Betrachtung über den Propheten Maleachi (Synopsis)

Betrachtung über den Propheten Maleachi (Synopsis)

Die Weissagung Maleachis ist deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil sie die Gesinnung und das Verhalten des Volkes nach seiner Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft schildert. Mit den letzten Versen des Buches wird augenscheinlich das Zeugnis des HERRN an das Volk abgeschlossen, bis der käme, der den Weg des HERRN bereiten sollte, mit einem Wort: bis auf Johannes den Täufer. Das Gesetz und die Propheten waren bis auf Johannes, und Maleachi ist offenbar, und auch der Natur seines Zeugnisses nach, der letzte derselben.

Der Hauptpunkt, um den es sich in diesem Buch handelt, ist die Gefühllosigkeit des Volkes demgegenüber, was der HERR für sie war, sowie im Blick auf ihre eigene Ungerechtigkeit, die sie dem HERRN gegenüber bewiesen – ihr Mangel an Ehrfurcht vor Gott, ihre Geringschätzung des HERRN. Ach, diese Gefühllosigkeit hatte eine solche Höhe erreicht, dass selbst dann, wenn die Handlungen, in denen sich gerade jene Verachtung bewies, ihren Gewissen vorgehalten wurden, sie nichts Bedenkliches darin erblickten. Trotzdem änderte das nichts an den Absichten und Ratschlüssen Gottes, auch wenn es auf die Schuldigen Gericht bringen musste (siehe Mal 1, 2. 6; 2, 14; 3, 7. 13).

Maleachi unterscheidet auch den Überrest und das, was diesen kennzeichnete, während er das Gericht der Gesetzlosen ankündigt und auf den Ruf Gottes an solche hinweist, die Ohren hatten zu hören, um sie zur Buße zurückzubringen – ein Dienst, der in den Herzen der Eltern und Kinder eine der Ordnung Gottes entsprechende Gesinnung wiedererwecken sollte. Von der Aufrechterhaltung und Pflege dieses Verhältnisses fließt alle friedliche Ordnung auf Erden her, wie sie den Gedanken Gottes entspricht, und diese Ordnung hat Gott hier im Auge. Zu Anfang des Buches redet der HERR von seiner Liebe zu Israel, welche ein undankbares Volk – leider! – so gering achtete, und die sich doch von Anfang ihrer Geschichte an in ihrer Erwählung erwiesen hatte. Und selbst während Er die traurige Undankbarkeit des Volkes darlegt, hält Er an seinen eigenen Gedanken über sie fest. Er wird Israel segnen und Edom trotz seines Hochmuts richten.

Darauf wird die Sünde Israels gezeigt sowie die Gleichgültigkeit, die sie im Dienst ihres Gottes an den Tag legten und wodurch sie Ihn so tief beleidigten (Kap. 1, 6–10). Dies gibt Veranlassung zu einer zweiten Äußerung Seiner Gnade, dass nämlich der Name des HERRN allen Nationen offenbart werden würde. So wird denn die Erwählung Israels sowie die Gnade, die den Heiden zuteil werden soll, angesichts der Sünde des wiederhergestellten Volkes in bestimmter Weise angekündigt; ja diese Sünde bietet sogar die Veranlassung dazu. In den Versen 12 – 14 werden ebenfalls die Übertretungen des Volkes gegen den HERRN und die Mißachtung seiner Majestät vorgestellt. Kapitel 2, 1 – 9 schildert den gefallenen Zustand der Priester, die treu hätten bewahren sollen, was die Gedanken Gottes sind, und wie Er sich in seinem Tun erweist; in Vers 10 – 12 wird auf ihr böses Verhalten gegen ihre Brüder und auf ihre nahe Beziehung zu Götzendienern hingewiesen; und in Vers 13 – 16 endlich wird gezeigt, mit welcher Leichtfertigkeit sie nach Belieben ihre Ehen aufzulösen pflegten. Doch der HERR stand im Begriff zu kommen.

Wir sehen in Kapitel 3 aufs neue, in welch unmittelbarem Zusammenhang mit dem ersten Kommen des Herrn das volle Ergebnis seines zweiten Kommens erwähnt wird. Die Sendung Johannes des Täufers wird angekündigt; er sollte sein Bote sein, um vor Ihm den Weg zu bereiten, und dann würde der Engel des Bundes, nach dem sie so dringend verlangten, kommen; es würde dies aber zum Gericht sein, um das Volk zu reinigen und alle Schlacken von ihm zu entfernen. Dann würde ihre Opfergabe in Jerusalem dem HERRN annehmlich sein, sie würden Opfergaben in Gerechtigkeit darbringen. Alle Übeltäter aber würden gerichtet werden; denn Gott war, sowohl was seine Gerechtigkeit als auch was seine Gnade betraf, unveränderlich. Das war es, was schließlich das Bestehen Israels sicherte, mochte geschehen, was da wollte. Israel wird daher aufgefordert, zu dem HERRN umzukehren; dann wollte der HERR auch zu ihnen umkehren. Dadurch wird aber der Stolz Israels rege gemacht, und sie sagen. „Worin sollen wir umkehren?“ – Sodann wird gezeigt, wie sie sich hinsichtlich der Opfergaben und der Satzungen des HERRN versündigten. Doch die Gnade Gottes kommt aufs neue zum Ausdruck, indem ihre Umkehr aus der Entfremdung, die sie Gott gegenüber in ihrem Verhalten an den Tag legten, vorausgeschaut wird. Sie hatten nur nötig umzukehren, um Erfahrung von der Güte Gottes zu machen (V. 10 – 12).

Von den Gesetzlosen, die in ihrem Hochmut augenscheinlich Erfolg haben, wird der Überrest in Kapitel 3, 16 – 18 unterschieden, der sich inmitten jener befindet. Gemeinsame geistliche Bedürfnisse und Gefühle, deren Quelle die Furcht des HERRN war, von der sie sich alle leiten ließen, führte diejenigen, die zu diesem Überrest gehörten, zusammen. In ihrer Bedrängnis unterredeten sie sich oft miteinander von diesen Dingen 1. Und der HERR merkte auf und hörte und schrieb es in sein Buch nieder. Sie werden Ihm zum Eigentum sein an dem Tag, den Er machen wird. Hernach soll wieder der Unterschied gesehen werden zwischen dem Gerechten und dem Gesetzlosen, zwischen denen, die Gott dienten, und denen, die Ihm nicht dienten. Denn nach Kapitel 4, 1 kommt der Tag brennend wie ein Ofen, und die Übermütigen und die Gesetzlosen werden wie Stoppeln werden. Aber denen, die den Namen des HERRN fürchten, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen. Dann wird die traurige Nacht der Finsternis und Bedrängnis und Herrschaft des Feindes nicht länger währen, sondern es wird ein Tag sein, dem Gott durch die Gegenwart seines Sohnes, durch die Regierung seines Geliebten auf Erden, sein Licht verleihen wird. Am Morgen desselben werden die Gerechten die Herrschaft über die Gesetzlosen erhalten (denn es handelt sich hier um eine Zeit des Gerichts), und diese werden wie Asche unter jener Fußsohlen sein.

Der Leser wird bemerken, dass hier alles mit der Machtvollkommenheit des HERRN, mit seinen Verwaltungen Israel gegenüber sowie mit dem Verhalten Israels als Nation seinem Gott gegenüber in Verbindung steht. Was sich auf das erste Kommen des Christus und dessen Folgen für Israel bezieht, wird hier nicht erwähnt. Johannes der Täufer wird als der Vorläufer des hERRN dargestellt, der ohne Zweifel Christus selbst ist, Er erscheint hier aber als der Engel des Bundes, indem Er plötzlich zu seinem Tempel kommt und in Israel alles durch Feuer und durch sein Gericht auf die Probe stellt, damit, wie vor alters, die Opfergabe Judas dem HERRN angenehm wäre. Die Übertretungen, von denen hier die Rede ist, sind diejenigen, die sich das Volk nach seiner Rückkehr aus Babel gegen den HERRN zuschulden kommen ließ. Der Nationen und ihres Weltreiches geschieht keine Erwähnung. Es vollzieht sich alles nur zwischen Israel und dem HERRN, dem Gott ihrer Väter, wie dies in früheren Tagen zwischen dem von Gott geliebten Volke und dem HERRN, der es liebte, der Fall war. Einen fremden Gott zu haben ist das, was der HERR nicht dulden wird. Mit Levi hatte Gott seinen Bund gemacht; die Priester waren es, deren Lippen die wahre Erkenntnis des HERRN hätten bewahren sollen.

Es ist hier nicht einmal von einem König die Rede, als nur insofern, dass der HERR, dessen Name furchtbar ist unter den Nationen, ihr König ist. Schließlich wird dem Volk (Israel) geboten, zu dem Gesetz Moses zurückzukehren, das einst dem ganzen Israel am Horeb gegeben worden war.

So sehen wir hier denn des HERRN unveränderliche Liebe zu seinem Volk, das Er am Horeb zu sich versammelte; wir sehen, wie Er wegen ihrer Sünden mit ihnen rechtet, wie ein treuer Überrest von den übrigen unterschieden und wie vor der Vollstreckung des Gerichts ein Bote gesandt wird. Israel wird als Nation in dem ihm eigentümlichen Verhältnis zu dem HERRN stehend betrachtet, indem es aus der Gefangenschaft zurückgekehrt ist und das Gericht seines Gottes zu erwarten hat, der seinen Boten schickt, um sie vorher zu warnen.

Zu der Zeit, als Johannes der Täufer gesandt wurde, war alles vorbereitet, um im Hinblick auf die Erfüllung dieser Dinge die Herzen des Volkes auf die Probe zu stellen. Israel hatte aber nicht Ohren, um zu hören; daher war alles verloren.

Die volle, uneingeschränkte Erfüllung des hier Gesagten wird am Ende eintreten, nachdem das andere herrliche Werk Gottes, das die Versammlung zum Gegenstande hat, vollendet sein wird.

Die Langmut Gottes Israel gegenüber war groß gewesen; denn nachdem sie seinen Sohn verworfen hatten, sandte Er ihnen – auf die Fürbitte, die derselbe vielgeliebte Heiland am Kreuz für sie tat – durch den Mund Petrus die Botschaft, dass, wenn sie Buße täten, der von ihnen getötete Christus zurückkehren würde. Ihre Führer waren aber für diese ihnen von Gott bewiesene Gnade mehr als taub, und so ist ihr Haus noch immer leer und wüste.

Zur Zeit des Endes kommt Elia, dem der Auftrag geworden war, ein abtrünniges Israel, das den HERRN verlassen hatte, zurückzurufen, damit es Ihm, in Wahrheit Ehre gäbe, ein Auftrag, der in der unumschränkten Gnade Gottes seinen Ausgangspunkt hatte, jedoch mit dem Gesetz und mit jenem Berg Horeb im Zusammenhang stand, zu dem sich Elia begab, um dort die Last seines Prophetenamtes niederzulegen, nachdem sich dasselbe infolge des Unglaubens des Volkes als nutzlos erwiesen hatte – Elia wird tatsächlich vor dem großen und furchtbaren Tage des HERRN seinen Auftrag erfüllen, damit an jenem Tag, wenn Gott seine Gerichte endgültig zur Ausführung bringen wird, das Land des Wohlgefallens Gottes nicht von seinem Bannfluch getroffen werde. Aus diesem Grund wird, wenn Israel es hätte annehmen können, von Johannes dem Täufer gesprochen, als ob er Elia wäre; denn er entsprach dem 1. Verse von Kapitel 3. Zugleich aber sagte Johannes selbst, er wäre nicht Elia; denn er erfüllte in der Tat keineswegs Vers 5 und 6 von Kapitel 4 (vgl. Lk 1, 17. 76).

Der Inhalt des Buches richtet sich an das Gewissen derer, die zu der Zeit lebten, als diese Weissagung geschah (Kap. 3, 10); indem es jedoch auf die Botschaft der Gnade hinweist, die Israel am Ende jener Zeiten gesandt werden wird, um es auf die Probe zu stellen, geht es auf die letzten Tage über, in denen Gott seine unwandelbare Liebe zu seinem Volk und sein gerechtes Urteil über das Böse dadurch an den Tag legen will, dass Er einen Überrest für sich absondert, um ihn zu segnen, und dass Er an den Empörern das Gericht zur Ausführung bringt.

Der Nationen geschieht hier, wie bereits gesagt, keine Erwähnung, ebensowenig der Verbindung des Volkes Gottes mit dem als Mensch auf die Erde kommenden Christus.

Fußnoten

  • 1 In den ersten zwei Kapiteln des Evangeliums Lukas entwirft der Schreiber ein liebliches Bild hiervon, ehe er zu dem allgemeinen Gegenstand seines Buches übergeht. Nur wurde damals der Heiland verworfen, und der Überrest erhielt seinen Platz in der Versammlung, während die Befreiung Israels bis zu dem Zeitpunkt hinausgeschoben wurde, da der Herr in Macht kommen wird. Hier wird der Überrest in Israel in Verbindung mit jener Befreiung betrachtet.

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