthäus 26, wo dies in der ergreifendsten Weise zutage tritt. Es ist sehr köstlich, in Christo sowohl dieses vollkommene Ergebnis Seiner Gemeinschaft mit dem Vater als auch zu gleicher Zeit alles das zu sehen, was Er in Seinem Herzen als Mensch fühlte, indem Er einerseits die äußeren Umstände empfand und andererseits innerlich so schwer geprüft wurde. Vollkommene Seelenübungen bewirken eine vollkommene Ruhe im Wandel nach außen, da in beiden Fällen Gott völlig eingeführt wird. Wenn wir die gründliche Behandlung einer Sache vor Gott vermeiden, so kann das Herz nicht für Ihn tätig sein, als wenn alles in Ordnung wäre; darin besteht gerade der innere Friede bei äußerer Tätigkeit. Doch wie kostbar ist es, die Wirklichkeit der menschlichen Natur Christi in all den inneren Übungen Seines Geistes zu sehen!
  • 4 Bei Jona findet sich etwas Ähnliches. Aber dort bilden die Umstände des Propheten eine eigene Geschichte und stehen nicht mit dem Zeugnis, welches er ablegte, in Verbindung, es sei denn durch den einzigen Grundsatz der Gnade.
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