Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Kapitel 10

Betrachtung über Hebräer (Synopsis)

Der wesentliche Punkt, der in der Lehre von dem Tod Christi festgestellt wird, ist der, dass Er Sich selbst ein für allemal geopfert hat. Das müssen wir im Gedächtnis behalten, wenn wir die volle Tragweite von allem hier Gesagten verstehen wollen.

Im 10. Kapitel finden wir die weitere Entwicklung und Anwendung dieses Punktes. Der Schreiber wiederholt darin kurz seine Lehre und wendet sie auf die Seelen an, indem er sie durch die Schrift sowie durch Betrachtungen, die jedem erleuchteten Gewissen klar und fasslich sind, bestätigt.

Das Gesetz mit seinen Opfern brachte die Anbeter nicht zur Vollkommenheit, denn wäre das der Fall gewesen, so hätten die Opfer nicht immer von neuem dargebracht zu werden brauchen. Diese Wiederholung geschah eben deshalb, weil die Anbeter nicht vollkommen waren. In ihr lag ein stetes Erinnern an die Sünden. Dem Volk wurde immer wieder ins Gedächtnis gerufen, dass die Sünde noch vorhanden, und dass sie noch vor Gott war. Das Gesetz, obwohl ein Schatten der zukünftigen Dinge, war doch nicht ihr wahres Ebenbild. Es gab zwar Opfer, aber anstatt eines einzigen Opfers von ewiger Wirksamkeit, mussten die Opfer immer wiederholt werden. Es gab auch einen Hohenpriester, aber er war sterblich, und das Priestertum war übertragbar. Er ging in das Allerheiligste, aber nur einmal im Jahr. Der Vorhang, der Gott verbarg, war nicht zerrissen, und der Hohepriester war unfähig, in Gottes Gegenwart zu bleiben, da das Werk nicht vollkommen war. So waren also wohl Elemente vorhanden, die die einzelnen Bestandteile (wenn ich sie so nennen darf) des Priestertums der zukünftigen Güter klar andeuteten, aber der Standpunkt der Anbeter in dem einen Fall stand im völligen Gegensatz zu dem in dem anderen Fall. Im ersten Fall (unter Gesetz) bewies jede Handlung, dass das Werk der Versöhnung noch nicht geschehen war, in dem anderen bezeugte die Stellung des Hohenpriesters und der Anbeter klar und deutlich, dass dieses Werk vollbracht ist, und dass die Anbeter auf immerdar vollkommen gemacht sind in der Gegenwart Gottes.

In Kapitel 10 wird dieser Grundsatz auf das Opfer angewandt. Seine Wiederholung bewies, dass die Sünde vorhanden war. Die Tatsache, dass das Opfer Christi nur einmal dargebracht worden ist, war der Beweis einer ewigen Wirksamkeit. Hätten die jüdischen Opfer die Anbeter wirklich vor Gott vollkommen gemacht, so würden sie aufgehört haben, dargebracht zu werden. Der Schreiber spricht, obwohl der Grundsatz von allgemeiner Anwendung ist, von dem jährlichen Opfer des Versöhnungstages. Denn wären die Anbeter durch die Wirksamkeit des Opfers für immer vollkommen gemacht worden, so würden sie kein Gewissen mehr von Sünden gehabt haben, und sie hätten gar nicht daran denken können, das Opfer zu erneuern.

Beachten wir hier, was sehr wichtig ist, dass das Gewissen, da unsere Sünden getilgt sind, gereinigt ist, und dass der Anbeter kraft des Opfers naht. Der jüdische Dienst drückte aus, dass die Schuld noch da war, der christliche, dass sie hinweg getan ist. Was den ersteren betrifft, so ist, wie köstlich das Vorbild auch sein mag, die Ursache klar und einleuchtend: das Blut von Stieren und Böcken konnte keine Sünde wegnehmen. Deshalb sind diese Opfer abgeschafft worden, und ein Werk von anderem Charakter (obwohl immer ein Opfer) ist ausgeführt worden, ein Werk, das jedes andere Opfer und jede Wiederholung desselben ausschließt, weil es aus nichts Geringerem besteht, als aus der persönlichen Hingabe des Sohnes Gottes, um den Willen Gottes zu tun, und der Erfüllung dessen, was Er übernommen hatte. Diese Handlung kann unmöglich wiederholt werden, denn Gottes ganzer Wille kann nicht zweimal erfüllt werden, und wenn es möglich wäre, so würde es nur die Unzulänglichkeit der ersten und damit beider Handlungen beweisen.

Das ist es, was der Sohn Gottes in dieser feierlichen Stelle sagt (V. 5–9), in der uns durch Gottes Gnade gestattet wird, zu vernehmen, was zwischen Gott, dem Vater, und Ihm vorgegangen ist, als Er die Ausführung des Willens Gottes unternahm. Wir vernehmen seine eigenen Worte und hören von den ewigen Ratschlüssen Gottes, die Er ausführte. Er erwählte den Platz der Unterwürfigkeit und des Gehorsams, der Erfüllung des Willens eines anderen. Gott wollte die Opfer, die unter dem Gesetz dargebracht wurden, deren vier Klassen hier angedeutet werden, nicht länger annehmen. Er hatte kein Wohlgefallen an ihnen. An ihrer Statt hatte Er seinem Sohn einen Leib bereitet. Wichtige und bedeutungsvolle Wahrheit! denn die wahre Stellung des Menschen ist die des Gehorsams. So begab sich denn der Sohn Gottes, indem Er diesen Platz einnahm, in die Stellung eines vollkommenen Gehorchens. Er übernahm tatsächlich die Pflicht, den ganzen Willen Gottes, worin dieser auch bestehen mochte, zu erfüllen – einen Willen, der immer „gut, wohlgefällig und vollkommen“ ist.

Im 40. Psalm, dem die hier angeführte Stelle entnommen ist, heißt es im hebräischen Text: „Ohren hast du mir gegraben“ 1, was die Septuaginta durch: „einen Leib hast du mir bereitet“, wiedergegeben hat. Da diese Worte den wahren Sinn des Ausdrucks wiedergeben, hat der Heilige Geist sie hier benutzt. Denn das Wort „Ohr“ wird immer angewandt als bildliche Bezeichnung der Entgegennahme von Befehlen und der Verpflichtung, zu gehorchen, oder der Befähigung und Neigung, es zu tun. „Der HERR weckt mir jeden Morgen das Ohr“ (Jes 50), d. h. Er leitet mich an, auf seinen Willen zu hören und seinen Befehlen zu gehorchen. In der Verordnung, die wir in 2. Mo 21 finden, wurde das Ohr des Knechtes mit einer Pfrieme durchbohrt und an die Tür befestigt, um dadurch auszudrücken, dass der Israelit als Sklave mit dem betreffenden Haus verbunden und für immer verpflichtet war zu gehorchen. Indem nun der Herr einen Leib annahm, nahm Er die Gestalt eines Knechtes an (Phil 2). Ohren wurden Ihm gegraben, d. h. Er trat in eine Stellung ein, in der Er den ganzen Willen seines Herrn, worin dieser auch bestehen mochte, zu erfüllen hatte. Doch beachten wir, dass es der Herr selbst ist 2, der an dieser Stelle redet. „Du“, sagt Er, „hast mir einen Leib bereitet“.

Wenn Er dann mehr in Einzelheiten eingeht, erwähnt Er die Brandopfer und Sündopfer besonders, da diese weniger den Charakter der Gemeinschaft trugen und daher eine tiefere Bedeutung hatten. Aber Gott hatte kein Wohlgefallen an ihnen. Mit einem Wort, der jüdische, Gottesdienst war schon damals durch den Geist als für Gott nicht annehmbar erklärt. Alles sollte aufhören, es war ohne Frucht. Kein Opfer, das zu diesem Dienst gehörte, war annehmbar. Nein, die Ratschlüsse Gottes entfalteten sich, aber zuallernächst in dem Herzen des lebendigen Wortes, des Sohnes Gottes, der Sich selbst anbot, den Willen Gottes zu erfüllen. „Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun.“ Nichts könnte feierlicher sein als diese Lüftung des Schleiers bezüglich dessen, was im Himmel vorging zwischen Gott und Dem, der es unternahm, den Willen Gottes zu tun, dem Wort. Beachten wir hier, dass Er, bevor Er in der Stellung des Gehorsams war, Sich anbot, den Willen Gottes zu erfüllen, d. h. also aus freier Liebe für die Herrlichkeit Gottes, aus freiem Willen, als Einer, der die Macht dazu hatte. Er unternahm es, zu gehorchen, alles das zu tun, was Gott wollte. Das hieß, in der Tat seinen eigenen Willen zum Opfer bringen, aber freiwillig und infolge seines eigenen Vorsatzes, obgleich der Wille seines Vaters Anlass dazu gab. Um das tun zu können, um die Erfüllung des ganzen Willens Gottes zu unternehmen, worin er auch bestehen mochte, musste Er notwendig Gott sein.

Wir haben hier das große Geheimnis dieser göttlichen Unterredung vor uns, die immer mit feierlicher Majestät umgeben bleibt, obwohl sie uns mitgeteilt ist, damit wir sie kennen möchten. Und wir sollten sie kennen, denn nur so können wir die unendliche Gnade und die Herrlichkeit dieses Werkes verstehen. Bevor Christus Mensch wurde, bevor Er den Ort verließ, wo nur die Gottheit gekannt ist, und wo ihre ewigen Ratschlüsse und Gedanken zwischen den göttlichen Personen erörtert werden, bot das Wort – Er, der es allein zu tun vermochte – Sich nach dem in dem Buch der ewigen Ratschlüsse enthaltenen Willen Gottes freiwillig an, diesen Willen zu tun, und das hat Er uns in der Zeit durch den Geist der Prophezeiung kundgemacht. In Unterwerfung unter diesen Ratschluss, der schon für Ihn verordnet war, bot Er sich gleichwohl in vollkommener Freiheit an, ihn zu erfüllen. Indem Er sich aber anbot, unterwarf Er sich. Zugleich jedoch nahm Er auf sich, alles das zu tun, was Gott als Gott wollte. Und indem Er den Willen Gottes zu tun unternahm, geschah es zugleich im Weg des Gehorsams, der Unterwürfigkeit und der Hingebung. Denn ich könnte, als einer, der frei und befugt ist, so zu handeln, es unternehmen, den Willen eines anderen zu tun, weil ich selbst die Sache will. Wenn ich aber sage: „um deinen Willen zu tun“, so ist das eine unbedingte und vollständige Unterwerfung. Und das ist es, was der Herr, das Wort, getan hat. Er tat es auch indem Er erklärte, dass Er komme, um es zu tun. Durch die Annahme des für Ihn zubereiteten Leibes nahm Er die Stellung des Gehorsams ein. Er kam, um den Willen Gottes zu tun.

Das, wovon wir soeben gesprochen haben, offenbarte sich fortwährend in dem Leben Jesu auf der Erde. Gott strahlte durch die Hülle seines menschlichen Leibes hindurch, denn in dem Akt seiner Erniedrigung selbst war der Herr notwendig Gott, und niemand außer Gott hätte so etwas unternehmen und darin gefunden werden können. Dennoch war Er stets und gänzlich vollkommen gehorsam und abhängig von Gott. Das, was sich in Ihm offenbarte, als Er auf Erden war, war der Ausdruck dessen, was in seiner ewigen Wohnstätte, in seiner eigenen Natur, vollkommen vorhanden war. Das will sagen (und davon redet der 40. Psalm), das, was Er hier ausspricht, und das, was er hienieden war, ist eines und dasselbe, das eine in Wirklichkeit im Himmel, das andere körperlich auf der Erde. Das, was Er hienieden war, war nur der Ausdruck, die lebendige, wirkliche und leibliche Offenbarung dessen, was jene göttlichen Mitteilungen enthalten, die uns offenbart worden sind, und die die Wirklichkeit der von Ihm eingenommenen Stellung ausmachten. Und es ist sehr wichtig, diese Dinge nicht nur in ihrer Erfüllung im Tod zu sehen, sondern auch in dem freien Anerbieten, das Er seiner göttlichen Berechtigung gemäß machte. Das verleiht dem leiblichen Werk hienieden einen ganz anderen Charakter.

Im Grunde stellt der Heilige Geist, vom 1. Kapitel dieses Briefes an, Christus immer in dieser Weise vor. Aber die Offenbarung in Psalm 40 war nötig, um zu erklären, wie Er ein Knecht wurde, das, was der Messias wirklich war, und sie eröffnet uns einen unermesslichen Einblick in die Wege Gottes, einen Einblick, dessen Tiefen – klar, wie sie offenbart sind, und gerade durch die Klarheit der Offenbarung – solch göttliche und herrliche Dinge vor uns entfalten, dass wir unser Haupt beugen und unser Angesicht verhüllen angesichts der Majestät der Personen, deren Handlungen und gegenseitige innige Beziehungen uns offenbart werden. Welch ein Gedanke, solchen Unterredungen gleichsam beiwohnen zu dürfen! Es ist hier nicht so sehr die Herrlichkeit, die uns blendet. Schon in dieser armen Welt sind wir mit nichts weniger vertraut, als mit dem innigen Verkehr zwischen solchen, die ihrer ganzen Lebensart nach weit über uns stehen. Was sollen wir erst sagen, wenn es sich um den innigen Verkehr zwischen Gott und seinem Sohn handelt! Doch, gepriesen sei sein Name! es gibt eine Gnade, die uns dort einführt, und die uns nahe gekommen ist in unserer Schwachheit.

Es ist uns also erlaubt, von der köstlichen Wahrheit Kenntnis zu nehmen, dass der Herr Jesus aus eigenem freiem Antrieb es unternahm, den ganzen Willen Gottes zu tun, und dass es Ihm wohlgefiel, zu diesem Zweck den für Ihn zubereiteten Leib anzunehmen. Seine Liebe sowie die Art und Weise, wie Er sich der Verherrlichung Gottes widmete und es unternahm, zu gehorchen, werden eingehend vor unsere Blicke gestellt. Und dies (das Ergebnis der ewigen Ratschlüsse Gottes) rückt vermöge seiner Natur jedes vorbildliche Zeichen beiseite und enthält in sich selbst das, was zu einer Verbindung mit Gott befähigt, sowie das Mittel, durch das Er sich verherrlicht 3.

Das Wort hat also einen Leib angenommen, um sich als Opfer darbieten zu können. Außer dieser bereitwilligen Hingebung des Wortes, den Willen Gottes zu erfüllen, wird uns auch die Wirkung Seines Opfers nach dem Willen Gottes vorgestellt. Christus kam, um den Willen des HERRN zu tun. Der Glaube versteht nun, dass durch diesen Willen Gottes (den Willen Dessen, der nach seiner ewigen Weisheit seinem Sohn einen Leib bereitet hat) diejenigen, die Er zu ihrem ewigen Heil zu sich berufen hat, für Gott abgesondert, mit anderen Worten, dass sie geheiligt sind. Also nicht durch unseren eigenen, sondern durch Gottes Willen sind wir für Ihn abgesondert, und zwar mittels des Gott dargebrachten Opfers.

Wir werden bemerken, dass der Brief hier weder von der Mitteilung des Lebens noch von einer praktischen, durch den Heiligen Geist gewirkten Heiligung, spricht 4. Sein Gegenstand ist die Person Christi, der in die Höhe hinaufgefahren ist, sowie die Wirkung seines Werkes. Das ist im Blick auf die Heiligung wichtig, weil es uns zeigt, dass Heiligung eine völlige Absonderung des Menschen für Gott ist, als Ihm zugehörend um den Preis des Opfers Jesu, eine Weihung für Ihn mittels dieses Opfers. Gott hatte einst die unreinen Juden aus den Menschen herausgenommen und sie für sich abgesondert, sie für Sich selbst geheiligt; so nahm Er jetzt die Berufenen aus dieser Nation und, Gott sei Dank! auch uns selbst heraus vermittels des Opfers Jesu.

Es gibt in diesem Opfer aber noch ein anderes Element, das wir schon angedeutet haben, und dessen Kraft der Brief hier auf die Gläubigen anwendet, dieses nämlich, dass das Opfer „ein für allemal“ geschehen ist. Es lässt keine Wiederholung zu. Wenn wir uns der Wirkung dieses Opfers erfreuen, so ist unsere Heiligung ihrer Natur nach ewig. Sie hört nicht auf. Sie wiederholt sich nimmer. Wir gehören Gott auf immerdar an nach der Wirksamkeit dieses Opfers. Unsere Heiligung, unsere Absonderung für Gott, besitzt also im Blick auf das Werk, das sie bewirkt hat, die ganze Festigkeit des Willens Gottes und trägt den Stempel all der Gnade, aus der sie entsprungen ist. Sie teilt auch in ihrer Natur die Vollkommenheit des Werkes selbst, durch das sie bewirkt wurde, sowie die Dauerhaftigkeit und die beständige Kraft der Wirkung dieses Werkes. Indes ist die Tragweite des Opfers Christi nicht auf diese Absonderung für Gott beschränkt. Der schon behandelte Punkt schließt unsere Hingabe an Gott selbst in sich, mittels des vollkommen wirksamen Opfers Christi, der Gottes Willen erfüllte. Und nunmehr wird die Stellung, die Christus infolge seiner Selbstaufopferung eingenommen hat, angewandt, um den Zustand, in den uns dieses Opfer vor Gott gebracht hat, klar ans Licht zu stellen.

Die Priester unter den Juden – dieser Gegensatz wird immer wieder betont – standen fortwährend vor dem Altar, um dieselben Opfer zu wiederholen, die nie Sünden hinweg nehmen konnten. Dieser wunderbare Mensch aber, nachdem Er ein Schlachtopfer für Sünder dargebracht hatte, setzte Sich auf immerdar 5 zur Rechten Gottes. Nachdem Er für die Seinigen hinsichtlich ihrer fleckenlosen Darstellung vor Gott alles beendigt hat, wartet Er dort auf den Augenblick, wann seine Feinde zum Schemel seiner Füße gelegt sein werden nach Psalm 110, 1: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.“ Und der Geist teilt uns die wichtige, für uns so unendlich kostbare Ursache davon mit in den Worten: „Denn er hat auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (V. 14). Hier, wie im 12. Verse, von dessen Inhalt der 14. Vers abhängt, hat das Wort „auf immerdar“ die Bedeutung eines beständigen Bleibens, einer ununterbrochenen Fortdauer. Christus sitzt „auf immerdar“, und wir sind „auf immerdar“ vollkommen gemacht kraft seines Werkes und gemäß der vollkommenen Gerechtigkeit, in der und in Übereinstimmung mit der Er zur Rechten Gottes auf seinem Thron sitzt, demgemäß, was Er persönlich dort ist; denn seine Annahme von Seiten Gottes ist durch sein Sitzen zu seiner Rechten erwiesen. Und Er ist dort für uns. Es ist eine Gerechtigkeit, die dem Thron Gottes angemessen ist, ja, die Gerechtigkeit dieses Thrones. Sie verändert sich nie, und nimmer hört sie auf. Er sitzt dort auf immerdar. Wenn wir nun geheiligt, für Gott abgesondert sind durch dieses Opfer, entsprechend dem Willen Gotts selbst, so sind wir auch durch dasselbe Opfer für Gott vollkommen gemacht, weil wir eben in der Person Jesu vor Ihm dargestellt sind.

Wir haben gesehen, dass diese Stellung der Gläubigen ihren Ursprung in dem Willen, dem guten Willen Gottes hat (ein Wille, der die Gnade und den Vorsatz Gottes in sich vereinigt), und dass sie ihre Grundlage und ihre gegenwärtige Gewissheit in der Erfüllung des Werkes Christi findet, dessen Vollkommenheit dadurch erwiesen ist, dass Er, der es vollbracht hat, zur Rechten Gottes sitzt. Aber das Zeugnis – denn um diese Gnade zu genießen, müssen wir sie mit göttlicher Gewissheit kennen und je größer sie ist, desto eher sind unsere Herzen geneigt, sie in Zweifel zu ziehen –, dieses Zeugnis, auf das hin wir an diese Gnade glauben, muss göttlich sein. Und es ist göttlich. Der Heilige Geist bezeugt es uns. Der Wille Gottes ist die Quelle des Werkes. Christus, der Sohn Gottes, hat es vollbracht, und der Heilige Geist gibt Zeugnis davon. Infolgedessen wird hier die Anwendung des Werkes auf das Volk, das durch Gnade berufen und bewahrt wird, klar vorgestellt, nicht nur die Erfüllung desselben. Der Heilige Geist bezeugt uns in Vers 17: „Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.“ Kostbare Stellung! Die Gewissheit, dass Gott nie mehr unserer Sünden und Gesetzlosigkeiten gedenken will, ist auf den festen Willen Gottes gegründet, auf das vollkommene Opfer Christi, der infolge seines Werkes jetzt zur Rechten Gottes sitzt, und auf das sichere Zeugnis des Heiligen Geistes. Es ist eine Sache des Glaubens, dass Gott unserer Sünden nie mehr gedenken will.

Beachten wir hier auch, in welcher Weise der Bund eingeführt wird; denn obwohl der Schreiber des Briefes, indem er an die „heiligen Brüder, Genossen der himmlischen Berufung“, schreibt, sagt: „Das bezeugt uns usw.“, so ist doch die Form seiner Anrede immer die eines Briefes an die Hebräer (natürlich Gläubige, aber Hebräer, die noch den Charakter des Volkes Gottes tragen). Er spricht nicht direkt von dem Bund als einem Vorrecht, an dem die Christen unmittelbaren Anteil hatten. Der Heilige Geist, sagt er, erklärt: „Ich will nie mehr gedenken usw.“ Das ist alles, was er anführt. Er spielt nur auf den neuen Bund an, indem er eine gegenwärtige Anwendung völlig beiseite lässt. Denn nachdem gesagt ist: „Dies ist der Bund usw.“, wird das Zeugnis als das des Heiligen Geistes angeführt, um den Hauptpunkt, den der Schreiber an dieser Stelle behandelt, zu beweisen, nämlich dass Gott unserer Sünden nie mehr gedenken will. Aber er spielt auf den Bund an (der den Juden, als vorher von Gott angekündigt, bekannt war), weil er diesem Zeugnis, dass Gott der Sünden seines geheiligten und in seine Gunst zugelassenen Volkes nie mehr gedenken wolle, die Autorität der Schriften gab. Auf diese Weise werden zugleich zwei andere Gedanken geweckt: erstens, dass unter dem ersten Bund diese völlige Vergebung nicht bestand, und zweitens, dass die Tür für die Segnung Israels offen gelassen ist, wenn einmal der Neue Bund förmlich errichtet werden wird.

Noch eine praktische Folgerung wird gezogen, nämlich: da die Sünden vergeben sind, gibt es kein Opfer mehr für die Sünde. Da das eine Opfer Vergebung bewirkt hat, können keine anderen Opfer mehr dargebracht werden, um sie zu bewirken. Es mag freilich eine Erinnerung an dieses eine Opfer geben, welchen Charakter sie auch tragen mag, aber ein Opfer, um die Sünden wegzunehmen, die bereits weggenommen sind, kann es unmöglich geben. Wir stehen darum in Wirklichkeit auf einem ganz neuen Boden, der in der Tatsache gelegt ist, dass durch das Opfer Christi unsere Sünden ganz und gar hinweg getan sind, und dass für uns, die Geheiligten und die Genossen der himmlischen Berufung, eine vollkommene und immerwährende Reinigung gemacht, Vergebung gewährt und eine ewige Erlösung erlangt ist, so dass wir in den Augen Gottes ohne Sünde sind aufgrund der Vollkommenheit des Werkes Christi, der sich gesetzt hat zur Rechten Gottes, der in das wahre Heiligtum, in den Himmel selbst, eingegangen ist, um dort zu sitzen, weil sein Werk vollbracht ist. So haben wir denn volle Freiheit, in das Heiligtum einzutreten (volle Freimütigkeit) durch das Blut Jesu, auf einem neuen und lebendigen Wege, d. i. Sein Fleisch, der uns ohne Flecken Eingang gewährt in die Gegenwart des im Heiligtum geoffenbarten Gottes selbst. Für uns ist der Vorhang zerrissen, und das, was ihn zerriss, um uns den Eingang zu ermöglichen, hat zugleich die Sünde hinweg getan, die uns den Eingang verschloss. Auch haben wir, wie wir bereits sahen, einen großen Priester über das Haus Gottes, der uns im Heiligtum vertritt.

Auf diese Wahrheiten gründen sich die nunmehr folgenden Ermahnungen. Doch bevor wir näher auf diese eingehen, möchte ich noch ein Wort sagen über die Beziehung, die zwischen der vollkommenen Gerechtigkeit und dem Priestertum besteht. Es gibt viele Seelen, die sich des Priestertums als eines Mittels bedienen, um Vergebung zu erlangen, wenn sie gefehlt haben. Sie gehen zu Christus als einem Priester, damit Er sich für sie verwende und die Vergebung erlange, die sie wünschen, um die sie aber Gott nicht unmittelbar zu bitten wagen. Diese Seelen, so aufrichtig sie auch sein mögen, haben nicht die Freiheit, ins Heiligtum einzutreten. Sie nehmen ihre Zuflucht zu Jesu, um aufs Neue in die Gegenwart Gottes gebracht zu werden. Ihr Zustand ist praktischerweise derjenige, in dem sich ein frommer Jude befand. Sie haben das wirkliche Bewusstsein ihrer Stellung vor Gott kraft des Opfers Christi verloren, oder richtiger, sie haben es nie durch den Glauben besessen. Ich spreche hier nicht von all den Vorrechten der Versammlung. Wir haben bereits gesehen, dass der Brief nicht davon redet. Die Stellung, die er den Gläubigen gibt, ist folgende: Obgleich sie Genossen der himmlischen Berufung sind, werden sie nicht als solche betrachtet, die in die himmlischen Örter versetzt sind. Aber eine vollkommene Erlösung ist zustande gebracht. Jede Schuld ist gänzlich hinweg getan für das Volk Gottes, Gott gedenkt ihrer Sünden nie mehr. Das Gewissen ist vollkommen gemacht (der Gläubige hat kein Gewissen mehr von Sünden) kraft des ein für allemal vollbrachten Werkes. Die Sünde kommt gar nicht mehr in Frage, d. h. bezüglich ihrer Zurechnung, als ob sie vor Gott noch auf ihnen wäre und noch zwischen ihnen und Gott stände. Das kann nicht sein wegen des auf dem Kreuz vollbrachten Werkes. Darum ist das Gewissen vollkommen. Ihr Vertreter und Hohepriester ist im Himmel und ist dort ein Zeuge von dem für sie bereits vollbrachten Werke. So haben die Gläubigen, obgleich der Brief sie nicht als im Allerheiligsten, als dort sitzend, darstellt (wie der Epheserbrief), volle Freiheit, völlige Freimütigkeit, dort einzutreten. Die Frage der Zurechnung besteht nicht mehr. Ihre Sünden sind Christus zugerechnet worden. Er aber ist jetzt im Himmel – ein Beweis, dass die Sünden für immer ausgetilgt sind. Die Gläubigen treten daher mit völliger Freiheit in die Gegenwart Gottes selbst ein, und zwar allezeit, indem sie auf immerdar keinerlei Gewissen von Sünden mehr haben.

Welchen Zweck hat dann aber das Priestertum? Was muss bezüglich der Sünden geschehen, die wir tun? Sie unterbrechen unsere Gemeinschaft, aber weder in unserer Stellung vor Gott noch in dem durch die Gegenwart Christi zur Rechten Gottes abgelegten Zeugnis bringen sie irgendwelche Veränderung hervor. ebenso wenig erwecken sie irgendeine Frage betreffs der Zurechnung. Sie sind Versündigungen gegen jene Stellung oder gegen Gott und werden nach der Beziehung, in der wir in jener Stellung zu Gott stehen, gemessen, denn die Sünde wird durch das Gewissen, unserer Stellung entsprechend abgemessen. Die fortwährende Gegenwart Christi zur Rechten Gottes hat folgende zwiefache Wirkung für uns: erstens, auf immerdar vollkommen gemacht, haben wir vor Gott kein Gewissen mehr von Sünden. Wir sind angenommen. Und zweitens erlangt Christus als Priester Gnade, um uns zur rechten Zeit zu helfen, damit wir nicht sündigen. Die gegenwärtige Ausübung des Priestertums durch Christum bezieht sich jedoch nicht auf die Sünden: wir haben durch sein Werk kein Gewissen mehr von Sünden, wir sind auf immerdar vollkommen gemacht. Damit steht eine andere Wahrheit in Verbindung, die uns in 1. Johannes 2,1 vorgestellt wird. „Wir haben einen Sachwalter 6 bei dem Vater, Jesum Christus, den Gerechten.“ Hierauf gründet sich unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesu Christus, und hierdurch ist sie sichergestellt. Unsere Sünden werden nicht zugerechnet, denn das Sühnungswerk ist in seinem ganzen Wert vor Gott. Wohl wird durch die Sünde die Gemeinschaft unterbrochen, aber unsere Gerechtigkeit bleibt unverändert, denn das ist Christus selbst zur Rechten Gottes kraft seines Werkes. ebenso wenig wird die Gnade verändert, denn „er ist die Sühnung für unsere Sünden“. Wenn aber jemand gesündigt hat, so hat das Herz sich von Gott entfernt, die Gemeinschaft ist unterbrochen. Allein die Gnade handelt, kraft der vollkommenen Gerechtigkeit und durch die Sachwalterschaft Christi, zugunsten dessen, der gefehlt hat, und seine Seele wird wieder in die Gemeinschaft zurückgebracht. Nicht dass wir dieserhalb zu Jesus gehen, vielmehr geht Er, selbst wenn wir sündigen, für uns zu Gott. Seine Gegenwart vor Gott ist das Zeugnis einer unveränderlichen Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit ist unser. Seine Fürbitte hält uns aufrecht auf dem Pfad, den wir zu gehen haben, oder Er stellt als unser Sachwalter die Gemeinschaft, die auf jene Gerechtigkeit gegründet ist, wieder her. Unser Zugang zu Gott ist immer offen. Die Sünde unterbricht unseren Genuss desselben, das Herz ist nicht in Gemeinschaft mit Gott. Die Sachwalterschaft Jesu ist das Mittel, das Gewissen durch die Wirkung des Heiligen Geistes und des Wortes aufzuwecken, und wir kehren, indem wir uns demütigen, in die Gegenwart Gottes selbst zurück. Das Priestertum und die Sachwalterschaft Christi beziehen sich auf den Zustand eines unvollkommenen und schwachen oder fehlenden Geschöpfs auf der Erde, indem sie ihn mit der Vollkommenheit des Platzes und der Herrlichkeit, in welche die göttliche Gerechtigkeit uns versetzt hat, in Übereinstimmung bringen. Die Seele wird durch sie aufrecht gehalten oder wiederhergestellt.

Nunmehr folgen Ermahnungen. Da wir das Recht haben, also Gott zu nahen, „so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens“. Das ist das einzige, was die Wirksamkeit des Werkes Christi sowie die Liebe ehrt, die uns dahin gebracht hat, uns Gottes erfreuen zu können. In den folgenden Worten liegt eine Anspielung auf die Einweihung der Priester, die sehr natürlich ist, weil es sich darum handelt, sich Gott im Allerheiligsten zu nahen. Die Priester wurden mit Blut besprengt und mit Wasser gewaschen, und danach traten sie herzu, um Gott zu dienen. Aber obwohl ich diese Anspielung auf die Priester nicht bezweifle, ist es doch ganz natürlich, dass die Taufe dazu Anlass gegeben haben mag. Von der Salbung wird hier nicht gesprochen. Es handelt sich um die Kraft oder um das Vorrecht, geistlicherweise Gott nahen zu können.

Ferner mögen wir beachten, dass hinsichtlich der Grundlage der Wahrheit dies der Boden ist, auf dem Israel in den letzten Tagen stehen wird. Ihr Platz wird nicht in Christus in den himmlischen Örtern sein, noch werden sie den Heiligen Geist besitzen, der die Gläubigen mit Christus im Himmel vereinigt. Doch wird Israels Segnung auf Wasser und Blut gegründet sein. Gott will ihrer Sünden nie mehr gedenken, und sie werden gewaschen sein in dem reinen Wasser seines Wortes.

Die zweite Ermahnung geht dahin, das Bekenntnis der Hoffnung ohne Wanken festzuhalten. Er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu. Indes sollen wir dieses Vertrauen auf Gott nicht nur für uns selbst bewahren, sondern auch aufeinander acht haben zur gegenseitigem Ermunterung, und zugleich in dem öffentlichen und allgemeinen Bekenntnis des Glaubens nicht zurückbleiben, indem wir etwa vorgeben, es aufrecht zu halten, während wir es vermeiden, uns mit dem Volk des Herrn öffentlich eins zu machen in den Schwierigkeiten, die mit dem Bekenntnis dieses Glaubens vor der Welt verbunden sind. Außerdem fand dieses öffentliche Bekenntnis einen neuen Beweggrund darin, dass der Tag herannahte. Wie wir sehen, ist das Gericht hier der Gegenstand der Erwartung, und es wird zu dem Zweck vorgestellt, dass es auf das Gewissen wirke und den Christen vor der Rückkehr zur Welt und vor dem Einfluss der Menschenfurcht bewahre. Von der Ankunft des Herrn zur Aufnahme der Seinigen ist hier keine Rede. Der 26. Vers steht mit dem ganzen Inhalt der Verse 23–25 in Verbindung. Die letzten Worte von Vers 25 führen zu der Warnung in Vers 26, die ihrerseits auf die Lehre des 9. und 10. Kapitels bezüglich des Opfers gegründet ist. Der Schreiber des Briefes besteht auf dem Beharren in einem vollen Bekenntnis zu Christus, denn sein ein für allemal dargebrachtes Opfer war das einzige Opfer.

Wenn jemand bekannt hatte, den Wert dieses Opfers zu kennen, und es dann aufgab, so gab es kein anderes Opfer, zu dem er Zuflucht hätte nehmen können, noch konnte es je wiederholt werden. Es blieb kein Opfer mehr für die Sünde. Alle Sünden wurden durch die Wirkung dieses Opfers vergeben, aber wenn man, nachdem man die Wahrheit erkannt hatte, statt ihrer die Sünde wählte, so gab es kein anderes Opfer mehr, schon wegen der Vollkommenheit des Opfers Christi. Nichts als Gericht blieb übrig. Ein solcher Bekenner, der die Wahrheit, nachdem er sie erkannt, wieder verlassen hatte, nahm den Charakter eines Widersachers an.

Der hier vorausgesetzte Fall ist also das Aufgeben des Bekenntnisses Christi, indem man, nachdem man die Wahrheit erkannt hat, es wohlbedacht vorzieht, nach seinem eigenen Willen in der Sünde zu wandeln. Das geht klar aus dem Vorhergehenden und aus Vers 29 hervor.

So sehen wir denn, dass in den Kapiteln 6 und 10 die beiden großen Vorrechte des Christentums, das was es vom Judentum unterscheidet, vorgestellt werden, um denen, die sich zu dem ersteren bekannt hatten, ernstlich zu bezeugen, dass das Verleugnen der Wahrheit, nachdem man diese Vorzüge genossen hatte, überaus verhängnisvoll war. Denn wenn diese Mittel der Errettung aufgegeben wurden, so gab es kein anderes Mittel mehr. Jene beiden Vorrechte waren die offenbarte Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes, und das Opfer, das durch seinen inneren und bedingungslosen Wert keinen Raum ließ für ein anderes. Beide Vorrechte besaßen eine mächtige Wirkung, indem das eine göttliche Triebfeder und Kraft samt der Offenbarung der Gegenwart Gottes darreichte, während das andere die ewige Erlösung und die Vollkommenheit des Anbeters ans Licht stellte. Kein Mittel zur Buße blieb übrig, wenn man die offenbarte und gekannte Macht jener Gegenwart aufgab, kein Raum für ein anderes Opfer (das überdies die Wirkung des ersteren verleugnet haben würde) nach dem vollkommenen Werk Gottes zur Errettung – vollkommen sowohl hinsichtlich der Erlösung als auch der Gegenwart Gottes durch den Geist inmitten der Seinigen. Nichts blieb übrig als Gericht.

Solche, die das Gesetz Mose verachteten, starben ohne Barmherzigkeit. Was verdienten nun diejenigen von Seiten Gottes, die den Sohn Gottes mit Füßen traten, das Blut des Bundes, durch das sie geheiligt waren, für gemein achteten und den Geist der Gnade schmähten? Es war kein einfacher Ungehorsam, wie schlecht dieser auch sein mag. Es war eine Verachtung der Gnade Gottes und dessen, was Er in der Person Jesu getan hat, um uns von den Folgen des Ungehorsams zu befreien. Was blieb solchen einerseits übrig, wenn sie, mit der Erkenntnis dessen, was das Opfer Christi war, dieses aufgaben? Wie konnten sie andererseits dem Gericht entfliehen? Denn sie kannten einen Gott, der gesagt hat: „Mein ist die Rache, ich will vergelten.“ Und wiederum: „Der Herr wird sein Volk richten.“

Beachten wir hier, in welcher Weise die Heiligung dem Blut zugeschrieben wird, und ebenso, dass die Bekenner als zum Volke gehörend betrachtet werden. Das durch den Glauben empfangene Blut heiligt die Seele für Gott, aber es wird hier auch als ein äußeres Mittel betrachtet, um das Volk als solches abzusondern. Ein jeder, der Jesum als den Messias, und das Blut als Siegel und Grundlage eines ewigen Bundes und als gültig für eine ewige Reinigung und Erlösung von Seiten Gottes anerkannt hatte und sich durch dieses Mittel als für Gott abgesondert, als zum Volke gehörig, betrachtete – gab, indem er das Genannte aufgab, es als solches auf, und da war kein anderer Weg mehr, um ihn zu heiligen. Das frühere System hatte augenscheinlich seine Kraft für ihn verloren, und das wahre hatte er verlassen. Deshalb wird in Vers 26 gesagt: „Nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben.“

Jedoch erwartet der Schreiber des Briefes etwas Besseres von den Hebräern, denn es war Frucht vorhanden, das Zeichen des Lebens. Er erinnert sie daran, wie viel sie für die Wahrheit gelitten, dass sie sogar den Raub ihrer Güter mit Freuden erduldet hatten, da sie wussten, dass sie ein besseres und bleibendes Teil im Himmel besaßen. Sie sollten dieses Vertrauen nicht wegwerfen; seine Belohnung würde groß sein. Denn in Wahrheit bedurften sie des Ausharrens, damit sie, nachdem sie den Willen Gottes getan hatten, den Inhalt der Verheißung empfangen möchten. Zudem würde der Kommende bald kommen.

Mit diesem Leben der Geduld und des Ausharrens beschäftigt sich das Kapitel. Es gibt indes einen Grundsatz, der die Kraft dieses Lebens ist und der es kennzeichnet (V. 37–39). Inmitten der Schwierigkeiten des christlichen Wandels wird der Gerechte aus Glauben leben, und wenn jemand sich zurückzieht, so wird Gott an ihm kein, Gefallen haben. „Aber“, sagt der Schreiber, indem er sich wie immer in die Mitte der Gläubigen stellt, „wir sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die da glauben zur Errettung der Seele.“ Danach beschreibt er die Tätigkeit dieses Glaubens, indem er die Gläubigen durch das Beispiel der Alten ermuntert, die ihren Ruhm erworben hatten durch einen Wandel nach demselben Grundsatz, nach dem die Gläubigen jetzt berufen waren zu wandeln.

Fußnoten

  • 1 Es ist nicht dasselbe Wort wie in 2. Mose 21,6: „durchbohren“, oder wie in Jesaja 50,4: „wecken“. Das Wort in Psalm 40 bedeutet zum Gehorchen zubereiten, während die beiden anderen Wörter eine immerwährende Verbindlichkeit zu gehorchen und ein dem Gehorsam Unterworfensein, wenn dies am Platz ist, ausdrücken. 2. Mose 21 deutet auf die kostbare Wahrheit hin, dass, wenn Christus seinen persönlichen Dienst auf der Erde erfüllt hätte, Er weder seine Versammlung noch sein Volk verlassen würde. Er ist immer Gott, aber auch immer Mensch: der erniedrigte Mensch, der verherrlichte und regierende Mensch, der unterwürfige Mensch, in der Freude ewiger Vollkommenheit.
  • 2 Der Gegenstand der Belehrung des Heiligen Geistes ist hier, wie in dem ganzen Brief, der Messias. In dem Psalm ist der Messias, d. h. der hienieden Gesalbte, der Redende. Er gibt seinem Ausharren sowie seiner Treue in der Stellung, die Er eingenommen hatte, Ausdruck, indem Er sich an den HERRN als seinen Gott wendet, und Er teilt uns mit, dass Er diesen Platz eines gehorsamen Menschen willig eingenommen habe, entsprechend den ewigen Ratschlüssen hinsichtlich seiner Person. Denn die Person ist nicht verändert. Doch spricht Er in dem Psalm in Übereinstimmung mit der Stellung des Gehorsams, die Er eingenommen hatte, indem Er stets „ich“ und „mir“ sagt, wenn Er von dem redet, was vor seiner Fleischwerdung stattgefunden hat.
  • 3 Man beachte hier auch, dass nicht nur die Wirklichkeit an die Stelle der zeremoniellen Bilder des Gesetzes getreten ist, sondern auch, dass die Grundsätze ganz verschieden sind. Das Gesetz forderte zur Erlangung der Gerechtigkeit, dass der Mensch den Willen Gottes tue, und zwar mit Recht. Das war menschliche Gerechtigkeit. Hier unternimmt es Christus, ihn zu tun, und Er hat ihn erfüllt in der Aufopferung seines selbst. Dass Er so den Willen Gottes tat, ist die Grundlage unserer Verbindung mit Gott, und nachdem er getan ist, sind wir angenommen. Als aus Gott geboren ist es unsere Freude, den Willen Gottes zu tun, aber das geschieht nicht, um angenommen zu werden, sondern in Liebe und in Neuheit der Natur.
  • 4 Er berührt diese Heiligung in den Ermahnungen (Heb 12,14), aber in der Lehre des Briefes wird von „Heiligung“ in praktischem Sinn, d. h. also von dem, was in uns gewirkt wird, nicht gesprochen.
  • 5 Das hier durch „auf immerdar“ übersetzte Wart ist nicht dasselbe wie das für „auf ewig“ gebrauchte. Es hat den Sinn von fortwährend, ohne Unterbrechung. Er erhebt sich nicht, noch steht Er. Er sitzt immer, da sein Werk beendigt ist. Er wird sich am Ende erheben, um zu kommen, uns aufzunehmen und die Welt zu richten, wie auch im gleichen Kapitel noch gesagt wird.
  • 6 Zwischen dem Hohenpriestertum und der Sachwalterschaft Christi besteht ein Unterschied, doch berührt das nicht den vorliegenden Gegenstand. Der Hohepriester hat es mit unserem Zugang zu Gott zu tun, der Sachwalter mit unserer Gemeinschaft mit dem Vater und mit seiner Regierung im Blick auf uns als Kinder. Der Hebräerbrief beschäftigt sich mit der Grundlage unseres Zugangs zu Gott und zeigt uns, dass wir auf immerdar vollkommen gemacht sind, und die priesterliche Vermittlung findet in dieser Hinsicht keine Anwendung auf die Sünden. Sie bewirkt, dass wir Barmherzigkeit und Gnade finden, wenn wir in unserer gegenwärtigen Schwachheit der Hilfe bedürfen. Aber vor Gott sind wir auf immerdar vollkommen gemacht. Jedoch wird die Gemeinschaft notwendigerweise unterbrochen durch die kleinste Sünde oder irgendeinen unnützen Gedanken. Ja, diese Unterbrechung hat eigentlich schon stattgefunden (wenn auch noch nicht als Gericht, so doch in praktischer Hinsicht), noch ehe der böse Gedanke da war. Hier kommt nun die Sachwalterschaft zu Hilfe, wovon in 1. Johannes 2 die Rede ist: „Wenn jemand gesündigt hat usw.“, und die Seele wird wiederhergestellt. Doch gibt es für den Gläubigen nie eine Zurechnung der Sünde.
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