Betrachtung über 1. Korinther (Synopsis)

Kapitel 7

Betrachtung über 1. Korinther (Synopsis)

Der Apostel setzt seine Unterweisungen fort, indem er in Verbindung mit dem eben behandelten Gegenstand die Frage beantwortet, was der Wille Gottes sei hinsichtlich der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Diejenigen, die dieser Beziehung fern bleiben, um dem Geiste gemäß mit dem Herrn zu wandeln und in nichts ihrer Natur nachzugeben, tun wohl. Gott hatte die Ehe eingesetzt - wehe dem, der übel von ihr reden würde! Aber die Sünde ist eingetreten, und alles, was von der Natur, von dem Geschöpf ist, ist verunstaltet worden. Gott hat eine Kraft eingeführt, die ganz und gar über und außerhalb der Natur liegt - die Kraft des Geistes. Dieser Kraft gemäß zu wandeln ist das Beste; es ist ein Wandeln außerhalb des Bereichs, in dem die Sünde wirksam ist. Aber es ist selten, und wirkliche Sünden sind größtenteils die Folge eines Sichfernhaltens von dem, was Gott der Natur gemäß angeordnet hat. Im Allgemeinen sollte also aus diesem Grunde jeder sein eigenes Weib haben, und wenn die Verbindung einmal geschlossen war, so hatte er nicht länger Macht über sich selbst. Was den Leib betrifft, so gehörte der Mann seinem Weibe, das Weib ihrem Manne. Wenn sie sich nach gegenseitiger Übereinkunft für eine Zeitlang trennten, um sich dem Gebet und geistlichen Übungen zu widmen, so sollte doch das Band gleich wieder anerkannt werden, damit nicht das Herz, indem es sich nicht zu beherrschen vermochte, Satan Gelegenheit gebe einzudringen, die Seele in Not zu bringen und ihr Vertrauen auf Gott und auf Seine Liebe zu zerstören - damit nicht der Feind durch quälende Zweifel (es heißt wegen, nicht durch Unenthaltsamkeit) ein Herz versuche, das sich zu viel vorgenommen hatte und nun in dem Kampf unterlag.

Indes war diese Erlaubnis, diese Anweisung, die den Christen das Heiraten empfiehlt, nicht ein durch Inspiration gegebener Befehl des Herrn, sondern die Frucht der Erfahrung des Apostels - einer Erfahrung, bei der die Gegenwart des Heiligen Geistes nicht gefehlt hatte 1. Der Apostel wünschte wohl, dass ein jeder sein möchte wie er; aber jeder hatte in dieser Beziehung seine eigene Gnadengabe von Gott. Für die Unverheirateten und Witwen, sagt er, ist es gut, zu bleiben, wie ich bin. wussten sie aber nicht ihre Natur zu beherrschen und in stiller Keuschheit zu bleiben, so war es besser für sie, zu heiraten. Die Unbezähmbarkeit der Lust war schädlicher als das eheliche Band.

Was aber die Ehe selbst betraf, so handelte es sich nicht mehr um einen auf Erfahrung beruhenden Rat. Das Gebot des Herrn war bestimmt: das Weib sollte nicht vom Manne geschieden werden, noch der Mann vom Weibe. Und wenn sie sich trennten, so war das Band zwischen ihnen nicht zerrissen: sie mussten unverheiratet bleiben oder sich versöhnen. Der Fall wurde verwickelter, wenn der Mann bekehrt und das Weib unbekehrt war oder umgekehrt. Nach dem Gesetz verunreinigte sich ein Mann, der ein heidnisches (infolgedessen also ein gemeines oder unreines) Weib geheiratet hatte, und er war gezwungen, dieses Weib zu entlassen; auch die Kinder aus einer solchen Verbindung hatten kein Anrecht auf jüdische Vorrechte: sie wurden als unrein verstoßen (siehe Esra 10,3). Unter der Gnade aber fand genau das Gegenteil statt: der bekehrte Mann heiligte das Weib und umgekehrt, und ihre Kinder wurden für heilig geachtet vor Gott; sie hatten teil an den kirchlichen Rechten ihres Vaters oder ihrer Mutter. Das ist der Sinn des Wortes „heilig“ in Verbindung mit dieser Frage der Ordnung und des äußerlichen Verhältnisses Gott gegenüber, das in einem ähnlichen Fall unter dem Gesetz die Verpflichtung mit sich brachte, Weib und Kinder zu entlassen. Der Gläubige sollte also sein Weib nicht wegschicken, noch das ungläubige Weib ihren ungläubigen Mann verlassen. Wenn der ungläubige Teil den gläubigen endgültig verließ, so war der letztere (Mann oder Weib) frei. „Wenn aber der Ungläubige sich trennt, so trenne er sich.“ Der Bruder war nicht mehr verpflichtet, diejenige, die ihn verlassen hatte, als sein Weib zu betrachten, noch brauchte die Schwester den Mann, der sie verließ, fernerhin als ihren Gatten anzuerkennen. Aber sie waren zum Frieden berufen, nicht aber eine solche Trennung zu suchen; denn was wusste der Gläubige davon, ob er nicht das Mittel zur Bekehrung des Ungläubigen sein würde? Denn wir stehen unter der Gnade. Übrigens sollte jeder wandeln, wie Gott ihm ausgeteilt hatte.

Was die Beschäftigungen und die Stellung in dieser Welt betraf, so war die allgemeine Regel die, dass jeder in dem Stande bleiben sollte, in dem er berufen worden war; allein es musste „bei Gott“ geschehen, indem nichts von dem Gläubigen getan wurde, was nicht zur Verherrlichung Gottes gereichte. Wenn der Stand in sich selbst, seiner Natur nach, dem Willen Gottes entgegen war, so war es Sünde; offenbar konnte man dann nicht darin bleiben bei Gott. Aber die allgemeine Regel war, in dem Stande zu bleiben und Gott darin zu verherrlichen.

Nachdem der Apostel so über die Ehe, über die Unverheirateten und die Witwen gesprochen hat, antwortet er auf Fragen, die man in Betreff solcher an ihn gerichtet hatte, die nie in irgendeine Verbindung dieser Art eingetreten waren. Über diesen Punkt hatte er kein Gebot vom Herrn; er konnte nur sein Urteil abgeben als einer, dem der Herr die Gnade verliehen hatte, treu zu sein. Im Blick auf das, was die Welt war, und auf die Schwierigkeiten des christlichen Lebens war es gut, in jener Stellung zu bleiben. War jemand an ein Weib gebunden, so sollte er nicht suchen loszukommen, war er frei, so tat er wohl, also zu bleiben. Wer denn heiratete, tat wohl; wer nicht heiratete, tat besser. Wer kein Weib gekannt hatte, sündigte nicht, wenn er heiratete; aber er würde in seinem Leben hienieden Trübsal im Fleische haben.

Es handelt sich hier, wie man sieht, nicht um die Tochter eines Christen, sondern um seinen eigenen persönlichen Zustand. Wenn er feststand und über seinen eigenen Willen Gewalt hatte, so war das der bessere Weg. Wenn er heiratete, so tat er immerhin wohl; wenn er aber nicht heiratete, so war es besser. Gerade so verhielt es sich mit dem Weibe. Und wenn der Apostel sagte, dass dies seiner Meinung nach besser sei, so hatte er den Geist Gottes, und seine Erfahrung (falls er kein Gebot vom Herrn hatte) war nicht ohne den Geist gewonnen, sondern es war die Erfahrung eines Mannes, der da sagen konnte (wenn irgendeiner das Recht dazu hatte), dass er den Geist Gottes habe.

Übrigens war die Zeit „gedrängt“; die Verheirateten sollten sein, als hätten sie keine Weiber, die Kaufenden als nicht Besitzende, und die der Welt Gebrauchenden als ihrer nicht als Eigentum Gebrauchende. Der Apostel wünschte nur, die Gläubigen frei von Sorge und Ableitung zu sehen, damit sie dem Herrn dienen möchten. Wenn diese Wirkung nicht dadurch erzielt wurde, dass sie die Natur für überwunden hielten, so gewannen sie nichts, sie verloren dadurch. Als Verheiratete waren sie in besonderer Weise mit den Dingen hienieden beschäftigt, um ihren Weibern zu gefallen und für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu sorgen; aber sie erfreuten sich einer Ruhe des Herzens, in der die Natur nicht ihre Rechte mit einer Kraft forderte, die sie nicht zum Schweigen zu bringen vermochten, und die Heiligkeit des Wandels und des Herzens wurde aufrecht gehalten. Wenn der Wille der Natur unterworfen und zum Schweigen gebracht war, so dienten sie dem Herrn ohne Ableitung; sie lebten dem Geist und nicht der Natur gemäß, selbst in den Dingen, die Gott mit Rücksicht auf die Natur als gut angeordnet hatte.

Was den Sklaven betraf, so konnte sich dieser damit trösten, dass er ein Freigelassener des Herrn war; aber im Blick auf die Schwierigkeit, den Willen eines heidnischen oder auch eines ungeistlichen Herrn mit dem Willen Gottes zu vereinigen, sollte er, wenn er frei werden konnte, die Gelegenheit benutzen.

Zwei Dinge treten uns hier besonders vor Augen; zunächst die Heiligkeit, die alle diese Weisungen atmet hinsichtlich dessen, was so nahe die Wünsche des Fleisches berührt. Die Einrichtungen, die Gott für den Menschen in seiner Unschuld getroffen hatte, werden in ihrer ganzen Unantastbarkeit und Autorität aufrecht gehalten als ein Schutz in der jetzigen Zeit gegen die Sünde, zu der das Fleisch den Menschen anreizt. Der Geist führt eine neue, über der Natur stehende Kraft ein, die aber in keiner Hinsicht die Autorität der Einrichtung schwächt. Wenn jemand über der Natur zu leben vermag, um dem Herrn in Freiheit zu dienen, so ist das eine Gabe Gottes - eine Gnade, die zu benutzen er wohl tut.

Doch es geht noch ein zweiter, sehr wichtiger Grundsatz aus diesem Kapitel hervor. Der Apostel unterscheidet, wie schon vorhin angedeutet, genau zwischen dem, was er durch göttliche Eingebung empfangen hatte, und seiner eigenen geistlichen Erfahrung, d. i. dem, was der Geist ihm gab in Verbindung mit den Übungen seines persönlichen Lebens, oder mit anderen Worten, zwischen Inspiration und geistlicher Weisheit, so erhaben die letztere auch sein mochte. Über gewisse Punkte hatte er kein Gebot des Herrn empfangen. Er teilte das Ergebnis mit, zu dem er mit Hilfe des Geistes Gottes gelangt war, und zwar gelangt in einem Leben von besonderer Treue und unterstützt durch den Geist, den er nur wenig betrübte. Allein es war kein Gebot des Herrn. Alles aber, was er über andere Punkte sagte und nicht in dieser Weise ausnahm, musste als ein Gebot des Herrn aufgenommen werden (vgl. 1.Kor 14,37). Das will sagen, Paulus bestätigt die Inspiration (das was man eigentlich so nennt) seiner Schriften - sie sollten als vom Herrn Selbst kommend aufgenommen werden -, indem er diese Inspiration von seiner eigenen geistlichen Urteilsfähigkeit unterscheidet, und das ist ein äußerst wichtiger Grundsatz.

Fußnoten

  • 1 Beachten wir hier, dass ausdrücklich zwischen dem unterschieden wird, was Ungläubige der modernen Schule zu vermengen getrachtet haben, nämlich zwischen geistlichen Gedanken eines Menschen und Inspiration (göttliche Eingebung). Der Apostel spricht seine Gedanken und sein Urteil als ein geistlicher Mensch aus, indem sein Sinn durch den Geist beseelt und geleitet wird, und stellt dies in Gegensatz zu der Inspiration und dem, was der Herr sagt, Wie wunderbar hat der Herr in der Schrift für alles gesorgt! (vgl. V. 25)
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